Obwohl sie nicht einmal selbst für einen der ernüchterndsten Shooter der letzten Jahre verantwortlich sind, werkeln Crytek und Deep Silver derzeit an einer Fortsetzung zum blassen Homefront. Klang toll damals: das wiedervereinigte Korea überfällt die USA, Repressionsstimmung, Internierungslager, Guerillakrieg. Gute Voraussetzungen, doch am Ende war's doch nicht mehr als eine banale Kriegsballerei mit mittelmäßiger Action und aufgesetzten Schockmomenten. Was jetzt allerdings der britische Ableger des Crysis-Studios präsentiert, hat glücklicherweise kaum noch etwas mit dem Vorgänger gemein.

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Völlig aus der Luft gegriffen ist Cryteks beteiligung an Homefront – The Revolution nicht, denn einst war die Frankfurter Softwareschmiede von THQ mit der Entwicklung eines zweiten Teils von Homefront beauftragt worden. Kaos, das Studio hinter dem Erstling, war da schon Geschichte. Als dann Publisher THQ pleite ging, hatte das englische Crytek-Team allerdings schon mit der Entwicklung begonnen. Das bereits in Arbeit befindliche Spiel einfach einstampfen? Damit wären Monate kreativen und handwerklichen Tuns an einem aussichtsreichen Projekt für die Katz'.

Das wollte die Studioführung offensichtlich nicht und kaufte für schlappe 500.000 US-Dollar kurzerhand die Homefront-Rechte. Allerdings bekamen sie damit nicht nur das, wie Produzent David Stenton durchblicken lässt, sondern auch die Freiheit, zu tun, was sie sie selbst für richtig halten. „Wir entschlossen uns, dem Spiel die Crytek-DNA einzuimpfen", sagt der Brite. Damit ist dieses Spiel also nicht die Vision von THQ, sondern jene der britisch-deutschen Crysis-Macher...

Homefront: The Revolution - Die Koreaner kommen … jetzt aber richtig!

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Das neue Homefront soll auch einen Online-Koop-Part mitbringen. Ob der allerdings an die Kampagne andockt, das ist noch nicht sicher.
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Diese greift dennoch die Geschichte des Vorgängers auf, laut der der aktuelle Diktator Kim Jong-un 2013 die Wiedervereinigung der beiden getrennten Koreas erreichte. Die neue Nation stieg innerhalb weniger Jahre zur technologische Supermacht auf, während die westliche Welt aufgrund von Öl-Engpässen ins Taumeln geriet. Nach und nach verleibte sich Korea zunächst weitere asiatische Länder ein und startete 2025 eine Blitzinvasion der von wirtschaftlichem Zerfall und einer grassierenden Pandemie geschwächten USA.

The Revolution setzt vier Jahre nach dem Überfall – und damit zwei Jahre nach dem Original – an. In dieser Zeit scheinen die ehemaligen Vereinigten Staaten unter voller Kontrolle der technisch überlegenen Besatzermacht. Das einst stolze Volk der USA wird in seinem eigenen Land unterdrückt. Hochhäuser, Villen und vom Krieg verschonte Stadtzentren wurden zu Wohnquartieren der Machthaber, während die Amerikaner in dreckige Slums und Ghettos gepfercht wurden. „Für die meisten scheint das eine aussichtslose Situation", sagt David Stenton. „Die Amerikaner sind vollkommen unterlegen." Dennoch gibt es jene, die sich wehren.

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Das virtuelle Philadelphia soll einen Echtzeit-Tag-Nacht-Zyklus und natürlich dynamisches Wetter bieten. Und von Fallout 3 ließ man sich wohl auch inspirieren.
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Stadt der Freiheit, Stadt des Widerstands

Überall im Land existieren Widerständler und Rebellen. Einer von ihnen ist Ethan Grady. Ein ganz normaler Kerl, der seine Stadt wieder für sich haben möchte: Philadelphia! Denn in genau dieser ist Homefront: The Revolution angesiedelt. Eine mehr oder minder offene Spielwelt wird die Ostküsten-Metropole und der Geburtsort des Philly Cheese Steak sein – ganz ähnlich dem Dschungel in Crysis oder Far Cry. Nach und nach soll sich die durch Checkpoints in Zonen geteilte Spielwelt erschließen.

Einmal alles auf Anfang? Nicht ganz, aber fast. Crytek könnte es hier schaffen, aus einem Shooter-Blindgänger einen echten Next-Gen-Hit zu basteln.Ausblick lesen

Wirklich viel hat sie jedoch nicht mehr mit der heutigen Stadt der brüderlichen Liebe gemein. Rigide Sicherheitskontrollen, schwerbewaffnete KPA-Polizisten und Propaganda sind an der Tagesordnung. Dröhnende Luftschiffe hängen als fliegende Überwachungssysteme im Himmel. Es ist kein gemütlicher Ort. Bei einer kurzen Spielvorführung geht’s auf dem Weg zu einer Sabotageaktion etwa durch die Badlands, die zerbombte Vorstadt, in der sich der Widerstand organisiert. Finstere Regenwolken ziehen über den Himmel, von Stacheldraht zerfetzte Gardinen und Plastikplanen wehen im Wind. Ein Mann ist zu sehen, der einen der riesigen Propaganda-TVs anpöbelt, auf dem über Rebellen berichtet wird. Doch surrt sofort eine kleine Drohne heran, die ihn mit einem Laser scannt. Sekunden später wird der arme Kerl von KPA-Polzisten weggeschleift.

Eine Ecke weiter werden Jugendliche gezwungen, ein Grafitti von einer Wand zu schrubben. Dazu hängen überall Kameras. Doch lassen die sich im Spiel mit einem Smartphone ausfindig machen. Auch dient das Korea-Handy als Kamera, zur Kommunikation mit Mitstreitern und einigem mehr. Mit einem herumliegenden Backstein wird eines der Elektroaugen an der Wand ausgeschaltet. Noch ein Kette mit einem gezückten Bolzenschneider geknackt. Schon geht’s durch eine Tür in ein Rebellenversteck, wo nach etwas Sprengstoff, einem Molotowcocktail und einem ferngesteuerten Auto gestöbert wird.

„Es geht ums Jagen, Sammeln, Stehlen”, sagt Stanton. „Deine Ausrüstung musst du zusammensuchen.” Dazu findet sich ein M4-Sturmgewehr, das sich ganz genau wie in Crysis mit verschiedensten Modifikationen ausrüsten ließe: Visier, Schalldämpfer, Granatwerfer, Schrotflintenaufsatz und mehr.

Dann ertönt ein Surren! Eine blauer Scanstrahl zischt durch die vernagelten Fenster und lässt Staub in der Luft sichtbar werden. Hinter einen Tisch geht’s in Deckung. Sekunden später ist die Gefahr vorbei und der Weg führt eine Querstraße weiter, wo sich der Blick auf einen Brutalbau aus Beton eröffnet. Ein Gefängnis.

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Independence Hall, das Veterans Stadium und, ganz klar, das Rocky-Denkmal könnte es in Homefront The Revolution geben. Aber bestätigen mag Crytek bezüglich bekannter Schauplätze noch nichts.
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Drohne gegen RC-Car?

Beim Blick auf die Strafanstalt, in der einige der Mitstreiter eingepfercht sein sollen, klingelt das Telefon. Ein gewisser Dixon sagt „Es geht los." Dann kracht es und weit hinten in der Stadt zischt eine Explosion in den Himmel. Die Tore des Gefängnis öffnen sich, einige Panzerfahrzeuge und Jeeps machen sich auf den Weg zur Explosion. Kurz wird wieder das Smartphone gezückt und das Gefängnis gescannt. „Da gibt’s keinen Weg rein", quäkt eine Stimme via Funk.

Prompt wird das ferngesteuerte Auto herausgeholt und die ebenfalls eingesteckte Bombe darauf geklebt – schon lenkt man das kleine Wägelchen aus Ego-Sicht eine Rampe hinab. Weiter in Richtung Haupttor und direkt unter einen einfahrenden Transporter, der gerade die Kontrolle passiert. Ein kurzer Anruf aktiviert die Bombe: schon fegen Feuer, Rauch und Beton einen Teil der Mauern hinweg.

Wie aus dem Nichts greifen die Rebellen an. Und natürlich stürzt sich Ethan mit in den Kampf. Gezielt werden Feuerstöße auf die mit Helmen und Schusswesten ausgerüsteten Koreaner verteilt. Blut spritzt. Zack! Hinter eine Mauer in Deckung. Aus dem Spurt wird ein Molotowcocktail geworfen, der gleich drei KPA-Wachleute in Brand steckt. Schreie ertönen. Wirre, aber geradlinige Action in einem weiten Gebiet ist das – wie in Crysis eben.

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Hinter der grafischen Opulenz steht natürlich die Crytek-eigene Cry Engine, die etwa zuletzt mit Ryse: Son of Rome auf der Xbox One glänzte.
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Nach der geglückten Attacke und etlicher toter Koreaner endet die wenige Minuten lange Vorführung mit einer schnellen Flucht durch einen Tunnel und dem Blick auf die Benjamin Franklin Bridge hinter der sich die Innenstadt mit den Liberty-Place-Türmen, dem Comcast Center und dem PSFS Building in die Höhe reckt. Schade, eigentlich hätte ich gerne noch mehr gesehen. Denn tatsächlich: The Revolution sieht ziemlich vielversprechend aus.

Auch wenn's in vielen Aspekten an Crysis erinnert: „Spielerisch ist es fast das Gegenteil von Crysis", behauptet Stenton. „Du bist kein Supersoldat und einen Nano-Anzug gibt’s auch nicht." Und zumindest in der vorgeführten Szenen fühlte ich mich tatsächlich hin und wieder eher an Dishonored und Hitman erinnert. Obendrein schafft es das Team von Crytek Nottingham eine ganz eigene Atmosphäre von Unterdrückung und Gewalt zu erzeugen. Wenn dann noch die Abwechslung stimmt, die bisher recht geheime Geschichte dahinter packt, könnte das richtig gut werden.