Man braucht schon viel Selbstbewusstsein, um im Mai 2016 ein Spiel zu veröffentlichen. Eines, das neben Schwergewichten wie Uncharted 4, Doom oder Overwatch bestehen kann. Das mit brillanter Grafik, tollem Gameplay und unverwüstlicher Technik überzeugt. Und von dem man noch Jahre später enthusiastisch erzählen wird. Homefront: The Revolution will auch in dieser Liga mitspielen, scheitert aber grandios. Stellt euch das in etwa so vor, als würde ein beliebiger Zweitliga-Klub in der Champions League spielen wollen. Ein Vorhaben, das zum Scheitern verurteilt ist – weil es schlicht an der notwendigen Qualität mangelt.

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Und ehrlich gesagt kommt das für mich nicht wirklich überraschend. Vor ein paar Wochen hatte ich eine frühe Fassung des Koop-Modus ausprobiert und bereits da schwante mir nichts Gutes, das Ganze wirkte altbacken und technisch nicht überzeugend. Natürlich sollte sich bis zur Veröffentlichung der finalen Version „noch einiges tun“, so die Entwickler. Bis zum Release hat Dambuster Studios daran aber nur sehr bedingt etwas verbessern können.

Die Problematik von Homefront: The Revolution liegt vielleicht in dessen schwieriger Entstehungsgeschichte begründet – was selten ein gutes Vorzeichen ist. Ihr kennt die Geschichte vermutlich schon, ich fasse sie trotzdem noch mal zusammen, um auch wirklich alle abzuholen: Das Homefront von 2011 sollte einen Nachfolger bekommen, dann ging THQ pleite und das Projekt war damit eigentlich zum Scheitern verurteilt. Deep Silver kaufte sich jedoch die Rechte und deshalb geht es mit Homefront jetzt doch weiter. Naja, mehr oder weniger, denn es ist keine direkte Fortsetzung des damaligen Spiels, sondern ein Quasi-Reboot.

Homefront: The Revolution - Made in North Korea

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Soldaten der KVA trifft man selten allein an – ob sich ihre Intelligenz wenigstens in der Meute addiert?
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Inhaltlich haut man natürlich schon in die gleiche Kerbe, sprich: Die USA werden von koreanischen Truppen überfallen und die stolze Nation unterjocht. Aber die Erklärung dieses unvorstellbaren Vorfalls ist dann leider trotz des fiktiven Hintergrunds mehr als unglaubwürdig. Weil die Amis nicht nur wie verrückt Technik-Produkte aus Nordkorea kaufen, sondern auch ihr Militär vollkommen mit ausländischen Importen ausrüsten, machen sie sich anfällig: Per Knopfdruck deaktivieren die bösen Koreaner nämlich alle Waffensysteme und die US of A sind damit schutzlos der Invasion ausgeliefert. Haha, na klar! Ob vielleicht auch Samsung eine Hintertür ... nee, lassen wir das, zurück zur Fiktion. Hier werden wir als Teil einer Widerstandszelle in Philadelphia ins Spiel geschmissen und sollen mit Sabotageakten die Position der Besatzer schwächen und schließlich das Land befreien.

Es ist Zeit für Widerstand!

Es ist kein offener Krieg, den ich da führe. Philadelphia liegt in weiten Teilen in Trümmern, eine Armee, der ich mich anschließen könnte, gibt es nicht. Nur ein paar kümmerliche Reste vegetieren in windigen Löchern vor sich hin und versuchen der KVA – so heißt der Feind – mit Nadelstichen Paroli zu bieten. Schritt für Schritt taste ich mich da in verschiedenen Regionen der Stadt voran, sabotiere hier ein wenig, befreie dort ein anderes Areal und sichere mir auf diese Weise neue Unterschlupflöcher und Nachschuborte. Doch gleich zu Beginn wird es unfreiwillig komisch, wenn ich einer Kameradin einen Benzinkanister reichen soll und sie mir sagt: „Gib mir das Gas rüber!“ Gas? Wer zum Teufel war da für die Übersetzung verantwortlich?, frage ich mich nicht nur in dieser Situation. Immer wieder stolpere ich über solche amateurhaft ins Deutsche gehievten Sätze oder Durchsagen wie „Unerlaubte Zivilisten“. Würde mich über Schilder mit der Aufschrift „Ich mach dich Krankenhaus“ ehrlich gesagt nicht wundern.

Packshot zu Homefront: The RevolutionHomefront: The RevolutionErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Aber derartige Fauxpas' sind in der Tat nur das kleinste von etlichen Problemen, die Homefront zu schaffen machen und zu einem eher zweifelhaften Vergnügen werden lassen. Viel gravierender sind die spielerischen und technischen Mängel, die ebenfalls gleich vom Start weg zutage treten. Die von mir getestete PC-Version leidet unter argen Performance-Scherereien wie krasses Framerate-Schwankungen, die schon schnelle Drehungen mit herben Rucklern quittieren. Gegner teleportieren sich bisweilen durch die Gegend, Animationen sind oft schmerzhaft hölzern anzusehen. Gerade die eigene Figur scheitert oft an winzigen Hindernissen. Wenn sie springen müssen wirkt es, als würde sich ein hüftsteifer Opa am Hürdenlauf versuchen. Ich habe verzweifelt versucht zu zählen, wie oft ich irgendwo abgestürzt bin, weil die Animation nicht wollte, wie ich mir das vorgestellt habe.

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Motorradfahren? Solltet ihr in Homefront lieber sein lassen, das Handling haben die Entwickler verbockt.
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Wer denkt, dass das doch harmlos sei, dem sei gesagt: Ist es nicht, weil Homefront wegen seines spielerischen Aufbaus darauf setzt, dass man viel schleicht, große Truppenbewegungen der Feinde möglichst umgeht und dabei von der Vertikalität der Level profitiert. Wenn ich aber alle naselang an kleinsten Barrieren hängenbleibe, macht das genauso wenig Spaß, wie mit dem Motorrad durch die Ruinen zu rasen. Ein so schwaches Fahrzeug-Handling habe ich ehrlich gesagt schon lange nicht mehr erlebt: schwammig, unpräzise, schlampig. Da stolpere ich lieber fünf Minuten lang über Häusertrümmer und falle von irgendwelchen Rohren, als mir das anzutun!

Wenn ich schieße, ist Erdbeben. Verstehe?

Und dann das Gunplay... Zunächst das Positive: Als Gegenleistung dafür, das man KVA-Nester aushebt oder Feinde abballert, erhält man Kohle und Skill-Punkte. Die investiert man in Schießprügel und Ausrüstungsgegenstände. Waffen kann man on the fly mit neuen bzw. alternativen Aufsätzen ausrüsten und ihren Einsatzzweck damit ändern. Das ist eigentlich ganz cool, weil man sich mit dem Kauf einer Waffe nicht so sehr festlegt und ein bisschen flexibler bleibt. Die wichtigen Upgrades sind aber für meinen Geschmack zu teuer, denn sie mindern beispielsweise den viel zu hohen Rückschlag der meisten Wummen.

Inhaltlich fragwürdig, spielerisch schwach und technisch ein Reinfall: Homefront: The Revolution ist eine Enttäuschung.Fazit lesen

Mit einer MP oder dem Sturmgewehr in der Standardausführung über Kimme und Korn zu schießen und auch noch etwas zu treffen, ist ein kleines Kunststück, für das ich nachträglich ein Achievement gutgeschrieben haben möchte. Es ist so, als würde ich mit jeder Salve ein Mini-Erdbeben auslösen. Das Trefferfeedback ist dazu deutlich zu schwach ausgefallen, bei manchen Kopfschüssen fallen die Kontrahenten umgehend um, andere laufen weiter, als sei nichts geschehen. Gut möglich, dass ein Objekt im Weg ist, das man gar nicht gesehen hat.

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Von ein paar wenigen Effekten abgesehen ist die Grafik eher dem Bereich "mau" zuzuordnen.
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Und auch die KI macht es nicht besser. Wenn ich es wage, mit einem Präzisionsgewehr einen Feind auszuschalten, wissen die Gegner im Radius von fünf Kilometern sofort, wo ich bin und rennen zu meiner Position. Dabei umkreisen sie mich, aber nur sporadisch traut sich einer vor und wird von mir gemeuchelt. Das Gebiet kann ich jedoch nur einnehmen, wenn ich alle Besatzer aus dem Weg geräumt habe, die unaufhörlich nachzuwachsen scheinen. Oder die plötzlich alle wegrennen, weil es ein „Event“ in der Nähe gibt, bei dem ich eigentlich helfen soll. Stattdessen warte ich stoisch ab, bis alle KVA-Soldaten abgezogen sind und schnappe mir diesen Stadtteil. Gegnerische Scharfschützen verharren auch schon mal unbeweglich an ihren Positionen, sodass ich bequem von der Seite an sie heranlatsche und sie abmurkse. Andere Feinde scheinen Augen im Hinterkopf zu haben und ... ach, ich denke, ihr habt's kapiert.

Ganz ehrlich, ich könnte noch seitenweise so weitermachen. Mich über die altbackene Grafik empören, die andererseits teilweise sogar akzeptabel ist – zum Beispiel im Bereich Spezialeffekte: Explosionen, Partikeleffekte, Feuer und so weiter sind ganz ansehnlich. Figuren dagegen hässlich wie die Nacht und über die eindimensionale Darstellung von Frauen in diesem Spiel sollen sich andere an anderer Stelle aufregen.

Ich gebe ja gerne zu, dass Homefront manchmal auch so etwas wie Spannung aufbaut: Weil ich meist einer Übermacht gegenüberstehe, schleiche ich umher, versuche Feinden nicht in die Arme zu rennen und agiere eher vorsichtig, denn viel hält mein Widerständler nicht aus und ich finde mich schneller am letzten Checkpoint wieder, als mir lieb ist, wenn ich zu offensiv spiele. Aber für den Test musste ich mich zwingen, weiterzuspielen – und das ist nie ein gutes Zeichen. Da rettet auch der eingangs erwähnte Koop-Modus nichts, denn an der brüchigen spielerisch-technischen Prämisse ändert sich beim gemeinsamen Einsatz nichts – und das ist das Entscheidende.