„Mut zum schlechten Witz“ ist eine meiner Lieblingsparolen. Wenn man sich nur darauf einlassen kann, dann sind auch die ganz brachialen, ganz doofen Kalauer irgendwie unterhaltsam, zumindest charmant. Übertragen auf Spiele hilft mir diese Geisteshaltung, mein bisschen Restverstand im Angesicht erschreckender Dumpfbackigkeit zu behalten.

Wenn man diese Einstellung hat – und auch nur dann –, kann man sich an „Holy Avatar vs. The Maidens of the Dead“ versuchen. Es ist nicht elegant, ein Fazit vorzuziehen, aber: „Holy Avatar vs. The Maidens of the Dead“ ist kein besonders gutes Spiel. Wenn man es zum ersten Mal anschmeißt, ist man sich schnell sicher, dass es nicht mal in der Liga der Mittelmäßigen mitspielt.

Rückblickend betrachtet kann ich sagen, dass es nicht das schlechteste Spiel ist, das ich je vor Augen hatte. Doch wo es nicht versagt, ist es so verflucht banal und unnötig, dass es sich umso schlechter anfühlt. Ich sehe die Entwickler vor mir, wie sie sich gegenseitig auf die Schenkel klopfen, bei immer noch einer schwachen Pointe und völlig ohne Reue nach halbgetaner Arbeit die Arme hochreißen und rufen „Done! Irgendeinem Casual-Gamer wird es schon gefallen.“ In dieser Hinsicht fühle ich mich regelrecht ein bisschen beleidigt. Und das liegt nicht daran, dass das Spiel Spieleredakteure ganz direkt beschimpft (Jaja, alles unsere Schuld, nicht wahr?).

Holy Avatar vs. Maidens of the Dead - Eher halbherzig als halbgöttlich

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Zäh und lustlos, so schleppt sich das Spiel vor sich hin.
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Dabei ist die Idee ja eigentlich ganz cool. „Holy Avatar vs. Der Titel, der so lang ist, dass ich ihn nicht noch mal ausschreibe“ ist ein Ableger der Grotesque-Tactics-Reihe, die so unbekannt ist, dass die meisten von euch sie jetzt nachschlagen müssten. Ich spar euch die Mühe: Es sind rundenbasierte Iso-Taktik-Titel aus Deutschland, die zugleich bemühte Parodien von Fantasy-Klischees bieten. Der aktuelle Teil beginnt auf der Ferieninsel, die sich unser halbgöttlicher Held Holy Avatar (das ist sein Name, nicht sein Titel) mit seinen erbeuteten Schätzen zugelegt hat.

In diesem Tropenparadies soll sich Holy nun also mit seinen unzähligen Jungfrauen entspannen, obwohl er das eigentlich gar nicht will. Es dürstet ihn nach mehr Abenteuern – da kommt es ihm sehr gelegen, dass die Insel plötzlich von Untoten angegriffen wird. Zusammen mit seiner Jungfrau Candy, die mehr Augäpfel als Hirnzellen im Kopf hat, macht sich Holy also auf den Weg, den Untotenkult auszurotten.

Packshot zu Holy Avatar vs. Maidens of the DeadHoly Avatar vs. Maidens of the DeadErschienen für PC kaufen: ab 5,86€

Was genau ist also cool daran? Dass Taktikspiele selten sind und es sich Entwickler Silent Dreams mit seiner Genrewahl nicht leicht gemacht hat. Die ganze Reihe erinnert an Final Fantasy Tactics, und es fällt zumindest mir verdammt schwer, noch andere Beispiele zu nennen, erst recht aktuelle. Vor dieser Entscheidung muss man also Respekt haben – offenbar ging es Silent Dreams nicht darum, einfach auf einer populären Welle zu reiten und Geld zu machen.

Holy Avatar vs. Maidens of the Dead - Eher halbherzig als halbgöttlich

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Auch wenn es später ein wenig besser wird.
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Man könnte sogar behaupten, sie hätten sich selbst sabotiert. Wer heutzutage rundenbasierte Taktik rausbringt, der hat es nicht leicht. Das großartige XCOM: Enemy Unknown hat Firaxis und 2K Games im Rücken, weiß der Fuchs, wie sie Letzteres geschafft haben. Aber als kleines Indie-Studio, wie Silent Dreams ja nun mal eines ist, muss man Kompromisse eingehen, und man hat sich für den tödlichsten Kompromiss überhaupt entschieden: Taktik ohne taktische Möglichkeiten.

Ein flacher Taktiktitel, der weit hinter den Gegenstand seiner Parodie zurückfällt und sich auch durch seinen verschrobenen Charme nicht retten kann.Fazit lesen

Genauer: Das ganze Spiel ist, und das erstaunlicherweise auf jeder Ebene, nur halbfertig. Sehr schnell merkt man das bei der Präsentation. Wenn das erste Mal die unverändert aus Monkey Island entlehnte Hintergrundmusik ertönt und die Charaktere sich miteinander unterhalten, wird schmerzhaft offensichtlich, dass weder für einen guten Autor noch ordentliche Artworks Geld vorhanden war, von einer motivierenden Gage für die Sprecher mal ganz abgesehen. Auch die Insel, deren Wälder und Strände, Felsen und Höhlen mit einigen Details durchaus Flair aufkommen lassen, sind eher zweckmäßig als wirklich schön.

Heilige Tropenkrankheit!

So sehr mich die schlecht imitierte Macho-Attitüde von Holy nervt, sie war es nicht, die mich nach der ersten Spielstunde überlegen ließ, wie ich mich am besten um den Test drücken könnte. Vielmehr ist es eben die Tatsache, dass Holy Avatar auch spielerisch spärlich bestückt ist und man zunächst das Gefühl hat, man würde völlig veralbert. Die ersten Stunden verbringt man damit, in Rasterkämpfen einfach nur die Gegner anzuklicken.

Das Höchstmaß an Taktik ist hierbei, dass man mehr Schaden anrichtet, wenn man von hinten angreift. Mühsam robbt man sich rundenbasiert an den Widersacher heran und haut ihm dann träge auf den Kopf. Die ersten erlernten Skills ermöglichen es, noch doller zuzuschlagen, wie Butscheroni auf Steroiden. Das ist keine Taktik und dank des rundenbasierten Spiels also auch keine Action.

Ich freue mich, vermelden zu dürfen, dass sich dieser Umstand bessert, wenn auch nur leicht. Hat man sich durch die ersten paar Stunden gebissen, wird man belohnt mit neuen Begleitern und Skills, die tatsächlich etwas überlegter eingesetzt sein wollen, weil sie z.B. Statusveränderungen hervorrufen oder ganze Areale angreifen. Das ist wirklich nichts Neues und wäre normalerweise keiner Erwähnung wert, hier aber hilft es, die spielerische Schwäche zu relativieren.

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Irgendwas, das aus Grotesque übrig blieb. Schade, dass Silent Dreams nie das RPG veröffentlichen konnte, das sie eigentlich wollten.
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Leider auch nur bis zu einem gewissen Grad, denn die Fähigkeitenentwicklung hält nicht lange an und die verteilten Punkte in den vorzeitig verendeten Talentbäumchen oder die zweieinhalb gefundenen Ausrüstungsgegenstände ziehen den geneigten Taktiker leider nicht hinreichend oder anhaltend ins Spiel. Holy Avatar erreicht erst nach einer Weile seinen Zenith, und es ist ernüchternd festzustellen, dass der so besonders hoch nicht liegt.

Ich habe bereits erwähnt, dass ich durchaus Respekt vor der Entscheidung von Silent Dreams habe, eine Parodie von Taktik-RPGs zum Aushängeschild ihrer Firma zu machen. Doch rückblickend betrachtet ist das wahrscheinlich keine gute Entscheidung, und ich verstehe nicht, wie das Studio damit bereits seit mehreren Teilen überlebt.

Zunächst einmal sind Parodien per se schon mal schlechter als der Gegenstand, den sie verulken. Niemand bei Verstand parodiert Dinge, die nicht eine gewisse Größe haben, und davon einfach etwas Patina abkratzen und sich selbst feixend aufs Haupt bröseln, das kann zwar witzig werden, doch ein Meisterwerk wird das Ergebnis nicht sein.

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Ganz nett sieht es immerhin aus.
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Doch Taktik-RPGs sind seit über zehn Jahren nahezu ausgestorben, erleben bestenfalls demnächst eine Renaissance, es fehlt also die Popularität, um die Sache auch kommerziell tragbar zu machen. Die Antwort auf dieses Dilemma ist im Falle Grotesque Tactics die bereits erwähnte Gratwanderung. Man hat sich einfach entschlossen, das Spiel als günstig produziertes „Fun-RPG“ zu vertreiben, und wenn man Leichtigkeit und Seichtigkeit verwechselt, dann ist das ein logischer Schritt.

Leider befördert sich Holy Avatar mit diesem Manöver in einen Limbus, in dem es absolut niemandem so richtig gefallen kann. Denn nun ist es durch seine Mechaniken für echte Taktik-Fans zu anspruchslos und dumpf, für die anvisierten Casual-Spieler ist aber bereits das unpopuläre und spielerisch langsame Genre Grund genug, gar nicht erst einen genaueren Blick zu werfen.

Wenn dann noch die restlichen Probleme hinzukommen, der doofe Humor, die durchwachsende Präsentation und so weiter, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass auch der neueste Ableger von Grotesque Tactics es nicht leicht haben wird, und die Entwickler haben niemandem die Schuld zu geben als sich selbst.