Das einer Vorschau inhärente Problem, auf Basis weniger Fragmente Rückschlüsse auf das große Ganze zu ziehen, treibt bisweilen die unterschiedlichsten Blüten. Im besten Fall lest ihr an Stellen wie dieser einen aufschlussreichen Erlebnisbericht, im schlimmsten deskriptive Funktionsbeschreibungen und meistens irgendwas dazwischen. Immer allerdings den Ersteindruck eines Spiels, dessen Gesamtbild mehr oder minder scharf umrissen ist. Das heißt: fast immer.

War vor ein paar Monaten alles noch etwas einfacher. Als Kollege Benny im vergangenen Jahr vom morbiden Sandkasten schwärmte, der Hitman einmal werden soll, war das Chaos der kommenden Wochen und Monate kaum absehbar. Viel mehr als „Der Strichcodekiller kehrt zurück: größer, kreativer, facettenreicher“ wurde uns nicht gesagt – und warum auch? Was soll schon schiefgehen bei einem Studio, das den Glatzkopf vor 16 Jahren gebar und ihn seither zielsicher durch den Hindernisparcours leitete, den die kontinuierliche Modernisierung einer Reihe innerhalb dieses Zeitraums nun einmal bedeutet?

Bisher hatte noch jeder Agent 47 seine Daseinsberechtigung und wenn im März der Vorhang für den sechsten aufgeht, wird sich daran nicht so wahnsinnig viel ändern. Diese und locker fünf weitere Vorschauen könnte ich allein mit den geradezu verschwenderisch vielen Möglichkeiten des kreativen Unter-die-Erde-Bringens füllen, mit denen euch IO bereits binnen der ersten Hauptmission überschüttet. Es ist dasselbe Pariser Modeevent, mit dem das Team bereits seit der Ankündigung auf der vergangenen E3 hausieren geht und...

Es spricht für Hitman, dass dieser Auftrag noch immer nicht langweilig geworden ist.

Eine noble Villa, zwei zu liquidierende Ziele und das, was ihr aus einem mehrstöckigen Gebäude mit 300 Gästen macht: Hat schon seinen Grund, dass IO diese Mission wieder und wieder zeigen kann, denn kein Durchgang ist wie der andere, nicht mal im Ansatz. Es war ein ständiges Über-die-Schulter-Schielen zwischen Kollegen, als Square ein letztes Anspielevent vor der Veröffentlichung abhielt. Auf „Wie hast du das gemacht?!“ folgte gespanntes Innehalten, dann schallendes Gelächter, als der Glatzkopf sein Handwerk wieder mal auf besonders, sagen wir, unorthodoxe Weise verrichtete.

Hitman - Nur eine polierte Glatze ist eine gute Glatze

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Die Schreihälse unter euch haben es schwerer als früher: Konnte Hitman früher noch einigermaßen als Ballerspiel gezockt werden, ist das jetzt nicht mehr so ohne Weiteres möglich.
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Agent 47 ermöglicht Kreativität nicht nur, er zelebriert sie, heute mehr als je zuvor. Seine Welt ist gespickt mit makaberen Verlockungen und wer etwas auf sich hält, schießt sein Opfer schon mal mittels manipuliertem Schleudersitz gen Orbit; the sky's the limit, ihr wisst schon. „Hitman versteht sich zuerst als Sandbox-Spielplatz“, bringt es Hannes Seifert einigermaßen auf den Punkt. Ungewöhnlich offen und weitestgehend frei von glattgebügelten PR-Plattitüden erzählt der Studio-Chef von der Vision hinter dem aktuellsten Projekt; er ist Entwickler, erst dann Leiter eines reichlich 200 Mann starken Unternehmens. Gibt es auch nicht mehr so wahnsinnig oft da draußen.

Er spricht über die Rückkehr des aus Absolution bekannten Contracts-Modus und davon, wie hervorragend sich dieser seichte Assassinen-Editor für das deutlich ausschweifendere 2016er Hitman eignet. Funktional fast deckungsgleich – eigenes Ziel auswählen, elegant um die Ecke bringen, Herausforderung online teilen –, „[...] könnt ihr nun aus bis zu 300 NPCs ein bestimmtes Opfer wählen“. Ganz ohne Zahlen wie diese geht es auch bei Seifert nicht, doch ändert das wenig an seinem plausiblen Gedankenspiel. Bei einer Spielwiese wie dieser dürfte es kaum jemals zwei identische Contracts geben.

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Die Entwickler haben uns, völlig begründet, darum gebeten, nicht zu viele Manöver zu verraten. Und viele davon wären tatsächlich verschwendet, würde man sie in zweieinhalb Sätzen vorwegnehmen.
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Es ist die konsequente Entwicklung in eine Richtung, die nicht allen von euch schmecken dürfte – gerade dann, wenn ihr nicht erst mit Absolution eingestiegen seid. Wie es der Markt gerade diktiert, öffnet sich auch Hitman, ohne allerdings ein Trittbrettfahrer zu sein. Dieses Konzept der offenen Welt drängt sich bei einer Reihe geradezu auf, die einen nicht unerheblichen Teil ihres Reizes schon immer aus dem zwanglosen Herumdoktern und Ausprobieren zog, euch noch nie an der Nase durch enge Schläuche zerrte – ganz im Gegenteil. Womöglich treibt man es hiermit aber eine Spur zu weit.

Und die neuen „Opportunities“ sind der exemplarische Beleg dafür. In einer nach allen Himmelsrichtungen überschwappenden Welt sind sie euer optionaler Anker, kleine Brotkrumen, die euch an der Schnur zu einem meist besonders exotisch choreographierten Mord führen. Daran ist per se wenig auszusetzen, zumal diese Wegweiser, wie gesagt, nur ein freundliches Angebot sind. Ihr könnt euch diese Route auch selbst suchen, allerdings: viel Spaß dabei, wird ein Weilchen dauern. Es braucht schon einiges an Planung und noch mehr Kenntnisse des jeweiligen Areals, um sich in diesem Knäuel an Möglichkeiten nicht zu verheddern, vielmehr gezielt mehrere Teilaufgaben nacheinander zu lösen.

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Aber genau so sollt ihr spielen, wenn es nach Seifert und seinem Team geht: wieder und immer wieder. Ein Auftrag ist hier keine einmalige Angelegenheit, sondern ein kontinuierliches Probieren und Verbessern, Scheitern und Bessermachen. Und viel mehr bleibt euch auch gar nicht übrig, denn es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb IO seit mehr als einem halben Jahr lediglich eine elaborierte Mission herumzeigt: sie haben keine weitere.

Konzeptionell äußerst vielversprechendes Sandbox-Hitman, das allerdings noch einen Rucksack an Problemen mit sich herumschleppt.Ausblick lesen

Es spricht gegen Hitman, dass dieser Auftrag noch immer der einzige ist.

Hitmans bisherige News-Chronologie liest sich wie ein beständiges Zurückrudern. Eine Aussage wurde getätigt, dann relativiert, gelegentlich sogar dementiert. So wurde aus der angepeilten Dezember- eine März-Veröffentlichung, aus den ursprünglich sieben Startmissionen erst sechs, dann drei, bis wir inzwischen bei einer einzigen angekommen sind. Nach diesem leidigen Hin und Her sah sich Square schließlich gezwungen, alle Vorbestellungen zu stornieren – wie viel schlimmer kann es schon kommen?

Wenn nun alles so läuft, wie sich IO das vorstellt, soll es ab dem 11. März mit dem ersten Auftrag losgehen, anschließend jeden Monat ein weiterer folgen, bis schließlich irgendwann im nächsten Jahr das komplette Spiel auf Disc erscheint (was Square nicht davon abhält, bereits jetzt eine Collector's Edition ohne Datenträger anzubieten). Es ist vielleicht ein bisschen viel guter Wille und Vertrauen ins eigene Spiel, der hier vorausgesetzt wird. Im Klartext bedeutet die episodische Veröffentlichung nämlich auch, dass es Monate dauern wird, Hitman durchzuspielen – und wir reden hier nicht von einem halben Jahr, wie es bei aktuellen Adventures meist der Fall ist.

Hitman - Nur eine polierte Glatze ist eine gute Glatze

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Schwere Bugs und die etwas krude Veröffentlichungspolitik werden den Entwickler noch einige schlaflose Nächte bereiten.
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„Dieses Vertriebsmodell erlaubt es uns, noch während der Entwicklung auf das Feedback der Fans zu reagieren“, begründet Seifert diese Entscheidung, außerdem sei dies von Anfang an der Plan gewesen – er wurde nur zu spät nach außen kommuniziert. Meinethalben, ist es eben so, allerdings stellt der dadurch leichtfertig verspielte Vertrauensvorschuss aktuell noch das geringste Problem der Dänen dar. Die haben momentan vor allem ein Ziel: ihr Spiel rechtzeitig fertigzustellen.

Normalerweise lest ihr Zeilen wie die folgenden eher selten in einer Vorschau und das aus gutem Grund, ist das Beurteilen unfertiger Spielversionen immer eine pikante Angelegenheit. Weil frühe Fehler kaum von finalen zu unterscheiden sind, gilt meist der „In dubio pro reo“-Grundsatz und viel Konjunktiv. Zumindest in dieser Hinsicht ist das hier keine Ausnahme, denn die Strichcodeglatze könnte tatsächlich noch rechtzeitig poliert sein. Das wird jedoch eine Sisyphusarbeit für alle Beteiligten, denn die auf Anfang Januar datierte Vorschauversion war eine enorm fehleranfällige und, wenn ich ehrlich bin, bereits knapp über die Grenze der Unspielbarkeit hinaus. Nichts Ungewöhnliches, würde Hitman irgendwann im dritten Quartal erscheinen. Nur reden wir hier von rund zwei Monaten, die IO noch bleiben, ausreichend Bugs zu beheben, damit es nicht alle 15 Minuten zu einem Absturz kommt.

Ich wünsche Seifert und seiner Mannschaft wirklich, dass sie ihre Frist einhalten können, sage auch keinesfalls, dass es unmöglich ist. Gerade mit Blick auf die bewegte Vergangenheit und den Umstand, bis auf eine große Mission noch fast nichts vom Spiel gesehen zu haben, ist ein Hauch Skepsis allerdings durchaus angebracht.