Das Geheimnis der Unsterblichkeit liegt offenbar in Episodenspielen, denn nie scheint die Zeit langsamer zu vergehen, als wenn man sehnsüchtig auf die jeweils nächste Folge seines Lieblings-Games wartet. Ich persönlich gebe Telltale die Schuld, denn wem auch sonst, was aber IO Interactive und Square nicht vor einer Rüge schützt. Und hier kommt sie: Ihr bösen, bösen Spielemacher.

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Es gibt ja sicherlich gute Gründe für das Format, oder zumindest überhaupt welche, daher wollen wir gar nicht zu lange darauf rumreiten. Das Episodenformat ist zur Genüge durchleuchtet, für unsinnig befunden und abgestraft worden. Gucken wir lieber, wie sich das Gesamtkonstrukt nun darstellt, jetzt, da uns mit Hokkaido die letzte Episode erreicht hat. Hat sich das Warten gelohnt?

Ja, hat es, und schon alleine deshalb, weil rückblickend und im Vergleich zueinander die erste Staffel (seufz... okay okay, wir wollten ja nicht drauf rumreiten) eine Menge Abwechslung mit sich bringt, die mit der tollen Paris-Episode etablierte Qualität weitgehend hält, teilweise sogar steigert. Leider lässt sich dasselbe nicht über die Story sagen, die nicht nur unbefriedigend strukturiert ist, sondern auch jetzt immer noch nicht zu einem vernünftigen Abschluss kommt. Schon klar, erste Staffel von wahrscheinlich mehreren, aber kein Cliffhanger kann so gut aufgelöst werden, dass dieses neuerliche, jetzt schon zweifache Hinhalten von uns Spielern sich irgendwann befriedigend auszahlen könnte.

Hitman - Als aus Flickwerk ein Spiel wurde

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Mit der sechsten Episode kommt die erste Hitman-Staffel zu einem durchaus würdigen Abschluss.
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Doch spielerisch macht Hitman vieles wieder wett. Bereits zu Anfang war ersichtlich, dass man sich von dem etwas „übernatürlichen“ Absolution, mit seinen Markierungs-Headshots und der Quasi-Unsichtbarkeit, wenn sich 47 eine Mütze ins Gesicht zog, verabschieden wollte. Auch ging man wieder weg von teils doch ziemlich linearen bzw. in Areale unterteilten Levelverläufen und zurück zu offenen Spielplätzen, in denen neben sinnvoll professionellen Attentaten auch eine Wagenladung an Blödsinn möglich ist.

Paris hatte mit seinem üppigen Chateau und dem Getümmel der Modenschau viele Freunde der alten Mörderglatze Blut lecken lassen. Sinn und Unsinn, Pistolen und Gift, Verstecke und Fallen – vieles von dem, was Hitman seit jeher ausmachte, war hier in einer schillernden, verlockend neuen Form aufgearbeitet worden. Unglückliche Passanten endeten in der Seine, jedes Badezimmer war ein isolierter Jagdgrund, alles lockte mit Größe und Möglichkeit. Auch die Gelegenheiten wurden uns vorgestellt: An jeder dritten Ecke hörte 47 von einer Möglichkeit zu infiltrieren, sich zu verkleiden, an sein eigentliches Ziel zu gelangen.

Packshot zu HitmanHitmanErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Schön an diesen Gelegenheiten ist der Kompromiss: Wer Hitman nicht gut kennt oder bewusst blind in die Mission gehen will, ignoriert sie einfach. Wer etwas Anleitung möchte oder braucht, kriegt sie. Weniger schön, vor allem im Blick auf alle Episoden, ist ihre üppige Verfügbarkeit und die harsch auf den Spieler ausgelegte Konstruktion. Irgendwer ist immer der neue Mitarbeiter, dessen Gesicht man noch nicht kennt, oder zufälligerweise ein Doppelgänger von 47. Ich muss gar nicht mehr überlegen, wie ich den Komplex gleich infiltriere, irgendwas wird sich schon ergeben. Eine Spur zu gut gemeint.

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Die einzelnen Missionen sind nicht ganz on par, insgesamt aber von durchweg hoher Qualität.
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Doch die Stärken waren da und steigerten sich in der zweiten Episode sogar nochmal. In der kleinen italienischen Küstenstadt Sapienza erwartete uns nicht nur ein weiteres Anwesen, sondern ein komplettes Touristengebiet drumherum und ein (mehr oder weniger) geheimer Forschungskomplex darunter. Die Möglichkeiten wurden vielfältiger, es gab noch mehr zu entdecken und zu erforschen und die schiere Masse an spielerischem Inhalt konnte überwältigen. Erst recht, wenn man eine weitere Stärke aller Episoden hinzurechnete: Wenn man eine Antenne dafür hat, und das sollte man als Hitman-Spieler, dann konnten die variablen Wege, die freischaltbaren Optionen für die Missionen und schon bald auch die entweder von IO oder den Spielern angefertigten Zusatzaufträge den Wiederspielwert in ungeahnte Höhen schießen lassen.

Es ließe sich streiten, ob IO vielleicht zu sehr vorgelegt hatten. Auch ihre nächste Episode konnte durch schiere Masse begeistern, diesmal aber durch die lebendige Wimmligkeit eines marokkanischen Bazars, der allerdings überschattet wird von einem drohenden Bürgerkrieg, den sich eines von 47s baldigen Opfern zunutze machen will. Danach... fiel die Staffel aus meiner Sicht etwas ab. Es ist schwer, nach so viel Leben und Offenheit, die teilweise schon mehr an Assassin's Creed als an Hitman erinnern wollte, zurückzugehen zu kleineren Maßstäben. Ein Hotel folgte, anschließend eine eher klassische Infiltration einer Paramilitär- bzw. Terroristenbasis (mit netten Gags, wie der Möglichkeit, an der Trockenübung eines Überfalls teilzunehmen). Toll, dass so viel Abwechslung zwischen den Missionen geboten wird, doch ich kann nicht behaupten, dass ich das Gefühl habe, sie seien alle auf Augenhöhe.

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Gleich gibt's eine ordentliche Sauerei.
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Nun ist Hokkaido da, und das wartet weder mit wirklich japanischer Kultur noch, enttäuschenderweise, mit Kürbissen auf, dafür aber mit einer angemessenen Herausforderung zum Abschluss: Ein relativ steriles, allerdings schön verwinkeltes und belebtes Hightech-Spezialkrankenhaus erwartet uns, und ein besonderes Handicap zudem: keine Ausrüstung, keine Waffen, nichts. Es ist eine minimalistische Erfahrung, die, so sollte es viel öfter sein, dem Spieler alles Gelernte abverlangt, und es ist schwerer denn je, unentdeckt seine Karten auszuspielen. Übrigens: Liegt es nur daran, dass ich furchtbar schlecht bin, oder sind die Missionen im Laufe der Staffel wirklich stückweise schwerer geworden? Wenn ja: Gut so!

Es wächst zusammen, was zusammengehört – als Gesamtpaket ist 47s erste Staffel richtig gut.Fazit lesen

Man konnte sich im Verlauf der Staffel ja nie über ulkige Möglichkeiten beklagen, seine Ziele über die Klinge springen zu lassen. Auf jeden eher gewöhnlichen Schubser über eine Brüstung kam ein explosiver Golfball, auf jeden Kopfschuss ein manipulierter Schleudersitz. Wenn also gleich zu Anfang der Hokkaido-Episode eröffnet wird, dass eine KI das ganze Krankenhaus steuert und teilweise sogar, es leuchten die Augen, bei den Operationen mithilft, dann ist alles klar. Auch Gesichtsneukonstruktion als Tarnung und ähnliche Ideen werden aufgefahren. Ihr solltet Hokkaido selbst erleben, deshalb soll nicht zu viel verraten werden, doch es ist ein angemessenes Ende für eine wirklich gute Staffel Hitman.

Ist die Reihe damit auf ihrem bisherigen Höhepunkt? Nicht nach meiner Ansicht, aber ich bin eben auch ein Fan von Blood Money. Doch wenn ich all meine Grantigkeit darüber, dass ich so lange auf die Folter gespannt wurde, beiseite lasse, muss ich sagen: Hitman (oder „Hitman 2016“, wie man es aus praktischen Gründen nennen sollte, um Verwirrung zu vermeiden) ist jetzt, in seiner Gesamtheit, ein tolles Spiel. Es hat gegenüber Absolution in der Hüfte abgenommen, einige unnötige Features eingebüßt und wieder einiges von seinem alten Geist eingefangen. Es wäre schön gewesen, wenn die Reise einen richtigen Abschluss gehabt hätte – aber immerhin wissen wir so, dass wir noch mehr Spiele in dieser Qualität vorgesetzt bekommen.