Als HEX vor ziemlich genau drei Jahren auf Kickstarter aufschlug, konnte niemand ahnen, dass es zum bis dahin erfolgreichsten Spiel auf der Crowdfunding-Plattform werden sollte. Statt der erhofften 300.000 Dollar zog man 2,2 Millionen an Land und versprach, damit das beste MMO-Trading-Card-Game zu entwickeln, das die Welt je gesehen hatte. Jetzt ist HEX offiziell gestartet und es wird Zeit, mal nachzusehen, ob Cryptozoic Wort gehalten hat.

HEX: Shards of Fate - Launch-Trailer

Zu alt für Magic?

Cory Hudson Jones hat zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Magic: The Gathering liebt. Früher galt der Chef von Cryptozoic (Anm. d. Red.: Das Studio hinter HEX: Shards of Fate firmiert offiziell nicht länger als Cryptozoic, sondern nennt sich HEX Entertainment) sogar mal als Profi, reiste durchs Land, um Turniere zu bestreiten. Dann jedoch kamen Berufsleben und Familie und die Reisen wurden immer seltener. “Ach, wenn es nur ein brauchbares Online-Trading-Card-Game gäbe.”

Dachte sich Cory Hudson Jones und fing an, an einem neuen Konzept zu arbeiten. Immerhin war er Chef von Cryptozoic, einer vor allem in den USA ziemlich angesagten Schmiede für Brett- und Kartenspiele mit allerlei feinen Lizenzen – von The Walking Dead bis hin zum Herrn der Ringe. Außerdem waren gerade ein paar Programmierer frei geworden, weil Blizzard die Lizenz zum Online-Kartenspiel zu World of Warcraft zurückgezogen hatte.

HEX: Shards of Fate - Magische Zockerei für Magic- und Hearthstone-Fans?

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Veteranen erkennen auf den ersten Blick: HEX: Shards of Fate hat eine ziemliche Ladung Magic im Blut.
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Aus der Not eine Tugend gemacht

Das Projekt hatte Cryptozoic dereinst von Upper Deck übernommen und eigentlich war man davon ausgegangen, das Spiel für Blizzard noch ordentlich zu erweitern – doch der Publisher hatte zu diesem Zeitpunkt mit Hearthstone schon ganz eigene Karten auf der Hand. Was also sollte man tun mit einem guten Dutzend Entwickler, einer Schublade voller Ideen und der eigenen, unbefriedigten Sucht nach einem Online-Ersatz für Magic: The Gathering?

Cory Hudson Jones tat das einzig Richtige, stellte sein Problem samt Lösung auf Kickstarter vor und beteuerte – in einem Video gar als Frau verkleidet – wirklich alles dafür tun zu wollen, damit HEX: Shards of Fate eines Tages Wirklichkeit wird und alternde Magic-Veteranen nicht länger durchs Land reisen müssen, um ihrer Leidenschaft nachzugehen. 300.000 Dollar hätte dafür als Unterstützung von den Fans gebraucht – damals ein stolzer Betrag für ein Kartenspiel.

Packshot zu HEX: Shards of FateHEX: Shards of FateErschienen für PC

HEX und Hearthstone – alles, aber keine Konkurrenten

Mit über 2,2 Millionen Dollar schloss die Kampagne schließlich ab. Cryptozoic hatte die finanziellen Mittel, die dafür nötig waren, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Doch hatte man auch das Know-how? Immerhin versprach man durchaus eine ganze Menge: Das Spiel sollte TCG-Veteranen und Einsteiger gleichermaßen begeistern, Gildenunterstützung bieten, Turniere, Rollenspiel-Elemente mit neuartigen Belohnungen, eine Geschichte sowie ein tiefes, auf Hochglanz poliertes Spielerlebnis. Auf Kickstarter war explizit von einem MMO-Trading-Card-Game die Rede.

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Filetstück für Rollenspieler: Die Dungeons von HEX: Shards of Fate.
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Jetzt, gut zweieinhalb Jahre Später, hat Cryptozoic die Betatests für beendet erklärt. HEX: Shards of Fate ist zwar, wie die Entwickler beteuern, lange noch nicht fertig, gilt jedoch als veröffentlicht und muss sich messen lassen an dem, was man vor zweieinhalb Jahren versprochen hat. Und natürlich an dem, was sich mittlerweile sonst so am einst verwaisten Markt tummelt: Unzählige Kartenspiele, allen voran das des ehemaligen Partners Blizzards: Hearthstone.

Ohne Handel kein TCG

Im Vergleich zu letztgenanntem ist HEX: Shards of Fate schon auf den ersten Blick eine ganz andere Hausnummer. Während Blizzard die Magic-Liga bewusst ignoriert und versucht, mit einigen weggeschliffenen Mechaniken Gelegenheitsspieler zu begeistern, hatte Cryptozoic diese Option nicht. Und selbst wenn man das gewollt hätte – die Unterstützer hätten nicht weniger akzeptiert als die volle Spieltiefe eines Magic: The Gathering.

Nicht das versprochene MMO, aber eines der besten digitalen Trading-Card-Games.Fazit lesen

Und dazu gehört nicht nur die Spielmechanik an sich, sondern auch das Drumherum, bei dem die meisten anderen Spiele passen müssen. HEX: Shards of Face ist ein waschechtes Trading-Card-Game, bei dem erworbene Karten via Auktionshaus gehandelt werden können – für Fans mit Sicherheit eines der wichtigsten Elemente.

Eine Alternative für Rollenspieler

Spielerisch unterteilt sich HEX in zwei Bereiche: PvP und neuerdings auch PvE. Mit letzterem ist es Cryptozoic gelungen, einen ganz eigenen Spielerkreis anzulocken, der vorher möglicherweise mit Kartenspielen noch gar nichts am Hut gehabt hat: Rollenspieler. Die kommen in HEX durchaus auf ihre Kosten, wenngleich wir an dieser Stelle etwas klarstellen müssen, denn eines ist HEX, entgegen früherer Bekundungen nicht: ein MMO. Denn wenngleich Handel und Kommunikation in einer ziemlich leidenschaftlichen Community tolle Features sind, so sind sie nicht einmal im weitesten Sinne “massively”.

HEX: Shards of Fate - Magische Zockerei für Magic- und Hearthstone-Fans?

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Transformationen sind ein wesentliches Element von HEX. Aus dem Asket kann so ein Erleuchteter werden, den letztlich die Transzendenz erwartet.
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Als RPG-Kartenspiel hingegen kann HEX mittlerweile punkten. Über eine hübsche Karte reist man durch die Welt, spricht mit NPCs und schlägt sich in ziemlich netten Matches durch die Geschichte. Zur Belohnung gibt es Gold, das im Auktionshaus eingesetzt werden kann sowie neue Karten und sogar Ausrüstung, mit der sich Karten zum Teil drastisch verändern lassen.

Grind-Alarm – also doch ein MMO?

Entsprechend ist die PvE-Kampagne mit seinen zur Auswahl stehenden Fraktionen, Rassen und Klassen auch ein unabhängiger Teil von HEX und hat mit dem PvP-Teil nur wenig gemein. Doch das gereicht dem Spiel keineswegs zum Nachteil, haben die Entwickler so doch allerlei Möglichkeiten, wirklich kreativ zu sein und das komplette Team in die Entwicklung mit einzubeziehen – von den Zeichnern über die Autoren bis hin zu den Designern von Spielmechaniken.

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Fraktionen, Rassen und Klassen - HEX: Shards of Fate hat manches mit einem Rollenspiel gemein.
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Cryptozoic gelingt es, die offenkundigen Erfahrung als Karten- und Brettspielentwickler auszuspielen und sich so komplett vom großen Vorbild Magic ebenso abzuheben wie von Hearthstone, dessen PvE-Ansatz weit weniger üppig ausfällt. Und diesen ganzen Rollenspiel-Teil, das muss man Cryptozoic lassen, bekommt man tatsächlich kostenlos, wenngleich sich der virtuelle Abenteurer durchaus darauf einstellen muss, auch mal ordentlich mit den Karten zu ‘grinden’.

Kein TCG ohne Pay-to-win

Ganz anders sieht das beim PvP-Teil von HEX aus. Wer sich da “hindurchgrinden” möchte, wird wahrscheinlich irgendwann vor Frust die Maus aus dem Fenster werfen, trifft man hier doch bald auf erfahrene Spieler, die nicht nur Jahre an Erfahrung auf dem Buckel haben, sondern Decks vor sich, die Hunderte, wenn nicht gar Tausende Euro wert sind.

Klar – das ist eine Diskussion, die so alt ist wie das Genre. HEX: Shards of Fate ist nun einmal ein Trading-Card-Game durch und durch und wer sich vormacht, kostenlos einsteigen und durch Talent allein siegen zu können, wird hier schnell eines Besseren belehrt. Gleichzeitig lässt natürlich das Auktionshaus genügend Raum zum schnellen Aufstieg für all jene, die nicht nur die Karten, sondern auch den Markt spielen wollen.