Als Heroes of the Storm auf der vergangenen BlizzCon im November erstmals vorgestellt wurde, ging im Trubel um World of Warcrafts nächste Erweiterung und das Kartenspiel Hearthstone fast unter. Die Aussicht auf eine nahende Beta-Phase hat aktuell aber dann doch noch das Interesse der Fans geweckt. Höchste Zeit also für einen kleinen Faktencheck.

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Eigentlich ist Blizzard mit Heroes of The Storm ja wieder mal ausgesprochen spät dran. Immerhin sind mittlerweile über zehn Jahre vergangen, seit ich mich das erste Mal in eine der frühen Versionen von Defense of the Ancients verirrte und schon damals sofort erkannte, dass es dieses vermeintlich reduzierte Echtzeitstrategiespiel in Sachen Dauermotivation echt in sich hat.

Gefährliche Behäbigkeit

Und während diese ursprüngliche “Fun-Map” zu Warcraft 3 fortan einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf meine Freizeitgestaltung haben sollte, wurde es von Blizzard weitgehend ignoriert, obwohl Dota mit Sicherheit nicht ganz unbeteiligt am Erfolg des damals noch jungen Battle.net war. Ein wirtschaftlich schwerwiegender Fehler, wie man dann Jahre später selber feststellen musste.

Heroes of the Storm - Neues vom Nachzügler: Hat sich Blizzard übernommen?

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Besser spät als nie: Blizzard hat endlich auch etwas zum MOBA-Genre beizutragen.
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Nachdem sich nämlich zuerst ein paar programmierende DotA-Fans mit dem ersten, damals törichterweise kostenpflichtigen Standalone-Ableger Heroes of Newerth leidlich erfolgreich in der Branche niedergelassen hatten und Ex-DotA-Modder Guinsoo mit einem gewissen League of Legends jenes dann durch ein kostenloses Angebot übertrumpfte, erkannte man plötzlich auch bei Valve, welche Bedeutung dieses neue Genre in Zukunft auf die Branche haben musste und heuerte den wahrscheinlich bedeutendsten Dota-Modder IceFrog an, um eine Neuauflage zu entwickeln - natürlich für Steam und fernab vom Battle.net.

Eine verlorene Schlacht ist noch kein verlorener Krieg

Blizzards Versuche, all die Versäumnisse der letzten Jahre aufzuarbeiten, blieben zunächst erfolglos. Das 2010 angekündigte Blizzard DOTA schaffte es nicht über die grobe Konzeptionierung hinaus und auch ein gegen Valve angestrengter Rechtsstreit hinsichtlich des Namens Dota ließ Blizzard einmal mehr mit leeren Händen dastehen - und mit einem alternativen Namen, der an ein paar Leinenturnschuhe erinnert und das Scheitern irgendwie noch offensichtlicher machte: Blizzard All-Stars.

Packshot zu Heroes of the StormHeroes of the StormErschienen für PC

Diesem Projekt schien, während insbesondere League of Legends und Dota 2 marktbestimmend wurden, keine sonderlich rosige Zukunft beschieden, bis einige personelle Umschichtungen frisches Blut in die bis dahin unterbesetzte MOBA-Abteilung spülten - aus Richtung StarCraft II und vom glücklosen MMOG-Großprojekt Titan. Und siehe da - plötzlich ging es wieder bergauf mit Blizzard All-Stars, das seit der BlizzCon 2013 auch endlich einen richtig stolz und überzeugend klingenden Eigennamen tragen darf: Heroes of the Storm.

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Für ein Blizzard-Spiel hat HotS bislang erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt bekommen.
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Der Krieg hat viele Gesichter

Das Konzept, das wissen wir schon seit der vergangenen BlizzCon, wird grob an dem angelehnt sein, was DotA seit jeher ausmacht: Zwei Teams rennen auf einer weitgehend gespiegelten Karte gegen die gegnerische Basis und die vorgelagerten Verteidigungstürme an - unterstützt von in regelmäßigen Abständen spawnenden Truppen. Dazu warten abseits der Pfade noch neutrale Kreaturen darauf, dass man sich ihnen annimmt.

Doch damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten zwischen Heroes of the Storm und dem Originalkonzept auch schon fast. Im Gegensatz zu den meisten anderen Dota-Inkarnationen wird in Blizzards Spiel der Konflikt nicht nur auf einer Karte ausgetragen, sondern auf mehreren, von denen jede anders aufgebaut ist und eine komplett eigene Strategie erfordern soll.

Seid lieb zueinander!

Die Karten bieten zum Teil gleich mehrere Ebenen, Stellungen, Heilbrunnen und Tore, die es zu durchbrechen gilt und natürlich neutrale NPCs. Die kann man dafür gewinnen, in die Schlacht einzugreifen - letzteres ein Feature, auf das übrigens in ganz ähnlicher Form auch Strife setzen wird, das neue MOBA-Game der Macher von Heroes of Newerth. Und das ist längst nicht die einzige Gemeinsamkeit beider Titel.

Blizzard hat das Team, die Technik und die besten Helden. Ohne Rückenwind durch die Profi-Liga wird man den MOBA-Wettlauf gegen Valve und Riot trotzdem nicht gewinnen können.Ausblick lesen

Wie S2 Games versucht auch Blizzard, die Auslöser für die typische “Dota-Aggressivität” aus dem Spiel zu verbannen. Erfahrungspunkte für getötete Helden oder Truppen werden nicht mehr zwischen den sich in der Nähe befindenden Helden aufgeteilt, sondern zählen über die komplette Karte hinweg fürs gesamte Team - Kills und Assists wird es damit also nicht mehr geben, zumindest werden sie weitgehend bedeutungslos.

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Schön bunt ist es ja.
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Mid or feed!

Das soll ebenso dabei helfen, den klassischen Support-Carry-Konflikt zu umschiffen, wie die Tatsache, dass man auf virtuelles Gold komplett verzichtet. Entsprechend wurde auch der Shop mit all seinen Ausrüstungsstücken ersatzlos gestrichen - eigentlich ein Schlüsselelement klassischer MOBA-Spiele. Kritik gibt es dafür allerdings aus der Profi-Ecke, wo man befürchtet, dass es dem Titel an spielerischer Tiefe fehlen könnte - immerhin scheint schon die Anzahl der individuellen Helden-Talente nicht allzu üppig auszufallen.

Doch komplett müssen die Spieler von HotS nicht auf Boni verzichten. Vielmehr warten diese irgendwo in der Landschaft. So soll es auf der Karte Drachengarten zwei Obelisken geben und wenn die fürs Team erobert wurden, wird einer der Spieler zum “Dragon Knight”, läuft schneller, wirft Gegner durch die Gegend und bekommt noch die eine oder andere Fähigkeit extra.

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"Ich bin ein Held, holt mich ..." Nee, das lassen wir lieber.
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Kurz und schmerzlos

Solche Mechaniken dürften dann auch dazu führen, dass manche Helden mit ihren grundsätzlichen Fähigkeiten auf einer bestimmten Karte mehr oder weniger Sinn macht als andere - weil die Kombination der Skills einfach stärker sein wird. Doch darüber zu spekulieren, ist verfrüht, denn noch experimentiert Blizzard ziemlich hemmungslos mit grundsätzlichen Mechaniken - was nicht zuletzt daran liegt, dass auch die Technik des Spiels noch lange nicht final ist - wenngleich man in dieser Hinsicht weitgehend auf das zurückgreift, was man mit StarCraft II entwickelt hat.

Die Spielzeit, und da unterscheidet sich Heroes of the Storm gewaltig von der Vorlage, soll mit zwischen 15 und 25 Minuten deutlich knapper bemessen sein als bei der Konkurrenz. Sinn und Zweck der Kürzung ist es, von Anfang an Geschwindigkeit ins Spiel zu bringen und gleichzeitig den Frust zu minimieren. Der kann bei längeren Partien insbesondere dann aufkommen, wenn eine Seite der anderen spürbar unterlegen ist. Klingt in der Theorie sehr gut, könnte jedoch gleichzeitig auch den Spaß der Siegerseite und damit die Lust auf eine neue Runde mindern. PvP ganz ohne Emotion funktioniert nunmal nicht.

Zurück zu den Wurzeln

Apropos Emotion - da einige wehmütige Veteranen extreme Sehnsucht nach den Lost Vikings haben, hat man sich bei Blizzard dazu entschlossen, die bärtigen Plattform-Helden auf die eine oder andere Weise mit ins Spiel zu bringen, sofern das möglich sein sollte. Ob sie jedoch als spielbare Helden auftauchen werden oder als NPCs auf einer der zukünftigen Karten, wollte bis dato noch kein Entwickler verraten.

Was man nicht verraten kann, weil man sich selber noch gar nicht ganz sicher darüber zu sein scheint, ist die Ausrichtung das Spiels auf eine bestimmte Zielgruppe. Es sei an der Community, zu entscheiden, ob Heroes of the Storm zum E-Sport-Titel werde oder nicht, heißt es aus dem Hauptquartier von Blizzard - meines Erachtens nach eine sträfliche Nachlässigkeit.

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Eingängigkeit ja, Anspruchslosigkeit nein: HotS soll sich an Kenner des Genres richten.
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Trotz Massen von Spielern kein Spiel für die Masse

Wenngleich Blizzard mit seinen Titeln traditionell versucht, die Massen zu begeistern und die Community nicht zu überfordern, begründet sich der herausragende Erfolg des MOBA-Genres auf einer komplett gegenläufigen Strategie. Gerade die gelebte Nähe zum Profi-Bereich hat dafür gesorgt, dass LoL, HoN und Dota 2 über Monate und Jahre hinweg an Spielern zugelegt hat, liefern die E-Sportler und deren Kämpfe doch stets den nötigen Diskussionsstoff, ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder auf Partys.

Blizzard sollte hier möglichst früh vorsorgen und dieses Thema eben nicht den Spielern überlassen, sondern sich rechtzeitig erfahrene E-Sportler ins Team holen die, einerseits organisatorisch den Weg in die Szene ebnen und gleichzeitig das Spiel vom Design her darauf trimmen, dass es den Ansprüchen der hartgesottenen E-Sports-Szene genügt. Und nein - in dieser Hinsicht verfügt Blizzard längst nicht über das heutzutage nötige Know-How.

Kampf den Leavern

Immerhin versprechen die Entwickler, einen Zuschauermodus ebenso mitliefern wie ein Ranking-System und eine Mechanik, die jene Spieler, die ein Spiel verfrüht verlassen, durch Entzug der Belohnung bestraft - wobei das in der Praxis gemeinhin nicht ausreichen dürfte. Auch die Möglichkeit, den dann herrenlosen Helden vom Computer steuern zu lassen, könnte letztlich mehr Schaden anrichten, als das Spiel abbrechen zu lassen und den “Leaver” gebührend mit einer längeren Sperre zu bestrafen. Doch all das sind Feinheiten, um die man sich noch kümmern kann, wenn das Spiel ordentlich funktioniert.

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Wer nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird niedergeknüppelt
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Was Blizzard mittlerweile außerdem verraten hat: Es wird Charaktere mit Stealth-Eigenschaften geben - wobei ein leichter Schimmer verrät, wo sich der Held befindet. Derzeit wird nicht an neuen Karten gearbeitet, im Fokus stehen vorerst die Helden. Auch alternative Spielmodi mit mehr oder weniger als fünf Spielern sind eher Zukunftsmusik.

Derzeit befindet sich Heroes of the Storm mittden in den internen Alpha-Tests, zu denen übrigens auch einige handverlesene Spieler eingeladen wurden. Wie lange diese Tests dauern, wird vor allem auch davon abhängig sein, wie gut oder schlecht manche Mechaniken funktionieren. Mit etwas vorsichtigem Optimismus darf man aber davon ausgehen, dass Heroes of the Storm spätestens im zweiten Quartal des laufenden Jahres zumindest in die geschlossene Betaphase eintreten wird.