Als Blizzard seine Echtzeitstrategietitel erstmals mit umfangreichen Map-Editoren ausstattete, entfalteten die Modder ein innovatives Potential, mit dem kaum jemand gerechnet hätte - am wenigsten die Entwickler selbst. Und so verschlief Blizzard den Aufstieg eines neuen Genres und verlor die kreativen Modder an die Konkurrenz. Jetzt allerdings ist der behäbige Riese erwacht und reitet mit mächtigen Helden im Sturm gegen die Liga der einstigen MOBA-Modder.

“Come out, come out, wherever you are.”

Mit diesem lapidaren Lockruf provoziert Marschall James Eugene Raynor im ersten Trailer zu Blizzards Heroes of the Storm nicht nur seine Widersacher auf dem Schlachtfeld - er lenkt auch noch den Zorn der Liga auf sich. Denn das Urheberrecht auf diesen Singsang, so glaubt die Fangemeinde von League of Legends, besitzt niemand anderes als die kleine Annie, das Kind der Finsternis.

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Die Fronten sind damit von Anfang an geklärt und Blizzards Spezialeinheit schießt die erste Salve direkt ins Gesicht der Jungs von Riot Games, denn die haben es sich, zumindest was die Spielerzahlen betrifft, auf dem MOBA-Thron arg gemütlich gemacht. Was die meisten Fans von LoL allerdings nicht ahnen: Jim Raynor trällerte das Lied schon Jahre, bevor die kleine Annie das virtuelle Licht der Welt erblickte.

Und davor wurde es von Stephen King benutzt, von Captain Jean Luc Picard, von Frank Sinatra und, das ist wohl der tatsächliche Ursprung, im Jahre 1939 von Dorothy im Zauberer von Oz. Doch mit einer solchen Haarspalterei hält man sich im MOBA-Lager nicht lange auf. Wenn Blizzard den Krieg will, so die Ansicht der Fans von LoL, Dota 2, HoN und Co., dann sollen sie ihn bekommen - eine realistische Chance wird Heroes of the Storm eh nicht haben.

Und so beginnt es

Doch bei Blizzard hat man sich offenbar Gedanken gemacht. Nachdem man bereits mehrfach mit unterschiedlichen Ansätzen vorgeprescht war, um sich kurz darauf wieder zurückzuziehen, scheint es dem Team um Game Director Dustin Browder diesmal wirklich ernst zu sein. Der Titel ist final, das Konzept steht und die Heldenauswahl, die man in die Schlacht wirft, könnte schlagkräftiger nicht sein.

Der Sturm ist entfacht. Hoffentlich wissen die Jungs von Blizzard damit umzugehen.Ausblick lesen

Alles, was in den unterschiedlichen Spielen von Blizzard jemals Rang und Namen hatte, wird in Heroes of the Storm zu Felde geführt - vom erwähnten Jim Raynor aus StarCraft über Arthas aus Warcraft bis hin zum altehrwürdigen Diablo höchstpersönlich. Wenn letzterer von einem Panda den lethalen Kick verpasst bekommt, mag das dem einen oder anderen Lore-Experten zwar übel aufstoßen, doch ist sich Blizzard der geballten Kampfkraft seiner Helden viel zu sicher, um auch nur einen einzigen davon daheim zu lassen.

Diese Map - na, ihr wisst schon!

Unterteilt wird die Heldenauswahl allenfalls in Assassinen wie Kerrigan oder Illidan, Krieger wie Arthas oder Tyrael, Supporter wie Malfurion oder Uther und Spezialisten wie Naziba und Abathur. Und da wäre er auch schon, der erste Unterschied zu den klassischen DotA-Ablegern, in denen letztere Klasse nicht vorkommt. Nach allem was wir bislang wissen, werden sich die Spezialisten entweder um die Belagerung der Bauwerke kümmern oder “ganz besondere Effekte auf die Ereignisse haben” - was immer das auch bedeuten mag.

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Grundsätzlich spielt sich Heroes of the Storm jedoch ähnlich wie LoL, HoN oder DotA, dessen Namen man auf der Ankündigung anlässlich der vergangenen BlizzCon tunlichst vermied und das Spiel nur als “this map” titulierte. Seis drum - die Geschichte des Genres sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben und jeder weiß, dass es nicht von Blizzard erfunden wurde - auch wenn man das Spielkonzept gerne als Warcraft-Map verkaufen möchte.

Kostenlos dank Konkurrenz

Zu verkaufen plant man bei Blizzard übrigens nicht das Spiel an sich, sondern Helden und Skins sowie ein schnelleres Vorankommen. Spielerische Vorteile sollen sich daraus nicht ergeben und das würde die MOBA-Community angesichts des komplett kostenlosen und hochwertigen Konkurrenz wahrscheinlich auch trotz Blizzards Heldenpool kaum einsehen.

Grafisch rangiert Heroes of the Storm auf den ersten Blick irgendwo zwischen StarCraft, dessen Engine es sich auch bedient, und Dota 2. Noch wirken vereinzelte Kampfeffekte ein wenig überladen, die Farbpallette etwas aufdringlich und die Übersichtlichkeit entsprechend reduziert - doch bedenkt man, dass es sich um eine Alpha-Version handelt, kann man darüber locker hinwegsehen.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Worüber manch ein selbsterklärter MOBA-Pro garantiert nicht hinwegsehen möchte, ist der komplette Verzicht auf den Item-Pool und damit einhergehend die Abschaffung von Gold. Für erschlagene Creeps gibt es lediglich Erfahrung - und die wird innerhalb der Gruppe aufgeteilt. Man möchte die Kämpfe dadurch schneller machen und den Spielern den Weg in die eigene Basis ersparen.

Der Weg in die feindliche Basis bleibt dem Team allerdings nicht erspart, doch wurde das typische Spielkonzept, das eine Art Tower-Defense mit Heldenunterstützung ist, um ein paar neue Facetten erweitert. So gibt es nicht mehr länger eine Standard-Map, sondern eine Rotation, in der unterschiedliche Karten mit unterschiedlichen Thematiken und Mechaniken zum Einsatz kommen. Wer eine bestimmte Karte nicht spielen möchte, kann sie vor Spielsuche blockieren.

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Auf den Karten sind hier und da besondere Aufgaben zu erfüllen. Wer beispielsweise den Kapitän eines Geisterschiffes genügend Beute liefert, kann ihn eventuell davon überzeugen, die gegnerischen Stellungen unter Beschuss zu nehmen. Eine Map wird sogar eine zweite, unterirdische Ebene haben, in die man einen Teil des Teams schicken kann, um dort einen Golem als temporäre Verstärkung fürs eigene Team zu rekrutieren - letzteres ein Element, das übrigens auch die Macher von Heroes of Newerth für ihr nächstes MOBA Strife geplant haben.

Wer soll das denn spielen?

Überhaupt scheinen die neutralen Truppen in Heroes of the Storm im Gegensatz zu denen etablierter MOBAs vermehrt dazu bereit, sich mit in den Konflikt hineinziehen zu lassen. Außerdem gibt es neben den herkömmlichen Wachtürmen noch diverse Gebäude, Tore sowie Heil- und Manabrunnen - alles Dinge, die in der Theorie durchaus spannend klingen.

In der Praxis allerdings wird sich Blizzard auf eine lange Testphase einstellen müssen, denn gerade angesichts der vielen neuen Optionen wird das Balancing zur Sisyphus-Aufgabe für die Entwickler. Das gilt zumindest, wenn sich Blizzard mit Heroes of the Storm nicht nur mit Gelegenheitsspielern und Einsteigern vergnügen, sondern auch die E-Sportler ins Visier nehmen möchte.