Man könnte sicher darüber streiten, ob dem Spiel echte Rätsel, offenere räumliche Ansätze und ein paar weniger Quick-Time-Events gutgetan hätten. Aber ich denke, dass das der falsche Weg gewesen wäre. Von der ersten Minute an wird man eingesaugt in eine Stadt, die unmissverständlich klarmacht: „Was du hier tust, wirkt sich – bis auf einige Ausnahmen – auf den Handlungsverlauf aus“.
Dieses Erleben an die Grenzen gehender Situationen ist intensiver als tausend Wickel-schiebe-schraube-Rätsel. Und man fühlt sie einfach, die Leidenschaft, die David Cage mit seinem Team in die Realisierung eines Traums gesteckt hat, der freilich nicht überall auf Gegenliebe stoßen wird.
Erzählerisch und atmosphärisch eine Wucht, ist Heavy Rain spielerisch diskussionswürdig.Ob er euch genauso berühren kann wie mich, liegt daran, ob ihr gewillt seid, konventionelle Genrebahnen zu ver- und euch auf eine Erfahrung einzulassen, die nicht der Philosophie „Mehr Blut, mehr Leichen, mehr Schießereien“, sondern „Tiefer, emotionaler, packender“ unterliegt. Natürlich ist auch die Mörderhatz nicht vollends perfekt: Die Laufbewegung mittels R2-Taste und das Vorgeben der Laufrichtung mit dem linken Stick erfordern Übung, guten Willen und enden immer wieder in unbeholfenem Herumgestakse, wenn die Kamera eine andere Position einnimmt und man kurzzeitig im Kreis eiert.
Es gibt sogar kleine Bugs, die einen Neustart des Spiels erfordern können: Etwa dann, wenn die Kamera in der Bewegung einfriert und man keine Sicht mehr auf den Charakter hat. Oder dann, wenn er einfach wie angewurzelt an der Stelle stehen bleibt. Das ist mir in drei Durchgängen zweimal passiert und muss bis zum Release unbedingt ausgebessert werden!
Tearing-Allergiker werden zudem öfter Schluckauf erleben, als ihnen lieb ist. Und obwohl man Quantic Dream für die Inszenierung riesiger, belebter Menschenmassen, die etwa bei Ethan umgehend ein Gefühl von Platzangst auslösen, gratulieren muss, erkennt man den Preis für die schiere Masse: eineiige Zwillingsgesichter. Die Polizeistation beispielsweise kann mit ihren malochenden Beamten, die sich über die Schulter schauen, ans Telefon gehen, einen Donut verzehren oder die Beine überschlagen, die Illusion geschäftigen Treibens aufbauen – das wirkt alles so herrlich unvorhersehbar. Sieht man allerdings zu genau und zu lange hin, erkennt man die kleinen Schwächen: Da ragen zuweilen Arme durch Schränke, Personen laufen ineinander und ein dunkelhäutiger Cop tritt gleich viermal im selben Raum auf.
von Sony Computer Entertainment, Quantic DreamGenre: AdventurePS3: 26.2.2010Offizielle WebseiteFreigegeben ab 16 Jahren
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