Die alten Griechen bezeichneten mit dem Wort „Nektar“ ein Getränk, das einzig den Göttern vorbehalten war. Auch im Ego-Shooter „Haze“ der Londoner Entwickler Free Radical wird ein Gesöff dieses Namens reichlich verdrückt. Denn „Nectar“ heißt in der fiktiven nahen Zukunft, in der das Spiel stattfindet, eine Droge, mit der sich die futuristischen Söldner für den Kampf aufputschen. Doch dass die Konsumenten hier weniger göttlich sind als noch im antiken Griechenland, durften wir bei einem Entwickler-Besuch mit ausgiebigem Anspielen der Einzelspieler-Kampagne aus erster Hand erleben.

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Privatisierung und die Folgen

Telekom und Post waren gestern. Im Jahr 2048 haben die Regierungen selbst das Militär liberalisiert und den Händen von privaten Firmen übergeben. Marktführer in diesem boomenden Wirtschaftszweig ist die Mantel Corporation, die mit ihrer synthetischen Droge Nectar den entscheidenden „Unique Selling Point“ vorzuweisen hat.

Haze - Dschungel, Action, Superkräfte - Haze ist das Crysis für die PS3.

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Die Mantel Troopers auf dem Weg zur Weltenrettung...
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In „Haze“ schlüpft ihr in die Rolle eines solchen Mantel-Soldaten. Euer erster Einsatz führt euch in ein Krisen-geschütteltes Land irgendwo in den Tropen. Eine Rebellen-Organisation namens Promise Hand verbreitet dort Angst und Schrecken – und ihr gehört zu den aufrechten Helden, die die Ordnung wieder herstellen müssen. Zumindest hat es zunächst diesen Anschein…

Im Helikopter-Anflug auf euren ersten Einsatzort ist die Welt und ihre Sicht auf die Dinge noch in bester Shooter-Ordnung: Echte Kerle prosten einander mit markigen Sprüchen zu, Parolen und militaristische Gesten wechseln einander in trauter Zweisamkeit ab, und Weisheiten wie die, dass Gefühle nur chemische Prozesse sind, die einen Soldaten vom Wesentlichen abhalten, vervollkommnen das testosterongetränkte Gesamtbild.

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Mit dem Helikopter zum Einsatzort. Die Grafik von Haze braucht sich nicht hinter Crysis zu verstecken.
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In die Verlegenheit, das Pathos zu hinterfragen, kommt ihr jedoch zunächst nicht. Nicht nur weil der Tenor bei Shooter-Kollegen wie „Call of Duty“ oder „Crysis“ zum Standard-Repertoire des Genres gehört, sondern auch weil euch das Spiel kurz darauf mitten hinein ins Action-Geschehen wirft. Am Ziel angekommen gerät der Spieler sofort in einen Hinterhalt der Rebellen, der sofort den Bodycount und Nectar-Konsum in die Höhe schnellen lässt.

Keine Macht den Drogen!

Die ersten Auseinandersetzungen mit dem Feind nutzt das Spiel, um euch mit seinem Kern-Feature bekannt zu machen: Per Tastendruck injiziert ihr eurem Soldaten eine Dosis der vermeintlich göttlichen Droge in den Blutkreislauf. Diese hat ähnliche Auswirkungen, wie man sie von dem aus „Crysis“ bekannten NanoSuit kennt: Für einen begrenzten Zeitraum steigert sich eure Wahrnehmung um ein Vielfaches, sodass sich Gegner durch einen Glüh-Effekt deutlich von ihrer Umgebung abheben und auch auf große Entfernung deutlich als Ziele auszumachen – und anschließend auszuschalten - sind. Weitere Vorteile der Substanz sind eine erhöhte Treffgenauigkeit sowie erheblich schlagkräftigere „Argumente“ im Nahkampf.

Doch wie im richtigen Leben schlägt das berauschende Gefühl bei einer versehentlichen Überdosis in ihr Gegenteil um: Wer sich zu viel des Nektars einflößt, nimmt seine Umgebung nur noch verschwommen wahr, kann Freund von Feind nicht mehr unterscheiden und verliert im schlimmsten Fall gänzlich die Kontrolle und ballert wild um sich. Gleiches geschieht bei einem unglücklichen Treffer des Nectar-Behälters auf dem Rücken eines jeden Mantel-Soldaten. Gerät einer eurer Team-Kameraden in einen solchen Drogenrausch, hilft nur ein beherzter Sprung in Deckung. Oder die sofortige Exekution des Freundes, um auf die Weise Schlimmeres zu verhindern. Eine moralische Zwickmühle…

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Durchblick: Mithilfe von Nectar lassen sich Feinde besser erkennen.
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Das bereits zwei Mal gefallene Stichwort „Crysis“ kommt einem im Laufe der ersten Mission vermutlich noch des Öfteren in den Sinn: Die großblättrige Dschungel-Landschaft weist mehr als nur ein Quäntchen Ähnlichkeit zum Tropen-Setting des deutschen Shooter-Königs auf. Glücklicherweise muss sich „Haze“ grafisch jedoch keineswegs hinter dem Referenz-Titel verstecken: Obwohl manche Texturen in unserer Preview-Version noch so matschig wirkten wie der Sumpf im vierten Level, können vor allem die Lichteffekte und 3D-Modelle der Charaktere überzeugen.

Vier gewinnt

Auch für Abwechslung ist gesorgt: Nachdem wir den Dschungel überlebt haben, begeben wir uns in einem Buggy zum nächsten Einsatzort, während die Rebellen unsere Fahrt durch den Canyon mit Minen und herabstürzenden brennenden Fässern buchstäblich zur Hölle machen. Später werdet ihr auch in weitere Fahrzeuge wie ein Quad Bike und einen Jeep steigen können. Eure Kameraden übernehmen dann wie in „Halo“ freie Plätze auf dem Beifahrersitz oder dem montierten Maschinengewehr.

Apropos Kameraden: Als Mantel-Soldat seid ihr grundsätzlich im Vierer-Team unterwegs. Zwar könnt ihr ihnen keine Befehle erteilen, doch agieren sie selbständig genug, sodass dies gar nicht nötig ist. Im extrem spaßigen Koop-Modus lassen sich die KI-Kumpels durch bis zu vier Freunde besetzen. „Haze“ ist dennoch beileibe kein Taktik-Shooter wie „Rainbow Six“. Dafür spielt sich der Titel zu geradlinig und action-orientiert. „Gottlob“, werden die Einen sagen, „leider“ muss man nichtsdestotrotz hinzufügen, da die strengen Level-Schläuche gelegentlich doch einen Hang zur Eintönigkeit entwickeln.

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Teamplay: Als Mantel-Soldat seid ihr in Vierer-Gruppen unterwegs.
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Dass man seine Kameraden, ihre Spleens und Eigenheiten mit der Zeit lieb gewinnt, macht den Bruch umso dramatischer, den „Haze“ in einer Schlüsselszene vollzieht. „Es gibt immer zwei Seiten in einem Krieg“, bekommen wir vom überraschenderweise ganz sanftmütigen Anführer der Rebellen gesagt, als wir ihn nach einer wilden Jagd endlich stellen. „Bist du sicher, dass du auf der richtigen stehst?“ Als sich unserem Charakter kurz darauf das wahre Gesicht der verlogenen und entmenschlichten Militär-Organisation offenbart, für die er arbeitet, wechselt er schlagartig die Seiten und muss fortan gar gegen seine einstigen Freunde in den Kampf ziehen…

Rebel Assault

Die Regime- und Gesellschaftskritik, die „Haze“ mit dieser Story-Wendung anbringt, regt nicht nur zum Nachdenken an, sie bildet auch einen angenehmen Gegenpol zu eingängigen Shooter-Kollegen, die allzu gerne genau die Hurra- und Durchhalte-Parolen anstimmen, die der Ubisoft-Titel auf die Weise hinterfragt.

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Die Wahrheit im Kreuzfeuer: Haze übt sich in Gesellschaftskritik.
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Der Wechsel auf die Seite der Rebellen schlägt sich aber auch im Gameplay nieder: Als Freiheitskämpfer müsst ihr nämlich auf eure übermenschlichen Nectar-Eigenschaften verzichten. Um dadurch vor allem im Mehrspieler-Modus nicht benachteiligt zu sein, könnt ihr auf alternative Fähigkeiten zurückgreifen: So seid ihr etwa in der Lage, euren Gegner im Nahkampf mit einem einzigen Schlag für einen Augenblick außer Gefecht zu setzen. Während dieser benommen vor sich hin taumelt, genügt ein Tastendruck, um ihn darüber hinaus zu entwaffnen und so wehrlos eurem nächsten Angriff auszuliefern.

Früher war Nectar ein Trank für die Götter. Heute versüßt er uns das Shooter-Dasein.Ausblick lesen

Besonders fies ist auch die Nectar-Granate der Rebellen: Ein davon getroffener Mantel-Soldat erfährt augenblicklich eine Drogen-Injektion, die ihn in den oben beschriebenen unkontrollierbaren Rauschzustand versetzen kann. Da dieser sodann blind um sich schießt und Freund von Feind nicht mehr zu unterscheiden weiß, lässt sich auf die Weise mit etwas Glück ein komplettes Squad ausschalten, ohne überhaupt eingreifen zu müssen.