"Hilf mir, Mary! Sie tun mir weh! Hilf mir!", so hallt es durch die Nacht und durch den Kopf der kleinen Mary, Straßenkind im viktorianischen London und Protagonistin in Haunted. Wer da ruft? Na, ihre kleine Schwester. Vor einiger Zeit bei einem schlimmem Zugunglück ums Leben gekommen...

Haunted - GC 2009 Trailer

Und so beginnt eines der vielleicht interessantesten Point-&-Click-Adventures, auf die wir uns in nächster Zeit freuen dürfen. Die kleine Mary, auf der Suche nach ihrer Schwester beziehungsweise dem Ursprung der mysteriösen Rufe, läuft aufgewühlt und sichtlich verwirrt durch die Nacht – und stürzt. Erst einige Zeit später wird sie wach, auf dem Seziertisch einer etwas skurrilen Pathologin.

Haunted - Die Geister, die ich rief

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Welch 'bescheidene' Situation, in der wir uns befinden.
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Auch die ältere Dame ist sichtlich verwirrt, hatte sie ihren Assistenten doch angewiesen, ihr eine Leiche zu bringen und nicht den Körper eines lebenden Mädchens. Erst als sie bereits das Seziermesser angelegt hat (diese eine Szene sorgte für eine PEGI-16-Einstufung wegen realistischer Gewalt; bei uns für eine USK 12), wird Mary wieder wach und findet sich in einer beängstigenden Welt wieder. Denn nach wenigen entschuldigenden Worten und dem Versprechen, dass alles wieder gut wird, ist klar: Die böse, alte Frau will Mary von ihrer infantilen rechten Hand beseitigen lassen, um ihre merkwürdigen Experimente fortsetzen zu können.

Und genau hier beginnt das wirkliche Spiel und Deck 13 Interactive zeigt, wie man ein Oldschool-Adventure aufbauen muss. Ein großer Raum voller Gegenstände, Leben und liebevoller Details, Objekte, die aufgehoben und mit anderen Sachen verwendet werden können. Der suggerierte Zeitdruck, weil der böse Gehilfe das kleine Mädchen töten will, und natürlich die Tatsache, dass es eigentlich gar keinen Zeitdruck gibt: Wer will sich schon abhetzen, wenn es so viel zu sehen und zu entdecken gibt?

Und so lahmen die Gegenspieler etwas, damit man in Ruhe eine Vorrichtung aktivieren kann, die wiederum hilft, die große Eingangstür zu versperren. Versucht das alte Giftweib dann ihren Stock durch den Türschlitz zu stecken, um einen Hebel umzulegen, schnappen wir ihr das Ding weg, aktivieren damit eine weitere Maschine und flüchten in das obere Stockwerk. Gott sei Dank fährt die eben benutzte Leiter wieder ein, sobald unsere Feinde einen Weg in den Raum gefunden haben. Und solange wir noch nicht wissen, wie wir fliehen können, wird die besagte Maschine streiken. Glück gehabt.

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Gemeinsam sind wir stark: Mary, Oscar und William
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So baut sich ständig ein kleiner Zeitdruck auf, der keiner ist. Zwar haben wir beständig irgendwen im Nacken, müssen um unser Leben bangen oder befürchten, dass der kleinen Mary irgendetwas Schlimmes passiert... Aber wirklich gefährliche Situationen, wie beispielsweise in Baphomets Fluch, kommen nie auf. Haunted orientiert sich eher an Vorbildern wie The Curse of Monkey Island oder Ankh.

Gute Rätsel, schöne Grafik, lustige Sprüche. Was will man mehr?Ausblick lesen

Schöne Grafik. Lebendige, fantasievoll gestaltete Räume und Umgebungen. Altmodisches Point-&-Click-Feeling und eine gefühlvoll inszenierte Hintergrundgeschichte mit viel Witz und gelegentlichen Horroreinlagen. Da fehlt doch noch irgendwas. Das kleine Bisschen, das aus einem Titel unter vielen den besonderen macht. Was das ist, wird klar, als Mary versucht, das Laboratorium zu verlassen.

Sie begegnet nämlich Oscar, einem kleinen, quirligen Piraten, der seinen Alkohol liebt und immer einen frechen Spruch parat hat. Einziger Haken an der Sache: Oscar ist schon ein ganzes Weilchen tot und wird von der bösen Pathologin genauso für ihre Experimente missbraucht, wie es Mary fast passiert wäre. Solche Erfahrungen schweißen zusammen, und so folgt der Minigeist dem Mädchen und hilft ihr, das Anwesen zu verlassen und herauszufinden, was mit Marys kleiner Schwester passiert ist.

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Grusel trifft Adventure. Ein gelungener Mix
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Doch Oscar hat nicht nur Talent darin, Alkohol zu vernichten und hier und dort einen lustigen Spruch von sich zu geben. Er ist außerdem dazu in der Lage, Gegenstände an sich zu nehmen, die die Protagonistin unmöglich aufheben kann; beispielsweise alles, was heiß ist, unter Strom steht oder anderweitig eine Gefahr für den noch ziemlich lebendigen Körper Marys darstellt.

Welch geistreicher Übergang

Wie weit können ein Straßenkind und ein kleinwüchsiger Pirat in einer Welt voller Rätsel, gruseliger Geschöpfe und verrückten Forschern schon kommen? Ganz genau, nicht allzu weit, möchte man meinen. Daher schließen sich im Laufe der Kapitel auch noch weitere Untote der lustigen Gruppe an. Und so freut man sich über die Gesellschaft eines Engländer jagenden Schotten, einer divenhaften Meerjungfrau, eines Geisterpapsts, der sich die 'gute alte Zeit' zurückwünscht, des leicht durchgeknallten Flaschengeistes Konfuzius und eines friedlichen Wolfs, der sich am Tag in einen Anwalt verwandelt... Dies ist die Geburt der definitiv unheimlichsten Gruppierung aller Zeiten.

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Mit der Zeit schließen sich immer mehr Geister der illustren Gruppe an.
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Jeder Begleiter verfügt über eine sehr ausgeprägte Persönlichkeit, spezielle Fähigkeiten und einen eigensinnigen Humor. Das führt dazu, dass man sich nicht alleine fühlt wie in vielen anderen Adventures. Man hat immer Freunde dabei, die einem mir Rat und Tat zur Seite stehen, bei den Aufgaben und Rätseln helfen und immer für ein kleines Lächeln sorgen.

Gerade in solchen Passagen, in denen man von A nach B läuft, um ein weiteres Rätsel zu lösen, ist es sehr unterhaltsam, wenn die Gespenster ihren eigenen Interessen nachgehen und sich untereinander in Gespräche verwickeln. So zum Beispiel der empörte Papst, der es nicht fassen kann, dass Flaschengeist Konfuzius Bilder von obszönen Gießkannen, Shishas und Bongs an den Wänden hat. Die Rundungen... Diese perverse Art der Flaschendarstellung... Zu Zeiten der Heidenverfolgung hätte es das nicht gegeben...

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Große Räume und viel Liebe zum Detail
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Die Quests steigern sich währenddessen von Abschnitt zu Abschnitt merklich und fordern es, dass man die Kräfte der geisterhaften Begleiter klug einsetzt und später sogar kombiniert. So kann es vorkommen, dass man mehrere Geister braucht, um eine Situation erfolgreich zu bewältigen. Die Aufgaben bleiben interessant, machen Spaß und frusten nicht wirklich. Kommt man trotzdem einmal nicht weiter, kann man die Geister befragen oder die dreistufige Hilfefunktion nutzen, die Mary beispielsweise mit Informationen versorgt oder interessante Objekte markiert.

Aber keine Sorge, liebe Hardcore-Adventure-Zocker: Wem das zu pillepalle ist, der kann zu Beginn der Geschichte zwischen einem von drei Schwierigkeitsgraden wählen. So kann man die Hilfefunktion einschränken – oder sogar ganz abschalten.

Haunted setzt nebenbei auf eine angenehme Comicgrafik, viel Liebe zum Detail, erwachsenen Humor, der aber manchmal auch in Albernheiten ausartet, und hier und dort angebrachten Horror. Das Spiel wechselt dabei immer wieder zwischen düster und gruselig zu fröhlich und munter. Die Geschichte der kleinen Mary wird an den Stellen, die ich spielen konnte, schön erzählt und wärmt an manchen Passagen das Herz.

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Nicht immer ist alles düster und grau
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Man sieht, das Deck 13 nach der Insolvenz von Publisher HMH Interactive eine Menge Zeit hatte, die Geistermär noch einmal zu überarbeiten und hier und dort für den nötigen Feinschliff zu sorgen. Schöne Zwischensequenzen und atmosphärische Orte untermalen diese Tatsache und versprechen eine kleine Perle.

Damit aber nicht nur die Spielmechanik auftrumpfen kann und die liebevoll gestalteten Charaktere sich 'nur' visuell hervorheben, hat der neue Publisher dtp vor allem auf eine gute Lokalisierung geachtet. Große Synchronsprecher, wie Beispielsweise Thomas Danneberg (Arnold Schwarzenegger) für den Geist William Wallace, sorgen dafür, dass Haunted auf dreierlei Weise Spaß macht: Rätsel im Oldschool-Adventure-Stil, eine bezaubernde Comicgrafik und eine stilvolle Musikuntermalung mit sehr guten Synchronsprechern.