"Nicht alles, was in Japan populär ist, muss man verstehen, oder?" fragte ein gamona-User kürzlich. Ja, das Land der aufgehenden Sonne hat bereits öfter sehr schräge Subkulturen zutage gefördert, die vom Rest der Welt mit Skepsis, Verdutzung und manchmal auch mit Fremdschämreaktionen aufgenommen werden. Zu den kuriosesten Phänomen zähle ich besonders die Entwicklung und Erfolgsgeschichte des virtuellen, türkishaarigen japanischen Idols Hatsune Miku, die mit ihrer elektronischen, synthetisierten Gesangsstimme Tausende von Fans betört.

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Ich habe damals nicht schlecht gestaunt, als ich vor Jahren erfuhr, dass eine Gesangssoftware aus Japan gezeichnete Maskottchen im typisch niedlichen Anime-Stil hervorbrachte, die im Laufe der Zeit dank steigernder Popularität tatsächlich Konzerte abhält. Ja, mit menschlichem Publikum, richtigen Hologramm-Kameraaufnahmen und allem, was dazu gehört.

Jene Software trägt den Namen Vocaloid, mit der sich mithilfe eines vorgegebenen Liedtextes und einer Melodie ein künstlicher Gesang erzeugen lässt. Zu den einzelnen, markanten Stimmen wurden entsprechend Anime-Maskottchen entworfen, von denen einige dank zahlreicher japanischer Fanvideos und -illustrationen an Popularität gewannen. Die Bekannteste unter ihnen ist Hatsune Miku, die besagte, liebliche Sängerin in Türkis, zu der es mittlerweile diverse Geschicklichkeits- und Rhythmusspiele gibt.

Erst Fremdschämen, dann Frust - und alles was bleibt, ist Spielspaß

Hatsune Miku: Project DIVA F 2nd ist der aktuellste Titel für die PS Vita und PlayStation 3 und lässt sich vom Spielprinzip her mit ähnlichen Rhythmusspielen wie Theatrhythm – Final Fantasy: Curtain Call und OSU! vergleichen. Es gilt hierbei innerhalb eines abgespielten Musikstückes vorgegebene Tastenbefehle mit möglichst punktgenauen Timing auszuführen und dabei im traditionellen Arcade-Stil so viele Punkte wie möglich zu erzielen.

Klingt recht simpel, aber so einfach gestaltet sich das Ganze dann doch nicht. Besonders die ersten Spielminuten können von durchgängigen Frustrationen und Verwirrung geprägt sein. Hatsune Miku: Project DIVA F 2nd erweitert nicht nur das Lied-Repertoire bisheriger Vorgängerteile um einige Musikstücke, sondern hebt auch den Schwierigkeitsgrad ordentlich an. Um einen Spielabschnitt erfolgreich zu absolvieren, ist eine Mindestpunktzahl nötig. Die allerdings zu erreichen, setzt vor allem voraus, dass ihr möglichst fehlerfrei und in perfekter Folge die vorgegebenen Tasten ausführt.

Hatsune Miku: Project DIVA F 2nd - Mit Scham, Charme, Epilepsie-, Ohrwurm- und Suchtpotenzial

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Anhand der Punkteleiste am unteren Bildschirmrand könnt ihr sehen, wie weit ihr von der Mindestpunktzahl entfernt seid, die ihr bis zum Ende des abgespielten Liedes erreichen müsst.
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Während euch die richtigen Tastenausführungen um wenige Millimeter auf der angezeigten Punkteskala voranbringen, wirft euch ein einziger Fehler mit einem kräftigen Punkteabzug weiter zurück. Erschwert wird der Überblick zudem durch den knallbunten und sich stetig bewegenden Hintergrund. Man muss kein Epileptiker sein, um bei all den explodierenden Leuchteffekten und schnellen Kamerasequenzen die Konzentration zu verlieren.

Packshot zu Hatsune Miku: Project DIVA F 2ndHatsune Miku: Project DIVA F 2ndErschienen für Xbox One, PlayStation Vita und PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Lasst euch allerdings nicht von den krassen Einstiegshürden abschrecken, die selbst auf der leichtesten Stufe warten. Gleich zu Beginn stehen euch meist nur temporeiche Lieder zur Verfügen, die das langsame herantasten etwas erschweren. Auch die teilweise wenig offensichtlichen und ausgehend vom eigentlichen Rhythmus nicht immer logisch platzierten Tastensymbole mögen euch anfangs öfter aus dem Konzept bringen, doch je mehr ihr euch in das Musikstück reinfuchst, desto vertrauter werden euch die Tastenangaben.

Um die Tastenangaben optimal auf den richtigen Zeitpunkt abzustimmen, bietet das Spiel eine Kalibrierungsoption, die ihr möglichst vor dem eigentlichen Spielen einstellen solltet, um euch unnötige Frustmomente bereits während des Tutorials zu ersparen.

Spaßiges, sehr herausforderndes Rhythmusspiel mit steil nach oben gehender Motivationskurve.Fazit lesen

Sobald ihr das erste Lied geschafft habt, wird das nächste Stück erst freigeschaltet. Nach und nach bekommt ihr auch Zugang zu Musikvideos anderer Charaktere des Vocaloid-Franchises, die eine breite Vielfalt an J-Pop- und J-Rock-Stücken bereithalten. Daneben lassen sich noch eine ganze Menge an neuen Optionen sich durch erfolgreiche Abschlüsse freischalten, wie etwa die Möglichkeit, im Tausch gegen gewonnene Punkte verschiedene Kostüme für Hatsune Miku und ihre Gesangskollegen zu erwerben. Unter anderem könnt ihr das Zimmer der Guten individuell dekorieren, sie mit netten Gesten bei Laune halten und dadurch wie bei einem Dating-Simulator ihre Zuneigung gewinnen oder dank eingebauter Kamera ein gemeinsames Foto(!) schießen. Genial, oder?! Nötig sind diese ganzen Inhalte natürlich nicht, da das Spiel auch gut alleinstehend von den Musik-Herausforderungen lebt. Die leidenschaftlichen Sammler unter euch werden nichtsdestotrotz bestimmt beim Komplettieren genug zu tun haben und ihren Spaß haben.

Hatsune Miku: Project DIVA F 2nd - Mit Scham, Charme, Epilepsie-, Ohrwurm- und Suchtpotenzial

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Nachdem ihr viele Punkte eingeheimst habt, könnt ihr die Räume von Hatsune Miku und Co. mit erworbenen Bonus-Dekorationen ausstatten oder Kostüme einkaufen.
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Genauso vom Geschmack abhängig sind die Musikvideos, die während der Lieder im Hintergrund abgespielt werden. Wer eine Vorliebe für die japanische Musik- und Popkultur übrig hat und sich nicht von den 3D-animierten, verspielten und herumtanzenden Anime-Jungs und -Mädels abschrecken lässt – was ich von den Reaktionen der Redaktion einmal mehr nicht behaupten kann – wird sicherlich Gefallen an den Clips finden. Diese werden ebenfalls nach erfolgreichem Abschluss eines Stücks in einem Archiv aufgeführt und können separat angesehen werden. Ein durchaus netter Bonus, da ihr euch innerhalb der Herausforderungen ohnehin vorwiegend auf die Knopfangaben konzentriert.

Hatsune Miku: Project DIVA F 2nd fasziniert auf eine schwer zu erklärende Weise, die sich vor allem durch die Motivation auszeichnet, zahlreiche Errungenschaften freischalten zu können. Im besten Falle erwischt ihr euch dabei, wie die Musik ins Blut übergeht und ihr den einen oder anderen Ohrwurm während des Spiels vor euch hinsummt. Einerseits eignet es sich für zwischendurch, andererseits bringt es aber aufgrund des sich langsam steigernden Perfektionswahns immenses Suchtpotenzial mit sich. Auch die Cross-Save-Funktion eignet sich praktisch, um das Spiel gegebenenfalls in gemeinsamer Party-Runde auf der Konsole oder unterwegs auf der PS Vita zu spielen.

Es ist diesbezüglich etwas schade, dass trotz diverser Versionen der aktuellste Titel immer noch keinen Mehrspieler-Modus anbietet. Sofern auch eure Freunde etwas für den verspielten Anime-Stil übrig haben, kann sich das Spiel bei abwechselnder Runde nämlich durchaus als cooler Party-Geheimtipp entpuppen. Aber auch als Einzelspieler wird man mit den rund 40 verschiedenen Musikstücken und mehreren Schwierigkeitsgraden durch genügend Herausforderungen ausreichend bei Laune gehalten.