Es ist ein bisschen deprimierend, wenn man merkt, dass man mit dem Alter nicht weiser geworden ist. Als ich also in der Redaktion auftauchte und alle sagten, es gäbe da ein Spiel, dass ich am besten von unseren Redakteuren testen könnte, hätte ich misstrauisch werden sollen. Im Nachhinein betrachtet hätte mich das Gekicher und die leisen Rufe im Stil von „Gurr gurr“ warnen sollen.

Hatoful Boyfriend - Launch Trailer - PS4 & PS3Ein weiteres Video

Dabei hatte ich schon von Hatoful Boyfriend gehört. Nicht im Detail, aber das Spiel hatte, seit es bereits in einer Gratis-Version erschien, einige Wellen geschlagen. Alles was ich mitbekam: Es ist ein Visual Novel der etwas anderen Art. Was ich nun mitbekommen habe: Ich war nicht hinreichend vorbereitet.

Lassen wir die Katze bzw. Taube aus dem Sack, für alle, die es noch nicht wissen. Hatoful Boyfriend ist von der Formel her ein relativ normaler Visual Novel, mit zwei kleinen Ungewöhnlichkeiten. Zum einen spielt man eine junge Dame namens Hiyoko Tosaka, die an eine von Jungs bevölkerte Schule geht. Das ist eine Umkehr des meist üblichen Schemas, bei dem ein junger Mann an einen Harem von Mädchen gerät. Der andere Twist: Die Jungs sind Tauben.

Hatoful Boyfriend - Geh'n mer Tauben verführen im Park

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Nimmt mir jemand übel, wenn ich einfach unter jeden Screenshot "lol wut" schreibe?
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Ich muss das vielleicht klarstellen. Sie sind keine anthropomorphen Tauben, keine hübschen Bishonen mit etwas Federverzierung oder sowas. Sie sind waschechte und verstörend fotorealistische Federviecher. Und das scheint Hiyoko nicht nur nicht zu stören, nein, sie ist ganz gezielt mit der Absicht losgezogen, diese sprechenden Krankheitsüberträger klarzumachen.

Bevor wir weitermachen (ich schlage vor, dass der nächste Schritt wie folgt lautet: schreien und Gottes Schöpfung verfluchen), möchte ich an dieser Stelle geloben, fortan in diesem Text die Floskel „Turteltauben“ nicht zu verwenden. Sämtliche weiteren Wortspiele mit Tauben oder anderen Vögeln sind allerdings fair game und werden mit voller Härte eingesetzt. Ihr seid gewarnt.

Packshot zu Hatoful BoyfriendHatoful BoyfriendErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Wir wissen nun also, dass Hiyoko gut zu Vögeln ist. Wir erhalten nie so eine richtige Antwort auf die Frage, was es mit den gurrenden Traumtypen auf sich hat. Es wird vage angedeutet, dass die Welt irgendwie postapokalyptisch ist, und ich kann unmöglich der einzige sein, der sie lieber hätte explodieren sehen, als sie von sprechenden Flugratten bevölkert zu wissen.

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Wisst ihr, das Problem ist nämlich, dass ich nicht recht weiß, was ich dazu noch sagen soll.
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So aber stolpern wir mit Hiyoko in die Schule, die, nichts ist zu blöd, St. Pigeonation heißt und eine der führenden japanischen Schulen für Tauben ist. Oh Gott, wie viele dieser Albtraum-Schulen gibt es wohl? Das sadistischste Element des Spiels wird direkt zum Anfang aus dem Weg geräumt. Erinnert ihr euch, wie ich anfangs gesagt habe, die Tauben seien nicht mal im Ansatz menschlich? Das hält das Spiel nicht davon ab, folgende Option zu haben.

Wenn man ein neues Exemplar von dem halben Dutzend Straßenbroiler kennenlernt, die Hiyoko so wuschig machen, kann man sich anzeigen lassen, wie die jeweilige Taube als Junge aussähe. Für einen kurzen, zauberhaften Moment, sieht man das strahlende Antlitz eines wunderschönen Anime-Knaben – dann weicht die Nase dem Schnabel und der kokette Blick dem glotzäugigen und permanent verdutzten Gesichtsausdruck einer... nun, einer Taube eben. Permanent. Eine Option, die Alternativgestalt später noch einmal zu sehen, lässt sich nirgends entdecken.

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Och komm schon, das ist einfach nur fies!
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Das ist für Hiyoko, die ganz offenbar eine Meise unterm Pony hat, so ziemlich die absolute Erfüllung. Für jeden normal denkenden Menschen ist es aber einfach nur grausam. Vielleicht bin ich aber auch einfach intolerant, weil ich den ganz grundlegenden Reiz von Hatoful Boyfriend nicht verstehe. Ich versteh nichtmal, wie ernst bzw. augenzwinkernd die ganze Sache gemeint ist.

Wenn einem von der Grundidee nicht der Kopf oder Kropf platzt, erlebt man einen recht witzigen, aber unspektakulären Visual Novel.Fazit lesen

Offenbar wird vieles parodiert. Hiyoko zum Beispiel wohnt auch, ohne, dass es einen offensichtlichen Grund dafür gibt, in einer Höhle in der Nähe der Schule. Die Dialoge sind gespickt mit Anspielungen auf Filme, Spiele und Memes. Es gibt auch, ganz im Stil einer Dating-Sim, drei Statuswerte, die gesteigert werden können und sogar Auswirkungen haben, deren Höhe aber ziemlich willkürlich wirkt. Wenn eine Figur 600 Punkte Vitalität hat, dann erwarte ich irgendwie eine Art gefährliches oder kämpferisches Element, das ich aber in diesem Fetischstück für Vogelkundler nicht entdecke.

O la paloma kranka...

Ihr merkt, dass ich mich nur zögerlich dem spielerischen Part von Hatoful Boyfriend annähere, und das liegt daran, dass dieser so wahnsinnig überwältigend nicht ist. Zwischen dem etwa halben Dutzend Kandidaten, mit denen Hiyoko dermaleinst Küken zeugen und diesen dann Speisebrei in den Rachen würgen möchte, schießt man sich relativ früh auf einen ein. Jeder von ihnen wird, bis zum Schmuckgefieder, von Hiyoko liebevoll vorgestellt und wir erkennen nicht nur verschiedene Taubenarten (also, wenn man Ahnung von sowas hat), sondern auch sehr klassische japanische Charakter-Archetypen.

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Du bist auch kein Mann. Du bist eine Taube. Ist es ein Pudding für Tauben?
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Da gibt es den traumatisiert-zurückgezogenen Bibliotheksbesucher, den arroganten Schnösel, zu dessen Herz man sich vorkämpfen müsste, den Athleten (der als einziger auch in seiner Jungsform eine Taube ist, tatsächlich in übersetzten Gurr-Lauten redet und fanatisch auf Pudding fixiert ist – Gott sei bei uns) und dergleichen mehr. Ich hatte mich beim ersten Spieldurchgang auf einen weiteren Klassiker eingeschossen: Den viel zu jungen, extrem sanftmütigen und leicht distanzierten Lehrer, der zudem etwas weltfremd ist und eine Macke hat. In diesem Fall: schwere Narkolepsie. Hat schon was, wenn das Objekt deiner Begierde mitten im Gespräch einschläft. Was aber nicht das merkwürdigste an dieser Situation war, angesichts der Tatsache, dass der Kerl immer noch eine gottverdammte Taube ist.

Dann folgt man Texttafeln durch den Schulalltag und kann hin und wieder Entscheidungen treffen. Solange man sich erstmal eine Weile treiben lässt, quasi vogelfrei ist, sind die ersten paar Spieldurchgänge recht normal, auch nach etwa einer halben bis dreiviertel Stunde wieder vorbei und es ist nicht schwer, die normaleren der Enden zu erreichen. Klar, ich will dem Taubenlehrer gefallen, also steigere ich meine Intelligenz durch Taubenmathe im Taubenunterricht und nerve ihn solange, bis er mich unter seine Fittiche nimmt. Gegen Ende erfahre ich dann etwas mehr von ihm, seine Vorgeschichte und seinen emotionalen Ballast, es folgt ein bittersüßes Ende mit einer eher halbgaren Auflösung. Beim nächsten Mal dann analog alles für den Athleten und das Staffellauf-Team usf.

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Das fragt sie JETZT.
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Wie das bei solchen Spielen immer ist, gibt es trotz eher weniger großer Entscheidungen irgendwann sehr viele Verzweigungen, die dazu führen, dass es vierzehn verschiedene Enden gibt. In guter alter japanischer Tradition kommt man dabei nie zum Stich (es gibt offenbar nur diese beiden Optionen: entweder Hardcore-Sex oder gar keine Nähe), und auch, wenn ich nicht prüde bin, danke ich Ra und allen anderen Vogelgottheiten dafür, denn Sexszenen mit Tauben hätten mich in den Vorruhestand getrieben. Die guten ins Kröpfchen, die schlechten... nee, nee, aus, raus aus meinem Kopf!

Dafür gibt es mindestens ein schlechtes Ende, das relativ düster ist, sowas finde zumindest ich immer ganz reizvoll, wenn auch in einem so albernen Spiel leicht schockierend. Ich vermute auch stark, dass man ohne einen Walkthrough oder einen gewissen Grad von Besessenheit die letzten Enden nur sehr schwer finden wird, Visual Novels haben die Angewohnheit, irgendwann eine absurd spezifische Vorgehensweise zu verlangen, um bestimmte Ereignisse zu triggern.

Ich komm mir so albern vor, so normal über das Gameplay zu reden. Aber das muss man, man muss irgendwann diese ganze Nummer mit den Tauben überwinden. Unter einem Let's Play zu Hatoful Boyfriend gibt es einen schönen Kommentar: „Wenn ich dieses Spiel zocken würde und meine Eltern kämen rein, würde ich auf Pornos umschalten – das ist einfach leichter zu erklären.“ Und das stimmt auch, doch die Wahrheit ist, dass das Spiel leider nicht so faszinierend ist wie sein augenscheinlichstes Gimmick. Wer Visual Novels kennt, konnte meine Beschreibung weiter oben höchstwahrscheinlich mitsingen oder -gurren.

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Sexy Tauben in Meido-Kostümen. Ich kann sterben. Mein Lebenszeil ist erreicht.
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Und ein paar nette Gags, Anspielungen und Spleenigkeiten (die Charaktere sagen immer „anybirdie“ statt „anybody“) in den Dialogen reichen nicht, um die Brattaube so richtig fett zu machen. Visual Novels sind, je nach sonstigen Eigenheiten, oft ein sehr passives Genre und die Qualität der Texte und die erlebbaren Stories das A und O.

Und hier ist jenseits des schieren Wahnsinns ein strukturell und stilistisch solides Geschichtchen zu finden, dessen an sich machbare Qualität durch die Tatsache, dass man eine junge Frau spielt, die auf Tauben abfährt, entweder mit etwas Pep gewürzt wird – oder aber gerade im Kontrast zu dieser Idee als ein bisschen lahm daherkommt.