Vom Irrenhaus in die Klosterschule: Jan Müller-Michaelis’ Liebeserklärung an das Adventure-Genre mit dem leicht sperrigen Titel „Edna bricht aus“ zog 2008 so ziemlich allen Hobby-Rätselern und Freizeitirren die Socken aus, vor allem auch dem Kreativleiter von Daedalic Entertainment selbst.

Wer hätte auch im Vorfeld ahnen können, dass ein so klassisches Abenteuer mit gewöhnungsbedürftigem Minimal-Cartoonstil und teils abgefahrenen Kopfnüssen (ich sag nur: Ohrenschmalz) Kritiken wie die unsere provozieren würden, bei der Chefredakteur Matthias, die Augen verquollen vor Freudentränen, tatsächlich 93 Prozentpunkte vergab?

Manche belächelten seine Wertung. Ich nicht. Ich hätte vielleicht nicht ganz so viel vergeben, aber ich verstehe das Urteil. Edna war ein singulärer Anachronismus, im Grunde ein Spiel von gestern, in dem so viel Arbeit, Humor und Spielspaß steckten, dass es zu einem Gottesgeschenk wurde – für all jene, die gerne den wehmütigen Satz „Solche Spiele werden nicht mehr gemacht!“ im Mund führen. Vorzugsweise während sie mit den Dritten auf dem Ende einer Maiskolbenpfeife rumkauen und im Schaukelstuhl wippen. Ein perfekter Harpunenwurf in das Herz nostalgischer Abenteurer, die sich in den achtziger und neunziger Jahren die Frontallappen dusseligrätselten.

Harveys Neue Augen - Falscher Hase, echt der Wahnsinn

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Harvey kriegt neue Augen. Toll, oder?
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Guck mal, Harvey, eine Fortsetzung!

Will sagen: Der Nachfolger beziehungsweise Ableger „Harveys neue Augen“ ist ein Paradoxon, denn gleichzeitig hat er es sehr leicht und unendlich schwer. Die Fans wollen im Grunde noch mal Edna, genauso spleenig und detailverliebt wie vor drei Jahren. Doch der Einschlag, die plötzliche Überforderung unseres Nostalgiezentrums, ist vielleicht nicht reproduzierbar. Und dann ist da natürlich der ungeheure Arbeitsaufwand, der es zum Beispiel Edna erlaubte, bei jeder, aber auch wirklich jeder Kombination von Items einen individuellen, lockeren Spruch abzulassen. Wir haben nicht vergessen, wie Müller-Michaelis' Alter Ego in der Gruppentherapie vor Erschöpfung fast weinte...

Es ist nicht so, dass sich nichts geändert hätte gegenüber dem Vorgänger. Es fängt an mit der Protagonistin: „Harveys neue Augen“ erzählt die Geschichte von Lilli, dem artigsten Mädchen der Welt. Die süße Klosterschülerin mit den blonden Zöpfen tut, ohne zu murren, alles, was ihr die kinderhassende Mutter Oberin Ignatz aufträgt, und ist gerade deshalb nicht sonderlich beliebt. Zudem ist Lilli ein kleiner Tollpatsch, was sie auch bei der Oberin keine Punkte sammeln lässt. Einzig ihre beste Freundin steht immer an ihrer Seite – und das ist Edna Konrad, die vielleicht nicht der beste Einfluss ist.

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Nach einer Reihe von unglücklichen „Zwischenfällen” (die alle von Lilli unter Anleitung von Edna verursacht worden sind) hat Mutter Oberin Ignatz die Faxen dicke. Sie holt einen Therapeuten in die Klosterschule, der den Kindern kurzerhand eine Gehirnwäsche verpassen soll. Natürlich ist besagter Nervenarzt Dr. Marcel, der seit den Ereignissen des ersten Teils im Rollstuhl sitzt. Edna, die um ihre Sicherheit fürchtet, muss einmal mehr ausbrechen, und Lilli ist die Einzige, die helfen kann. Doch Dr. Marcel hat Mittel und Wege, das brave Mädchen zu kontrollieren – eine Hypnosepuppe in Form eines blauen Hasen...

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Die Hintergründe sind wie immer liebevoll gezeichnet.
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Im Laufe des Abenteuers wird Lilli noch eine Reise in ihre eigene Psyche machen und als angehende Psychonautin herausfinden, was sie zum Ticken bringt. Ich hatte schon Gelegenheit, in ein paar dieser Traumwelten hineinzuschnuppern, und muss sagen, dass sie mir gefallen. Der kleine deutsche Vorort mit einzelner Hauptstraße wird zu einer verdrehten Westernwelt und Autoritätsfiguren erscheinen als menschenfressende Riesen. Die Psychowelten bleiben aber (zumindest zunächst) relativ bodenständig, vielleicht hätte man sich hier mehr trauen können.

Im Grunde also „Lilli und Edna brechen aus“, könnte man meinen. Doch tatsächlich haben sich viele Kleinigkeiten in „Harveys neue Augen“ geändert. Zum Beispiel spricht Lilli nicht, jedenfalls nicht richtig. Der bezopfte Dreikäsehoch murmelt, gibt Ja/Nein-Kommentare von sich und kichert oder seufzt hin und wieder. In Dialogen setzt unsere Heldin nur zum Sprechen an, wird dann aber sogleich vom Gegenüber unterbrochen, das dann sowieso von besagtem Thema spricht. „Lass mich raten, Lilli, du möchtest wissen...“, etwa in dieser Art. Das klingt etwas konstruiert, funktioniert aber größtenteils erstaunlich gut.

Es wird nicht überraschen wie sein Vorgänger, dafür aber alle Erwartungen erfüllen. Ein Spiel für alle, die Adventures nicht nur atmen, sondern sogar schnupfen.Ausblick lesen

Auch innere Monologe oder Kommentare zu Aktionen des Spielers werden nicht von Lilli geäußert, und da Harvey eine ganz andere Rolle als die des omnipräsenten Comic-Relief-Sidekicks hat, geleitet uns in solchen Fällen ein Erzähler im zumeist unschuldig-überschwänglichen Märchensingsang durch das Abenteuer. Eine Fehlbesetzung an dieser Stelle wäre kritisch gewesen, doch glücklicherweise gibt Götz Otto den Märchenonkel und ist dabei in Höchstform. Die Pointen sitzen, die Texte werden klug gelesen und nur höchst vereinzelt fragt sich der Spieler, ob eine andere Intonation nicht angebracht gewesen wäre.

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Ansehnlich ist die Spielwelt auch bei Nacht.
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Jan Müller-Michaelis' pfiffiges Skript, das dem von Edna bislang in nichts nachsteht, liefert Otto oder den Edna-Veteranen Alianne Diehl und Alexander Grimm ordentliche Vorlagen, die ausnahmslos verwandelt werden. Überhaupt ist die Sprecherleistung durchweg gut bis großartig: Ob ununterbrochen brüllende Kantinenfrau oder der ängstlichste Wachtmeister der Welt, alle Charaktere sind ulkig konzipiert und dann professionell ins Leben gerufen worden.

Ballon-Schraubenschlüssel? Wirklich?

Ein Wermutstropfen ist die Tatsache, dass die Figuren nicht ganz so durchgeknallt sind, wie es die Irren aus dem ersten Teil waren. Anime-süchtige Schulmädchen, die Sailor Moon für eine politische Agenda halten und daraufhin Pseudo-Revoluzzer werden, sind zwar ganz witzig, können aber dem Bienenmann nicht den Honig reichen. Vielleicht bin ich aber auch nur verbittert, weil Herr Mantel nicht mehr dabei ist.

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Lili harkt Laub im Klosterhof.
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Und natürlich, wir hatten es ja befürchtet: Die individuellen Antworten für jede erdenkliche Aktion des Spielers sind weg. Das ist nur verständlich und realistisch, niemand hätte ernsthaft verlangen können, dass Daedalic denselben „Fehler“ zweimal begeht, so beeindruckend das Ergebnis auch immer war. Es war schlichtweg zu aufwändig und hätte bei Wiederholung Jan Müller-Michaelis diesmal wirklich in die Anstalt gebracht, von Budgetsprengungen ganz abgesehen.

Ich komme dennoch nicht umhin, ein wenig enttäuscht zu sein. Bei Edna war meine Hauptbeschäftigung, alles mit allem zu kombinieren, mit Möbeln zu schwatzen und somit in Ednas Kopf zu stöbern. Und auch, wenn wir in „Harveys neue Augen“ niemals ein generisches „Ich kann das nicht aufheben“ hören, ist der Forscherdrang verflogen. Eine Schande, gerade angesichts der Leistung von Götz Otto, aber wahrscheinlich die bessere Entscheidung.

Das Herzstück sind natürlich die Rätsel, und auch hier gibt es Erfreuliches zu vermelden. Nach nur etwas Um-die-Ecke-Denken und einer kleinen Gewöhnungsphase ist der absolute Großteil der Rätsel logisch und unterhaltsam, für Veteranen schon fast ein bisschen zu leicht. Hat man die Regeln des spleenigen Universums erst mal verstanden und akzeptiert, dass ein alter Mann als Requisite für den Geschichtsunterricht herhalten kann, ergeben sich dank deutlicher Hinweise die Problemlösungen schnell und treiben die Ereignisse voran.

Harveys Neue Augen - Erster Teaser zum Edna-bricht-aus-Nachfolger2 weitere Videos

Manchmal ist die Sequenz nicht logisch („Warum muss ich Schritt B machen, anstatt von A zu C zu springen?“), aber das sind Einzelfälle. Und eines muss ich noch sagen, weil Daedalic es sonst hier vermissen würde: Das Rätsel mit dem aufblasbaren Schraubenschlüssel geht ja mal gar nicht! Buh! Zehn Prozent Abzug in der Wertung!

Technisch und stilistisch hat sich so wenig getan, dass es schon müßig wirkt, darüber zu reden. Lillis seltsame Reise hat denselben handgezeichneten Look, den wir aus dem Vorgänger kennen. Animationen werden mit wenigen Frames erledigt, was dann natürlich etwas hakelig aussieht, aber nicht weiter stört. Finn Seliger untermalt das Geschehen mit melancholisch-bluesigen Melodien, beinahe schon traurig wimmert eine Harmonika über Gitarren-Arpeggios und erzeugt einen wehmütigen Heimatklang. Nicht schlecht, obwohl man sich manchmal fragt, ob das denn immer so gut passt.

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Die Steuerung wurde gestrafft - auch wenn man das auf dem Bild hier nicht sehen kann.
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Die Steuerung ist gestrafft worden, sodass es jetzt pro interaktivem Gegenstand nur zwei kontextsensitive Aktionen gibt, eine ist „Betrachten“, die andere einer der anderen Genre-Klassiker: Aufheben, Benutzen, Sprechen, Vaporisieren und so weiter. Das gestraffte Interface ist funktionell und ergibt Sinn: Lilli würde eh nicht versuchen, eine Person zu öffnen... oder vielleicht doch? In Verbindung mit einer stets einblendbaren Hotspot-Anzeige ist das Lösen der Rätsel sehr komfortabel geworden.

Wie gesagt: vielleicht zu komfortabel. Verbunden mit dem angenehmen Rätselniveau kommt man auch ohne externe Hilfen sehr flott durch das Abenteuer, das vom Umfang her verspricht, etwa so lang wie „Edna“ zu werden, also ungefähr 15 Stunden. Wenn dieses Versprechen mal nicht zu hoch gegriffen ist, unsere Vorschau jedenfalls hat mich nur einen Bruchteil dessen gekostet. Vielleicht hält ja aber die flotte Gangart die Spieler davon ab, mittels einer Komplettlösung durchzuheizen.

Knuddelhasen, Mord und Totschlag

Bevor ich die nahezu uneingeschränkte Lobhudelei abschließe, muss ich jedoch eine Sache erwähnen, die ohne Spoiler nicht über die Bühne gehen wird. Wer sich also nichts verderben will, muss jetzt zur Ausblickseite springen. Mit „Edna bricht aus“ gab es das Problem, dass das abgedrehte Abenteuer oftmals ins Kinderregal wanderte und dort natürlich nichts verloren hatte. Daedalic ist sich dieser Tatsache voll bewusst, quasi der erste Witz des Erzählers ist eine Veralberung dieses Umstandes.

Jedenfalls beschloss man offenbar, „Harveys neue Augen“ in eine etwas erwachsenere Richtung zu lenken, genauer: es etwas morbide und makaber zu gestalten. Meiner bescheidenen Ansicht nach geht die Durchführung dieses Vorhabens ein kleines bisschen zu weit. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Sensibelchen und der Einzige bin, dem es so geht, doch das bezweifle ich. Es geht um Folgendes.

Die besagten Zwischenfälle, die Dr. Marcel auf den Plan rufen, sind alles Todesfälle von Lillis Klassenkameraden. Der erste Akt des Spiels ist ein wahres Schlachtfest, denn während Lilli „völlig unschuldig“ ihre Aufgaben verrichtet, bringt sie peu à peu über ein halbes Dutzend Leute um, teils versehentlich und teils... nun, man weiß es nicht genau. Jedenfalls sterben viele Kinder, und das nicht immer sehr dezent. Allein vier Opfer werden auf verschiedene Weisen erschlagen, der Körper eines anderen hängt nur noch in Fetzen an der Wand und einem Jungen werden bei lebendigem Leibe Haut und Fleisch von den Knochen genagt.

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Ein Innenraum in dre Klosterschule.
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Das ist noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist die Reaktion auf diese Ereignisse, denn Lilli ist in ihrem Kopf viel zu unschuldig für solche Darstellungen, daher quittiert nicht nur Götz Otto die Todesschreie mit Kommentaren wie „Die Tiere draußen im Hof machten heute aber seltsame Geräusche...“. Es ist auch so, dass Lilli, wenn sie an den Ort des Geschehens zurückkehrt, dort nicht sieht, was tatsächlich geschehen ist. Stattdessen sieht sie die „Zensurgnome“, kleine Kartoffelköppe, die alles pink anmalen, was Lilli nicht sehen darf. Das bedeutet, dass besagte Knochen unter einem rosafarbenen Schleim verborgen werden, und im Falle des explodierten Mitschülers werden große Teile der Wände eingefärbt.

Passt auf, ich bin nicht aus Zucker. Ich habe viele kontroverse, gruselige und ekelhafte Spiele gezockt und Filme gesehen. Ich weiß auch, dass Übertreibung der Liebesklave des Internets ist, daher wähle ich die Worte für den nächsten Satz mit großem Bedacht: Ich habe selten etwas gespielt, was mich mehr verstört hat als der erste Akt von „Harveys neue Augen“. Ich verstehe das Anliegen hinter diesen Elementen und kann nicht leugnen, dass sogar diese morbiden Ereignisse theoretisch faszinieren können.

Aber in einem leichtherzigen (wenn auch abgedrehten) Comedy-Adventure mit bestenfalls sporadisch auftretendem schwarzem Humor plötzlich in einem Raum eine Teenagerin zu finden, die von unserer „Heldin“ in den Suizid getrieben wurde und jetzt in einer Schlinge von der Decke hängt, über und über bedeckt von einem rosafarbenen Schleim, der das Ganze abstrahiert und insofern natürlich nicht entschärft, sondern vielmehr die dunklen Ecken der Phantasie anregt – puuuuuuh, das ist harter Tobak, zu harter.

Es verletzt einfach die bis dato aufgebaute Grundstimmung des Spiels zu sehr. Als würde in der Mitte von „Heavy Rain“ plötzlich eine Tortenschlacht stattfinden. Ich bin zuversichtlich, dass „Harveys neue Augen“ bei seinem Erscheinen im August uns wegen anderer Sachen im Gedächtnis bleiben wird – aber wenn nicht, dann kann sich Daedalic das selbst zuschreiben.