Mit Vielem hatte die Zauberwelt gerechnet. Mit Drachen, Dementoren, Riesenspinnen und Todessern. Nicht aber mit engstirnigen Autoren. Diese nötigten Warner nämlich dazu, die Premiere der mittlerweile sechsten Harry-Potter-Verfilmung um acht Monate zu verschieben. Die Leidtragenden waren die Fans, die bereits erwartungsvoll dem Herbst 2008 entgegenfieberten. Der Film fast abgedreht und die Entwicklung des Videospiels ebenfalls in den letzten Zügen. Der Zeitplan stimmte. Aber das ist eben Hollywood.

Zumindest in Bezug auf die verspätete Versoftung wich nach kurzer Zeit die Enttäuschung aus den Gesichtern der Fans. „Gut, dann hat EA Games ein paar Monate mehr Zeit das Potter-Spiel abzurunden“, sagte man sich und meinte bessere Grafik, eine ausgereifte Technik und mehr Tiefgang.

Ob man dem neusten Videospielpendant die zwölf Monate zusätzliche Entwicklungszeit anmerkt, haben wir für euch getestet.

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Er ist der Auserwählte…

Es ist Harrys sechstes Schuljahr in Hogwarts; und vielleicht sein schwierigstes. Denn die einst so idyllische Zauberwelt befindet sich im Rande eines Krieges. Der dunkle Lord ist wiedererstarkt und sammelt seine Gefolgschaft um sich. Die Sicherheitsvorkehrungen, die das Zauberministerium trifft, sind immens. Dennoch ist auch innerhalb der Schulmauern von Hogwarts niemand mehr sicher vor Voldemort und seinen Schergen. So ereignen sich immer wieder Mordanschläge, die Harrys Freunde nur mit Glück überleben.

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In den Duellierclubs probt Harry den Ernstfall. Mit einfachen Zaubern bezwingt er dabei seinen Kontrahent.
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Unterdessen gilt es für Harry in Privatstunden mit Dumbledore die dunkle Vergangenheit Voldemorts zu ergründen. Auch von den Strapazen der Pubertät bleibt der Auserwählte nicht verschont. Da kommt ihm ein mit Notizen prallgefülltes Buch eines gewissen Halbblutprinzen gerade recht. Mit diesem dubiosen Werk gelingt es ihm zumindest den Schulalltag einigermaßen zu meistern. Doch wer ist eigentlich dieser Halbblutprinz und welche Verbindung gibt es zwischen ihm und Voldemort?

Das sind die beiden zentralen Fragen, die sowohl im Roman, als auch im kommenden Sommerblockbuster beantwortet werden. Was das Spiel zum Film angeht – hier klaffen gewaltige Lücken in Sachen Hintergrundgeschichte.

Zauberhafte Zeitsprünge

Handlungsstränge, die im Buch ganze Seiten füllen, werden hier stark verkürzt dargestellt. Manche gar komplett ausgelassen. Die Mordanschläge an Ron Weasley und Katie Bell beispielsweise werden in den Zwischensequenzen nur ansatzweise thematisiert. Die Tragweite der Figur Horace Slughorn, Harrys Lehrer in Zaubertränken, kommt kaum zur Geltung. Die Liebesgeschichte zwischen den einzelnen Figuren wird auf Soap-Niveau gekürzt.

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Die Ingame-Zwischensequenzen sollten dem Spieler die Hintergrundgeschichte näher bringen. Leider sorgen sie aber meist nur für Verwirrung.
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Kann es sein, dass die Entwickler nicht allzu viele Szenen aus dem Film preisgeben wollten? Vielleicht. Fakt ist aber, dass ganze Buchkapitel auf wenige Sekunden komprimiert werden.

So dürften Neulinge mit der Story komplett überfordert sein. EA hangelt sich wie ein Äffchen von Ast zu Ast, von Schauplatz zu Schauplatz und streift dabei nur die nötigsten Punkte von Rowlings sechstem „Harry Potter“-Abenteuer. Selbst eingefleischte Fans müssen sich vorkommen, als ritten sie auf einem Nimbus 10.000 durch das Potter‘sche Universum.

Die Melkmaschine EA schlägt erneut zu und macht aus einem Action-Adventure eine kurzweilige Minispielsammlung – zum Leid der Fans.Fazit lesen

Ein Beispiel für Kenner: Bereits nach sechs Minuten Spielzeit befindet ihr euch in Hogwarts, nach weiteren zehn Minuten dürft ihr das Buch des Halbblutprinzen euer Eigen nennen und nach etwas mehr als einer Stunde wisst ihr auch über Horkruxe Bescheid. Nach gerade einmal fünf Stunden habt ihr das Abenteuer beendet.

Rührbesen

Gestreckt wird diese kurzweilige Schnitzeljagd innerhalb Hogwarts durch drei Minispiele, die in nerviger Häufigkeit wiederholt werden. So muss sich Harry zum einen wieder einmal im Quidditch beweisen.

Einst war dies ein angesehener Besensport, dem EA Games sogar ein eigenes Spiel widmete. Im neusten Potter-Teil verkommt Quidditch zu einem müden Abklatsch. Denn statt frei wie ein Vogel durch die Luft zu fliegen und dabei nach dem Schnatz Ausschau zu halten, wird Harry wie auf Schienen hinter der goldenen Kugel hergezogen. Die Kamera fixiert das Ziel automatisch und schwenkt bei jedem Richtungswechsel mit.

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Die Grafik wirkt in vielerlei Hinsicht veraltet. Die Wandtexturen sind schwammig, die Lichteffekte hätten besser ausfallen können.
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Während dieser Achterbahnfahrt müsst ihr lediglich darauf achten Hindernissen auszuweichen und durch sternförmige Tore zu fliegen. Verpasst ihr zu viele Tore, verliert Harry an Geschwindigkeit und der Schnatz rückt in weite Ferne. Dank des Autopiloten, der euch knapp achtzig Prozent der Arbeit abnimmt, ist das jedoch die Seltenheit. Immerhin lassen sich durch verschiedene waghalsige Manöver Abzeichen verdienen. Vielleicht ein weiterer Ansporn für ehrgeizige Spieler. Jedoch sind selbst viele Minispiele im Internet anspruchsvoller als diese automatisierte Flugshow.

Wer die Herausforderung sucht, sollte sich dem Brauen von Zaubertränken widmen und Professor Slughorns Unterricht oder den Zaubertrankclub besuchen. Hier gilt es verschiedene Zutaten in der richtigen Reihenfolge und in der richtigen Menge in den Zaubertopf zu schütten, bis das Gebräu eine bestimmte Farbe annimmt. Gekocht wird nach Rezept. Mit dem linken Analogstick führt ihr dabei Flaschen und Reagenzgläser über den Topf, mit dem rechten kippt ihr die Zutat hinein.

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Meinnn Schnaaatz! Endlich haben wir das goldene Kügelchen gefangen – besonders angestrengt haben wir uns dafür aber nicht.
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Der Schwierigkeitsgrad steigt dabei rapide an. Später müssen manche Zutaten erst geschüttelt werden, bevor sie in den Topf kommen, bei anderen Ingredienzien wie Würmer oder Rattengedärme muss genau gezielt werden, damit sie nicht neben der Feuerstelle landen. Auch muss der Kessel ordentlich befeuert werden. Bei Fehlern entsteht Rauch, der durch Drücken der Schultertasten verschwindet. Aber Vorsicht: Die Zeit läuft bei allen Aktionen gegen euch.

Ich fordere dich zum D-D-D-D-Duell!

Um den Todessern die Stirn bieten zu können, reichen Liebestränke und Besenakrobatik jedoch nicht aus. Nur im Zauberduell kann Harry den dunklen Lord und seine Gefolgschaft besiegen. Um für den Ernstfall zu Üben, empfehlen sich daher die hauseigenen Duellierclubs.

Hier trainiert ihr Zaubersprüche, die euch im Kampf mit den Todessern und anderen Schülern helfen. Denn allzu oft werdet ihr beim Sprint durchs Schloss von Malfoys Lakaien herausgefordert. Spätestens aber im Finale müsst ihr gegen Bellatrix Lestrange euren Mut beweisen. Mit Zaubern wie „Stupor“, „Expelliamus“, oder „Petrificus totalus“ setzt ihr euren Feinden dann kräftig zu.

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Immer wieder werdet ihr von Malfoys Lakaien zum Duell herausgefordert. Am Anfang wirken diese Kämpfe noch spannend.
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Der rechte Analogstick kommt erneut zum Einsatz. Die Steuerung ist jedoch derart simpel, dass ihr erst am Ende Probleme in den Duellen haben dürftet. Drückt ihr den Stick beispielsweise kurz nach oben, schleudert ihr eine Salve magischer Geschosse auf den Gegner. Drückt er ihn nach unten, so erzeugt ihr ein Schutzschild um euch. Oftmals genügen euch diese Fähigkeiten auch, um den Gegner in die Knie zu zwingen.

Dies liegt jedoch nicht an einer schlechten KI. Sie reagiert und agiert geschickt, die Gegner weichen aus oder lenken eure Zauber ab. Es ist der Handlungsspielraum, der wie auch im Quidditch den Spielspaß verdirbt. Deckung gibt es keine, das Duellfeld ist begrenzt, die Zauber treffen in der Regel immer ihr Ziel, das Repertoire ist ebenso begrenzt. Fortgeschrittenen fehlt schlichtweg der Anspruch.

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Zwar sehen die Charaktermodelle ihren realen Vorbildern zum Verwechseln ähnlich. Der Detailgrad hätte jedoch höher ausfallen können.
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Langzeitmotivation entsteht somit – wenn überhaupt – nur im Multiplayermodus für zwei Spieler. Dem besten Freund einmal in einem waschechten Duell in Pottermanier den Stab aus der Hand zu zaubern, ist doch etwas anderes, als zum gefühlten hundertsten Mal gegen den Computer zu gewinnen.

Jagen und Sammeln

Wirklich gefallen dürfte das Spiel also nur Sammlern. Zum einen, weil sich die Xbox 360-Achievements sehr einfach freispielen lassen und auch die Abzeichen bei Quidditch, Duell und Zaubertrankbrauen mehr als einfach zu verdienen sind. Zum anderen, weil EA die Größe von Hogwarts nutzt, um ein Sammelsystem einzubauen und dafür größtenteils auf Nebenmissionen verzichtete.

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Die Spielzeit ist erschreckend. In nur 5 Stunden habt ihr das Abenteuer erfolgreich beendet. Zählt man die Zwischensequenzen nicht mit, sind es gerade einmal 3 ½.
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So sucht ihr zwischen den Minispielen im ganzen Schloss nach Wappen, die in den verschiedensten Ecken versteckt sind. Zudem könnt ihr mit dem Wink eures Zauberstabs zahlreichen Gegenständen Mini-Wappen entlocken. Habt ihr genug davon einkassiert, setzen die sich zu einem großen Wappen zusammen. Ab einer gewissen Anzahl gesammelter Exemplare werden zusätzliche Inhalte und Erfolge freigeschaltet.

Während Voldemort also vor den Burgmauern lauert und Menschen und Magier tötet, sprintet ihr in Hogwarts umher, sammelt Wappen, braut Tränkchen, spielt Quidditch und duelliert euch. Klingt komisch, aber das sind eure einzigen Aufgaben.

Technisch unverändert

Im Hinblick auf die Technik fällt das Urteil vernichtend aus. Im Vergleich zum direkten Vorgänger, der im Juni 2007 erschien, hat sich in Sachen Grafik nichts verändert. EA nutzt die gleichen schwammigen Texturen, die gleichen Charaktermodelle mit ihren kantigen Gesichtern, die gleichen verbesserungsbedürftigen Effekte. „Die Liebe steckt im Detail“, urteilten wir damals. Nun ja, am Detailgrad hat hier niemand geschraubt.

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Den Minispielen mangelt es an Abwechslung und Anspruch. Außerdem wiederholen sie sich zu oft. Nervig!
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Geschraubt wurde dann schon eher am Fehlergrad. Die Sprachausgabe ist beispielsweise nicht lippensynchron. Oft spricht ein Charakter, wobei die Lippenbewegung zu spät oder gar nicht einsetzt.

Apropos Sprachausgabe. EA mag zwar die deutschen Synchronsprecher des Films verpflichtet haben, wirklich gerne scheinen die Personen hinter den Mikrofonen ihre Aufgabe nicht zu machen. Müde gesprochene Sätze, kaum Intonation und wenig Herz. Immerhin können die Effekte und die Hintergrunduntermalung überzeugen und ein Funken Potter-Atmosphäre vermitteln.

Was die Steuerung angeht. Ein Schelm, wer hier vermutet, dass die Wii-Steuerung 1:1 für die Xbox 360 umgesetzt wurde, um Kosten zu sparen – zulasten der nutzerfreundlichen Bedienung versteht sich. Aber das war ja bereits im Vorgänger schon so.