Wenn es um den reinen Spielspaß geht und das Preis-Leistungs-Verhältnis, könnte ich in endlose Jubelhymnen verfallen. Viermal Halo auf einer Disc, inklusive des endlos beliebten Mehrspieler-Modus' aus Halo 2. Zum Preis von einem Spiel. Klingt fast wie das Angebot eines Marktschreiers. „Komm'se ran, treten'se näher, hier gibt es Sci-Fi-Shooter-Action, bis es ihnen zu den Ohren rauskommt.“ Hat dennoch etwas von einer Verzweiflungstat. Diese Veröffentlichung ist ein Totschlagargument für die bislang oft verschmähte Xbox One und könnte doch so viel mehr sein.

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Zuallererst muss ich klarstellen, dass dieser Test in zwei Hälften aufgeteilt wird, nämlich die Kampagnen samt Technik und den Mehrspieler-Modus. Letzterer ist zwar schon verfügbar, macht aber wenig Sinn, wenn man einsam auf großen Karten spazieren geht. Der Multiplayer-Test wird in einigen Tagen nachgereicht.

Bei den Kampagnen möchte ich hingegen gleich auf den Punkt kommen, denn Halo-Fans brauchen an dieser Stelle weder eine Nacherzählung der Handlung noch großes Gewäsch über die Erfolgsgeschichte der Marke. Das überlasse ich mal getrost Microsoft und 343 Industries, siehe deren Video-Coverage. Halo ist Xbox, egal in welcher Variation. Für das Shooter-Genre auf Konsolen wegweisend, gefeiert, verehrt, millionenfach verkauft.

Halo: The Master Chief Collection - Spaßiger Notnagel

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Ein Knopfdruck genügt, schon schaltet ihr bei Halo 1 und 2 zwischen dem Original und der Neuauflage hin und her.
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Das muss genügen, denn die Qualität der Reihe im Kontext ihrer Erscheinungszeiträume steht außer Frage. Was bei dieser Umsetzung am ehesten quer läuft, ist die Suche nach dem Sinn. War es wirklich nötig? Beziehungsweise für wen oder was? Für den Halo-Fan? Für Microsoft? Oder für das Portfolio der Xbox, die mit Halo erwartungsgemäß besonders gut über den Ladentisch geht. So wie mit Mario bei Nintendos Konsolen.

Nun, dem Fan ist wenig vorzuwerfen. Er kann sich ja entscheiden, ob er die ersten vier Halo-Klassiker noch einmal spielen will oder eben nicht. Für Microsoft? Na hallo, die Kasse klingelt doch. Und für die Xbox One? Öhm, nö.

Und warum? Weil keines der vier Halos Aufschluss über die Leistung der Xbox One gibt. Weil abseits von Teil 2 – dem Herzstück der Kompilation – Xbox-360-Qualität mit schärferen Texturen und knackigerem Sound vorherrscht. Weil vier echte Neuauflagen besser gewesen wären als eineinhalb.

Packshot zu Halo: The Master Chief CollectionHalo: The Master Chief CollectionErschienen für Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Und dann auch noch technisch unsauber umgesetzt. Mensch, Microsoft, war es denn so dringend?

Warum stottert beinahe jede Echtzeit-Zwischensequenz in der aufpolierten Anniversary Edition von Halo 1? Warum fällt die Bildrate bei hohem Feindaufkommen ab? Warum ist die Sprachausgabe asynchron und läuft auch abseits der Zwischensequenzen zu schnell? Warum lenkt sich der Warthog noch noch immer so besch... eiden und kippt bei jedem Windhauch aufs Dach? Die Antwort: Weil der Erstling selbst in seiner aufpolierten Version dem Zahn der Zeit nicht widerstehen konnte. Das gilt sowohl spielerisch als auch technisch, was in PAL-Regionen offenbar mehr Opfer fordert als in den USA. Stichwort 50-Herz-Konvertierung bei den Sprachaufnahmen.

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Halo 3 und 4 liegen unverändert vor, wirken dank der nativen 1080p-Auflösung aber einen Tick schärfer.
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Das Ergebnis ist weit davon entfernt, eine Katastrophe zu sein. Die Xbox-360-Version der Anniversary Edition wurde einst warm empfangen. Der Nostalgiefaktor übertüncht angestaubte Stilmittel und selbst wenn einem die modernisierte Grafik auf Xbox-360-Niveau nicht gefällt, genügt ein Knopfdruck, um das (stets flüssige) Original auf den Bildschirm zu zaubern. Jeder, der hier die Kompilations-Keule schwingt und siebzehn Euro Kostenanteil aufrechnet, hat vollkommen recht. Schande über mich, dass ich mir eine bessere, geschliffene Variante wünsche, die wie Butter läuft und nach aktueller Konsolengeneration aussieht. Böser verwöhnter Redakteur! Immerhin gehören so Besserwisser wie ich immer zu den ersten, die Spielspaß vor Grafik stellen und die gelegentlichen Bildrateneinbrüche sind streng genommen Anwärter für die pingeligste Erbsenzählerei des Jahres 2014.

Halo ist noch immer sehr unterhaltsam und die Kompilation günstig, aber 343 scheut das Risiko einer echten Modernisierung. Da wäre mehr möglich gewesen.Fazit lesen

Aber wenn Halo 1 nun mal zwölf Jahre auf dem Buckel, ein Remastering überstanden und spielerisch die besten Tage hinter sich hat, meckere ich trotzdem. Das ist nicht schön und schon gar kein Kompliment für die Xbox One, native 1080p-Auflösung hin oder her.

Verpackungsmaterial für Halo 2

Unterm Strich geht es nur um das berühmte Angebot, das man nicht ausschlagen kann. Halo 3 und 4 ohne Remastering mit auf der Disc? Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, da mag die Diskrepanz in der Qualität zwischen Teil 1 und 4 noch so groß sein. Soll heißen, Halo 4 sieht (im Gegensatz zu Halo 1) angesichts seiner Xbox-360-Wurzeln noch immer verdammt gut aus und läuft technisch einwandfrei. Nur ist die Chance groß, dass der geneigte Shooter-Freund es erst vor kurzem ausgekostet hat.

Ich möchte gar nicht abstreiten, dass echte Fans der Serie mit der Sammlung wenig falsch machen können. Die ganze Geschichte rund um den Super-Spartan Master Chief, seinen Sidekick Cortana und die böse Allianz am Stück durchspielen? Kein Problem, abseits der Titelbildschirme fehlt rein gar nichts. Das sind mindestens 30, wenn nicht 40 Stunden Spielspaß. Nicht einmal beim Gamerscore wurde geknausert: 4000 Punkte warten auf Freischaltung. Jede Kampagne darf in beliebiger Reihenfolge angegangen werden, wird separiert gespeichert und zählt fleißig Statistiken.

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Die Neuauflage von Halo 2 erreicht nur selten aktuelles Grafikniveau, läuft nur auf 1360 x 1080 Pixel und bricht trotzdem gelegentlich in der Bildrate ein.
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Und doch stellt das alles nur eine Knautschzone für Halo 2 dar, dessen neuer Grafikanstrich als Kernargument der Sammlung herhält. Sieht definitiv schicker aus als der erste Teil, ist knackiger beleuchtet, leidet unter weniger Ruckelanfällen. Aktuelle Grafikqualität ist trotzdem etwas anderes.

Es gab Momente, an denen ich per Knopfdruck zwischen Original und verbesserter Version hin und her schaltete, aber ums Verrecken nicht erkennen konnte, welche die modernere war. Kein Witz. So richtig auffällig wird es nur bei allem was leuchtet oder von einer Lichtquelle angestrahlt wird. Schutzschilde werden erheblich schärfer gezeichnet, Waffenfeuer erhellt die Umgebung deutlicher, gut ausgeleuchtete Räumlichkeiten spielen mit den (noch immer ziemlich groben) Schatten. Gut, aber nicht herausragend. Dabei hätte ich erwartet, dass mich die Texturqualität von den Socken haut.

Halo: The Master Chief Collection - gamescom-Screenshots zeigen unter anderem Unterschied zum Original

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Ist aber nicht so, und da Halo 2 als einziges Spiel der Sammlung nicht in nativem Full HD berechnet wird, sondern in 1360 x 1080, kochen meine Lobeshymnen für die Technik auf kleiner Flamme. Zugegeben, die ein oder andere Stelle sorgt durchaus für offene Münder und nutzt das Setting weit besser als die Vorlage. Obendrein implementiert 343 völlig neue Zwischensequenzen mit leckerer vorgerenderter Grafik, es gibt also schöne Ecken zu entdecken. Wollte man Halo 2 aber wirklich ehren und für Neulinge attraktiver machen, so hätte man sich die Umschaltoption gespart, dadurch mehr Ressourcen freigelegt und mal Nägel mit Köpfen gemacht statt halbgarer Kompromisse. Wo sind technische Spitzfindigkeiten geblieben? Tessellation, mehrschichtige Tiefentexturen und so weiter.

Ein Glück, dass Halo 2 spielerisch über alle Zweifel erhaben bleibt. Spielablauf und Handlung wirken weniger angestaubt als bei Teil 1 und übertrumpfen meiner Meinung nach sogar den dritten Ableger. Reicht das für ein weihnachtliches Festgelage? Muss jeder selbst entscheiden. Wenn ihr mich fragt, dann nicht. Notnagel, Almosen-Sammelparade, Pflichtübung...nennt diese Sammlung, wie ihr wollt.

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Halo 2 hielt dem Zahn der Zeit deutlich besser stand als der Erstling. Rein spielerisch gibt es an dieser Sammlung wenig auszusetzen.
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Harte Zeilen, die ich keineswegs aus Boshaftigkeit oder Verärgerung wähle, sondern des schieren Umstands wegen, während meiner Testrunden nie richtig gefesselt worden zu sein. Am Umfang ist mit acht bis zehn Stunden je Ableger nichts zu rütteln, aber wenn das Erlebnis nie richtig Fahrt aufnimmt, ja trotz Grafikupdate auf der „Kenn' ich schon“-Checkliste vor sich hin plätschert, dann fehlt offensichtlich etwas.

Um so wichtiger erscheint mir eine gerechte Bewertung des Mehrspieler-Anteils, denn der dürfte den Gesamteindruck erheblich verbessern. Seht euch einfach mal die Statistik der PC-Version von Halo 2 an. Deren Server wurden erst 2013 abgeschaltet, nach neun Jahren Dauerbetrieb. Muss ich mehr sagen?