Rücksicht hin, Rücksicht her, irgendwann ist Schluss mit lustig. In dieser Konsolengeneration gehört es offenbar zum guten Ton, mindestens einen potenziellen Hitseller mit massiven Programmfehlern auf den Markt zu bringen. Dass ausgerechnet die heiß erwartete Halo-Kompilation Sonys Unglücksraben DriveClub nacheifert, verheißt nichts Gutes. Unser Multiplayer-Test zu Halo: The Master Chief Collection kann nicht durchgeführt werden – eine Gesamtwertung bleibt trotzdem nicht aus.

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Programmflicken und nachgereichte Daten nerven gewaltig. Day-One-Patch nennt man es heute, wenn ein Hersteller sein Programm erst in letzter Sekunde fertigstellt. Nichts gegen die Möglichkeit, Fehler auszubessern, aber die Entwicklung des Videospiele-Marktes verläuft in eine völlig falsche Richtung.

Was tönte Microsoft noch vor einem Jahr, man habe ja ein Einsehen gehabt und der Xbox One den Online-Zwang genommen. Da frage ich mich: Wo liegt der Unterschied, wenn ich sowieso kaum ein Spiel ohne obligatorischen Day-One-Patch auskosten kann und permanent online Verbesserungen abgreifen muss, um die beste Spielerfahrung zu bekommen?

Wobei das Wort Patch (zu Deutsch: „Flicken“) bei Halo: The Master Chief Collection maßlos gestreckt wird. Halos Day-One-Patch birgt den Umfang von etwa einem Drittel des Spiels.15 Gigabyte bringen in der Theorie alle Multiplayer-Modi und Detailverbesserungen auf einen Schlag mit, funktionieren aber trotzdem nicht richtig und löschen obendrein den Spielstand der Einzelspieler-Kampagne.

Halo: The Master Chief Collection (Multiplayer-Test) - Das nächste Online-Desaster nach DriveClub

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Na, läuft euch da das Wasser im Munde zusammen? Blöd, denn derzeit werdet ihr kaum einer Online-Partie beitreten können.
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Karl Konsolero, der auf dem Land lebt, wird also einige Abende die Kampagne auskosten, während er tagsüber zur Arbeit geht und währenddessen die 15 GB des sogenannten Patches (Witz komm raus) herunterlädt, nur um festzustellen, dass die Installation des monströsen Datenpakets ihm praktisch nichts brachte und jeden bisher erlangten Erfolg vernichtet. Oh frohlocket! Da bekommt man mal richtig was für seine 69 Euro.

Was wird der Sohnemann doch am Weihnachtstisch beim Anblick der Update-Benachrichtigung strahlen: „Halo: TMCC benötigt ein Update von 15 Gigabyte. Feier mal weiter und komm morgen wieder. Denn du weißt ja, selbst wenn du über VDSL verfügst, benötigen unsere Server zum Ausliefern immer fünfmal so lange wie nötig“. Ja, ihr wisst schon, die letzten zwei Sätze stehen nicht auf dem Bildschirm, die denkt man sich. Auch kann ich nicht mit Sicherheit nachvollziehen, ob der Patch bei jedem Käufer den Spielstand löscht.

Packshot zu Halo: The Master Chief CollectionHalo: The Master Chief CollectionErschienen für Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Wie soll man so etwas bitte bewerten? Da kann ich noch so sehr in Lobeshymnen über die dichte Sci-Fi-Stimmung und den bemerkenswert flüssigen Spielablauf in den Kampagnen verfallen. Wenn einerseits ein Drittel des Spiels erst online nachgeliefert wird und es andererseits trotz diverser Updates und Serververbesserungen nicht funktioniert, dann ist das Produkt auf gut Deutsch für die Tonne.

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Sniper!
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Selbstverständlich relativiert der Umfang der Sammlung das Urteil. Wie schon im Einzelspieler-Abschnitt zu diesem Test erwähnt, geht es um ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann. Vier Halos auf einen Schlag, davon drei Teile in Qualität der letzten Konsolengeneration und ein Teil in einem halbherzigen, um nicht zu sagen übereilten Neuzeit-Aufguss. Trotz Bildeinbrüchen, Ruckeleinlagen und der verminderten nativen Auflösung von 1360 x 1080 Pixeln zählt Halo 2 alleine bereits als zugkräftiger Kaufgrund. Da nimmt man drei grafisch kaum aktuelle, aber immerhin in Full HD laufende Dreingaben glatt mit, ohne mit der Wimper zu zucken.

Nur ist eine Woche viel Zeit in der Welt der First-Person-Shooter. Echte Halo-Fans knackten wahrscheinlich schon vor Tagen alle vier Story-Stränge und begnügen sich höchstens noch mit den Koop-Kampagnen, die man online mit drei weiteren Teilnehmern bestreiten darf. Dieser Teil des Online-Modus' funktioniert glücklicherweise oft, sofern man denn eine direkte Verbindung mit Freunden herstellt. Es bleibt jedoch die Gefahr eines Programmabsturzes beim Laden eines neuen Levels, was sogar noch deutlicher wird, wenn man mal wider Erwarten eine Zufallsrunde im VS-Modus des Mehrspielers zustande bekommt (was sich übrigens anfühlt wie ein Lottogewinn).

Sucht...

An sagenumwobenen drei Runden Halo 2 mit klassischen Viererteams konnte ich innerhalb von zehn Tagen Testzeit und sieben Tagen auf dem freien Markt teilnehmen. Während dieser drei Schlachten wurde ich bestens unterhalten, auch wenn mir Halo 2 sehr deutlich vermittelt, wie sehr ich mit steigendem Alter eingerostet bin. Aber ein ernstzunehmendes Urteil über den Spielwert kann ich anhand dieser Recherche nicht sprechen.

Es kommen keine Verbindungen abseits privater Sitzungen zustande. Peinlich, angesichts der hohen allgemeinen Qualität der Serie!Fazit lesen

Ich würde ja gerne behaupten, der Online-Code generiere keinerlei nachvollziehbare Lags, das Spielprinzip garantiere dank toller Maps und prima ausbalancierter Bewaffnung noch immer einen Heidenspaß. Im laufenden Gefecht gibt man wenig auf die relativ matschige, aber jeder flüssig laufende laufende und nie stotternde Grafik. Ja, ich hatte meinen Spaß, bis zu dem Moment, als das Programm abstürzte und mich zu einem Neustart zwang. Regelmäßig nach jedem Ergebnis-Bildschirm, pünktlich wie ein Uhrwerk, landete ich ohne große Ankündigung auf dem Dashboard der Konsole und durfte die langwierige Startsequenz von Neuem initiieren.

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Immerhin läuft der Einzelspieler reibungslos.
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Das ist durchaus ein Eindruck. Nur kann das nach drei Sitzungen unmöglich als allgemeingültiges Urteil durchgehen, denn streng genommen bestanden 99 Prozent des Online-Modus für mich aus dem Beobachten des fehlerhaften Matchmakings. Lässt sich nur leider schwer positiv vermitteln. Däumchendrehen liefert nämlich wenig Langzeitmotivation. Von den spärlichen Spezialeffekten (drei Punkte hinter dem Wörtchen „Sucht“, die sich ständig neu aufbauen) ganz zu schweigen. Immerhin: Der Soundtrack in den Menüs ist der Hammer.

Genügt hinten und vorne nicht. Über 100 Mehrspieler-Karten (25 je Ableger plus zusätzliche Abwandlungen, etwa in einer sagaüberspannenden Mehrspieler-Variante, sowie zahlreiche Modi wie Capture the Flag, King of the Hill und Territorienkampf) und ich habe gerade mal drei gesehen. Eigene Sitzungen dürfen sogar im Reglement abgewandelt und besonders gelungene Einsätze in einem Wiederholungs-Kino begutachtet werden. Auf der anderen Seite lachen sich PC-Spieler schon bei der Erwähnung einer Vier-gegen-vier-Aufstellung scheckig. 16 Teilnehmer versprechen die Tooltipps des Menüs immer wieder. Noch immer nicht viel, aber doch heftiger als ein Acht-Mann-Pustekuchen, wenn das Matchmaking streikt.

Wenn überhaupt, funktionierte nur die Variante im klassischen Halo-2-Stil. Die übrigen Teile existieren zum augenblicklichen Zeitpunkt nur als Menüeintrag samt „Sucht...“-Status. Wenn das einem Indie-Entwickler auf Drittanbieter-Servern passiert, drückt man gerne noch ein Auge zu. Aber nicht 343 samt dem Riesen Microsoft im Rücken. Da ist genug Kapital vorhanden, als dass man die Belegschaft verdoppeln könnte, um das Spiel samt Server in vollem Funktionsumfang fertig zu bekommen. Das rechnet sich natürlich nicht, aber ich sehe auch keinen Grund, warum Käufer das ausbaden sollten, und sei es nur über einen begrenzten Zeitraum.

Halo: The Master Chief Collection (Multiplayer-Test) - Das nächste Online-Desaster nach DriveClub

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Vorbesteller erhalten Zugang zur Halo-5-Beta, aber nach wie vor keinen funktionierenden Online-Modus.
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Vorbesteller und Day-One-Käufer, was hatten sie von ihrem Einsatz? Wer die Halo-Sammlung einzig und allein wegen der Mehrspieler-Gefechte kaufte, wurde bislang um sein hart verdientes Geld gebracht. Bonus-Features, Halo Begleitserie (Nightfall), späterer Zugang zur Halo-5-Beta.... wenn ich so etwas schon höre, werde ich sauer. Macht mal lieber das vorliegende Spiel fertig, 343 und Microsoft! Wenn das eigentliche Spiel nicht komplett ist, verliert jeder nebensächliche Inhalt seinen Wert. Hatte ich schon erwähnt, dass der Vorbesteller-Content im Falle des digitalen Erwerbs nicht verfügbar ist, weil die Xbox One ständig das Einlegen eines handfesten Datenträgers verlangt, um das „BUMM-Schädel“-Paket herunterzuladen?

Mich persönlich betrifft es ja aufgrund des bereitgestellten Testmusters nicht, aber normale Kunden sollten mal mit dieser Einstellung antreten. Am besten beim nächsten Händler einreiten, auf dicke Hose machen, Halo: TMCC für einen Zwanni mitnehmen und dann versprechen, man zahle den vollen Preis irgendwann demnächst - über einen Patch aus fünfzehn Kilo Centstücken.