Der Remake-Wahn hält nicht nur Hollywood seit Jahren fest in seinem lähmenden Griff, auch die deutlich jüngere Spielindustrie beackert immer öfter bereits bestellte Felder. Mit „Halo: Combat Evolved Anniversary“ kehrt man nun jedoch anlässlich des zehnjährigen Jubiläums zu einem der wirklichen Shooter-Klassiker zurück.

Halo: Combat Evolved Anniversary - Launch Trailer

Das Ballerspiel von 2001 ist deshalb so bedeutsam, weil es einerseits dieses Genre aufgrund ausgefeilter Spielmechaniken für die Konsole salonfähig machte. Außerdem ebnete das erste Halo als Exklusivtitel Microsofts erster Spielkonsole, der Xbox, den Weg.

Nachdem der Ur-Entwickler Bungie sich nach „Halo: Reach“ von der Serie verabschiedete, entstand die Neuauflage nun unter der Ägide von 343 Industries im russischen St. Petersburg bei Saber Interactive. Trotz dieses Stabwechsels können alle Fans aufatmen, inhaltlich nahm man an der sakralen Vorlage praktisch keine Änderungen vor. Die größten Umwälzungen gibt es demnach naturgemäß im Bereich Grafik zu vermelden, die auf HD-Verträglichkeit getrimmt ist.

Alle Levels - auch und vor allem die berüchtigte "Bibliothek" - erstrahlen in intensiveren Farben, die Texturdetails erreichen ein viel höheres Niveau, die gesamte Welt besitzt mehr Tiefe, sieht deutlich lebendiger, stimmungsvoller und natürlicher aus. Allein die hübschen Lichteffekte erzeugen Eindrücke, die man dem in wenig Würde gealterten Spiel kaum zugetraut hätte.

Halo: Combat Evolved Anniversary - Zehn Jahre später - der Helm sitzt

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Viele der Effekte sehen jetzt besser aus.
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Optischer Zuckerguss

Wer das nicht glaubt oder das Original nie gezockt hat, kann das bequem selber nachprüfen. Jederzeit (außer in Zwischensequenzen) wechselt ihr auf Knopfdruck von der klassischen Ansicht in die aufgepeppte Version und zurück. Dabei entsteht jeweils lediglich eine kurze schwarze Überblende, die nicht besonders störend ist. Denn seien wir ehrlich, warum sollte man sich die über weite Strecken ziemlich karge, detailarme Optik des 2001er-Werkes länger antun als nur zu gelegentlichen Vergleichszwecken?

Trotz der gravierenden grafischen Unterschiede hinterlässt die Anniversary-Edition dennoch nur einen guten, aber keinen sehr guten Eindruck. Viel mehr war aus der Vorlage vermutlich einfach nicht herauszuholen.

Das gilt wohl insgesamt für die gesamte Engine, denn wie vor zehn Jahren hat man das stets vorhandene Ruckeln, die instabile Framerate nicht in den Griff bekommen. Es ist wohl einer der größten Schwachpunkte des Remakes, empfindliche Naturen können sich an diesen immer wieder auftretenden Verzögerungen, aber auch einigen Clipping-Fehlern stören. Trotzdem ist diese Fassung selbst im Classic-Modus der vor geraumer Zeit veröffentlichten On-Demand-Version deutlich vorzuziehen.

Da man die Ur-Spielerfahrung bewusst nicht ändern wollte, schleppt Halo: Combat Evolved Anniversary natürlich viele alte Zöpfe mit, die heute nur noch als altbacken beschrieben werden können. Das trifft etwa auf die nicht mehr ganz ergonomische Pad-Belegung zu, an der man leider auch noch in neueren Halo-Episoden festgehalten hat. Zwar gibt es eine Reihe von Alternativoptionen, ein individuelles Layout gestattet man aber nicht.

Packshot zu Halo: Combat Evolved AnniversaryHalo: Combat Evolved AnniversaryErschienen für Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Spielerisch bisweilen antiquiert

Wer zuletzt aktuelle Shooter gezockt hat, wird einige Minuten zum Umgewöhnen benötigen. Noch auffälliger ist in diesem Fall dann vermutlich der völlig fehlende Waffenrückstoß, meist ballert man daher einfach aus der Hüfte. Selbst Verbesserungen, die die Halo-Spiele im Laufe der Jahre erhalten haben - zum Beispiel zerstörbare und besser steuerbare Vehikel, Waffenwechsel mit KI-Soldaten -, bleiben konsequenterweise außen vor. Das ist innerhalb der Logik dieses Remakes nachvollziehbar, ihr solltet es aber trotzdem wissen.

Gut aufpoliert, immer noch spielenswert - wer's damals verpasst hat, kann es heute nachholen.Fazit lesen

Ähnlich anachronistisch verhält es sich mit allen anderen Spielfeatures des Singleplayer-Modus, etwa dem für heutige Verhältnisse kaum zeitgemäßen Leveldesign, das eine offensichtliche Schwäche darstellt und den Spielfluss oft stocken lässt. Alle Missionen des Master Chief Petty Officer John-117 gleichen dem Original bis aufs i-Tüpfelchen - mit wenigen Ausnahmen. So versteckt man nun die inzwischen legendären "Skulls" innerhalb der Landschaften. Wichtiger ist jedoch aus meiner Sicht, dass nun ein (teils unter Lags leidender) Koop-Modus für zwei Spieler eingebaut wurde, der das erneute Durchspielen einiger langatmiger und nerviger Kampagnen-Abschnitte etwas auflockert.

Ein großes Plus ist dagegen, dass Halo: Combat Evolved aber auch heute noch in vielen Situationen zeigt, dass KI-Feinde bereits anno 2001 eine wegweisende Cleverness besaßen und mehr waren als wandelnde Zielscheiben. Ach ja, eine Unterstützung für Kinect gibt es jetzt auch. Falls ihr stundenlang vor euch hinbrabbeln und beispielsweise eure Waffe mit Sprachkommandos nachladen wollt.

Halo: Combat Evolved Anniversary - Zehn Jahre später - der Helm sitzt

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Von solchen Umgebungen konnte man vor Jahren nur träumen.
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Sehr gelungen sind übrigens die neuen Terminal-Sequenzen. Findet ihr diese geheimen Video-Einspieler, offenbart man euch eine Reihe von interessanten Hintergrundinformationen zum Halo-Universum und gibt überdies einen Ausblick auf Halo 4. Neben der grafischen Anpassung überzeugt die Jubiläumsausgabe mit einem völlig neu eingespielten Soundtrack (ihr dürft im Menü jedoch auch die alte Fassung auswählen) und satten Waffensounds - sogar die englische Sprachversion ist auf der Disc enthalten.

Im Bereich des Multiplayer-Modus beschreiten die Entwickler einen weniger direkten Weg der Umsetzung - so sind nicht alle Maps umgesetzt worden. Lediglich sechs Klassiker haben es in die Endauswahl geschafft, das liegt aber auch daran, dass einige bereits in der Vergangenheit (unter anderem "Blood Gulch" für Halo Reach) neu aufgelegt wurden. Zusätzlich spendiert man mit "Installation 04" eine neue Karte für den Firefight-Modus.

Starten könnt ihr Online-Gefechte übrigens sowohl aus der Anniversary-Edition oder nach der Installation auf Festplatte auch vom Reach-Menü aus. Und als Bonus obendrauf erhalten alle Erstbesitzer auch noch die Halo-CE-Karten. Insgesamt hinterlässt der Mehrspielermodus aber einen dünnen Endruck - nicht zuletzt auch deshalb, weil der Vierspieler-Splitscreen-Modus nicht umgesetzt wurde.