Nun ist es also da: Halo 5: Guardians. Der neueste Teil der Science-Fiction-Saga, die einst als mutiges Experiment beim Studio Bungie begann und nun von Microsoft als epische Blockbuster-Reihe fortgesetzt wird. Und ja, Halo 5 ist ein optisches und spielerisches Spektakel. Es ist ein toller Shooter und eine fantastische Mehrspieler-Erfahrung. Handwerklich wurde hier Großes geleistet – und trotzdem zieht es mich nicht in seinen Bann. Das wird wohl auch bei den kommenden Halo-Spielen so sein, denn so sehr Microsoft und Studio 343 Industries versuchen, die Shooter-Reihe in ein riesiges Medien-Universum zu verwandeln, so brutal könnten sie es damit gegen die Wand fahren.

Ich kann mich nicht mehr entsinnen, wo ich das erste Mal etwas über Halo las. Es mag in der PC Games gewesen sein, vielleicht auch in der GameStar. Irgendwann 1999. Ich bin nicht mehr sicher. Aber ich weiß noch, was ich las und wie fasziniert ich war. Es war die Rede von einer mysteriösen Ringwelt, von einem stummen Helden, der halb Mensch, halb Maschine ist. Von coolen Jeeps, Panzern und futuristischen Fluggeräten, die man bemannen kann. Von intelligenten Mitstreitern und natürlich von fiesen Aliens, die einem mit Plasma- und Laserknarren an den Kragen wollen.

Nicht alles, was dort stand, wurde auch so umgesetzt, aber es klang fantastisch. Vor allem der Ringplanet, die extraterrestrischen Allianz und der unerforschte Science-Fiction-Kosmos ließen mich für Jahre gespannt auf die Veröffentlichung warten. Schließlich war Halo einst als Third-Person-Shooter für den Mac von Apple und dann erst sehr verspätet als Ego-Shooter für die Xbox umgesetzt worden. Nur für Bungies Spiel habe ich mir dann tatsächlich auch eine Xbox gekauft – und das, obwohl ich eigentlich immer eher der PlayStation und dem PC nahestand.

Halo 5: Guardians - Dampfablass: Darum wird das Halo-Universum kollabieren

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Optisch wie auch spielerisch ist Halo 5: Guardians durchaus gelungen. Da gibt’s nur wenig zu meckern. Doch bei der Geschichte steht der Spieler oft im Wald.
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Aber Halo war's wert. Das lange Warten. Den Kauf der Xbox. Ich fand es großartig und finde es noch. Halo: Combat Evolved ist für mich ein Klassiker, den ich immer wieder gerne anwerfe. Denn Halo spielt sich traumhaft, auch heute noch. Das rhythmische Gameplay, die hohen Sprünge, die coole Waffen, die Fahrzeuge und elegant gestalteten und abwechslungsreichen Areale. Alles toll. Vor allem zieht mich Halo in Gestalt des Master Chief trotz der vielen Male des Durchspielens immer wieder von Neuem in diese unberührte Welt voller faszinierender Geheimnisse und Mysterien.

Was ist das für eine Ringwelt? Wer ist diese Alien-Allianz? Warum haben die etwas gegen die Menschheit? Was zum Teufel geht hier eigentlich verdammt noch mal ab? Es sind diese und noch viele weitere Fragen, die mich durch das Geschehen hinweg tragen – und meine eigene Fantasie anfeuern und nach Antworten suchen lassen. Vielfach streut das erste Halo nämlich Ungewissheit; lässt Lücken und Geheimnisse bestehen, im guten Wissen, dass hier das Hirn des Spielers selbst aktiv werden wird. Und das ist auch gut so. Oder war es zumindest. Denn leider hat sich das bei den neuesten Spielen mittlerweile stark geändert.

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Auf in die Gewissheit

Größer, profitabler und vor allem vermarktbarer muss Halo mittlerweile sein. Es ist kein Spiel mehr, keine kleine Reihe, sondern ein Medienfranchise: eine globale Unterhaltungsmarke, die Spiele, aber auch Bücher, Comics und Filme umfasst. Um diese zu ermöglichen, hat Microsoft mit 343 Industries eigens ein Studio, nein, ein Kreativunternehmen aufgebaut. Dagegen ist nichts zu sagen. Zumindest nicht grundsätzlich: Microsoft hat Ambitionen; die muss es haben, um die Xbox One zu pushen. Doch bedeutet das auch, dass das Universum der Halo-Serie stetig wachsen muss. Unentwegt muss etwas Neues passieren, müssen Geschichten erzählt und Storystränge gesponnen, Handlungen ausgebaut und deren Folgen nachgezeichnet werden.

Packshot zu Halo 5: GuardiansHalo 5: GuardiansErschienen für Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Dafür braucht es „Material“, also frische Helden, Bösewichte, Figuren, Konflikte, Geplänkel, Waffen, Fahrzeuge, Planeten und Raumschiffe, die Haupt- und Nebenrollen besetzen: Lieutenant Commander Jameson Locke, das Fireteam Osiris, unzählige Spartan-Soldaten, die UNSC Infinity, die Prometheaner, der Blutsväter-Planet und vieles, vieles mehr gehört dazu. Sie sind Produkte eines kalkulierten Prozesses, der sich von den Spielen über etliche Bücher wie die Kilo-Five-Trilogie, die Filme und Serien wie Forward Unto Dawn und Nightfall und ebenso verschiedene Comics hinwegzieht. Alles ist miteinander verwoben, geplant und berechnet. Auf zehn Jahre hinaus, so hatte Halo-Franchise-Manager Frank O’Connor gesagt, habe man Halo schon vorausgedacht. Aber wo ist nun das Problem? Tja...

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Wer ist eigentlich dieser Lieutenant Commander Locke, der den Master Chief jagt? Ja, das erfährt der Spieler ganz ausführlich. Nur eben nicht im Spiel, sondern in der Serie Halo: Nightfall.
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Ich bin nicht sicher, ob das ein Problem oder nur ein Sorge ist. Aber diese neue Welt von Halo, an der 343i schraubt, ist ein Koloss. Sie ist mächtig, detailreich und unheimlich verzweigt. Sie ist darauf ausgelegt, dass ein Fan stets mehr konsumieren will und kann – quer durch die gesamte Bandbreite der Medien. Wer an den neuen Halo-Spielen Gefallen findet, soll sofort in Büchern und Filmen noch mehr über die Erdarmee UNSC, die Spartan-Soldaten und die Blutsväter lernen können. Er muss es gar, wie Halo 5: Guardians merklich beweist.

Wer nur das Spiel zockt, steht hier nämlich wie der Ochs vorm Scheunentor. Denn mit lapidarer Selbstverständlichkeit werden darin Namen, Begriffe und Querverweise umher geworfen, die zuvor nur in den Romanen, Comics oder der Nightfall-Serie vorkamen. Wer das Konstrukt in Gänze erfassen will, muss all diese kennen. Das kann und will ich aber nicht. Mir fehlt zum einen die Zeit und zum anderen die Kraft, mich durch die teils mies geschrieben Werke zu graben, die von dünnen Handlungsfäden und dumpfen Charakteren geprägt sind und danach riechen, dass sie alleinig gezogen und geschaffen wurden, um die Handlung der Spiele zu komplettieren (Anm: Die Halo-Bücher von Eric Nylund und Greg Bear sind eigentlich ganz okay). Zu verästelt, kleinteilig, fordernd und qualitativ inkonsistent ist mir dieser neue Halo-Medien-Kosmos. Er soll Fans verschlingen und versklaven, nicht einfach Spaß machen!

Weg mit dem Mythos

Trauriger jedoch ist es für mich noch, dass 343i und Microsoft mit ihrer exzessiven Welt- und Franchise-Bauerei das töten, was Halo für mich einst so faszinierend und entdeckenswert machte. Nämlich Platz für die eigenen Gedanken, die Fantasie und das Kopfkino. Das Nachgrübeln, was wohl hinter diesem oder jenem Charakter, dieser Figur oder jenem Aspekt der Welt stecken könnte. Denn in so einem dichten Geflecht wie der Halo-Medien-Maschinerie müssen alle Räder, so klein sie auch sind, ineinandergreifen, um das riesige Ringwelt-Vehikel nach vorne zu pressen. Da kann nichts alleine stehen oder unerklärt bleiben – denn offene Fragen könnten verschrecken, das Unwissen verunsichern und Geheimnisse frustrieren. Daher erschlägt Halo seine Fans mittlerweile geradezu mit Details, Informationen und Hintergründen, die, wenn nicht im Spiel, dann eben in einem Buch oder Film zu finden sind – die natürlich sofort gekauft und konsumiert werden können.

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Ließen die ersten Halo-Spiele noch vielfach Lücken und Mythen zum Rätseln und Träumen, ist Halo nun durchgeplant und kalkuliert.
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Natürlich kommt dabei stetig weiteres Material hinzu. Denn der Fan will auf Trab gehalten und beschäftigt sein – sonst langweilt er sich vielleicht noch. Schade, denn sind es doch eben das Mysterium des Nichtwissens und der Zauber der Spekulation, welche die Welten von Science-Fiction-Epen wie der Ringwelt-Trilogie von Larry Niven und die Werke von Arkadi und Boris Strugazki so fantastisch machen, in deren Tradition Halo einst stehen sollte.

Ich möchte damit nicht sagen, dass Halo dem totalen Untergang geweiht, doof oder mies ist oder gar zu verdammen wäre. Nein, ganz sicher nicht. Aber dieses neue Halo ist nicht länger mein Halo. Man mag mich engstirnig nennen, alt oder verbittert, aber es ist mir zu anstrengend, der Halo-Saga noch länger als „echter Fan“ zu folgen. Das bedauere ich, denn ich fand die Odyssee des Master Chief und Cortana stets großartig. Ich liebte die farbenfrohe Welt und die eben nicht ganz durchschaubare und ausformulierte Lore.

Dinge ändern sich aber nun mal – so ist das eben. Gleichzeitig fürchte ich jedoch, dass der eingeschlagene Weg Halo nicht gut tun wird. Zu brachial scheint mir der Versuch, die 2001 begonnene Serie mit aller Gewalt zum Medienimperium zu schmieden. Zu fragil kommen dafür die neuen Geschichten und Charaktere daher, die als Stützpfeiler dieses erweiterten narrativen Kosmos herhalten sollen. Halo 4 und Halo 5: Guardians als auch der Rest sind Konstrukte, die das Gewicht der eigenen Ambitionen nicht tragen können. Zu kurzatmig, unüberlegt und wenig nachhaltig scheinen mir viele der Einfälle, Entscheidungen und Ideen, sodass das Universum über kurz oder lang kollabieren wird.

Wie das ausschauen wird? Ich weiß es nicht. Kann ich mich täuschen? Sicher doch. Ich hoffe es sogar.

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