Die Mächte des Bösen fordern die Superhelden der Kunststoffgitarre zum Duell, „Guitar Hero: Warriors of Rock“ ist das Schlachtfeld. Bescheiden geht es in der neuen Kampagne der alteingesessenen Rhythmusspielreihe also nicht gerade zu, auch wenn Neversoft anderweitig keine Neuerungen im Spielsystem vorgesehen hat.

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Die erprobte Spielspaßformel an den Pseudo-Instrumenten schütteln die Entwickler nach fast drei Jahren und sieben Ablegern locker aus dem Ärmel, so viel steht fest. Bleibt eigentlich nur die Frage, ob die Handlung genügend Stoff bietet, bis im nächsten Jahr der Nachfolger erscheint.

Guitar Hero: Warriors of Rock - Heavy-Metal-Mann-Bär-Schwein

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Nicht nur technisch sehenswert: Grafisch übertrifft sich Neversoft in Detail und Witz selbst.
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Eines muss man den Jungs von Neversoft ja lassen: Sie haben klasse Grafiker. Mit Fug und Recht darf man behaupten, noch nie detailliertere Grafik und aufwändigere Animationen in einem Musikspiel gesehen zu haben als in „Guitar Hero: Warriors of Rock“. Diese Aussage ist zwar ein seltsamer Anfang für die Rezension eines Musikspiels, da die hintergründige Kosmetik in diesem Genre meist drittrangig ist, aber das mittlerweile zehnte Guitar Hero braucht sich optisch wahrlich nicht zu verstecken.

Ob der Stil wirklich passend oder sinnvoll erscheint, steht auf einem anderen Blatt und muss von jedem Käufer selbst entschieden werden. Aber diese Frage drängt sich definitiv auf, denn die größte Neuerung in „Warriors of Rock“ im Vergleich zu seinen Vorgängern besteht aus einer von „Brutal Legend“ inspirierten Handlung und dem grafischen Tamtam, das zu so einem Rock-Epos dazugehört.

Kurz zusammengefasst geht es um den Halbgott des Rocks, dessen Gitarre - die Axt – in einem Felsen in den Tiefen der Unterwelt schlummert. Durch seine Versteinerung unfähig, selbst zu handeln, ruft er acht Rocker und prüft, ob sie würdig sind, ihm dabei zu helfen, die Axt zurückzuerlangen. Dazu müssen sie natürlich heftig rocken - oder vielmehr die Kunststoff-Band in eurem Wohnzimmer, die den in Guitar Hero üblichen Teil des Playback-basierten Fünf-Trigger-Spielablaufs übernimmt.

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Mit Plastikgitarre, Pseudo-Drums und Mikrofon hottet ihr wie gewohnt vor dem Bildschirm ab.
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Plastikgitarren, Pseudo-Drums und Konsolenmikrofone aus früheren Band-Spielen kommen also in gewohnter Tradition zum Einsatz. Wurde dem virtuellen Publikum damit ordentlich angeheizt, verwandelt sich der beleuchtete Gitarrenheld in ein übernatürliches Rockmonster und darf dem Halbgott mit besonderen Superkräften zur Saite stehen.

Tolle Grafik, aber mittlerweile ausgelutschtes Spielsystem ohne Weiterentwicklung. Irgendwann ist der Käse gegessen.Fazit lesen

Jeder dieser acht stereotyp ausgearbeiteten Avatare in Warriors of Rock verwendet andere Superkräfte und hat sein eigenes Kapitel mit abgestimmter Songauswahl. Der abgeranzte Punk Johnny Napalm ist zum Beispiel ein Speedfreak und lässt den Punktemultiplikator des Spielers nie unter den zweifachen Wert fallen. Besteht er die Prüfung, verwandelt er sich in einen Wände hochkrabbelnden, stacheligen Giftpunker mit leuchtenden Augen, spitzen Zähnen und einem Mega-Irokesen.

Klampfenbraut Judy Nails bezirzt hingegen das Publikum und verfügt somit über ein größeres „Rock-Barometer“. Ihre Verwandlung in eine Teufelsjungfer samt abgerissener Schwinge und Ziegenhufe wirkt nicht minder spektakulär. Und so geht es auch weiter: ein kopfloser Geist, ein nordisches Heavy-Metal-Mann-Bär-Schwein, eine Bühneneffekt-Cyborg-Lady... das ganze Spektrum eben.

Freakshow mit kleinen Macken

Ein Blick auf die Bildschirmfotos reicht bereits aus, um zu erkennen, wie viel Mühe hinter der optischen Aufbereitung dieses Spektakels liegt. Aber in Bewegung sieht die mystische Jagd nach der Axt gleich doppelt so gut aus. Vor allem, wenn ein Song mit einer ausgefallenen Choreographie versehen wurde, wie zum Beispiel „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Die vier Monsterrocker-Karikaturen in der Pose des Originalmusikvideos zu sehen, lässt selbst die größte Spaßbremse in verschmitztes Schmunzeln verfallen.

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Die Rockerhelden der Kampagne machen irrwitzige Mutationen mit und helfen dem Spieler mit Superkräften.
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Allerdings klappt das nicht durchgängig so gut. Einerseits verfügt nicht jeder Titel über ein herausstechendes Polygonballett, andererseits wird die Grenze zum Kitsch manchmal an Stellen überschritten, an denen es negativ auffällt. In der Mitte der Hauptkampagne darf man zum Beispiel die sieben Teile des Rush-Konzeptalbums „2112“ runterschrubben, doch passen kopflose Geister und verwegen grinsende Giftpunker einfach nicht zur Handlung, die 2112 zu erzählen versucht.

Generell zeigt das Brütal-Hero-Abenteuer kleine Schwächen in der Gesamtkonzeption. Gene Simmons raue Erzählerstimme ist garantiert der Hit, wenn man seine Konsole auf englische Spracheinstellungen geeicht hat. In Deutsch gibt es stattdessen einen durchaus brauchbaren Sprecher, aber er ist eben nicht Gene Simmons. Untertitel wären hier wohl die bessere Idee gewesen. Übrigens auch bei 2112 von Rush, denn hier behielt man die Stimmen der Band in der lokalisierten Fassung bei, verweigert Fremdsprachmuffeln jedoch Einblick in die Erzählung.

Wobei: Es klingt zwar komisch, aber an dieser Stelle wäre man fast um Synchronsprecher dankbar. Nichts gegen Rush, die Musik der Band ist göttlich. Die Handlung von 2112 ist ebenfalls toll, keine Frage. Aber wenn sie von den Mitgliedern der Band talentfrei vom Blatt abgelesen wird, ist das etwa so episch wie der Besuch an der Pommesbude. Zumal die Grafik nicht im Geringsten versucht, einen Bezug zum gesprochenen Text herzustellen.

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Fortschritte oder sinnvolle Änderungen im Spielsystem sucht man in Warriors of Rock leider vergebens.
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Rush erzählt in mehreren Kapiteln von einer Gesellschaft, in der Kreativität unterbunden wird. Ein Mann findet eine Gitarre und entlockt ihr magische Klänge, die ihm Freude bereiten. Er geht zu den Templern und zeigt ihnen seine Entdeckung, doch die herrschende Kaste ist „not amused“. Klingt spannend, oder? Nur leider zeigt Guitar Hero: Warriors of Rock inzwischen lediglich kleine Kamerafahrten um die Axt des Rock-Halbgotts. Hier wurde massig Potenzial verschwendet.

Mit Ausnahme solcher Schnitzer ist Neversofts Rock-Epos eine ziemlich abgefahrene Idee, die optisch wohl nicht besser hätte umgesetzt werden können. Spielerisch hat sie aber nur begrenzt Einfluss auf den üblichen Guitar-Hero-Spaß. Mal abgesehen davon, dass es das Knacken der Kampagne um ein Vielfaches erleichtert, weil die spendierten Superkräfte Anfängern wie auch Profis auf jeglichem Schwierigkeitsgrad enorm auf die Sprünge helfen.

Starpower-Prozente für jede zehnte Note, Punkteverdoppler und Konsorten lassen sich nämlich innerhalb der Band kombinieren, sodass beinahe unendliche Star-Power oder sechsunddreißigfache Punktemultiplikatoren zum Ende hin strategisch eingesetzt werden, wenn man bei einem Song Schwierigkeiten hat oder die Über-Highscore des Twitter-Kumpels knacken möchte.

Schön und gut, aber so richtig befriedigend sind diese äußerlichen Anpassungen leider nicht, denn an sich spielt sich auch das jüngste Guitar Hero nicht anders als seine unzähligen Vorgänger. Mit Ausnahme der gehaltenen offenen Bassanschläge gibt es nicht eine einzige Neuerung im Spielsystem, selbst im Rahmen der üblichen Peripherie. Was ist schon Bohemian Rhapsody, wenn man es einstimmig singen soll und den Klavieranteil auf den Pseudo-Gitarre abklimpert?

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Selbst in der Quest ist man mehr oder minder Zuschauer zwischen den Auftritten.
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Im letzten Jahr hat sich so viel auf dem Musikspielmarkt getan, eigentlich können es sich die Entwickler doch gar nicht leisten, das Spielsystem unberührt zu lassen. Man muss sich nur vor Augen halten, dass schon diesen Herbst mindestens zwei neue Guitar-Hero-Klone (Singstar Guitar und InstantJam) erscheinen, die genauso funktionieren und preislich günstiger sind. Obendrein wagen zwei weitere Spiele den Sprung zu echten Instrumenten, ohne Plastikmusiker zu vernachlässigen (PowerGIG und Rock Band 3).

Dagegen wirkt eine durchaus unterhaltsame, aber dennoch kurze und kaum ausschlaggebende Handlung reichlich armselig. So gut sie auch gemacht sind, spätestens nach dem dritten Mal möchte man die Zwischenvideos wegklicken und endlich anfangen zu spielen.

Das As im Ärmel: die Songliste

Natürlich hat Neversoft neben der Kampagne noch ein zweites Argument in der Hand, um weiteren Kaufanreiz zu schaffen. Es ist die Liste mit 93 Rock-Hits plus siebzehn Bonustracks aus dem Midi-Düdel-Angebot der GH-Tunes-Datenbank. Der Hauptteil der Kampagne verwendet dazu zwar ziemlich vorhersehbare Titel aus dem üblichen Guitar-Hero-Fundus – sprich: Neuzugänge im Musikspiele-Lizenzpool muss man mit der Lupe suchen –, aber die Auswahl ist mehr als stimmig und setzt auf puren Rock ohne Weichspülgedudel.

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Superkräfte innerhalb der Band strategisch aufzuteilen, vereinfacht einige Herausforderungen.
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Musikspieler, die sich auch bei der Konkurrenz bedienen, sollten allerdings gewarnt sein und ihren DLC mit der Setliste dieser Disc abgleichen, denn 22 der besten Songs überschneiden sich mit der Rock-Band-Bibliothek. Darunter Hits wie Seven Nation Army von den White Stripes, Savior von Rise Against, Bat Country von Avanged Sevenfold, Aqualung von Jethro Tull, Holy Wars – The Punishment von Megadeth und mehr. Zum größten Teil sogar mit beinahe übereinstimmenden Notencharts.

Wer aber bisher nur bei der Guitar-Hero-Serie zugeschlagen hat, dürfte allgemein keinen Grund zur Beschwerde haben. Die Setliste erreicht nicht ganz den Abwechslungsreichtum von Guitar Hero 5 und meidet leider echte Kulttracks, denn davon sind gerade mal fünf zu finden. Aber die Songauswahl aus fünf Jahrzehnten ist unheimlich gitarrenlastig und somit wie geschaffen für Plastikklampfenschrubber, die möglichst viele verschiedene Noten auf dem Noten-Highway triggern wollen.

Sänger und Drummer kommen sicherlich auch nicht zu kurz, aber im Vergleich mit den Gitarristen und Bassisten werden sie nicht ganz so gut bedient. Neue Features wie dreistimmiger Gesang oder ein Hi-Hat-Pedal, die das Verhältnis hätten ausgleichen können, wurden ja bereits als Mängel angeführt. Nicht, dass Drummer durch das Spiel spazieren würden. Der Schwierigkeitsgrad ist mehr als angemessen. Aber Schlagzeuger und Sänger dürften abseits weniger Ausnahmen ihren großen Auftritt vermissen.

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Leider müssen 17 Tracks auch für Quick-Play-Sitzungen erst freigespielt werden - ganz schön rückschrittlich.
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Dennoch muss die Band zusammenhalten, denn für das große Finale tischt Neversoft zehn extraschwere Brocken auf, die selbst Profis ordentlich ins Schwitzen bringen. Wie schon erwähnt relativiert sich der Schwierigkeitsgrad durch Superkräfte und Anzahl der Spieler ein wenig, was die Herausforderung für Full-Combo-Jäger aber nicht mindert. Masochistenwerke von Dragonforce, Slayer und Steve Vai werden euch ordentlich die Finger verknoten, genauso wie der finale Song „Sudden Death“, von Medadeth-Veteran Dave Mustaine.

Laut Aussage der Entwickler wurde er einzig und allein für den Zweck geschrieben, möglichst viele Symbole auf dem Guitar-Hero-Noten-Highway zu generieren und damit den schwersten aller Songs abzuliefern. Künstlerisch mag man davon halten, was man will, aber für erprobte Plastikklampfer dürfte das Material für die nächsten drei oder vier Wochen liefern.

Braucht ihr danach noch mehr Anreize zum Zücken der Disc, könnt ihr euch beim kompatiblen Download-Fundus der beiden Vorgänger bedienen. Das sind etwa 360 Titel plus die selektiv exportierbaren Vorgänger-Discs. So wie die 93 Titel von „Warriors of Rock“ warten alle DLC-Tracks mit 13 Herausforderungen auf, bei denen ihr Spezialaufgaben lösen sollt. Zum Beispiel ständiges Auf-und-ab-Strummen, was aber bei manchen Songs ziemlich realitätsfremd vonstattengeht, oder besonders viele Punkte während des Auslösens der Star-Power sammeln.

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Auch der ausführliche Charaktereditor und die gewohnten Multiplayer-Modi bringen keine Neuerungen mit.
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Wobei die Zahl 13 auch täuscht, denn je nach Musikauswahl sind einige dieser Herausforderungen als Band-Herausforderung und als Solo-Spezialaufgabe vorhanden, andere sind auf ein bestimmtes Instrument geeicht. Besitzt ihr das nicht, könnt ihr die Herausforderung nicht eigenhändig lösen.

Diesen Umstand kennen Fans der Serie bereits aus dem Vorgänger, ebenso wie alle anderen Spielmodi und Aufstellungsmöglichkeiten für die Band. Soll heißen, es können noch immer fünf Spieler gleichzeitig vor der Konsole abhotten, Songlisten gespeichert werden, Bands mit vier gleichen Instrumenten auftreten und so weiter. Die Sortieroptionen im Quick Play wurden zudem minimal erweitert, damit ihr eure Lieblingstitel besser findet. Der Rest bleibt wie gehabt.