Ob Zufall oder nicht: Die beiden größten Musikspielmarken der vergangenen Jahre kehren im gleichen Augenblick zurück auf die Konsolenbühne. Diesmal allerdings nicht als direkte Konkurrenten, denn Guitar Hero Live und Rock Band 4 bedienen nun unterschiedliche Zielgruppen. Guitar Hero Live bevorzugt nicht nur Solo-Rocker, sondern auch ein junges Publikum.

Jung ist ein schwammiger Begriff. Gemeint ist in diesem Fall der Durchschnittszocker im Alter 14 bis 24. Das verrät nicht nur die Liste der bislang lizenzierten Songs, sondern auch das komplette Konzept hinter dem buchstäblichen Neustart der Marke. Heißt nicht, dass ältere Herrschaften es automatisch miesepetrig ablehnen, denn auch deren Geldbeutel wird sich über den geschrumpften Anschaffungspreis für das volle Vergnügen freuen. Nur wird das Angebot nicht direkt für Altherrenrocker zugeschnitten.

Wie seit einiger Zeit bekannt, setzt Guitar Hero Live nur noch auf virtuelles Gitarrenspiel. Alle früher genutzten Instrumente (inklusive der alten Gitarren) fliegen aus dem Sortiment, was vor allem Schlagzeuger enttäuscht. Im Ausgleich dafür stellt Guitar Hero Live ein neues Gitarrenmodell vor und wird dadurch anspruchsvoller. Die neue Plastikklampfe verwendet nämlich ein Griffmuster, das aus sechs Knöpfen besteht: zwei Reihen zu je drei Griff-Tasten.

Neue Gitarre, neues System

Farbige Klötzchen? Nicht mehr vorhanden. Die unteren drei Knöpfe wurden schwarz markiert, die oberen drei dagegen weiß, und so fliegen euch auf dem Fernseher helle und dunkle Plektrum-Symbole auf lediglich drei Spuren entgegen. Klingt gar nicht mal so kompliziert, verlangt aber ein bewusstes Umschalten während des Spielens.

Guitar Hero Live - Plastikrock kehrt zurück

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Keine Comicgrafik mehr, sondern Ego-Perspektive mit Live-Action-Zuschauern. Coole Sache.
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Allerdings werden sich schnell die Geister scheiden, denn der Anspruch der Notierung steigt innerhalb der fünf wählbaren Schwierigkeitsgrade sehr schnell an. Der typische Casual-Zupfer wird auf dem normalen Level höchst zufrieden Songs abklappern, aber bereits mit der nächsthöheren Stufe schnell überfordert sein, da nicht nur mehr Noten verwendet werden, sondern auch mehr bewusste Wechsel in den Reihen anstehen.

Hier trennt sich der Spreu vom Weizen, und zwar erheblich heftiger als bei früheren Guitar-Hero-Spielen. Wo man zuvor ab einer gewissen Spielroutine nur noch im Tunnelblick zupfte, weil man letztendlich nur Positionen von links nach rechts unterscheiden musste, ist nun deutlich mehr Aufmerksamkeit und Übung gefragt. Cracks, die nach einer neuen Herausforderung suchen, jubeln, weil sie endlich wieder richtig gefordert werden.

Packshot zu Guitar Hero LiveGuitar Hero LiveErschienen für PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Nach einigen Testrunden auf der gamescom war bereits eine Lernkurve zu erkennen, aber eines dürfte ziemlich klar sein: Wegen der überlappenden Spuren für beide Reihen wird sich das neue System nie so selbstverständlich anfühlen wie das alte. Zumal die Akkord-Notation manchmal etwas seltsam daherkommt. Hier mal als Pseudo-Barree-Griff, bei dem man zwei übereinander liegende Tasten gleichzeitig drückt, da mal als übliche Kombination mit mehreren nebeneinanderliegenden Knöpfen. Gelegentlich fühlt sich das ganze sogar sehr ähnlich an wie echtes Gitarrenspiel, weil man Fingerpositionen einnimmt, die klassischen Lagerfeuerakkorden auf einer echten Gitarre gleichen. Echter musikalischer Anspruch bleibt allerdings – wie üblich – außen vor. Man benötigt nur ein gutes Rhythmusgefühl sowie Fingerkoordination.

Halt, stimmt nicht ganz, denn es darf noch immer nebenher gesungen werden. Dazu genügt ein handelsübliches, treiberfreies USB-Mikrofon, zum Beispiel ein altes Guitar-Hero- oder Rock-Band-Mikro (macht keinen Unterschied, ist sowieso dasselbe Modell von Logitech, nur mit jeweils anderem Aufdruck). Sänger tragen allerdings nicht zum Spielfortschritt bei, sondern begleiten nur zum Spaß.

GHTV – das MTV der heutigen Generation?

Das System mit den sechs Knöpfen klingt zwar simpel, verlässt aber klipp und klar das Reglement westlicher Musikspiele. Nur in Japan traut man sonst dem Spieler zu, eine symbolische Assoziation zu lernen, die grafisch nicht nachvollziehbar auf das Hörbare passt. Mit drei Knöpfen je Reihe wird es für die Entwickler von Freestyle Games nicht einfacher, Steigungen und Gefälle in einer Gitarrenmelodie grafisch vorab sichtbar zu machen und gleichzeitig niedrigere Schwierigkeitsgrade sinnvoll zu kürzen. Was auch bei den Profis Auswirkungen hat. Sogenannte „Sightreads“ – so nennen die Cracks das unvorbereitete Ablesen der Notencharts beim ersten Versuch – werden seltener von Erfolg gekrönt, auf YouTube dafür wahrscheinlich umso beliebter sein.

Guitar Hero wagt einen Neustart – und fetzt von Anfang an.Ausblick lesen

Was uns zum größten Kniff hinter dem neuen Guitar Hero bringt: den beiden Hauptspielvarianten. Vorab veröffentlichte Videos führten Musikspielfans bereits in die Standardkarriere ein, die man aus der Ego-Perspektive angeht – und zwar mit Live-Action-Filmmaterial im Hintergrund. Damit soll das Gefühl verstärkt werden, auf einer echten Bühne zu stehen.

Trotz leistungsabhängiger Reaktionen bei Publikum und Band, fühlt sich das Ganze jedoch sehr platt an. Wer kommt bitte zu einem Konzert seiner Lieblingsband und bringt ein „You Suck!“-Plakat mit? Wer würde wegen ein paar falschen Akkorden gleich buhen? So mancher Gitarrist einer großen Band hat schon ganze Songs vergeigt. Nah! Als das alles noch in Comicgrafik dargestellt wurde, konnte man die Überzeichnung der Szene noch als Kunstgriff verstehen, aber hier wirkt es ungewollt B-Movie-artig. Genau an dieser Stelle spürt man sehr schnell, welche Altersgruppe angesprochen und welches Verständnis von der Musikszene vermittelt werden soll. Ändert freilich nichts am Spielspaß, denn in höheren Schwierigkeitsgraden bekommt man abseits des Notenbandes sowieso nichts mehr mit. Man hat im Notenfluss gar keine Zeit, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Guitar Hero Live - Plastikrock kehrt zurück

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Da ist das Ding: Die neue Klampfe ist gut verarbeitet und wirkt insgesamt sehr durchdacht.
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Eine weitere Quelle für spielbare Musik offeriert GHTV – quasi ein Musik-Streaming-Kanal für Guitar Hero, bei dem sowohl vorgefertigte Programme laufen als auch Songs direkt abgerufen werden können. Die Idee ist nicht schlecht, denn durch Streams kommen Plastikzupfer in den Genuss von Tracks, die sie nicht zwangsläufig kennen. Man klinkt sich ein und schrubbelt einfach mit, lernt dabei den ein oder anderen Klassiker kennen oder einen brandneuen Hit. Eine Win-win-Situation für Activision und Musikstudios, denn so können sie Promotion-Stücke herausgeben, aber auch wieder aus dem Programm entfernen. Keiner wird sich beschweren, weil der ganze Spaß völlig kostenlos ist. Kein Abo, kein Einzelkaufpreis.

Es sei denn, man möchte gewisse Tracks jederzeit abrufen können. In dem Fall greift ein Free-to-play-Modell, ähnlich wie man es bei MMOs kennt. Knackt man drei vorbestimmte, recht anspruchsvolle Aufgaben in anderen Songs, so wird der gewünschte Track freigeschaltet. Schafft man das nicht oder lässt die Faulheit siegen, so darf man auch die Kreditkarte zücken. Angesichts des deutlich gestiegenen Anspruchs im grundlegenden Spielsystem dürfte der zweite Fall gar nicht mal selten vorkommen. Trotzdem: Man kann DLC theoretisch umsonst erwerben. Egal wie schwer das am Ende ausfallen sollte, Teenies haben die Zeit zum Trainieren.