Fanboy-Kriege wie in alten Zeiten? Oh Nein! Guitar Hero und Rock Band kriegen sich nicht mehr so schnell in die Wolle, weil sie von nun an unterschiedliche Zielgruppen bedienen. Nur, welche Partei ist die verlockendere? Kann ich nicht für euch entscheiden. Schon gar nicht ohne fertige Vollversionen. Doch anhand meiner Probe-Sitzungen auf der gamescom kann ich einen Leitfaden anbieten, der die Stärken und schwächen beider Parteien aufzeigt. Es geht hier nicht nur im Spielregeln, sondern auch um das langfristige Angebot an Songs, sowie um Hardware und technische Fallstricke.

Gleich vorab: Ich hatte auf der diesjährigen gamescom (wie auch bei einer PR-Vorstellung vor ein paar Monaten) genug Gelegenheit, sämtliche Instrumente beider Serien auszuprobieren. Ich bin zudem ein alter Hase auf dem Gebiet, was mir zwar kein endgültiges Urteil erlaubt, aber eine sehr umfangreiche Einschätzung der Lage. Geht bei Musikspielen ja auch nicht um Raketentechnik.

Guitar Hero Live vs. Rock Band 4 - Bei wem rockt ihr am besten?

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Es geht um wesentlich mehr als nur "Spiel ich solo oder mit Freunden?".
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Auch, wenn in unserer ersten Rock Band 4-Session im Juni noch das neu vorgestellte Gitarren-Solo-Feature fehlte (das drösel ich euch weiter unten auf) , sei euch für grundsätzliche Fragen ein Blick in unsere Vorschauen zu Guitar Hero Live und Rock Band 4 geraten. Dort erfahrt ihr alles über die Ausrichtung der Neuauflagen.

Startbudget für Pseudo-Rocker

Eines dürfte inzwischen recht offensichtlich sein: Guitar Hero ist eher auf Einzelspieler zugeschnitten, die eine neue Herausforderung suchen und gelegentlich ein Punkte-Duell mit einem Online-Kumpel ausfechten wollen. Die Anschaffung einer neuen Gitarre (sie hat nun sechs, völlig neu angeordnete Knöpfe) wird vorausgesetzt, da keines der früheren Guitar Hero-Instrumente mehr verwendet werden kann. Allerdings ist auch ein wenig Sitzfleisch vonnöten, weil das neue Notensystem nicht mehr so intuitiv zu lesen ist wie das alte.

Rock Band verfolgt dagegen weiterhin das kooperative Mehrspieler-Vergnügen nach bekanntem Schema, wobei eine Kampagne mit RPG-Elementen auch Solisten gut unterhalten soll. Erfahrungsgemäß sind solche Kampagnen zweitrangig, so lange nur neue Songs nachkommen. Zu diesem Thema werden wir später ebenfalls kommen. Wichtig ist vor allem, dass alle kabellosen Standard-Instrumente der vorangegangenen Konsolengeneration kompatibel bleiben, inklusive der alten Guitar-Hero-Versionen. Allerdings ist noch immer nicht sicher, ob diese gleich vom Release-Tag an funktionieren werden.

Packshot zu Guitar Hero LiveGuitar Hero LiveErschienen für PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Leider bleibt es nach bisherigem Stand bei Instrumenten ohne USB-Verbindung; somit fallen Midi-Adapter und Ion-Drum-Kit genauso unter den Tisch wie sämtliche Xbox360-Modelle von Rock Band 1. Der Quatsch mit den kabelgebundenen Instrumenten ist nicht unbedingt auf Hamonix' Mist gewachsen, sondern steht und fällt mit den Vorgaben der Konsolenhersteller. Ion beziehungsweise Alesis müsste sich um die Kompatibilität des besseren Schlagzeugs kümmern, denn Voraussetzung wäre ein kabelloses Drum Brain zum Nachrüsten, oder aber ein kabelloser Adapter. Da könnte Mad Catz theoretisch etwas deichseln. Ob es dazu kommt, steht in den Sternen.

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Guitar Hero setzt auf einige frische Ideen, Rock Band auf einige alte Stärken.
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Eine Neuanschaffung aller Instrumente ist kein Pappenstiel, und für alle, die Hardware aus dem gehobeneren Preissegment besitzen, nicht attraktiv. Wer gibt für die Degradierung von einem echten elektronischen Schlagzeug zu den wackeligen Pappteller-Drums auch noch Geld aus?

Für Harmonix leider eine Zwickmühle. Besitzer von Luxusinstrumenten stellen eine kleine Gruppe dar, gehören aber gleichzeitig zum ganz harten Kern, der am meisten Geld für Download-Songs aufbringt.

Generationssprung mit Tücken

Der Konsolen-Generationssprung ist schon eine Weile her, und doch sind bei Guitar Hero Live und Rock Band 4 noch immer einige „Umzugs-Regeln“ zu beachten. Die ein oder andere könnte euch bei aller Vorfreude entgangen sein. Zum Beispiel, dass unsere Konsolen nun ausschließlich HDMI-Anschlüsse verwenden, was bei den allermeisten HDTV-Geräten mit einer Ausgabe-Verzögerung einhergeht. Selbst ein „Game Mode“, der alle Filter eures Fernsehers deaktiviert, hilft nicht immer, da die verbauten Panels für Fernseher nicht die reaktionsschnellsten sind. Unter 50 Millisekunden Verzögerung kommt ihr selten weg.

Xbox-360-Besitzer konnten damals noch auf das VGA-Kabel für den quasi lagfreien PC-Modus auf älteren Geräten zurückgreifen, spätestens jetzt sitzen sie im gleichen Boot wie die Sony-Fraktion. Klingt nebensächlich, macht aber bei Musikspielen sehr viel aus. Beide Rhythmus-Spezis kommen mit Kalibrierungs-Funktionen daher, die das Symptom oberflächlich beheben, indem sie die Trefferzonen für Notenanschläge nach hinten versetzen. Soll heißen: Spielt ihr rein nach der Optik und verzichtet obendrein auf eine ordentliche Kalibrierung für euer TV, habt ihr so gut wie verloren, weil Musik und Notenband nicht synchron laufen. Aber selbst wenn ihr richtig kalibriert, müsst ihr Noten vorab lesen, nach Gehör spielen und darauf vertrauen, dass die Anschläge dank Kalibrierung an der richtigen Stelle gutgeschrieben werden. Eure Konsole kann nunmal nicht in die Zukunft schauen und passend zur Lag-Differenz erraten, welchen Knopf ihr drücken werdet.

Bei Guitar Hero ist das genauso problematisch wie bei Rock Band, obwohl abseits des Gesangs ausschließlich Playback zu hören ist. Alle Anteile der hörbaren Musik bleiben im korrekten Abstand zueinander, egal ob ihr gut spielt oder nicht. Allerdings kommt eine weitere Latenz durch den Internet-Stream von GHTV dazu. Vorab puffern ist quasi unmöglich, da die Entwickler nahtlos eingeflochtene Echtzeit-Duelle für zwei Internet-Kontrahenten versprechen. Wenn dann noch der Fernseher schleift, kann der Frust schnell ansteigen.

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Ein neuer Controller ist nur eine der zahlreichen Änderungen.
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Bei Rock Band 4 ist das nicht der Fall, da alle Songs auf der Festplatte liegen, doch sind auch hier Fallstricke verteilt. Neben den maximal drei Sängern, deren Ausgabe definitiv verzögert wird, gibt es zwei Instrumente mit Freestyle-Einlagen. Einerseits die längst bekannten freien Trommelwirbel an den Drums, andererseits brandneue Freestyle-Gitarren-Soli. Beide Freestyle-Einlagen lassen sich abschalten beziehungsweise durch strikte Vorgaben ersetzen. Aber dann hätte Rock Band 4 ja gar nichts Neues in Petto.

Freestyle trotz Lag?

Freie Gitarrensoli in Rock Band 4 funktionieren nach einem frech ausgetüftelten System, das euch theoretisch freie Hand lässt. Ihr könnt nach Belieben auf den Buttons herumdrücken und die virtuelle Saite zupfen, irgend etwas Hörbares kommt immer dabei heraus, da Harmonix ausschließlich harmonische Kombinationen zulässt. Damit ihr aber auch besonders melodische und für die Punkte-Wertung relevante Soli aus der Plastik-Klampfe holt, gibt euch das Notenband grafische Hinweise für ein ideales Solo.

Farben zeigen an, ob ihr auf den oberen fünf oder den unteren fünf Bund-Knöpfen hantieren solltet, Striche markieren dagegen den optimalen Rhythmus. Kommen kleine Ziegelsteine geflogen, darf man nach freier Schnauze tappen, ohne die Saite anzuschlagen, während frei fliegende Punkte absolute Narrenfreiheit gewähren. Akkorde? Ja, auch die kommen im Solo vor, und dürfen frei variiert werden.

Ein geniales System, weil es dem Freestyle des Spielers einen roten Faden vermittelt. Auf Rock Band-Parties garantiert der Höhepunkt jeder Darbietung, weil zum typischen Rhythmus-Abklopfen eine Prise eigene Interpretation, ja Kreativität dazu kommt.

Nur zwei Kriterien erfüllt das Solo-System nicht: Es ist nicht selbsterklärend, und es ist vor Verwirrung durch Lags nicht gefeilt. Je später die Ausgabe, desto eher verhaspelt man sich im Rhythmus. Auch hier hat Harmonix durch ein großzügiges Eingabe-Zeitfenster samt vorab markiertem Rhythmus-Raster vorgesorgt. Bei genauer Betrachtung grenzt das allerdings an Mogelei. Je größer die Ausgabe-Verzögerung, desto mehr muss von der Konsole nachträglich verbessert werden – und umso weniger Freestyle entspringt tatsächlich euren Fingern.

DLC oder Wolkenspeicher?

Ein Hauptkriterium in eurer Auswahl dürfte der Song-Nachschub sein. Es klingt zuerst wie ein Rückschritt, bei Guitar Hero auf Songs in der Cloud zurückgreifen zu müssen. Selbst wenn ihr sie gegen Geld erworben habt, liegen Musik-Tracks nicht auf der Festplatte eurer Konsole, sondern benötigen eine Internet-Verbindung, über die sie gestreamt werden. Angesichts der riesigen Installatonsdateien anderer Current-Gen-Titel durchaus praktisch. So kleistert ihr euch nicht die Festplatte mit hunderten kleiner Songdateien zu. Andererseits seid ihr permanent von einer Internet-Verbindung abhängig.

Wer den sowieso schon geringeren Mehrspieler-Anteil von Guitar Hero genießen will, muss laut aufdrehen können, was genau dort am besten geht, wo zuverlässige Internet-Leitungen rar sind, nämlich auf dem Land und an allen erdenklichen Plätzen außerhalb einer Stadtwohnung , wo euch die Nachbarn mit dem Besen drohen. Ein weiteres Indiz für die Ausrichtung als Einzelspieler-Vergnügen.

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Wir können die Entscheidung auch nicht für euch fällen, aber anhand dieser Infos könnt ihr es hoffentlich selbst.
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Besonders ärgerlich ist dabei, dass alle alten Zöpfe abgeschnitten wurden. Ihr habt noch Guitar-Hero-DLC aus früheren Ablegern? Bedauerlich, alles wertlos, weil die neue Gitarre nicht abwärtskompatibel mit früheren GH-Teilen arbeitet und alter DLC vom neuen Spiel nicht akzeptiert wird. GH-Live listet sogar beliebte Tracks von einst erneut auf, nur müsst ihr sie entweder anhand von Herausforderungen freispielen – und die werden sicherlich gesalzen sein – oder aber erneut kaufen.

So düster wie das alles nun klingt, ist die Realität aber nicht. Internetverbindung vorausgesetzt, spielt der dauerhafte Stream von GHTV ein vorgefertigtes Programm ab, gewährt täglich neues, kostenloses Material. Hat natürlich eher etwas von einem Musiksender oder einem Radio-Programm, bei dem man auch Songs ertragen muss , die einem nicht gefallen. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, richtig?

Entscheidet ihr euch für Rock Band 4, so verdrehen sich alle Verhältnisse ins Gegenteil. Kein Stream, stattdessen ausschließlich DLC, der die Festplatte zukleistert. Selbst Download-Titel von früher bleiben innerhalb derselben Konsolenfamilie kompatibel, wodurch von Anfang an eine riesige Bibliothek von mindestesn 1500 Titeln bereitsteht, online wie offline. Bei Guitar Hero sind es derzeit gerade mal 100. Nützt euch freilich herzlich wenig, wenn ihr von der Xbox 360 zur PS4 gesprungen seid (oder von der PS3 zu Xbox One), denn in dem Fall startet ihr bei beiden Serien bei Null.

Fazit

Ihr seht, an der Entscheidung zugunsten von Rock Band oder Guitar Hero hängt weit mehr als nur die Unterscheidung zwischen Einzelspieler- und Mehrspieler-Vergnügen. Einige der angesprochenen Schwächen kann man lösen – etwa das Verzögerungs-Problem an den Fernsehern. Da hilft ein schöner PC-Monitor, der selbst HDMI flink umsetzt. Nur ist das keine Lösung für eine volle Band im heimischen Wohnzimmer, zumal der Sound dann getrennt ausgegeben werden will. DLC oder Stream? Alte Instrumente oder neue? Neues Gitarren-System mit mehr Herausforderung aber weniger intuitiver Handhabe oder lieber altes System mit Freestyle Einlagen? All diese Entscheidungen kann euch niemand abnehmen.

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