Guitar Hero (PS2 Review)
von Jörg Pitschmann

Nicht mehr lange, und unsere Redaktion darf wieder einmal umziehen. Nicht etwa, dass wir es sonderlich spannend fänden, allzu oft die Stätte unseres Wirkens zu wechseln; der Grund liegt vielmehr darin, dass wir uns seit einigen Tagen massiven Drohungen und Anfeindungen unserer

Firmennachbarn ausgesetzt sehen. Und dafür gibt es einen Grund. »Guitar Hero«, das geniale Musikspiel für die PS 2 aus dem Hause Red Octane beschert uns derzeit eine schmale Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Und natürlich eine Menge Spaß. Und das ist bekanntlich viel wichtiger als gutnachbarliche Beziehungen.

Guitar Hero - TrailerEin weiteres Video

Mit »Guitar Hero« ist nach längerem endlich wieder eine echte Innovation für die PS 2 am Start. Denn das Spiel wird komplett über eine mitgelieferte Plastikgitarre »gesteuert«. Das Spielprinzip ist dabei denkbar einfach und seit Jahren von Bemani-Tanzmatten bekannt: zu mehr oder weniger bekannten Musikstücken wandern bunte Farbsymbole auf dem Bildschirm nach unten.

Sobald sie eine bestimmte Linie erreichen, muss der entsprechende Farbknopf auf dem Controller betätigt werden, um Punkte abzugreifen. Je besser man sich dabei anstellt, desto höher wird die Prämie. Trifft man nicht rechtzeitig, gibt's Abzug in der Publikumsgunst oder Tränen, je nachdem. Vereinfacht gesagt, handelt es sich also um ein Geschicklichkeitsspiel. Nicht mehr und nicht weniger. Echt innovativ ist nicht das Spiel selbst, sondern das Eingabegerät, nämlich die schon erwähnte Plastikgitarre. Die ist zwar von ihren Ausmaßen her nicht mit einer echten E-Gitarre vergleichbar, bringt aber dennoch eine beachtliche Größe aufs Tapet.

Guitar Hero - Paradies für den Spieler, Hölle für die Nachbarn: Guitar Hero rockt die Hütte und das in mehrfacher Hinsicht!

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Gitarrenhassern sei schon an dieser Stelle gesagt, dass sie bei »Guitar Hero« trotzdem beruhigt zugreifen können. Saitenzupfen ist nämlich nicht. Stattdessen gilt es, farbige Buttons am Hals der Gitarre - einer Nachbildung der Gibson SG. Jawoll! - zu drücken. Und damit das Ganze nicht zu einfach ist, muss zugleich mit dem jeweils richtigen bunten Knopf noch ein weißer Kippschalter, der »Strum Bar«, am Klangkörper der Gitarre betätigt werden. Zur Auflockerung erscheinen zuweilen langgezogene Symbole auf dem Bildschirm, die den Einsatz des ebenfalls vorhandenen Tremolos an der Gitarre erfordern. Dann wird der Ton nämlich schön in die Länge gezogen.

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Das kann einen schon mal überfordern, bringt aber richtig fett Punkte, wenn man seine Sache gut macht. Wem das noch nicht reicht, der übt sich im fetten Posing, denn das geile Plastikteil verfügt über einen Bewegungssensor, der bei besonders gelungenen Schwenks ebenfalls das Füllhorn der Punkte über den Konsolen-Gitarrero ergießt. Das ist schön, fördert neben dem Geschicklichkeitsaspekt die körperliche Fitneß und macht einen schmalen Fuß.

Are You ready to Rock?
Einsteigern empfiehlt sich ein längerer Blick in das Tutorial. Das erklärt in mehreren Übungen die Funktionsweise des Controllers und der sogenannten »Star Power«, der puren Rock'n'Roll-Energie.

Wie schon erwähnt, gilt es »nur«, einen farbigen Button zur richtigen Zeit zu drücken. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn der richtige Umgang mit der Spaßgitarre ist knifflig zu beherrschen. Zwar muss man im leichtesten Modus nur drei von fünf Tasten bedienen, doch selbst das artet bei schnelleren Riffs in hektisches Geklicke aus, wenn man ungeübt ist. Außerdem ist das gleichzeitige Betätigen des Kippschalters keineswegs zu verachten.

Ohne synchrones Anschlagen beider Knöpfe bleibt die Gitarre entweder stumm wie ein Fisch im Wasser oder gibt merkwürdige Plings und Plongs von sich, sofern man zu früh oder zu spät gedrückt hat. Und da die mitgelieferte Musik tatsächlich nur dann melodisch klingt, wenn man beim Spielen die richtigen Farben zur richtigen Zeit trifft, führt jeder Fehlgriff zu akustischen Grausamkeiten - hämisches Gelächter des virtuellen wie des echten Publikums inklusive. Bevor man sich auf eine Musikerkarriere einläßt, sollte man also gut üben.Denn der Weg zum Superstar führt nicht nur über ordentlich gezupfte, pardon, geklickte Akkorde, sondern auch über den vermehrten Einsatz der schon erwähnten »Star Power«. Dabei gilt es, den sogenannten »Powermeter« bis zum Anschlag zu füllen, um dann die Gitarre mit einem heftigen Ruck nach oben zu reißen. Macht man seine Sache gut, hagelt es Punkte auf der nach oben offenen Rockerskala und die Menge tobt. Verreißt man das gute Teil, bleibt das Auditorium stumm. Die »Star Power« füllt sich natürlich nicht bei jedem gelungenen Akkord auf. Das wäre zu einfach. Vielmehr erscheinen von Zeit zu Zeit mit einem blauen Stern unterlegte Noten, die mit einem Blitz den »Powermeter« füllen, wenn sie richtig gespielt werden. Und dann ist da noch die Sache mit dem Rockmeter. Das ist eine Skala, auf der die Beliebtheit des Hobbygitarristen angezeigt wird. Je weniger Fehler man beim Spielen macht, desto höher steigt man in der Gunst des Publikums. Falsche oder zu späte Buttonklicks werden mit Unmutsäußerungen quittiert.

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Die werden immer heftiger, je mehr sich der Zeiger auf der Skala dem roten Bereich nähert. Versagt man weiterhin, wird man von der Bühne gebuht, und es heißt »You failed«. Dann kann man entweder den Song noch einmal spielen, sich einen neuen aussuchen oder frustriert die Plastegitarre am heimischen Wohnzimmertisch zerschmettern - was freilich eine äußerst ungünstige und auf Dauer kostenintensive Lösung wäre. Wir empfehlen im Fall des Versagens, es einfach nochmal zu probieren und den Hohn und Spott anwesender Zuschauer mit der gebotenen Demut über sich ergehen zu lassen. Genies wurden schließlich schon oft genug verkannt!

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Und außerdem: hat man es schließlich geschafft und läßt mit voll gefülltem »Star Power«-Balken so richtig die Sau raus, bleibt kein Auge trocken. Und die Spötter werden auf ewig verstummen. Garantiert. Denn »Star Power« steht für einen absolut verschärften Posing-Faktor, aus dem das Spiel einen erheblichen Teil seines Reizes bezieht. Chef Bayer und Redaktionszombie Pitschmann sprangen jedenfalls beim Test wie die Wilden vor der sündteuren Redaktions-Plasmaglotze hin und her und rissen dabei ihre Gitarren in die Luft als gelte es, Beelzebub auszutreiben. Ob sie damit Erfolg hatten, war zwar nicht zu klären, dafür sah es aber angemessen scheiße aus.Und während Chef Bayer nachher seinem Hairstylisten einen Besuch abstatten musste, weil seine Mähne entfernt an Bill von »Tokyo Hotel« erinnerte, freute sich der Orthopäde von Redaktionsopa Pitschmann über späten Besuch.

I love Rock'n'Roll
Musikalisch wird bodenständiges geboten. Vom legendären 80's Hit »I love Rock'n'Roll« über den spaßigen Ramones-Gröler »I wanna be sedated« bis hin zum unvermeidlichen Deep-Purple-»Smoke on the Water« wird alles geboten, was das Gitarrenherz erweichen kann. Insgesamt warten 30 Songs darauf, verhackstückt zu werden (Oder besser ausgedrückt: musikalisch vom Spieler begleitet zu werden. Das klingt einfach netter). Und damit auch das jüngere Publikum mitgrölen kann, sind aktuellere Hits wie »Take me out« von Franz Ferdinand oder »No one knows« ebenfalls am Start. Einziger Wermutstropfen: es handelt sich dabei um - allerdings gut gemachte - Coverversionen.Perfektionisten mögen darüber die Nase rümpfen, doch angesichts der Tatsache, dass insbesondere Noobs die Lieder vermutlich bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln werden, ist das wohl zu verschmerzen. Schließlich zählt hier allein der Fun-Faktor. Und der ist kaum zu überbieten. Was die spielerische Abwechslung betrifft, gibt's ebenfalls absolut nichts zu meckern. Denn obwohl das Spiel nicht gerade vor Millionen von unterschiedlichen Modi strotzt, bietet es doch Spaß für viele Stunden. Neben den erwähnten Karriere- und Trainingsmodi bietet »Guitar Hero« einen freien Spielmodus, bei dem es einfach nur darum geht, einen gewählten Song möglichst adrett zu Gehör zu bringen. Highscores werden selbstverständlich verewigt - im clubeigenen Clo, wie sich das für echte, dreckige Rocker gehört. Das macht eine Weile Spaß, ist aber im Vergleich zum Karrieremodus eher von kurzer Dauer, da hierbei der Anreiz des Weiterkommens fehlt. Und der ist bekanntermaßen für Zocker und Musikanten das einzig Wahre.

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Live fast, die young
Wer sich im echten Leben an das harte, entbehrungsreiche Leben eines Profimusikers wagt, kommt vielleicht auch im hohen Alter in den Genuß, von einer Palme zu fallen.

Das setzt allerdings zwei Dinge voraus. Zum einen muss man überhaupt erstmal ein biblisches Alter erreichen. Das ist für echte Rockmusiker gar nicht so einfach, wie uns beispielsweise Bon Scott, Kurt Cobain oder Jim Morrison sehr anschaulich vor Augen geführt haben. Zum anderen muss man eine hohe Resistenz gegen Alkohol, Drogen und Frauen an den Tag legen.

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Abgesehen davon, dass der Gitarrencontroller natürlich mit rund 90,00 Euro zu Buche schlägt, so dass sich wohl kaum jemand mehr als einen anschaffen wird, wäre ein erweiterter Mehrspielerpart dennoch wünschenswert. Schließlich bringen ja auch echte Musiker ihre eigenen Instrumente mit zum Auftritt. Aber wir wollen nicht zuviel meckern. Denn immerhin bietet »Guitar Hero« jede Menge Fun, auch für unbeteiligte Zuschauer. Und welches Spiel kann schon von sich behaupten, dass es allein durch Zusehen fast genausoviel Spaß macht wie durch Selberzocken? Eben! Und außerdem können die Zuschauer den Spieler bei miesen Auftritten wenigstens mit Bierdosen bewerfen. Aber bitte vorher austrinken.