Ein ganzes Wochenende lang durfte ein Auserwählter unserer Redaktion Guild Wars 2 spielen. Klingt eigentlich lang genug, wenn der zuständige Redakteur nicht mittendrin einen Blackout bekommt. Genau das scheint passiert zu sein. Unserem Mann für Tyria fehlen zwei volle Tage. Jetzt ist er bemüht, zu rekonstruieren, was in diesen Stunden geschah.

Das Erste, an was ich mich erinnere, nachdem ich vom Server zwangsgetrennt wurde, ist mein Blick auf die Uhr. Es muss wohl Montag sein und laut Datumsanzeige meines Betriebssystems schreibt man seit einigen Stunden den 20. Februar. Draußen geht gerade die winterliche Sonne auf. Zuletzt bewusst aus dem Fenster geschaut hatte ich irgendwann mittags - allerdings am Tag zuvor. Am Sonntag bin ich wohl nicht mehr dazu gekommen.

Gefangener von Tyria

Ich erinnere mich - ich war Gefangener von Tyria. Nein, ich war Bogenschütze und Soldat, eingebunden in einen ewig währenden Krieg. Ich wurde gebraucht. Ja, so war das. Man konnte nicht auf mich verzichten, sonst hätten die Grünen und die Blauen unsere Stellungen überrannt. Das haben sie immer wieder versucht, doch wir waren stärker. Wir haben sie das Fürchten gelehrt.

Eigentlich hatte ich mir für den Samstag ja vorgenommen, Tyria zu erkunden, ein paar weitere Abenteuer durchzustehen, vielleicht ein wenig zu craften und meine jämmerliche Ausrüstung zu verbessern. Doch dann erfolgt über Ventrilo der "Call of Duty", der Ruf an die Waffen. Und es war nicht irgendwer, der da rief. Es waren Eric Flannum, der Designer, Bobby Stein, der Autor, Isaiah Cartwright, der Skill-Balancer, und viele mehr. Kurz - das Team von ArenaNet brauchte meine Hilfe.

Guild Wars 2

- Stell dir vor, es ist Krieg und alle machen mit
alle Bilderstrecken
PvP gibt's auch, und es funktioniert nicht nur, sondern macht wahnsinnig viel Spaß.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4681/474

Schlaflos in Seattle

Ich dachte zuerst an eine Marketing-Aktion. Immerhin waren außer mir noch zahlreiche andere Pressevertreter für das Testwochenenden eingeladen worden. Die Entwickler standen für kleine Ausflüge bereit und wollten Fragen beantworten. Wegen der Zeitverschiebung war das Programm allerdings erst für die späten Abendstunden angesetzt - und jetzt war es Mittag in Deutschland -, späte Nacht im Studio von ArenaNet in Seattle.

Packshot zu Guild Wars 2Guild Wars 2Erschienen für PC kaufen: ab 39,11€

Meine journalistische Neugier war geweckt. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, und stattete den Jungs in ihrem Ventrilo-Channel einen Besuch ab. Dass man als Pressevertreter höflich empfangen wird, bin ich ja gewohnt, mit Begeisterungsstürmen, wie sie mir in diesem Moment entgegenschlugen, hatte ich allerdings nicht gerechnet.

Das PvP: ein Gefühl, das ich seit vielen Jahren bei modernen MMOs so schmerzlich vermisst habe.Ausblick lesen

Noob-Alarm

Grün und Blau seien seit einigen Stunden auf dem Vormarsch, klärte man mich kurz auf. Zwar habe man noch immer ein Keep und einen Tower auf der zentralen Map, doch lange seien auch die nicht mehr zu halten. Aha. Ich beschloss, die Jungs ein wenig in ihrer Hoffnung zu bremsen, und leitete meine Ansprache mit einem langgezogenen "well" ein.

"I’m a noob", gab ich zu bedenken, und gestern erst in Guild Wars 2 aufgeschlagen - "low level, bad equipment and absolutely no idea what’s going on". Zu meinem Erstaunen schien das niemanden zu interessieren. Nicht nur in den PvP-Arenen, sondern auch im Welten-PvP, so erklärte man mir, wird jeder Spieler auf Stufe 80 gehievt, Erfahrungspunkte und Ausrüstung sammelt man dort auch nicht weniger als beim PvE, und alles Wissenswerte würde man mir kurzerhand erklären.

Guild Wars 2

- Stell dir vor, es ist Krieg und alle machen mit
alle Bilderstrecken
Dicke Belagerungsmaschinen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4681/474

Das ewige Schlachtfeld

Was soll man als absoluter PvP-Fan dagegen noch sagen? Ich beschloss also, das Beste aus meiner Lage zu machen, und ließ mich in die Kunst des Krieges einweisen. Anders als in den kleinen PvP-Szenarien geht es im Krieg der Welten nicht um den schnellen Sieg. Wer dem Kampf beitritt, spawnt, wie jedes Mitglied seiner Fraktion, in einem von drei Gebieten.

Diese drei Gebiete umrahmen eine vierte, zentrale Landschaft, die ganz besondere Funktionen aufweist und eine besonders wehrhafte Festung im Zentrum. Außerdem finden sich in allen vier Gebieten zahlreiche kleinere Burgen und Versorgungsdepots. Und natürlich lassen sich alle diese Einrichtungen auch für die Fraktion erobern.

DAoC lässt grüßen

Und falls ihr euch jetzt fragt, von was für Fraktionen ich hier fasele, wo Guild Wars 2 doch eigentlich gar keine haben soll - die eigenen Fraktion besteht aus allen Spielern des Servers und wurde in der Beta für uns als Team Rot kenntlich gemacht. Team Blau und Team Grün stammen im späteren Spiel also, ihr habt es bereits geahnt, jeweils von einem anderen Server.

Hier streiten tatsächlich drei völlig verschiedene Server um die Vormachtstellung auf einer eigens dafür entwickelten Karte. Und wozu das alles? Nun, wer sich am Krieg beteiligt, bekommt nicht nur die eben schon erwähnten persönlichen Belohnungen, er schaltet auch diverse Vorteile für die Daheimgebliebenen frei und bringt seine Gilde voran.

Tag der Abrechnung

Doch damit nicht genug. Das Spiel registriert das komplette Kriegsgeschehen auf den WvW-Karten ständig mit und gibt den Spielern einen Überblick über das Kräfteverhältnis. Nach zwei Wochen kommt der Tag der Abrechnung. Je nach Leistung bekommt jeder der drei beteiligten Server eine eigene Punktzahl verpasst.

Entsprechend dieser Punktzahl werden dann automatisch zwei neue gegnerische Server ausgesucht, mit denen man sich in den darauffolgenden zwei Wochen messen darf. Das bringt nicht nur Abwechslung ins Spielgeschehen, sondern sorgt schon nach ein paar Zyklen dafür, dass die Server vorwiegend Gegner vorgesetzt bekommen, die in etwa auf gleichem Niveau spielen.

Guild Wars 2

- Stell dir vor, es ist Krieg und alle machen mit
alle Bilderstrecken
Da kriegt's die Hucke voll, das Wurzelwuschelvieh aus dem Sumpf.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4681/474

Die Server-Bundesliga

Obendrein ergibt sich dabei ein Ranking der Server - eine Art Bundesliga. Und deren Existenz allein ist für viele Spieler schon Ansporn genug, regelmäßig zu den Waffen zu greifen, um den eigenen Server möglichst weit nach oben zu bringen - oder sich selbst oder die Gilde, denn auch dafür soll es Tabellen geben. Die Pforten zum E-Sport stehen ArenaNet damit offen.

Zahlreiche Spieler werden das begrüßen, die Mehrheit jedoch schreckt vor dem Gedanken zurück. PvP in einem MMOG ist grundsätzlich schon mal nicht jedermanns Sache. Kommen dann noch Tabellen und Ligen hinzu, könnte das Otto Normalspieler durchaus verunsichern. Hat man gegen die Nerds überhaupt eine Chance? Was kann man als Einzelner schon tun, wenn organisierte Pro-Gamer die WvW-Landschaften dominieren?

Was kann man denn schon tun?

Mit dieser Frage konfrontierte ich ArenaNet, während ich den kleinen Kriegstrupp auf der mir bis dato unbekannten Karte suchte. Eine ganze Menge kann man tun, versicherten mir die Entwickler und erklärten mir kurz die Möglichkeiten im WvW-Krieg. Die Festungen sind die stärksten Einrichtungen. Wer eine solche erobern will, benötigt durchaus eine schlagkräftige Truppe von mindestens 20 Mann.

Die kleineren Burgen hingegen sind auch schon mit einer einzigen Gruppe von fünf Mann einzunehmen, wenn man bereit ist, in das entsprechende Kriegsgerät zu investieren, also Katapulte, Triboks oder Kriegsgolems zu kaufen. Wer das nicht möchte, verteidigt einfach eine Stellung gegen den heranstürmenden Feind.

Guild Wars 2

- Stell dir vor, es ist Krieg und alle machen mit
alle Bilderstrecken
Der Tanz mit dem Minotaurus im Mondschein.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4681/474

Die Karawane zieht weiter...

Dafür setzt man Versorgungsgüter ein, die in den Depots generiert werden und von Karawanen zu den Burgen und Festungen gebracht werden. Sind genügend Kisten vorhanden, wird es für den Gegner schwierig, die Stellung einzunehmen, denn die Schäden, die Angreifer von außen anrichten, lassen sich von innen wieder reparieren. Außerdem lassen sich Burgen und Festungen ausbauen und mit NPC-Verteidigern bestücken.

Wenn die Versorgungsgüter aufgebraucht sind, fällt die Burg recht schnell. Sie wechselt dann den Besitzer und wird automatisch repariert. Für die Verlierer ist die Schlacht dann aber noch nicht vorbei. Im Gegenteil. Noch ist die Burg schwach. Sie ist nicht ausgebaut und es fehlt an Versorgungsgütern, mit denen man sich eine längere Belagerung überstehen ließe.

Keine Chance für die Zerg

Und auch der Einzelne bekommt so die Möglichkeit, sich am Kampfgeschehen zu beteiligen, indem er beispielsweise eine Karawane abfängt, die gerade mit neuen Kisten auf dem Weg zur Burg ist. Mit einem Helfer kann er auch versuchen, eines der Depots zu überfallen und für die eigene Fraktion einzunehmen - das ist nicht sonderlich schwierig und kann in höchstem Grade wichtig sein.

Mit den Karawanen und Depots liefern die Entwickler also ein zusätzliches Element, das es bisweilen auch nötig macht, kleinere Gruppen von der großen Armee abzuspalten. Bindet eine Fraktion all ihre Spieler nämlich zu sehr an einen Einsatzort, überrennen möglicherweise unzählige kleinere Grüppchen der feindlichen Fraktionen die Depots und Burgen im Hinterland und ehe man sich versieht, wendet sich das Blatt.

Der Freund meines Feindes

Außerdem leben auf jeder der vier Karten noch NPC-Fraktionen, die in Not geraten sind. Hilft man den computergesteuerten Wesen, schließen sie sich einem aus Dank an. Ein geschickt agierender Einzelgänger bekommt so durchaus die Möglichkeit, das Kriegsgeschehen nachhaltig zu beeinflussen.

Als ich die Männer von ArenaNet am Wochenende auf dem Ewigen Schlachtfeld fand, wurden sie gerade von Team Blau zurückgedrängt. Die gegnerischen Fraktionen, erkannte ich bald, bestanden vorwiegend aus Mitgliedern zahlreicher Hardcore-PvP-Gilden, gegen die ich schon seit den späten 90ern in PvP-MMOs wie Ultima Online, Dark Age of Camelot, Shadowbane oder Lineage 2 kämpfen durfte.

Guild Wars 2 - Vorschau auf fünf Fähigkeiten des Engineers41 weitere Videos

Taktischer Rückzug
Ich kam also zu spät. Unsere Burg wurde gerade von der legendären Gilde SUN überrannt. Statt jetzt in Agonie zu verfallen, beschloss unser Anführer Isaiah, den geordneten Rückzug anzutreten und zur Heimatkarte von Team Grün überzuwechseln. Einige Stunden und unzählige Scharmützel später gehörten uns die meisten der dortigen Einrichtungen.

Der Wechsel der Karten hatte sich also gelohnt, denn Team Grün hatte unsere ursprüngliche Schwäche erkannt, zum Angriff gegen uns geblasen, wegen unseres schnellen Rückzugs allerdings nur Team Blau vorgefunden und ein entsetzliches Gemetzel veranstaltet. Gesiegt hatte also nicht die stärkste Armee, sondern der cleverste Taktierer - zumindest vorerst.

Das 40-Stunden-Wochenende bei ArenaNet

Denn das Blatt wendete sich noch unzählige Male an diesem Wochenende. Kaum war eine Stellung erobert, fiel eine andere. Keiner Fraktion gelang es, allzu lange zu dominieren, und umso wichtiger waren jene kleinen, überraschenden Siege, mit denen sich wertvolle Punkte machen ließen - nicht selten herbeigeführt von versprengten Grüppchen oder Einzelgängern, die den Feind in die Irre führten oder die Versorgung kappten.

So verging Stunde um Stunde, ohne dass wir müde wurden. Einige Entwickler, eigentlich nur zu einer Schicht von fünf Stunden verpflichtet, tobten seit über 40 Stunden ohne Unterbrechung durch das Welten-PvP von Tyria. Allenfalls kurze Toilettengänge oder der Pizzadienst unterbrachen die Sitzung für ein paar Minuten.

One more Tower!

Viel länger hätte man auch auf keinen der Kämpfer verzichten können und wollen. Stets hatte man ein Ziel vor Augen, immer war eine Stellung gefährdet, stand eine gegnerische Einrichtung kurz vor dem Fall. Das Gefühl, dass man seine Kameraden unter keinen Umständen im Stich lassen darf, war ein ständiger Wegbegleiter und immer wenn man gerade ausloggen wollte, erfolgte der nächste Angriff durch eine der beiden gegnerischen Fraktionen.

Guild Wars 2

- Stell dir vor, es ist Krieg und alle machen mit
alle Bilderstrecken
Bunt und wunderbar idyllisch.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4681/474

Schon nach wenigen Stunden war mir klar, dass die Entwickler an diesem Wochenende nicht an der Arbeit waren. Sie zockten einfach nach Herzenslust und fanden dabei kein Ende. Hätte ich nicht gewusst, zu wem die Stimmen im Ventrilo gehörten, ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass diese über alle Maßen begeisterten Jungs das Spiel selbst entwickelt haben.

Nein, Mann, ich will noch nicht gehn...

Und aller gebotenen Vorsicht neuen Titeln gegenüber zum Trotz habe ich mich von der Begeisterung mitreißen lassen. Zu verlockend war der ewige Krieg mit all seinen Facetten, zu übermächtig das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich den Computer jetzt ausschalte. Ein Gefühl, das ich seit vielen Jahren bei allen modernen MMOs so schmerzlich vermisst habe.

Der PvE-Teil von Guild Wars 2 ist, wie ich in meinem ersten Erlebnisbericht angedeutet habe, durchaus unterhaltsam - der PvP-Teil, insbesondere der Krieg der Welten allerdings, scheint wirklich herausragend zu werden. Anders als die unzähligen Light-MMOs der letzten Jahre orientiert sich ArenaNet an den richtigen Vorlagen und nicht am in dieser Hinsicht überschätzten Marktführer.

Weitere Informationen zum Spiel bekommt ihr auf unserer Guild-Wars-2-Fanseite.