Auch eine Woche nach Release kann es manch ein Fan kaum fassen: Das jahrelange Warten hat ein Ende - Guild Wars 2 ist endlich live. Über eine Million Vorbestellungen lassen keinen Zweifel am wirtschaftlichen Erfolg des Titels aufkommen. Doch ist der auch gerechtfertigt? Muss auf die hohen Erwartungen der Fangemeinde nicht zwangsläufig die Ernüchterung folgen? Unser Korrespondent in Tyria hat seine ersten Erfahrungen im gelobten Land für uns zusammengetragen.

Guild Wars 2 - Trailer zur Erweiterung41 weitere Videos

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klein als wie zuvor

Diese faustsche Gedankenformel kam mir in den Sinn, als ich endlich wieder den virtuellen Boden Tyrias unter den Füßen spürte und mir schmerzlich bewusst wurde, dass ich nach allen Beta-Erlebnissen jetzt noch einmal ganz von vorne würde anfangen müsse - und das nicht einmal unter dem mir vertrauten Namen, denn den hatte mir ein besonders früher Vogel weggeschnappt.

Kein Wunder eigentlich, bedenkt man, dass NCsoft bis zum Release schon über eine Million Vorbestellungen registrierte. Guild Wars 2 hat sich damit über Nacht zum vielleicht meistgespielten MMO der westlichen Hemisphäre erhoben - Tendenz weiter steigend. Und zwar so schnell, dass NCsoft die Online-Verkäufe von Guild Wars 2 kurzzeitig stoppen musste, um dem Andrang überhaupt noch Herr zu werden. So etwas gab es noch nie.

Guild Wars 2 - Vorab-Test: Dem Hype erlegen?

alle Bilderstrecken
Manche Jump-n-Run-Einlagen treiben einen an den Rand des Wahnsinns.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4741/474

Woher der Hype?

Doch worin liegt dieser gewaltige Erfolg begründet? Was ist es, was Guild Wars 2 für die Massen so interessant macht? Was hat den Hype so heftig entfacht und immer wieder angeheizt? Ein ganz wesentlicher Faktor ist sicherlich der Vorgänger, der seinerzeit bewusst auf gewisse MMO-Elemente verzichtet hat und mit einem alternativen Geschäftsmodell eine ganz neue Gruppe von Spielern ins Genre gebracht hat, die nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, monatlich Geld für ein Onlinespiel zu bezahlen.

Guild Wars 2 - Guild Wars 2: Eindrücke aus dem WvWvW

Bilderstrecke startenKlicken, um Bilderstrecke zu starten (16 Bilder)

Diese Veteranen bilden den Kern der neuen Fangemeinde und sie ziehen neue Spieler mit in ihre geliebte Welt. Zu ihnen gesellen sich obendrein all jene, die von einfallslosen Abo- und minderwertigen Free-To-Play-Games gleichermaßen gelangweilt sind. Jetzt, da Azeroth unter Bevölkerungsschwund leidet und BioWare bewiesen hat, dass ein gewaltiges Budget noch keinen Langzeitspielwert erzeugen muss, ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um den Markt mit einem abofreien Guild Wars 2 gehörig umzukrempeln.

Guild Wars 2 - Vorab-Test: Dem Hype erlegen?

alle Bilderstrecken
Schuld am Frust ist die alte Engine, die schlichtweg nicht für solche Spielchen geeignet ist.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder

Vom Hype getragen

Denn was, so fragt sich der gelangweilte Onlinespieler, hat man außer dem Kaufpreis schon zu verlieren? Man muss keine Münzen nachwerfen, um sein virtuelles Alter Ego hin und wieder bewundern zu können, steht nicht unter Zeitdruck und kann sich vollkommen auf die Welt von Guild Wars 2 einlassen, die überdies viel stärker in Richtung MMOG geht als noch der erfolgreiche Vorgänger mit seinen Erweiterungen. Und die Angst, dass ArenaNet plötzlich auf Pay-to-win umschwenken und göttliche Items im Shop verkaufen wird, ist ebenfalls unbegründet. Oder?

All das geht mir durch den Kopf, während ich mich mit meinem neuen Charakter, einem Sylvari-Waldläufer die ersten Schritte in der endlich persistenten neuen Welt mache. Ich bin angekommen - in einem Spiel, das von einem einem Hype getragen wird, das allen Zweifeln erhaben scheint und dessen Community jede noch so leise Kritik derart heftig als Ketzerei einstuft, dass man befürchten muss, dafür irgendwann auf dem Scheiterhaufen zu brennen.

Begeisterung steckt an

Und doch, so schwöre ich mir in diesem Moment, werde ich mein freches Schandmaul nicht halten und sagen, was gesagt werden muss. Denn auch Guild Wars 2 wird Bugs haben, Fehler im Design, in der Technik, der Aufmachung oder dem Balancing. Die bewusst zu suchen wird nicht ganz einfach, denn die allgemeine Begeisterung steckt an - so wie die ausufernde Kritik bei manch anderen MMOs der jüngsten Zeit ansteckend war und für zusätzlichen Frust gesorgt hat.

Wenn die Stimmung gut ist, loggt man gerne ein, quatscht mit seinen Gildenkollegen im Teamspeak über Gott und die Welt - und ab und zu auch über Guild Wars 2. Trotz der frühen Stunde tummelt sich die komplette Gilde in einem Kanal - ein ordentliches Durcheinander, denke ich mir und frage mich, wie da noch koordiniertes Spielen möglich ist.

Gemeinsam einsam

Doch das ist weder möglich noch nötig. Jeder spielt zufrieden vor sich her, folgt seiner persönlichen Geschichte, deckt nebenher die Karte auf und erledigt, was zu erledigen ist. Insbesondere sind das die dynamischen Events, die sich schon während der Betatests als ausgesprochen undynamisch erwiesen haben. Grob gesagt handelt es sich dabei um nichts anderes als jene Ereignisse, über die man auch schon in Warhammer Online oder Rift gestolpert ist.

Guild Wars 2 - Guild Wars 2: Eindrücke aus dem WvWvW

Bilderstrecke startenKlicken, um Bilderstrecke zu starten (16 Bilder)

Gerät man irgendwo in das Umfeld eines solchen Events, ist man auch gleich mittendrin, beschützt, eskortiert, baut auf oder zerstört. Die Belohnung folgt meist noch ehe man so richtig verstanden hat, was da eigentlich gerade vor sich gegangen ist und man merkt recht schnell, dass es im spielerischen PvE-Alltag von Guild Wars 2 keine Verlierer gibt - nur Gewinner.

Guild Wars 2 - Vorab-Test: Dem Hype erlegen?

alle Bilderstrecken
Künstlerisch wertvoll mag Guild Wars 2 bisweilen ja sein - grafisch ist es allerdings eher durchwachsen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4741/474

Gescriptete Dynamik

Das sorgt für einen reibungslosen Spielfluss bei der Erkundung der Welt, beseitigt aber auch jede Form von spielerischem Anspruch. Ob man sich nun beim Auslösen der Skills redlich bemüht oder einfach nur aus der hintersten Reihe automatisch ein wenig mit aufs Ziel schießt - trotz der so oft gelobten Dynamik ändert sich nichts am Ausgang der Schlacht. Ob man den viel zitierten Zentauren nun das Dorf überlässt oder ihnen Einhalt gebietet - in der Welt und für die Spieler ändert sich nichts, was irgendwie von Belang wäre.

Daran, dass die Spielmechanik doch eher anspruchslos wirkt, ändern auch die Wahl der Waffe und die daran gebundenen Skills wenig. Spätestens seitdem Titel wie TERA bewiesen haben, welche spielerischen Möglichkeiten man auch in einem MMO verwirklichen kann, wirkt das Standard-Kampfsystem von Guild Wars 2 vor allem im PvE äußerst altbacken. Allein die Aussichtspunkte, die sich nur durch kleine Jump-n-Run-Einlagen erreichen und freischalten lassen, verlangen dem Weltenbummler hin und wieder etwas mehr Aufmerksamkeit ab.

Sprung in den Tod

Was teilweise unterhaltsam ist, sorgt bisweilen aber auch schon mal für Frust, denn die für Guild Wars 2 modifizierte Engine des Original-Titels sorgt für ein ungenaues, beinahe schmieriges Schürfen über den Boden. Zudem bleibt man beim Sprung auch mal an einer unscheinbaren Kante hängen, um daraufhin in dem frustrierenden Bewusstsein in den sicheren Tod zu stürzen, den ganzen Aufstieg mindestens noch einmal machen zu müssen.

Überhaupt sieht man dem Spiel das Alter der Engine an. Trotz aller Modifikationen und einer künstlerisch verfremdeten Grafik fühlt man sich kaum wie in einem nagelneuen MMO. Einige wunder- und mühevoll gestaltete Gebiete, insbesondere am und unter dem Wasser, lassen immerhin vermuten, dass man während der langen Entwicklungszeit gewisse Fortschritte bei der Landschaftsgestaltung gemacht hat, die mit späteren Erweiterungen möglicherweise noch zum Tragen kommen werden.

Technische Unzulänglichkeiten

An den eher hakeligen Animationen von Charakteren und Monstern und den unspektakulären Skill-Effekten ändert das freilich nichts. Doch was bringt einem MMO die schönste Optik, wenn dadurch gleichzeitig die Möglichkeit für große PvP-Schlachten versperrt bleibt - und genau darauf darf man bei Guild Wars 2 spätestens im Endgame ja tatsächlich hoffen.

Noch störender als die optischen Unzulänglichkeiten ist übrigens die Vertonung der Charaktere. Was mir da von angeblich professionellen Sprechern ins Ohr gequatscht wird, erstickt jäh jeden kleinen Funken Begeisterung für die teilweise märchenhafte Welt. Doch vielleicht war es genau das, was man den Stimmgebern als Regieanweisung mit auf den Weg gegeben hat, denn ich fühle mich unweigerlich an meine Märchenkassetten aus frühen Kindertagen erinnert.

Guild Wars 2 - Vorab-Test: Dem Hype erlegen?

alle Bilderstrecken
Unter Wasser ist es noch am schönsten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder

Reise ohne Höhen und Tiefen

Sprachlich versierten Zeitgenossen hilft es übrigens auch nicht, auf eine andere Lokalisierung umzustellen - der unerträgliche Kindergarten-Effekt ist tatsächlich in jeder Sprache der gleiche und man fragt sich wirklich, welche Altersgruppe ArenaNet bei der Vertonung da im Sinn hatte. Umso negativer fällt gleichzeitig ins Gewicht, dass die Story-Sequenzen vor einem gezeichneten Hintergrund stattfinden und vom Arrangement her oft gar nicht so recht ins Spiel passen wollen. Technisch erinnern sie eher an einen Titel aus der B-Liga als an ein Triple-A-MMO.

Und so mag man es mir nachsehen, dass ich die skurril anmutende und dürftig präsentierte Hintergrundgeschichte meines Sylvari weder verstanden habe noch nachererzählen könnte. Vielmehr schlage ich mich seit nunmehr einer Woche eher mäßig motiviert durch die Landschaft, decke eine Zone nach der anderen auf, in der steten Hoffnung, dass der Funke der Begeisterung mancher Fans auf mich überspringen möge.

Beim PvE nur guter Durchschnitt

Doch ich tue Guild Wars 2 möglicherweise Unrecht, wenn ich mich nur auf die PvE-Inhalte konzentriere, wenn ich mir keine Gruppe suche, um eines der Verliese genauer unter die Lupe zu nehmen und vor allem wenn ich mich nicht ins vielversprechende Welten-PvP stürze, dem ich als PvP-Fan von Anfang an den größten Stellenwert beigemessen habe.

Umso erwartungsvoller sehe ich den kommenden Tagen und Wochen entgegen, in denen ich meine PvE-Reisen zumindest unterbrechen werde, um mich den wahren Stärken eines Spiels zu widmen, das auf den ersten, flüchtigen PvE-Blick zwar keineswegs schlecht ist, allerdings weder den überaus hohen Erwartungen der Community noch den großen Versprechungen der Entwickler gerecht werden kann.

Vom Kritiker zum Fanboy?

Doch wer weiß - bis ich das abschließende Urteil über Guild Wars 2 fällen muss, kann noch viel passieren. Meine Gilde wartet längst darauf, dass ich meinen Wanderstab fallen lasse und mich ihren gut ausgerüsteten Truppen anschließe, um die anderen zwei Server im ewigen Krieg in die Schranken zu weisen - falls ich es in der ewigen Warteschlange vor dem Welten-PvP tatsächlich mal bis nach vorne schaffe.

Guild Wars 2 - Vorab-Test: Dem Hype erlegen?

alle Bilderstrecken
Pfeil und Bogen lässt man tief unter dem Meer besser stecken und greift stattdessen zur Harpune.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 469/4741/474

Darauf freue ich mich durchaus und wie ich mich kenne, steht mir danach so manche durchzockte Nacht bevor, in der Guild Wars 2 seine volle Stärke erst noch entfalten und den ketzerischen Kritiker zum Fanboy machen könnte.

Guild Wars 2 - Guild Wars 2: Eindrücke aus dem WvWvW

Bilderstrecke startenKlicken, um Bilderstrecke zu starten (16 Bilder)