Autor: Volker Schütz

"Niemand schießt irgendjemandem ins Gesicht, außer er ist Auftragsmörder oder Computerspieler." Mit dezentem Presslufthammerhabitus mimt Jack Thompson den Frontmann im Kampf gegen Videospiele.

Nach seinem Willen gehören alle Spiele verboten, in denen Gewalt, Sex oder derbe Sprache vorkommt. Unaufhörlich verklagt er die US-Gamesindustrie. Mag bei uns auch das Killerspieleverbot vom Tisch sein: Sollte Thompson im "Land der Freiheit" mit seinem Treiben Erfolg haben, bleiben von unserem Hobby nur "Tetris" und "Solitaire" übrig. Das Portrait eines selbst ernannten Weltverbesserers.

Jack Thompson wurde als John Bruce Jack Thompson in den 50er Jahren in den USA geboren. Der konservative, republikanische Anwalt ging in den 80er und 90er Jahren primär Rappern wie 2 Live Crew, N.W.A und Ice-T auf die Cojones. Er veranlasste mit Erfolg die Indizierung diverser Alben. Insbesondere seit Anfang des 3. Jahrtausends hat er jedoch die Spieleindustrie als neue Ursache für alles Übel der Welt ausgemacht. Dementsprechend investiert er seinen gesamten Tatendrang in ihren Untergang.

GTA tötet und die Sims sind nackt - Jack Thompson – Warum er DICH hasst! Das Portrait eines selbsternannten Weltverbesserers.

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Ritter des Rechts: Jack Thompson (Quelle: WCPO/Wikipedia)
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Am Ehesten kennt man Thompson in Deutschland aufgrund eines offenen Briefs aus dem Jahr 2005. In dem schrieb er eine Summe von 10.000 Dollar aus - und zwar für die Erschaffung eines Games mit dem Ziel, die Großkopferten der Spieleindustrie vor der Kulisse der E3 umzunieten (Jesus wäre vermutlich stolz auf solch bibeltreue Geistesblitze seines bekennenden Jüngers).

Das anvisierte Hauptopfer des besagten Publicitystunts war dabei übrigens der Take 2 CEO Paul Eibeler. Allerdings ging die Jack-Attack nach hinten los, als sich Hobbyentwickler tatsächlich der Aufgabe stellten. Flugs machte Thompson einen Rückzieher mit der Begründung, es habe sich lediglich um eine Satire gehandelt.

Die Autoren der Comic-Website Penny Arcade wollten daraufhin dem mit eingekniffenem Schwanz fliehenden Lobbyisten noch etwas auf den Weg mitgeben. Daher spendeten sie in seinem Namen 10.000 Dollar für die Jugendarbeit der Entertainment-Software-Association-Stiftung.

Das genügte, um den streitbaren Jack zornig aus seiner Box schnellen zu lassen. Er verfasste einen Brief an die Polizei Seattle. Darin riet er den Beamten, man solle den Laden der "Cop-Killer" von Penny Arcade dicht machen und die Betreiber verhaften. Schon hieran zeichnet sich ab, dass es wohl einfacher wäre, einem Warzenschwein Lambada beizubringen als Thompson das Konzept der Verhältnismäßigkeit.

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gamona deckt auf: Amokläufer in Aktion
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Entsprechend dem Klischee vom Krankenwagen verfolgenden amerikanischen Anwalt, hängt er sich seit Jahren an jedes Schulmassaker und jeden (Selbst)Mord von Computerspielern. Er nimmt diese Tragödien zum Anlass für Klagen gegen Gott und die Welt. Vorzugsweise gegen Letztere.

Ob Take 2 und Rockstar Games (wegen "Grand Theft Auto 3"), Wal-Mart (wegen des Verkaufs von "GTA 3"), Sony (wegen der zugehörigen Playstation), Comedy Central (wegen "South Park") oder Howard Stern (wegen Howard Stern), alle mussten kosten- und zeitintensive Rechtsstreitigkeiten erdulden.

Ende September strengte Thompson wieder einmal eine Klage über 600 Millionen Dollar gegen Rockstar Games, Take 2 und Sony an. Der Hintergrund: Ein gewisser Cody Posey erschoss 2004 seine Familie und verscharrte selbige unter einem Misthaufen. Der Vorwurf Thompsons lautet nun, Posey habe dieses Massaker mit "GTA: Vice City" geübt. Das Spiel habe ihn zu einem aggressiveren und effektiveren Killer gemacht.

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Wir haben es schon immer geahnt: Körperpflege ist jugendgefährdend!
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Sogar Electronic Arts rückte Thompson wegen "Die Sims 2" auf den Pelz - obwohl letztere nicht einmal einen hatten. Selbst ohne anatomische Details hatte das Spiel seinen Unbill erregt. Denn wie um alles in der Welt soll es die zerbrechliche Psyche eines 12-Jährigen bloß verkraften, wenn seine Familiensimulanten zum Duschen unbekleidet über den Bildschirm huschen? Dass die baren Körper durch Pixelblöcke indiziert werden, hilft wohl kaum! Immerhin könne man sich vorstellen, was es unter denen zu sehen gäbe, wenn dort etwas zu sehen wäre! Trotz dreifach konjunktivischer Kritik kann ich Kollege Thompson ausnahmsweise folgen: Mir wird auch übel bei der Vorstellung, dass er unter seiner Kleidung nackt ist.

Der republikanische Erzinquisitor geht mittlerweile einen Schritt weiter und verdammt Spiele vor ihrem Erscheinen. Seine Rechtfertigung: "Ich muss Abraham Lincoln nicht treffen, um zu wissen, dass er der 16. Präsident der USA war." Getreu dieses Mottos befindet er sich im Moment auf den Barrikaden gegen den im Oktober erscheinenden Playstation-Titel "Bully" (USA), bzw. "Canis Canem Edit" (Europa und Australien).

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Enthüllt: Schon David gegen Goliath auf dem Index!
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Bei dem geht es um den 15-jährigen Jimmy Hopkins, der sich in das Internat Bullworth Academy einzuleben versucht. Der Schulalltag legt ihm dabei allerlei Hindernisse in den Weg. Mit Fähigkeiten wie der lang tradierten Kunst des Herausredens, dem infernalischen Stinkbombenbau oder schlichtem Fausteinsatz hält sich Pennäler Jimmy über Wasser. Zwar gibt es - nomen est omen - am Ende der obligatorischen Schlägereien auch Brennnesseln, Wedgies und alles, was zur Mitschülerpein dazugehört. Feuerwaffen und Blut sucht man im Spiel dagegen vergebens.

Das hindert Thompson jedoch nicht daran, in Interviews Despektierliches vor sich hin zu fabulieren und Stimmung gegen den ihm noch unbekannten Titel zu machen. Dem schreibt er unablässig und entgegen expliziter Herstellerbeteuerungen rassistische Übergriffe sowie Gewalt gegen Lehrer zu.

Ferner wirft er in den Raum, "Canis Canem Edit" trainiere die Spieler zu kleinen Columbine-Mördern im Sinne von Klebold und Harris. In Interviews stellt er als Tatsache dar, dass die spielerische Gewalt zwingend zu Gewalt in der Realität führen werde. Er verweist hierzu auf Untersuchungen, welche eine derartige Verbindung zwischen Spiel und Realität angeblich unzweifelhaft nachweisen würden.

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Rommee, nein Danke! "Canis Canem Edit" weckt das Tier in dir!
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In der Konsequenz verlangt Thompson die Herausgabe einer Kopie an sich, da er ansonsten das Erscheinen von "Canis Canem Edit" klageweise verhindern wolle. Grundsätzlich ist in den USA aber das Entertainment Software Ratings Board für die freiwillige Selbstkontrolle zuständig - jedenfalls nicht Jack Thompson. Das ändert nichts daran: Er besteht darauf, man solle ihn im Namen des Allgemeinwohls als Erstes ans Joypad lassen, sonst zocke niemand.

Bis vor kurzem verschlug mir dieser Mann die Worte. Ich konnte nur fassungslos den Kopf schütteln über eine derartig mangelhafte Fähigkeit zur Differenzierung. Über einen solchen Hang zur Selbstdarstellung. Über völlige Intoleranz gegenüber den Ansichten anderer Menschen. Über soviel Scheinheiligkeit und Heuchelei. Und ich wunderte mich, wie unterschiedlich Weltbilder sein können.

Doch dann kam mir plötzlich ein Gedanke, der mich versöhnlich stimmte: Wie verkehrt kann eine Person schon sein, die keinen HipHop mag und so früh wie möglich an Spiele von Rockstar Games kommen will? Eben!