Es gehört wohl zum guten Ton bei einem überzeugten Emo, dass das Glas immer halb leer ist. So bricht für Drake natürlich eine Welt zusammen, als er durch die Aufnahmeprüfung der Militärakademie fällt und der einzige Ausweg aus dieser Schande scheint für ihn der Freitod zu sein. Anstatt von einer Brücke zu springen oder zur Rasierklinge zu greifen, möchte unser Held sich von einem der zahlreichen Killerpilze fressen lassen. Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse.

Drakes Heimat wird nämlich von der Dark Church angegriffen und die fegt alle seine Freunde in der Armee mit links weg. Da taucht Holy Avatar auf und motiviert Drake zum Widerstand. Der muskulöse Held mit langer, blonder Mähne ist bildgewordenes Metal-Klischee und strotzt vor Überheblichkeit und guter Laune. Um gegen die Dark Church zu bestehen, müssen Frauen rekrutiert werden, da diese nicht in der geschlagenen Armee dienten und somit noch am Leben sind.

Uff die Omme!

Diese abgedrehte Geschichte ließ sich schon seit einigen Monaten für 20 Euro in der Download-Version von Grotesque Tactics miterleben. Die frisch erschienene Premium-Variante findet sich hingegen nicht im Netz, sondern auf DVD in den Händlerregalen. Verbessert wurde dabei vor allem die Präsentation. Neben der leicht aufgehübschten Grafik wurden sämtliche Dialoge mit ordentlichen Sprechern vertont, die den parodistischen Humor auf den Punkt treffen.

Grotesque Tactics - Gefühlsechtes Metal

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Humor und Sexismus - wirklich eine groteske Mischung.
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Doch abseits des Gagfeuerwerks darf der Spielspaß natürlich nicht zu kurz kommen. Halbgott und Frauenschwarm Holy Avatar bietet sich als Tutor an und weist uns in das Wissen ein, das wir zum Überleben benötigen. Bewegungen finden in Echtzeit in abgeschlossenen, aneinandergereihten Gebieten statt. Sobald wir auf Gegner treffen, schaltet das Spiel in den Rundenmodus und es werden Feldbegrenzungen eingeblendet.

Anfangs kämpfen wir noch gegen die halbwegs harmlosen, wandelnden aber bissigen Pilze, später erscheinen allerdings deutlich gefährlichere Kaliber wie Oger und Golems auf dem Spielfeld. Das Prinzip bleibt dabei allerdings immer dasselbe. Unsere Gruppe aus maximal zehn Charakteren muss sich gegen eine gegnerische Überzahl behaupten, was natürlich nur mit der richtigen Taktik funktioniert. Genretypisch sollte man nicht nur genau überlegen, welche Einheiten welchen Gegner angreifen, sondern auch das Gelände zu seinen Gunsten nutzen.

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Auch das Gelände muss in die Taktik mit einbezogen werden.
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Holy Avatar und Drake samt lustiger Bande namens Evil Heroes bewegen sich auf befestigten Wegen deutlich schneller fort als im Gestrüpp, sind dort aber auch deutlich verwundbarer. Schleichen sie sich hingegen durchs wuchernde Grünzeug, erleiden sie im Kampf weniger Schaden. Dabei sollte man die Position der Helden im Auge behalten. Während Holy Avatar in der glänzenden Rüstung an die Front gehört, feuern Candy, Mandy und Sandy zielsicher aber verwundbar ihre Pfeile ab. Nur Chantal und Jaqueline wären bei der Namensfindung noch treffender gewesen.

Masse statt Klasse?

Bei jedem besiegten Gegner gibt es Erfahrungspunkte für die am Kampf beteiligten Recken und Reckinnen, wobei der Todesstoß dem jeweiligen Verursacher einen nicht zu unterschätzenden Bonus einbringt. Wer sich jetzt auf Rollenspielelemente freut, liegt damit goldrichtig, wird aber auch gleichzeitig enttäuscht.

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Die Grafik ist für ein Rundenstrategiespiel außerordentlich schick.
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Zwar hat jeder Charakter eine witzig in das Spiel eingebundene Fertigkeit, Obsession genannt, gesteigert wird allerdings völlig automatisch, eine Individualisierung der Figuren ist lediglich über Ausrüstungsgegenstände möglich. Neue Items gibt es bei den Händlern in der Stadt Station Wish, werden von Gegnern fallen gelassen oder finden sich in Truhen.

Das ändert jedoch nichts daran, dass das Leveldesign knackig ausgefallen ist. Die KI agiert zwar im niedrigsten Schwierigkeitsgrad recht vorhersehbar, im schweren Modus kommen aber sogar Profitaktiker ins Schwitzen. Auch hier liegt es häufig eher an den kampfstarken Feinden in Überzahl als an der KI, die Spielspaß-Rechnung geht aber nichtsdestotrotz auf. Schön ist die Tatsache, dass sich einige Gegnertypen gegenseitig nicht ausstehen können und sich daher auch gegenseitig angreifen. Dies lässt sich häufig ausnutzen.

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Für die Premium Edition wurden extra Sprachaufnahmen gemacht.
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Die Welt des depressiven Emos Drake wird passenderweise quietschbunt dargestellt und tut schon fast in den Augen weh. Dazu kommt die Kombination aus sexy Manga-Style bei den weiblichen Charakteren, die sich alle verblüffend ähneln, und der Plattencover-Ästhetik bei den männlichen Schergen. Für ein Rundenstrategiespiel sieht Grotesque Tactics sehr gut aus, doch das will in diesem Genre nichts heißen und im direkten Schaulaufen mit aktuellen Echtzeit-Strategiespielen zieht Halbgott Holy Avatar deutlich den kürzeren.

Bei Grotesque Tactics bleibt kein Auge trocken, doch Einschränkungen im Spieldesign verhindern eine höhere Wertung.Fazit lesen

Bemerkenswert in der Premium Edition ist hingegen die Vertonung. Die Sprecher verleihen dem allgegenwärtigen Humor den entsprechenden Witz. Auch wenn einige Gags ins Zotige abgleiten, machen die zahlreichen Seitenhiebe auf Computerspiele, Filme und Jugendkultur einfach Spaß. In welchem anderen Spiel spricht man sonst schon irrtümlich den Cosplay-Doppelgänger des Halbgottes an?

Trotz des Premium-Siegels vermissen wir leider einen Mehrspielermodus. Zwar wäre es schwer den Humor darin zu vermitteln, doch dieser ist ja nicht die einzige Stärke von Grotesque Tactics. Ein Modus für zwei Spieler mit jeweils zehn Charakteren, Dark Church vs. Evil Heroes, wäre sicherlich sehr kurzweilig gewesen. Im Gegensatz zu anderen rundenbasierten Strategiespielen bräuchte man für eine Partie keinen halben Tag einzuplanen, doch diese Möglichkeit sich zusätzlich aus der Masse abzuheben wurde leider verschenkt.