Manche Fügungen klingen im ersten Moment wesentlich poetischer, als sie dann tatsächlich sind. Zum Beispiel hatte ich kurz darüber nachgedacht, eine Parallele zu ziehen zwischen der Unsterblichkeit des legendären Adventures Grim Fandango aus dem Hause LucasArts und der ebenfalls vorhandenen Unvergänglichkeit seines Hauptcharakters, Manny Calavera. Dann fiel mir wieder ein, dass letzterer tot ist. Whoops.

Grim Fandango Remastered - Remastered Launch Trailer2 weitere Videos

Und Grim Fandango lebt, mehr denn je zuvor. Zwar galt es dermaleinst als die Mariachi-Begleitung zum Schwanengesang des Adventure-Genres, aber so ziemlich alle waren sich einig, dass es keinesfalls an der Qualität der eigentümlichen Noir-Nummer im Land der Toten lag. Selbst, wer keine Berührung zu oder besondere Vorliebe für Adventures hat, kennt Grim Fandango, viele lieben es. Es ist einfach so gut.

Grim Fandango Remastered - Liebe ist für die Lebenden

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 13/171/17
Manny Calavera scheint kaum gealtert zu sein - nicht schwer, wenn man tot ist.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dank der wiedergewonnenen Popularität des Genres bietet sich also kaum ein besserer Zeitpunkt als der jetzige an, um dem Klassiker eine Neuauflage zu spendieren. Insbesondere in bestimmten Komfortaspekten würde die Geschichte über den Reiseagenten, der durch das Land der Toten seiner Erlösung in Damengestalt nachjagt, etwas Auffrischung vertragen – das darf man auch unter Fans zugeben, ohne sofort als Ketzer verbrannt zu werden.

Da wären zum Beispiel die legendären Tank-Controls, die Panzersteuerung, die man sonst auch noch aus Titeln wie Resident Evil kennt und die, vorsichtig ausgedrückt, nicht das unklobigste Steuerungssystem ist, das je erdacht wurde. Die Neuauflage bietet als Alternativen zu klassischen figurbezogenen Controls jetzt aber nicht nur Bildschirmbezogene Steuerung (vom Spieler aus gesehen führt links nach links, rechts nach rechts usf.), nicht nur eine Gamepad-Unterstützung, sondern sogar eine angepasst Möglichkeit, mit der Maus im Point-and-Click-Stil zu spielen, komplett mit dann eingeblendeter Inventartaste auf dem Bildschirm. Das funktioniert alles ziemlich gut, und der nette Gag, dass es ein Achievement dafür gibt, wenn man sich doch komplett mit Tank-Controls durch das Abenteuer quält, wird gern angenommen.

Grim Fandango Remastered - Liebe ist für die Lebenden

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Die Modernisierungen sind behutsam, was einen Teil der Existenzberechtigung nimmt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das eben angesprochene Inventar jedoch ist sperrig, unübersichtlich und schlecht zu bedienen wie eh und je. Tim Schafer hat einmal gesagt, dass bei der Anfertigung des originalen Spiels so wenig wie möglich zu Spielzwecken abstrahiert werden sollte – daher eben direkte Steuerung, kein menübasiertes Inventar und auch Mannys Eigenschaft, interaktive Objekte direkt anzugucken, anstatt sie per Hotspot hervorzuheben, ist diesem Gedanken geschuldet. Wenn man nun aber ein paar der Elemente bereits der neugewonnenen Zugänglichkeit geopfert hat, hätte man diesen Schritt meienr Meinung nach auch noch gehen können.

Stattdessen fummeln wir uns nach wie vor durch Herrn Calaveras Westentaschen, was zwar funktioniert, aber gerade im Kontrast zu den anderen komfortablen Kompromissen eine Spur altbacken rüberkommt. Man hat allerdings, wie auch früher schon, immer noch die Option, die Items zum Beispiel über Zahlentasten anzuwählen.

Die Unterwelt ist nicht genug

Wundervoll sind die zahlreichen Audiokommentare der Entwickler, darunter Tim Schafer selbst. Kaum ein Bildschirm geht vorbei, ohne dass man eine interessante Anekdote, ein technisches Detail oder die Gründe für eine Designentscheidung erfährt – alles natürlich optional abspielbar und höchst non-invasiv gehalten. An diesem liebenswerten Feature gäbe es allerhöchstens zu bemängeln, dass man gewisse Anekdoten Schafers vielleicht schon kennt, wenn man seine auf Youtube begonnene Let's-Play-Reihe seiner eigenen Spiele kennt.

Und dann gibt es natürlich die technische Baustelle. Grim Fandango war schon früher ein schönes Spiel, aber seine Schönheit entsprang eher dem Stil, weniger der zwar kompetenten, aber durchaus etwas klotzigen Technik. Daran hat sich mit dem Hochskalieren der Auflösung wenig geändert: Blockige Skelettmännchen und der Zusammenprall von handgefertigt panoramischen Hintergründen und eher verlegenen Polygon-Klumpen ist nach wie vor ein Kompromiss, aber einer, auf den man sich zugunsten eines so tollen Spiels definitiv einlassen sollte.

Grim Fandango Remastered - Liebe ist für die Lebenden

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 13/171/17
Dockarbeiterbienen - ob besseres Licht oder nicht, sie sind Kult.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wer eine Neigung zu mexikanischer Folklore, Noir-Ästhetik, Art déco und sogar Ruinenkitsch und Tempelromantik hat, wird an der Spiel sowohl optisch als auch akustisch Gefallen finden. Die neu abgemischten Songs sind willkommen, aber ultimativ zumindest für mich eher Beiwerk, denn ich habe wortwörtlich noch nie vor dem brillanten Soundtrack von Grim Fandango gesessen und gedacht "Wow, dieses Mariachi-Stück würde mich wirklich mitreissen, wenn es nicht so schlecht abgemischt wäre."

Gutes Remake eines brillanten Klassikers - vielleicht nicht unbedingt notwendig, für Neueinsteiger oder Hardcore-Fans aber lohnend.Fazit lesen

Und auch die neuen Lichteffekte sind zwar eine schöne Überarbeitung – aber nötig? Nötig sind sie, wie nahezu alle Überarbeitungen in der neuen Version, eigentlich nicht. Eben eine Dreingabe, die vor allem für Leute schön ist, die bislang Grim Fandango nochgar nicht gespielt haben und diesen Umstand jetzt ändern wollen. Das Spiel kann betören, aber das passiert erst sekundär oder tertiär durch technisch Umsetzung. Davor kommt Gestaltung, Charme, Witz, Dinge eben, die ohnehin zeitlos sind. Und natürlich: clevere Rätsel.

Denn das ist die immer noch größte Stärke von Grim Fandango. Es gibt Spiele, die einfach konzeptionell nicht gut altern, und die Frage, ob es dem 1998er Titel auf der rein spielerischen Ebene gut ergangen ist, ist durchaus erlaubt. Sie wird aber auch ganz deutlich mit "Ja." beantwortet, was ein zweischneidiges Schwert ist. Einerseits braucht man weder Gründe noch Ausreden, sich ein so tolles Spiel zu kaufen oder eben nochmal zu kaufen. Andererseits hält sich der pure Mehr- und Neuheitswert für Fans der Originalfassung in Grenzen.

Grim Fandango Remastered - Liebe ist für die Lebenden

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Wer es früher liebte, wird das immer noch tun, aber ob er dazu das Remake braucht, ist fraglich.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ich persönlich liebe Grim Fandango und wüsste nicht, ob ich es mir noch einmal kaufen würde. Es verdient es, ohne jede Frage, aber hauptsächlich eben wegen seiner alten Stärken, nicht wegen neuer Vorzüge. Unter den neuen Elementen, die mich zum nochmaligen Kauf bewegen könnten, wären die Entwicklerkommentare und die Bequemlichkeit und Kompatibilität durch Steam. Manch anderer mag mehr Wert auf Dinge wie Auflösung legen. Der Hauptgrund, es zu kaufen und zu spielen ist aber: weil es Grim Fan-Fucking-Dango ist.

Wer es nicht kennt, sollte die Gelegenheit auf jeden Fall nutzen. Wer das Geld übrig hat und Unterstützung geben will, auch. Wer aber auf die Finanzen achten muss, das Spiel von früher her kennt und sich fragt, ob er viel verliert, wenn er statt der neuen Version das 1998er Original zum Laufen kriegt, dem sei gesagt: Nein, tut er nicht. Grim Fandango ist genial, in jeder Inkarnation, was einerseits das größtmögliche Lob und aber auch eine Art Entwertung der durchaus kompetenten Neuauflage darstellt.