Ich hab ein Herz für Codemasters. Eigentlich schon seit den Zeiten von Herr der Ringe Online, aber im akuten Fall ist natürlich deren Rennspielreihe Grid der ausschlaggebende Punkt. Um nicht zu sagen Race Driver von anno dazumal. Um so schwerer fällt es mir, dem aktuellen Ableger mit dem Untertitel „Autosport“ Ungereimtheiten vorhalten zu müssen.

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Es hilft nichts, was muss, das muss. Liegt doch nicht an mir, dass Grid: Autosport an allen Ecken inkonsequent wirkt. Dabei fing alles so gut an. Ernster möchte dieser Ableger sein, mehr Abwechslung bieten, den sportlichen Anteil einer Rennveranstaltung betonen. Inklusive Qualifikation, Tuning und was sonst noch in den Vorgängern vernachlässigt wurde. Angesichts dieser Umstellung könnte ich beinahe über das heftige Grafikrecycling hinwegsehen. Strecken sind zwar massig vorhanden, aber von den insgesamt 20 Kursen haben Fans der Reihe schon einige gesehen, und verändert wurden sie seit Grid 2 so gut wie gar nicht. Kommt mir vor, als ob Codemasters bei vielen lediglich die Position der Sonne verstellt hätte.

Kann man mit zwei zugedrückten Hühneraugen durchaus verschmerzen, machen andere Rennspielserien ja ebenfalls. Zumal anderweitig einige Verbesserungen hinzukommen. Fünf distinktiven Wagenklassen samt passenden Events, Verschleißerscheinungen abseits von Crashs, eine Cockpit-Ansicht. Scheinbar wollte man alle vermissten Features der Vorgänger als Wiedergutmachung auf einmal installieren. Und noch mehr. Etwa Qualifikationsrunden oder exzessives Tuning. Es ist alles da, was virtuelle Mechaniker glücklich macht, vom Abstimmen des Differentials bis hin zum Ausbalancieren der Bremskraft. Jubel jubel, freu freu, hier darf der Enthusiast endlich wieder schrauben, bis der Arzt kommt.

GRID: Autosport - Neues Umfeld, alte Technik

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Viel Recycling, viele (halbherzige) Neuerungen, viel guter Wille: Grid: Autosport in einer Nussschale.
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Zu dumm nur, dass solche Features nicht durchgängig verfügbar sind, sondern von der Wagenklasse und der Natur des Rennens abhängen. Nenn' mir jemand doch bitte mal einen vernünftigen Grund, warum in manchen Veranstaltungen die Qualifikation fehlt. Ich grüble noch immer und finde keine zufriedenstellende Antwort. Beim Tuning kann ich es immerhin halbwegs nachvollziehen, denn manche Karren bieten Serienmäßig wenig Spielraum für Feinjustierungen oder gar Upgrades. Aber ich kenne ehrlich gesagt keine vernünftige Veranstaltung abseits der Rallye-Sparte, in der man keine Proberunde drehen darf oder das Fahrerfeld auslotet.

Womöglich liegt es an der künstlichen Intelligenz der gegnerischen Fahrer. Bewegliche Hindernisse sein, ja, diese Aufgabe erfüllen sie mit Bravour. Gern auch mal mit Attitüde, Auge um Auge, Reifen um Reifen. Einmal überholt, passiert aber nicht mehr viel. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wer unter diesen Umständen als erster startet, fährt womöglich nur ein gefühltes Zeitrennen.

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Auf der Strecke geht's bisweilen ordentlich zur Sache, was auch an den teils halsbrecherischen Gegnern liegt.
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Zugegeben, das ist nicht durchgängig der Fall. Insbesondere in der Open-Wheel-Klasse hängt das Fahrerfeld manchmal sehr dicht beisammen, wodurch Positionswechsel trotz enger Streckenabschnitte unvermeidbar sind. Andererseits führt das gelegentlich zu schwer nachvollziehbaren Crashs. Einige Piloten sind lebensmüde, anders kann man es nicht ausdrücken.

Grid: Autosport vermittelt noch immer ein tolles Geschwindigkeitsgefühl, wird dem Ruf der Reihe aber leider nicht gerecht. Beim Spagat zwischen Arcade und Simulation kommt einiges zu kurz.Fazit lesen

Da wird geschnitten, gedrängelt und quer gestanden, selbst wenn es manchmal gar keinen Sinn ergibt. Wehe dem, der zu früh bremst. Heckschaden garantiert. Alles in allem wirkt die künstliche Intelligenz zwar lebhaft und offeriert durchaus eine Herausforderung, aber schlau ist sie keinesfalls. Ganz zu schweigen von lernfähig, macht sie so manchen Fahrfehler doch glatt mehrmals hintereinander weg.

Unterschiedliche Fahrweisen kennt sie auch nicht. Ob Street-Racing, Open Wheel oder Tuning-Event, Blechschäden muss man einrechnen. Angeblich sollen meine Rennstall-Kameraden Anweisungen per Funk zu Herzen nehmen, etwa das unbedingte Halten einer Position. Gemerkt hab ich davon leider nicht viel.

Ist das Glas nun halb leer oder halb voll?

Nun gut, das Gerangel mit der CPU ist in Grid nichts Neues, aber es stört, wenn man den sportlichen Teil der Rennen zu schätzen weiß. Von dem ist durchaus einiges vorzufinden. Ausdauerrennen verlangen zum Beispiel eine sparsame Fahrweise zugunsten des Reifenbelags. Da mach ein ordentliches Tuning eigentlich erst richtig Sinn. Leider konzentriert sich Codemasters aber eher auf den praktischen Teil. Es genügt, einfach nicht zu driften und gefühlvoll anzufahren, dann hält der Gummi.

Das ist nicht die einzige Kategorie, in der die Fahrphysik nur die Hälfte von dem einhalten kann, was das Tuningmenü verspricht. Gerade Muscle Cars gehören zu den wahren Biestern unter den Rennschlitten der Welt. Schnell sind sie, aber wer sie nicht von vorne bis hinten beherrscht, spielt bei hoher Geschwindigkeit mit seiner Rente. Grid: Autosport ist da großzügiger, um nicht zu sagen arcadiger. Gefühlte Unterschiede zu Grid 2 sind kaum auszumachen, sofern man nicht auf sämtliche Fahrhilfen und Stabilisatoren verzichtet beziehungsweise den Schwierigkeitsgrad anpasst.

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Trotz dem Autosport-Untertitel ist das hier eher eine Mischung aus Arcade-Schleuder und Simulation. Auch wenn die Tendenz eher Richtung Forza und Gran Turismo geht.
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Und selbst dann kommt Codemasters Baby längst nicht an die Klasse eines Forza, Gran Turismo oder einer ambitionierten PC-Sim heran. Solche PS-starken Boliden machen sich prima in Drift-Events – oh Wunder – nur dürfte das Ausbrechen gerne noch heftiger ausfallen. Entweder ich bin inzwischen zu routiniert, oder ein Mustang fühlt sich hier tatsächlich an wie sein Gegenstück aus Ridge Racer.

Oh wei, schlagt mich nicht. Ja, der letzte Satz ist eine klare Übertreibung. Nichts von diesem Test ist am Ende so heiß, wie es gekocht wurde. Soll heißen, das auch die positiven Seiten eines Grid 2 spürbar sind. Der Fahrspaß, das Geschwindigkeitsgefühl, die präzise Abfrage der Steuerung, eben das, was ein gutes Rennspiel im Kern ausmacht. Sollte Gran Turismo, Forza und Co euch zu trocken sein, so bekommt ihr hier quasi die Light-Fassung mit einem Schuss mehr Unbedarftheit. In Grid steckt nun mehr Simulation, aber nicht genug, um Puristen zu befriedigen. Ob das Glas damit halb leer oder halb voll ist, liegt im Auge des Betrachters.

Nur ist es genau das, was dem Programm am Ende einen Strick dreht. Es braucht in meinen Augen keinen Ultrarealismus, um Rennsport als Faszination zu verkaufen. Aber wenn man schon „Autosport“ als Untertitel verwendet, mutieren vermeintliche Kleinigkeiten wie die unbrauchbare Cockpitansicht zu Mühlsteinen. Enthusiast oder nicht, ein ordentliches Cockpit vermittelt selbst beim größten Bleifuß Authentizität und vielleicht sogar ein wenig Ehrfurcht vor den Pferdestärken eines Geschosses.

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Jede Menge verschiedene Fahrzeugtypen gibt's auch diesmal. Wird so schnell nicht langweilig.
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So manch einer mag ja froh sein, dass die Cockpit-Kamera überhaupt integriert wurde. In den letzten Ablegern fehlte sie unentschuldigt. Wer nur einen Funken Anspruch bei der Vermittlung des Rennsports hegt, kann mit Codemasters Interpretation jedoch nichts anfangen. Vor der Motorhaube klebt einfach nur ein aufgeblurrtes Chassis samt ebenso unscharfem Lenkrad.

Die Idee mit dem Blur mag nicht übel sein. Ist eben ein erzwungener Tiefenschärfe-Effekt, der meine Augen auf die Fahrbahn lotst. Aber permanent etwas Aufgeschwämmtes vor der Nase zu haben, nervt mit der Zeit gewaltig, zumal ich aus reiner Forza-Gewohnheit gelegentlich die Tachonadel suche. Umsonst, wohlgemerkt, denn bei Grid: Autosport regt sich nichts. In der Regel ist der Tacho verdunkelt. Wenn überhaupt vorhanden, denn in manchen Wagen endet die Motorhaube in einem schwarzen Loch. Von einem Kompromiss zu sprechen wäre extrem optimistisch gedacht. Kurzum: Die komplette Ansichtsvariante ist (auf Dauer) für die Tonne. Schade.