Egal wie viele Geschosse auf die Mauern von Kings Castle niedergehen, die ehrwürdige Feste will einfach nicht fallen. Und das obwohl der kleine Benny damals mit stolz geschwellter Brust seine große Drachen-Armee mit all ihren Katapulten gegen den Feind (David, 7 Jahre, Verfechter von König Löwenherz) von nebenan, mitgebracht hatte. Ich war wohl damals schon ein kleiner Stratege, stellte mein selbstgebautes Mega-Katapult so ein, dass die Legosteine nicht gen Mauer, sondern darüber auf den Burgfried zielten, zwang König David so zum Ausfall, fiel ihm mit meinen Truppen in den Rücken und stahl mich mit einer Kommandoeinheit ins Innere seiner Festung, bevor er die Zugbrücke hochziehen konnte. Abgelenkt habe ich ihn damals mit meiner Geheimwaffe, dem schwarzen Lego-Drachen des Todes.

Grey Goo - Trailer

Mein teuflischer Plan ging auf, genau so wie gut 20 Jahre später in meinem ersten Match mit Grey Goo, einem Spiel von den Erfindern der ursprünglich mal legendären und letztlich traurig vercasualisierten „Command & Conquer“-Reihe. Nur die Ausgangslage ist leicht technologisch nach vorne verschoben: statt Richard Löwenherz und dem Drachenclan kämpfen hier Menschen gegen Beta-Aliens und schleimige Glupsch-Kreaturen, die sich wie Wackelpudding vorwärts bewegen und auf eine stationäre Basis verzichten.

Aus Rittern in schwerer Rüstung werden Gladius-Kampfpanzer mit Laser-Geschütz; aus den Katapulten Howitzer-Artillerie, die Plasma-Bomben ins feindliche Lager schleudern und auch die gegnerische Festung besteht mehr aus Laserbarrieren und elektrischen Schutzschilden denn Granitstein und Lehm. Der schwarze Lego-Drache des Todes ist längst in Rente und wird hier von einer ganzen Armada an Raumschiffen und Gleitern ersetzt: der Monitor ist quasi ein Drache ohne Feueratem, der späht nur als Nachfahre der NSA Truppen aus. Der Scythe wiederum ist ein riesiges Raumschiff, quasi die AC130 der Zukunft und legt größere Areale unter einen ganzen Bombenteppich.

Grey Goo - Basenbau im Lego-System: RTS-Geheimtipp unter ferner liefen

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Grey Goo wird via Steam vertrieben, den Free2Play-Balance-Virus muss keiner befürchten.
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Ich steh’ auf Gigantismus

Was mir aber besonders gut an diesem Projekt gefällt, ist diese Liebe zum Basenbau. Aus unerfindlichen Gründen haben in den letzten Jahren so gut wie alle Entwickler außer Blizzard das Ressourcen-Management und die Belohnung dafür in Form einer majestätischen Anlage zu Gunsten von langweiligen Punkten geopfert, die einmal investiert beliebige Truppenteile per Chinook-Helikopter verlegen. Das mag realistisch sein, schließlich werden die meisten Panzer in den USA oder Deutschland gebaut und dann in den nächsten Krisenherd geflogen, mehr Spaß macht es aber sich echtes Ressourcen-Management kümmern zu müssen.

Und dieses Thema geht Grey Goo recht clever an, denn je mehr Energiefelder bei den Menschen aneinander grenzen, desto höher potenziert sich ihre Energiegewinnung. Jedes zusätzliche Feld sorgt quasi für einen Bonus für den Nachbarn, konzentriere ich aber meine gesamte Produktion auf einen kleinen Bereich, mache ich mich leichter angreifbar für Bomber.

Packshot zu Grey GooGrey GooErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Weiter geht’s mit dem Upgraden, denn auch hier haben sich die Macher von Petroglyph ein paar interessante Ideen einfallen lassen. Wollt ihr hier ein Produktionsgebäude ausbauen, klickt hier nicht einfach nur auf eine Zahl und ruck, zuck seid ihr auf Techstufe 2, sondern müsst haptisch das entsprechende Labor auf das jeweilige Gebäude setzen.

Grey Goo - Basenbau im Lego-System: RTS-Geheimtipp unter ferner liefen

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So und nicht kleiner muss eine RTS-Massenschlacht aussehen. Nettes Detail im Bild: eigene Einheiten mit Laser-Bewaffnung können durch Energieschilde feuern.
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Beispiel: Ich baue eine Panzerfabrik, die von ihrer Größe her in der ersten Ausbaustufe zwei verschiedene Slots auf dem Dach hat. Nun muss ich überlegen: soll obendrauf ein Labor für Waffentechnologie um die Geschützart von der 122 Millimeter Glattrohr-Kanone (die beispielsweise Leopard 2 und M1 Abrams in der Echtwelt verwenden) auf Laser umzustellen? Oder schraube ich ein Waffenlager obendrauf und setze auf mehr altmodische, weil langsam nachladende, dafür aber sehr effiziente Geschosstypen? Das Lego-System lässt sich auf bis zu vier Stockwerke ausdehnen, im letzten habe ich dann die Wahl mich entweder noch weiter zu spezialisieren, etwa Laser-gestützte Laser-Zielsysteme zu entwickeln, oder die Anlage mit Raketen-Batterien vor Bomberangriffen zu schützen.

Die Longbow-Flak rollt aufs Dach

Grenzgenial ist die extreme Flexibilität der Einheiten. Meine Longbow-Fahrzeuge schützen beispielsweise als mobile Flak nicht nur Panzer-Verbände außerhalb der Basis, ich kann sie über die Rollbänder meiner Panzerfabrik auch einfach aufs Dach fahren lassen. Oder ich kombiniere sie mit meiner Mauer. Lasse ich einen Longbow in einen Turm fahren, wandert dessen Geschütz automatisch auf den Wachturm dort und kann so den Verteidigungsbonus dieser Struktur nutzen.

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Drei Rassen, drei unterschiedliche Ressourcen-Systeme. Die Menschen bauen kompakter als die Betas, das bringt Stärken, resultiert aber auch in Schwächen.
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Gleiches funktioniert mit Kampfpanzern: reinfahren, mit der Mauer verbinden, schon wandert das Geschütz auf dessen Zinnen. So wehre ich schnell einen harten Gegenangriff der robotischen Alienrasse Beta ab, entbinde meine Kampfeinheiten wieder vom Verteidigungssystem und strenge eine eigene Offensive an. Damit die Balance trotzdem stimmt, verfügt jede Rasse über epische Giganto-Super-Einheiten, mit denen sich auch längere Belagerungen fahren lassen.

Grey Goo hat sich einen besonderen Platz auf meiner Most-Wanted-Liste 2014 gesichert.Ausblick lesen

Generell ist Grey Goo also weniger auf Rush-Taktiken Marke Starcraft 2 ausgelegt, sondern gerade im Endgame auf langanhaltende Belagerungsschlachten. Auch hier spielt der Titel seine enorme Flexibilität aus: die Betas bauen die sogenannte „Hand of Ruk“, eine schwebende Festung mit massiver Feuer-Power und acht Slots. Die wiederum lassen sich beliebig mit unterschiedlichen Einheitentypen füllen, beispielsweise Hellstorm-Robotern, die mit Mörsern größere Bereiche bombardieren können oder Guardians, die immer gleich Schwärme von acht Raketen auf meine Basis niederhageln lassen. Bei acht Guardians könnt ihr euch ein mein Offensiv-Defensiv-Festival gegen 64 Raketen vorstellen.