Noch vor einem Jahr wäre das ein tragisches Wiedersehen gewesen: eine wehmütige Reminiszenz an die gemeinsame Vergangenheit, an sorglose Erinnerungen und die Zukunft, die hätte sein können, sein müssen. Ein letztes Händeschütteln; „War schön mit dir, auf Nimmerwiedersehen.“ Jetzt ist dieses neuerliche Treffen vor allem eins: erst der Anfang.

Hier geht's zum urprünglichen Gravity-Rush-Test auf der PS Vita.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Drüben in Hekseville sowieso, am laufenden Band sogar, wenn ihr Kats Ketten erst einmal gesprengt habt. Wenn diese bezaubernde Heldin, auf der Suche nach ihren Erinnerungen und einem Platz in dieser fremden Welt gleichermaßen, anmutig durch tiefe Häuserschluchten rauscht, sich der Fähigkeiten ihres felinen Begleiters bemächtigt und die Gesetze der Schwerkraft nach ihren Vorstellungen formt.

Hier bei uns, weil diese Geschichte noch lange nicht auserzählt ist. Weil Kat eine zweite Chance bekommt, obwohl sie genau genommen bereits die erste zu nutzen wusste, als sie 2012 bis auf die Wahl ihrer Plattform alles richtig machte. Mit einer cleveren Idee und einem guten Schuss Idealismus schickte Sony das blonde Rotauge vor reichlich dreieinhalb Jahren in den Ring und ein Stoßgebet gen Himmel. Als die PlayStation Vita den Kampf mit der Bedeutungslosigkeit schon fast verloren hatte (nicht, dass es je ein fairer gewesen wäre), sollte sie die Kastanien aus dem Feuer holen, retten, was nicht mehr zu retten war.

Sie hatte nie eine Chance. Bis jetzt.

Gravity Rush Remastered - Völlig losgelöst (von der Erde)

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Gravity Rush kann ein wunderbar fotogenes Spiel sein. Eine gute Gelegenheit, die Screenshot-Funktion der PS4 etwas ausgiebiger zu nutzen.
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Eine zweite Chance – auch für euch

Ohne erkennbaren Grund und zu einer Zeit, als die sechseinhalb Fans bereits alle Hoffnung hatten fahren lassen, drückte Sony beide Augen zu. Auf der E3 des vergangenen Jahres holte man Kat buchstäblich wieder auf die große Bühne, kündigte nicht nur eine aufgebohrte PS4-Version des Vita-Spiels, sondern obendrauf eine vollwertige Fortsetzung an. Wie gesagt, Zeichen und Wunder.

Packshot zu Gravity Rush RemasteredGravity Rush RemasteredErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Es ist eine Win-win-Situation für alle von uns. Knapp 40 Millionen Spieler erhalten die Möglichkeit, eines der einzigartigsten Vita-Spiele der letzten Jahre nachzuholen, während Sony parallel den Boden für den zweiten Teil bereitet. Und es spricht wenig dagegen, diesen Deal (schon wieder) sausen zu lassen, denn auch wenn uns hier kein von Grund auf neu konzipiertes Erlebnis dargereicht wird, wie es etwa beim umfangreich überarbeiteten Tearaway Unfolded der Fall war (ein Spiel, mit dem Gravity Rush mehr verbindet als nur die Art der Veröffentlichung), haben Bluepoint Games das getan, was sie am besten können: ein altes Spiel in neue Kleider gesteckt.

Gravity Rush Remastered - Accolades TrailerEin weiteres Video

Und sie passen wie angegossen. Gravity Rush war schon damals ein Spiel, das sich eher über Ästhetik als Polygone und ähnlichen Klimbim definiert, insofern ist das hier ohnehin eine sichere Bank... könnte man meinen. Ein technisch leicht wackeliges Grundgerüst wird allerdings kaum stabiler, wenn man es auf das drei-, fünf, zehnfache seiner ursprünglichen Größe aufbläht, ein bewusst reduziertes wie dieses schon gar nicht. Oder anders: Nur weil etwas auf einem kleinen Handheld funktioniert, tut es das noch lange nicht auf einer Full-HD-Kiste (vice versa übrigens ebenso).

Wie von den Gesetzen der Schwerkraft ist das verzweigte Hekseville mit seiner aschbraunen Architektur scheinbar auch von dieser Regel ausgenommen. Ohne dass ich wirklich mit dem Finger darauf zeigen oder konkret sagen könnte, warum dem so ist, fühlt sich Kat auch auf der (wenn wir ehrlich sind: hiermit chronisch unterforderten) PS4 pudelwohl. Ihre Mähne ist voller, das Stadtbild schärfer, das Gesamtbild insgesamt weniger instabil. Wo sich die Vita noch gelegentlich verschluckte, schiebt ihre große Schwester völlig unbeeindruckt 60 Bilder die Sekunde über den 1080p-Bildschirm, drückt zudem noch eine Handvoll zusätzlicher Nebenmissionen der Marke „nice to have“ hinterher.

Gravity Rush Remastered - Völlig losgelöst (von der Erde)

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Die Remastered-Version beinhaltet alle DLC-Packs wie das Maid-Update, das ein wenig daneben ist.
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Alles feine Nachrichten und mehr als genug Gründe, liebe Grüße Richtung Bluepoint zu schicken. Der größte Vorteil dieser in jeder Hinsicht überlegenen Version eines ohnehin schon tollen Spiels ergibt sich allerdings mehr oder weniger zufällig. Gravity Rush war im wahrsten Sinne des Wortes nie ein orientierungsloses Abenteuer, aber das perfekte für alle Sich-bei-Rennspielen-mitsamt-Controller-in-die-Kurve-Leger; für diesen einen Freund, den jeder von uns hat. Wenn Kopfübersturzflug auf Pirouettendropkick folgt, parallel außerdem viermal die Gravitation manipuliert wird, ist das manchmal so irritierend wie es klingt. Lässig Richtung Schwerkraft baumelnder Schal und subtile Hinweise haben schon vor 2012 das Schlimmste verhindert, nur lässt sich auf einem vergleichsweise kleinen Bildschirm wie dem der Vita eben nur so viel tun, um den Überblick zu behalten. (Fast) kein Problem mehr hier.

Gravity Rush Remastered - Kopfüber ins Bilderbuchabenteuer

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Es ist allerdings auch nicht so, als würde man Kat ihre Herkunft überhaupt nicht anmerken; dieses Abenteuer ist eines, das der Vita auf den Leib geschneidert wurde und daran ändert auch das Remastered-Anhängsel wenig. Alle Sympathie für diese angenehm ungezwungene Interpretation einer offenen Welt konnte bereits auf Sonys Kleinster nicht die gesamten 15 bis 20 Stunden über einen Mangel an Beschäftigungen hinwegtäuschen. Hut ab vor dem Mut, die „Weniger ist mehr“-Karte tatsächlich konsequent auszuspielen statt uns in einem Meer an Questmarkierungen zu ertränken, wie es seit 2012 dutzendfach passierte. Hekseville ist im besten Sinne eine pointierte Stadt ohne viel Schnickschnack, die euch jeden Raum zur Entfaltung, darüber hinaus aber nur wenig konkretes tun lässt. Diese Welt ist das, was ihr draus macht.

Entgegen der eigentlichen Prämisse ein sympathisch bodenständiges Spiel und endlich kein Geheimtipp mehr.Fazit lesen

Von den zweieinhalb weiteren Problemchen haben mich die ab der zweiten Hälfte deutlich hektischeren Luftkämpfe noch am ärgsten gestört, aber trotzdem: geschenkt. Kleine Schönheitsflecken, die einem Charaktergesicht wie diesem nur mehr Kontur verleihen. Schon wieder.