Zuerst diese faszinierende Freiheit. Das Abheben und Schweben, immer dort entlang, wohin man die Schwerkraft verlagert. Die Welt steht offen, nach allen Seiten, zumindest bis zu ihren böse ineinander verschwimmenden Grenzen, den schwarzen Löchern, die sich um die fliegende Stadt Hekseville herum auftun wie gefräßige Mäuler.

Dann mischt sich die Neugier darunter. Der Drang zu sehen, was diese Stadt alles beinhaltet, die mit ihren Schienen, qualmenden Schornsteinen und rauchgrauen Wänden ein wenig wie eine Mischung aus London mit Steampunk-Tupfern aussieht. Wo all die kleinen Gassen entlanglaufen, wo die Stufen hinführen und ob man auf den dampfenden Rohren stehen kann, die Hekseville durchziehen wie eine Schlange. Wer sich gern ohne richtiges Ziel in offen gestalteten Spielwelten verliert, sollte hier aufregende Stunden verleben können. Ist zumindest das, was ich euch erzählen kann.

Hekseville ist eine Stadt der Winkel, ein kleinteiliges, vage vordefiniertes Spielfeld für all jene, die ihren Platz finden wollen. Irgendwo ist Platz für jeden. Und sei es in der Kanalisation.

Als Kat auf dem Hinterhof erwacht, heißt sie zum einen noch nicht mal so, zum anderen hat sie keine Ahnung, wo sie ist und warum. Ein Krater hat sich in den Schädel des blonden Mädels mit den leuchtend roten Augen gebrannt. Gedächtnisverlust. Sicher ist nur: Dank der schwarzen Katze, die sie auf Schritt und Tritt verfolgt, morpht sie zu dem, was die Bewohner hier als „Shifter“ bezeichnen. Sie kann das Gefüge „ihrer“ Schwerkraft beliebig verlagern, die Decke zum Boden machen und umgekehrt.

Ein zauberhaftes Abenteuer mit charmanter Heldin.Fazit lesen

Es genügt ein Tastendruck, die Ausrichtung des Fadenkreuzes in die gewünschte Richtung, dann noch ein Druck. Sie fliegt. Bis sie auf ein Hindernis trifft und darauf stehen bleibt. Schräg an einer Hausfassade, wobei ihr Schal und die Haare weiterhin dem richtigen Erdanziehungspunkt entgegenbaumeln. Diese Orientierung brauchte ich manchmal, perspektivisch so ganz leicht verwirrt, nachdem das Oben und Unten nur geblufft hatten.

Gravity Rush - Geschmeidig wie eine Katze

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Eine Taste und eine Richtung - mehr braucht es nicht zum Fliegen.
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Dieser erste Berührungspunkt mit der neuartigen Macht steht stellvertretend für das, was man als Spieler erlebt, wenn man langsam die neue Umgebung kennenlernt. Hätte »Gravity Rush« ein Motto, könnte es lauten: „Als Neuer hat man es nirgendwo leicht, also mach einfach das Beste draus“ – und nur nicht den Boden unter den Füßen verlieren oder Schlimmeres.

Packshot zu Gravity RushGravity RushErschienen für PlayStation Vita kaufen: Jetzt kaufen:

Denn kaum etwas ist ärgerlicher, als den Halt zu verlieren und in einer trudelnden Bewegung bergab zu stürzen, unfähig, was dagegen zu tun, gefressen von einem schwarzen Loch. Die sogenannten Nevi haben Hekseville überfallen, sogar ganze Stadtteile geraubt: finstere Klumpen wabernder Materie mit rot hervorstechendem Nervenzentrum. Einige kriechend wie Hunde, einige mit langen dürren Stelzen aufrecht gehend wie die Schattenwesen aus „Ico“, andere mehr Insekten mit Flügeln – hier weht ein Hauch „Lost Planet“ mit seinen faszinierenden Kreaturen. Sony lässt die Gegenspieler mit Absicht längere Zeit undefiniert und gibt ihnen nicht zu viel Konturen.

Nur dass Kat keine Schuss-, Stich- oder Sprengwaffen hat. Höchstens Sprungwaffen. Die einfachen Trittangriffe sind nicht weiter erwähnenswert (klappen aber genauso gut wie das Ausweichen per Wischbewegung über den Screen), auch nicht, wenn man sie mit einem Sprung koppelt. Cooler ist da schon das Verlagern der Erdanziehung in Verbindung mit einer ausgestreckten Stiefelsohle. So saust Kat allem entgegen, was ihr im Weg steht, und es ist wirklich erstaunlich, wie präzise das Anpeilen meterweit entfernter roter Punkte funktioniert – sogar mit Drehbewegungen der Vita.

Oben, unten, überall

So spielt es für das Mädel keine Rolle, wo ein Feind lauert. Wichtig ist nur, dass sie schnell genug darauf reagiert sich sich hinterherstürzt. Später kann sie sogar ein Stasefeld erzeugen, mit dem sie herumstehende Objekte anhebt, und diese kräftig wegschleudern. Oder auf diese Art verirrte Bewohner eskortieren. Wer Hilfe braucht, bekommt sie auch.

Zwischendurch genieße ich die optionalen Rennherausforderungen über den Dächern der Stadt, ich liebe den warmen, einladenden Soundtrack in allen Stadtteilen, ich mag das Durch-die-Luft-Rauschen ohne künstliche Barrieren und mit frei drehbarer Kamera – die wunderbare Aufnahmen einfängt. „Gravity Rush“ ist trotz offener Welt nicht das Spiel der tausend Beschäftigungen. Etwas bedauerlich bleibt es schon, dass Kat keine Gebäude betreten, nicht handeln, nur mit wenigen festgelegten Personen reden oder anderweitig über die ihr von Heksevilles Architektur gesteckten Grenzen hinaus darf.

Trotzdem bin ich immer wieder gern mit der Schienenbahn ins rotlichtige Vergnügungsviertel gefahren, den glühenden Abendhimmel drumherum, habe die Aussicht auf die Altstadt bewundert, die sich aus der Ferne wie ein Koloss aus dreckig-grauen Steinen abzeichnet. Und immerhin: Was dem Crackdowner seine Orbs und dem Assassin‘s-Creedling seine Fahnen, sind Kat ihre Juwelen. Schrecklich viele Juwelen.

Gravity Rush - Geschmeidig wie eine Katze

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Die Stadt ist großartig gestaltet - all das kann man erkunden. Nur viel zu tun gibt es abseits der Geschichte nicht.
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Sie summen nicht so schön hypnotisch beim Einsammeln und sind auch meist nicht so bombensicher versteckt, zumal es nicht so schwer ist, sämtliche Stellen zu erreichen. Doch die paar zusätzlichen Action-Adventure-Konturen – die Klunkern stärken Kats Energie, ihre Attacken oder die Schwebezeit – tun „Gravity Rush“ richtig gut. Und laden immer wieder dazu ein, Fünfe gerade sein zu lassen, während man unbeschwert die entlegenen Winkel erkundet.

Abseits von den Hauptmissionen, in denen Kats Kräfte ihr bester Verbündeter sind – etwa um einen von der Polizei abgesperrten Platz zu erreichen, ohne gesehen zu werden –, fehlt dem Abenteuer ein bisschen die Richtung. Ich mag die stilvollen Comic-Sequenzen mit ihren vielen ruhigen Momenten, auch das Umblättern per Screen-Berührung, und es war ausgesprochen kurzweilig, dieses grundsympathische Mädchen auf ihrer Reise zu begleiten.

Wie sie das Gesicht getroffen verzieht, wenn ihr ein Fremder zu nah tritt, wie sie ihre Gedanken schüchtern bei sich behält, wie sie strahlt, wenn ihr jemand ein Kompliment macht – manchmal sind die leisen Töne die schönsten. Und manchmal sorgen sie dafür, dass man einen äußerlich nicht sonderlich herausstechenden Hauptcharakter, der so auch locker in jedem anderen Spiel auftauchen könnte, über den Abspann hinaus im Gedächtnis behält.

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Kat ist eine wunderbare Heldin: so bodenständig, ruhig und glaubhaft.
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Nebenstränge und weitere Aufgaben hätten vielleicht geholfen, das rund 15-stündige Paket mit noch mehr Inhalten zu verschnüren. Wer weiß. Vielleicht sollte man Kat aber auch als das stehen lassen, was sie ist: eine Fremde in der Fremde. Jemand auf der Suche nach seinem Ich.

Die Weite der Stadt, die großartigen Ausblicke, die schieren Abgründe, die man überwinden muss - „Gravity Rush“ hat sein eigenes Allmachtsgefühl und spielt dieses hervorragend aus. Man mag sich darüber ärgern, dass der Weg dorthin nicht mit mehr Stolpersteinen gepflastert ist; Kats Abenteuer bleibt ein recht einfaches. Und auch, wenn die angesprochene Neugier irgendwann nachlässt, weil man alles gesehen hat, bleibt da immer noch die faszinierende Freiheit, die es so in keinem anderen Spiel gibt – und die die Vita richtig gut gebrauchen kann.