Auf Rockstar Games ist Verlass. GTA V erfüllt auf Xbox One und PS4 keineswegs aktuelle Grafikstandards und mogelt bisweilen bei der Technik, dass es nur so kracht. Doch der Abstand zu den Stotterschinken vom letzten Jahr ist so signifikant, dass man Los Santos mit Freude ein zweites Mal unsicher macht. Nicht zuletzt, weil die verbesserte Technik den Spielspaß erhöht.

Ich kann mich kaum daran sattsehen. An dieser über und über mit Details angereicherten Stadt, an ihrem lebhaften Gewusel in den zwielichtig schimmernden nächtlichen Straßen, am kitschigen Sonnenuntergang über den Hügeln Holly... nein, Vinewoods. Ich sitze in einer Karre und fahre nicht, nein, ich höre stundenlang Autoradio. Ich begaffe die Grafik, aber spiele nicht, sondern lasse die virtuelle Welt an mir vorbeiziehen.

Inzwischen sollte der Schneekugel-Effekt abgeklungen sein, könnte man meinen, aber Rockstar Games vollbringt das Kunststück der ultimativen Fesselung immer wieder. Zumindest bei mir, und das, obwohl ich GTA V schon im vergangenen Jahr ausführlich auskostete – insbesondere im unglaublich abwechslungsreichen Online-Modus.

GTA V (PS4 & XO) - Neuer Lack, neue Perspektiven: die genialste Frischzellenkur des Jahres!

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Feinere Texturen, sanftere Beleuchtung, Tiefenschärfe und viele weitere vermeintlich unscheinbare Anpassungen verbessern das Gesamtbild erheblich.
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Der Test von Kollege Gumpi und die exorbitanten Verkaufszahlen aus dem vergangenen Jahr dürften genug Anhaltspunkte für die spielerische Qualität geben. Im Grunde bleibt doch kaum Raum für eine inhaltliche Verbesserung, oder?

Nun, der Vorsprung der Adaptionen für Xbox One und PS4 liegt in mehr als der technischen Überlegenheit. Es ist die konstante Stilsicherheit im Ausschöpfen der Hardware-Kapazitäten. Dass eben nicht nur die Grafik verbessert, sondern auch die allgemeine Darstellungsqualität so weit angepasst wurde, dass das Dargebotene endlich die volle Wahrnehmung des Spielers beansprucht. Ich könnte schlicht Fakten auflisten, wie bei Halo: TMMC, und von der nun konstanten Bildrate auf 30 FPS erzählen, von gesteigerter Texturauflösung und neu platzierten Spezialeffekten wie der Tiefenschärfe für die simulierten Augenwinkel. Nur käme das dem Gesamteindruck nicht entgegen. GTA V läuft nun endlich rund, es trägt sich selbst, es erzählt ganz ohne den Beigeschmack technischer Unzulänglichkeiten und steigert dadurch den cineastischen Charakter des Gesamtwerks.

Mehr über die technischen Spitzfindigkeiten von GTA V und weiteren Adaptionen aus der früheren Konsolengeneration erfahrt ihr in ein paar Tagen im Rahmen eines ausführlichen Specials. Allein schon, weil der Vergleich ungemein interessant ist – und die Frage, welche greifbaren Vorteile die neuen Konsolen von Sony und Microsoft eigentlich mitbringen.

GTA V (PS4 & XO) - Neuer Lack, neue Perspektiven: die genialste Frischzellenkur des Jahres!

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Egal, in welchem Fortbewegungsmittel ihr sitzt: das Cockpit ist vollends ausmodelliert.
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Für den Moment sollte die Aussage genügen, dass die Steigerung zwar im Einzelnen wenig spektakulär erscheint, aber in der Masse, wie sie in GTA V anzutreffen ist, doch deutliche Spuren hinterlässt. Das Niveau der Steigerung ist so hoch, dass die für Frühjahr 2015 angekündigte PC-Fassung lediglich den Genauigkeitsgrad der Effekte vertiefen kann, nicht aber den audiovisuellen Genuss im Gesamtbild.

Und wie steht es mit der Handlung, dem Spielaufbau, der Motivation? Keine Frage, es geht inhaltlich um dasselbe Spiel. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ein paar der Missionen womöglich in ihrer Reihenfolge vertauscht wurden, aber weder wurde an den drei Hauptfiguren herumgeschnippelt, noch an den mannigfaltigen Freizeitaktivitäten der Stadt. Es gibt nur mehr von allem. Beispielsweise zwischen acht bis achtzehn weitere Musikstücke je Musiksender (inklusive einer frischen Handvoll Guilty Pleasures), neue TV-Shows und das komplette Update-Repertoire für die Online-Modi. Dazu noch dichterer Verkehr auf den Straßen, mehr Passanten, potentielle Roadkills, Sammelaufgaben und was sonst noch zählbar wäre.

Durch die Augen eines Verbrechers

Eine der auffälligsten Zugaben sorgte schon im Vorfeld für Diskussionsstoff: die optionale Ego-Perspektive. Kein distinktiver Spielmodus, nein, einfach nur eine neue Ansicht, die das Spiel aber gehörig verändert. Nicht immer zum Positiven, weil manche Missionen aus den Augen des Gangsters schwieriger zu absolvieren sind. Dazu gehört beinahe jede Aktivität , die eine exakte Platzierung des fahrbaren Untersatzes verlangt, denn dank der nun ausmodellierten Cockpits düst man auch in Fahrzeugen aus der Ich-Perspektive durch Los Santos.

Mehr als eine einfache Frischzellenkur. Das ist GTA V, wie es schon immer sein sollte.Fazit lesen

Nur sind die Zielmarkierungen leider sehr klein und mit verkürztem Blickwinkel über der Motorhaube schwer in der Mitte des Wagens zu halten. Etwa in der Mission mit der gestohlenen Yacht, bei der man Michaels Sohn während der Fahrt auffangen soll. Auch das Einhaken eines Wagens für den Abschleppdienst will in der neuen Ansicht nicht auf Anhieb klappen. Mehr dazu später.

GTA V (PS4 & XO) - Neuer Lack, neue Perspektiven: die genialste Frischzellenkur des Jahres!

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Klettern, Schießereien, Extremsport - all das wirkt aus der Ersten Person betrachtet um einiges intensiver. Zudem bleiben keine Wünsche bei der Steuerung offen, da sich so zielmlich alles anpassen lässt.
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Im Ausgleich dafür gewinnen sämtliche bewaffneten Einsätzen gehörig an Immersion. Unfair wäre es, das Erlebnis mit einem typischen First-Person-Shooter zu vergleichen, denn trotz angepasster Steuerung, ähnlicher Haptik und Feinheiten wie dem überarbeiteten Deckungssystem dominiert das Spielgefühl eines bleigeschwängerten Action-Abenteuers. Was durch die wippfreudige Laufanimation nur noch verstärkt wird.

Man darf zwar über das Optionsmenü die Kamera vom Rig des Charakters loslösen, um etwa in Deckung automatisch auf die Verfolger-Ansicht zu wechseln oder die Kopfbewegung zu minimieren, doch dadurch leidet meiner Meinung nach höchstens die Immersion. GTA V macht Call of Duty garantiert keine Konkurrenz im Shooter-Genre, wohl aber in der Glaubhaftigkeit der Erzählung.

Wird PC-Spielern in der nachgereichten Windows-Fassung gut gefallen, das weiß ich schon jetzt. Vor allem, wenn sie das automatische Zielen deaktivieren, was sicherlich genauso möglich sein wird wie in der Konsolenfassung.

So ziemlich jede denkbare Anpassungsmöglichkeit zugunsten einer reibungslosen Steuerung wurde bedacht, um den Übergang von der klassischen Verfolger-Ansicht zur Ich-Perspektive zu vereinfachen, von der Kamera-Ausrichtung bis hin zu Feinheiten der Bedienung. Niemand kann sich beschweren. Rockstar möchte unbedingt, dass man die Option zumindest mal in Betracht zieht. Und so klappt dann auch die Abschlepp-Mission prima, wenn man die Kameraauswahl vorjustiert, statt auf den Ego-Modus zu bestehen oder mühsam per Knopfdruck umzuschalten.

GTA V (PS4 & XO) - Zahlreiche New-Gen-Screenshots zeigen Ego-Perspektive und verbesserte Optik

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Es ist zumindest einen Versuch wert. Warum auch nicht? Die Action wird dadurch nur intensiver. Ich persönlich erlebe GTA V zwar nicht völlig neu, aber der neue Blickwinkel macht mich immer wieder neugierig. Denn die Ego-Sicht wurde nicht unbedacht in das Programm geklatscht. Man ist nun näher dran am Geschehen. Die Armaturen der Autos bewegen sich, der aktuelle Hauptcharakter kommuniziert mit einem ausmodellierten Smartphone in der rechten Hand. Keine dieser Einzelheiten erreicht isoliert betrachtet aktuelle Grafikqualität, aber man darf nicht vergessen, wie groß GTA V ist. Seht es einfach mal so: Es sind noch ein paar Sandkörner mehr in diesem Strand aus liebevoll zusammengesetzten Einzelheiten, die abseits der Handlung viel über die Welt verraten, in der man sich bewegt.

Ich würde Rockstar Games niemals zur Abschaffung der klassischen Verfolgerkamera raten. Einige GTA-Fans haben sich womöglich viel zu sehr daran gewöhnt, und wie schon erwähnt birgt sie nicht bei jeder Aktivität Vorteile. Trotzdem Gratulation zu diesem Schritt. Es funktioniert und passt wie die Faust aufs Auge, weil Rockstar den Sinn für das Cineastische bewahrt.

Beinahe baugleich

Natürlich wird die PC-Fassung zum Jahresanfang noch ein paar Kohlen ins Feuer werfen, wenn es um schiere Darstellungsqualität geht, aber Xbox One und PS4 rangieren trotz messbarer Unterschiede auf Augenhöhe. Schon jetzt zeigen einige Indizien, wo Rockstar den Qualitätszuwachs hernehmen wird. Etwa bei den scharfen Schatten, die unsere Konsolen lediglich im Umkreis von etwa eineinhalb Metern um die Hauptfigur zeichnen.

Abseits davon erscheinen die Schatten abrupt etwas unschärfer. Nicht weltbewegend angesichts ihrer dynamischen Berechnung, aber sichtbar. Dazu dürfte das „Level of Detail“ auf dem PC weiter an den Horizont rücken. Von Pop-Ins in näherer Umgebung fehlt auf den aktuellen Konsolen jede Spur – kein Vergleich zur Xbox360 und PS3. Aber an den Hochhäusern im Hintergrund materialisiert sich immer wieder gerne mal ein zusätzliches Bauteil aus dünner Luft.

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Saubere 30 Bilder die Sekunde, bessere Weitsicht, wenger Pop-Ins. Auf den aktuellen Konsolen macht GTA V einfach mehr Spaß, weil die Technik nie Zweifel aufkommen lässt.
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Da der größte Teil an der Neuaufbereitung in schärferen Texturen liegt, ändert das wenig am Gesamteindruck. Folglich kann man die Konsolen-Versionen kaum voneinander unterscheiden. Unterm Strich schneidet Sonys Adaption zwar geringfügig besser ab, aber es geht in den meisten Fällen um sekundäre Eigenschaften. Etwa die Installationszeit, die auf Microsofts Maschine gefühlte Ewigkeiten dauert. Ebenso wie das grundsätzliche Laden des Spiels beim Start. Da die Tour durch Los Santos nach Spielbeginn ohne aufgezwungene Wartepausen vonstattengeht, macht das aber keinen nennenswerten Unterschied. Selbst der Sprung in den Online-Modus fällt nicht ins Gewicht.

Andere Unterschiede kommen nur im direkten Vergleich auf und beziehen sich fast ausschließlich auf die ländliche Umgebung. Rockstar musste wohl auf der Xbox One einige weiche Lichtkegel (sogenannte Godrays) aussparen und knausert etwas mehr mit den Sonnenreflexionen (Lensflares). Nur um keinen falschen Eindruck zu erwecken: beides gibt es auch in der Microsoft-Fassung, nur wurden solche Effekte entweder an gewissen Stellen abgeschwächt oder ihre Anzahl reduziert. Dazu gehören übrigens auch Partikel und Details wie wucherndes Gras auf weiten Landflächen. Sie sind auf der PS4 einen Tick dichter gestreut. Dennoch: Würde man beide Fassungen nebeneinander stellen, müsste man mit dem Erbsenzählen beginnen, um einen Unterschied festzunageln. Ist was für Fanboys.

Nur ein einziges Feature fällt wirklich ins Gewicht, nämlich die Ausgabe von Telefongesprächen und Funkverkehr über den Mini-Lautsprecher des PlayStation 4-Controllers. Atmosphärisch ein kleines aber feines Schmankerl.

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Alles keine Argumente für einen Plattformwechsel. Beide Versionen zeichnen Los Santos nativ in Full HD - mit aufgezwungenen, synchronisierten 30 FPS. Keine Bildverzerrungen durch Tearing, keine unfreiwilligen Zeitlupen und fast keine verlorenen Einzelbilder. Fast, weil sich auf Xbox One immer wieder mal winzige, beinahe unbemerkte Nachlade-Ruckler einschleichen, die man aber im laufenden Gefecht regelmäßig übersieht. Das Phänomen tritt auch nur dann auf, wenn GTA Microsofts Konsole zum schnellen Nachladen von vielen Objekten zwingt. Da muss man schon in einem Fahrzeug sitzen und in voll ausstaffierter Umgebung ordentlich auf die Tube drücken. Wer nicht aufmerksam nach ihnen Ausschau hält, wird sie wahrscheinlich kein einziges Mal bemerken.

Im Ausgleich dafür wirkt die Steuerung auf der Xbox One etwas weicher, was wahrscheinlich dem Controller zuzuschreiben ist und nicht Rockstar Games. Fällt besonders stark bei der Lenkung von Sportflitzern auf. Die Physik der Autos hat sowieso schon herzlich wenig von realistischem Fahrverhalten, doch scheint die Lenkung auf PS4 sogar noch etwas hackiger als gewohnt.