"Wann ist ein Mann ein Mann?", fragt Herbert Grönemeyer in seinem Hit "Männer". Die Antwort darauf könnte genau so gut Grand Theft Auto IV lauten. Denn diese Spielwiese für nicht älter werden wollende Jungs bietet all das, was einem Großstadt-Cowboy gefällt: Eine riesige Spielwelt, prall gefüllt mit halbnackten Frauen, frei zugänglichen Karossen, die man ungestraft zu Bruch fahren darf und jede Menge zünftige Ballerorgien.

Wären da nur nicht die Sittenwächter à la Pfeiffer und Beckstein, die ob all der jederzeit gegenwärtigen Gewaltexzesse mahnend den Zeigefinger heben und schon Gewehr bei Fuß stehen, um das Actionspiel des britischen Entwicklers Rockstar aus dem Verkehr ziehen zu lassen.

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Er will doch nur spielen...

Dabei fängt eigentlich alles so harmlos an. Der kriegsmüde Serbe Niko Bellic erliegt den süffisanten Einflüsterungen seines Cousins Roman, der ihn mit einer Lügengeschichte vom süßen Millionärsleben nach Liberty City lotst. Hier führt er angeblich ein luxuriöses Leben, doch in Wahrheit ist er nicht viel mehr als ein abgewrackter Taxiunternehmer mit Verbindungen in die Unterwelt. Niko wird unversehens in den Strudel aus kriminellen Machenschaften hineingezogen, die den Mittelpunkt der Story-Kampagne ausmachen.

Grand Theft Auto 4 - Vier gewinnt: Nie hat der Bandenkrieg in Liberty City mehr Spaß gemacht.

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Niko guckt ernst, hat aber eine mächtig kesse Lippe
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Doch wie in den sechs bisherigen GTA-Vorgängern hat man als Spieler in der Sandbox-Spielwelt alle erdenklichen Freiheiten und kann sich nach Herzenslust austoben. Von Beginn an fesselt jedoch die engmaschig gestrickte Geschichte des schlagfertigen und coolen Niko, der seinen Gegenübern in Sachen Wortwitz haushoch überlegen ist und für jede Menge selbstironischer Einwürfe zuständig ist, für die Rockstar berühmt-berüchtigt ist. So kommt man trotz der anfänglich etwas zäh erzählten Story und biederen Kurier-Missionen kaum auf den Gedanken, die Stadt entdecken zu wollen, sondern will einfach wissen, wie es mit Niko weitergeht.

Anders als in den früheren GTA-Spielen wirkt dieser Hauptcharakter nicht nur äußerst charismatisch, sondern auch lebendig wie schon lange keine Spielfigur vor ihm. Dabei kommt ihm zugute, dass er nicht wirklich Einzelkämpfer ist, sondern eingebunden ist in ein Netzwerk normaler aber auch verbrecherischer Freunde und Verbündeter, wie seinem Cousin, einer Freundin und anderen, die wir aus Spannungsgründen hier nicht enthüllen wollen.

Nix Neues? Denkste!

Während GTA IV auf den ersten Blick spielerisch nicht viel mehr ist, als eine aufgehübschte Neufassung seiner Vorgänger, stecken einige Features unter der Motorhaube, die euch und damit Niko das Vebrecher-Leben erst ermöglichen. Zum Beispiel sein Handy, das quasi das Kontrollzenrum seiner Kommunikation darstellt. Alle wichtigen Personen der Geschichte sind darüber erreichbar. Sie versorgen euch mit neuen Aufträgen oder ihr verbringt mit ihnen eure Freizeit in einer Bar, in der Bowling-Halle, beim Pool-Billard, im Kabarett oder auch in der Strip-Bar - je nachdem, wer eure Begleitung ist.

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Wenn Niko kommt, hilft auch der Geleitschutz nix!
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Alternativ startet ihr über die Funke auch einfach den zuletzt misslungenen Auftrag neu oder aktiviert den Multiplayer-Modus (mehr dazu unten). Die größte Leistung gelang Rockstar jedoch bei der Erschaffung einer lebendigen Spielwelt. Liberty City wirkt authentisch und organisch, was dazu führt, dass der gesamte Spielablauf verdammt realistisch erscheint. Ja, es gibt sicher Spiele, die detailliertere Texturen aufweisen, aber was hier an Atmosphäre erzeugt wird, kann mit noch so scharfen Texturen nicht aufgewogen werden.

Passanten latschen nicht einfach an euch vorbei - sie führen Telefongespräche, stehen in Gruppen zusammen und unterhalten sich, KI-Fahrer bauen Unfälle und im Hintergrund fliegt ein Jumbojet vorbei. Es sind die kleinen Dinge, die diese Welt so glaubhaft und faszinierend machen, nicht die ständig verfügbare Gewalt, die so häufig kritisiert wird und nicht als das erkannt wird, was sie wirklich ist: ein ironisches Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Keine sinnlose Gewaltorgie

Das wird nämlich deutlich, wenn man sich wirklich mit diesen Details beschäftigt, beispielsweise dem Fernsehprogramm: Was da an schwarzem Humor, Sprachwitz und Nackenschlägen für alle Gesellschaftsschichten, vor allem aber der Politik, verteilt wird, ist einfach nur famos und lädt zum stundenlangen Verweilen vor der virtuellen Flimmerkiste ein. Ähnliches gilt für das Radioprogramm der vielen verfügbaren Stationen, insbesondere aber bei Fahrten im Taxi, die man sich zur Abwechslung einfach mal gönnen sollte.

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I Wish I Could Fly...
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Das ist nicht nur stumpfes Füllprogramm, das ist Entertainment auf sehr hohem Niveau. Wer des Englischen nicht mächtig ist, muss übrigens mit Untertiteln vorlieb nehmen, all dies zu übersetzen wäre wohl einer Herkules-Aufgabe gleichgekommen. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass GTA ein durchaus gewalttätiges Spiel ist, bei dem man nur selten vor Gewissensentscheidungen gestellt wird bzw. daran vorbeikommt, Gewalt anzuwenden. Die Hauptfiguren reflektieren ihre Handlungen aber ständig und begehen die Straftaten nicht aus der "puren Lust an der Freude".

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Das wird aber nur deutlich, wenn man die Gewalt im Zusammenhang betrachtet und nicht als isolierte Verherrlichung darstellt. Wer sich nicht auf die automatischen Verkehrsmittel wie Taxi, U-Bahn oder den Fahrservice des Cousins verlassen will, und das wird die überwiegende Mehrheit der Spieler sein, greift natürlich auf die allseits verfügbaren Karossen aller Art zurück und stiehlt sie in gängiger GTA-Manier ihren Besitzern buchstäblich unterm Hintern weg. Eine deutliche Verbesserung im Vergleich mit den Vorgängern stellt das überarbeitete GPS dar, das euch nun sehr verlässlich und übersichtlich zu euren Zielen lotst und nervige Suchaktionen somit der Vergangenheit angehören lässt.

Allerdings leisten sich die Macher hier auch eine der Schwachstellen des Spiels, da sie das Handling der Vehikel deutlich zu schwammig ausgelegt haben. Aus diesem Grund eiert man häufig mehr über den Asphalt, als das man präzise die Lücken im Verkehr ausnutzt - was vor allem bei hektischen Verfolgungsjagden negativ auffällt. Oder bei der Flucht vor den Cops, die eurem kriminellen Treiben natürlich nicht tatenlos zusehen. Dieses Manko wird ein wenig durch eine an den Need For Speed-Radar erinnernde Anzeige abgemildert, die euch jetzt einen viel besseren Überblick darüber gibt, in welchem Radius die Cops nach euch suchen und wo sich die Gesetzeshüter aufhalten.

Kaum Chancen gegen die Cops

Falls ihr euch, in die Enge getrieben, auf einen Schusswechsel mit den Ordnungswächtern einlasst, habt ihr trotz des neuen Auto-Aiming-Systems ganz schlechte Karten. Der Übermacht des Rechtsstaates seid ihr auch auf amerikanischen Straßen und mit Cowboy-Mentalität nicht gewachsen. Spätestens wenn die schwerbewaffnete S.W.A.T.-Einheit anrückt, solltet ihr euch aus dem Staub machen. Ihrer Feuerkraft und zahlenmäßigen Überlegenheit seid ihr auch mit einem Raketenwerfer kaum gewachsen.

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Niko macht seinen Feinden Feuer unterm Hintern
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Das Anvisieren der Widersacher funktioniert nun aber viel besser als zuvor und macht die Feuergefechte fast schon zu einfach - wenn die Automatik-Funktion nicht gerade die falsche Zielperson ins Visier nimmt und man dann unversehens mit dem Rücken zum eigentlichen Ziel steht. Gelungen ist zudem die Möglichkeit, sich per Tastendruck in Deckung zu begeben und aus dieser sogar blind durch die Gegend zu ballern. Allerdings muss man dafür schon fast optimal zur Wand stehen, da dies sonst nicht immer korrekt erkannt wird.

Sich an solchen Details festzubeißen, wäre jedoch angesichts des epischen Umfangs von GTA IV Erbsenzählerei. Natürlich ist dieses Spiel nicht perfekt, so etwas wird es wohl auch nie geben. Den kleinen Mängeln steht aber so viel Ideenreichtum, Lebendigkeit und schlussendlich natürlich auch eine gehörige Portion Action entgegen, dass diese im Vergleich einfach verblassen. Verblassen müssen. Und natürlich wird auch die Killerspiel- und Gewaltdiskussion mit Grand Theft Auto IV wieder Einzug halten.

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Aus dem Weg! Das gesamte Szenario wirkt äußerst realistisch.
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Schließlich wirken das Überfahren von Passanten (das mit Blut auf der Motorhaube quittiert wird), haarsträubende Karambolagen mit detailgetreuen Blechschäden und Explosionen oder auch Hinrichtungen von Widersachern nun noch realistischer als je zuvor. Allerdings darf man diese nicht isoliert betrachten, sondern eingebettet in den ironisch-sarkastischen Unterton, dem fast alle kriminellen Handlungen der Story-Kampagne untergeordnet sind.

Quasi ein comichaftes Abziehbild der amerikanisch-westlichen Wertegesellschaft, wenn auch sehr drastisch und überspitzt. Im Vergleich zu Gewaltorgien à la Rambo 4 wirkt das allerdings immer noch wie ein Kindergeburtstag.

Update: GTA4 Multiplayer

Zum "Redaktionsschluss" unseres Tests von Grand Theft Auto IV war es uns leider nicht möglich, den Multiplayer-Modus des Spiels einem ausführlichen Test zu unterziehen. Das haben wir allerdings mittlerweile nachgeholt und konnten uns stundenlang zusammen mit anderen Spielern in Liberty City austoben.

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Multiplayer mit Hubschrauber: GTA4 macht macht auch zu mehreren Laune.
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Rockstar hat einen interessanten Menü-Zugang gewählt, Spieler aktivieren den MP-Modus nämlich über das integrierte Handy von GTA 4. Wer sich zunächst mit den wichtigsten Features vertraut machen möchte, wählt das Tutorial, für alle anderen geht der Online-Spaß ohne große Verzögerungen unverzüglich ab. Auf Wunsch passt ihr den Look eures Avatars noch ein bisschen an, dann gehts aber auch schon los und ihr wählt einen von satten 14 Modi aus.

Mit wie vielen Kontrahenten oder Mitspielern ihr zockt, hängt auch von den gewählten Modi ab. Während beispielsweise im Standard Deathmatch bis zu 16 Gamer gleichzeitig um Geld und damit Rankingpunkte kämpfen, ist die Spieleranzahl mit vier Teilnehmern im Koop-Modus Hangman's Noose oder etwa Bomb Da Base II deutlich begrenzt. Eines haben aber fast alle Multiplayer-Modi gemeinsam: Sie sind nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern machen enormen Spaß. Teamdeathmatch ist dabei noch nicht so der "Burner", dazu ist das Spielgeschehen fast ein bisschen zu vorhersehbar - was z.B. an der Anzeige der Gegner auf dem Radar liegt.

Das sieht aber bei meinem Lieblingsmodus Cops n' Crooker schon ganz anderes aus. Hier befindet sich das Gangster-Team auf der Flucht vor den Bullen und ihr genießt dabei fast unbegrenzte spielerische Freiheit. Wie euch die Flucht gelingt, ist ganz allein eurer Fantasie überlassen. So kommt es vor, dass bei einer wilden Verfolgungsjagd mitten auf der Brooklyn-Bridge die Gejagten einfach von der Brücke springen und versuchen das nächstgelegene Boot zu kapern, um sich aus dem Staub zu machen. Verrückt, was sich dabei für Szenen abspielen, und eine Mordsgaudi ist es obendrein.

Ähnlich verhält es sich bei vielen der anderen Modi - ob man im Koop versucht das Hauptquartier einer konkurrierenden Gang in die Luft zu sprengen, dabei auch mit dem Hubschrauber fliegt und abgefahrene Stunts hinlegt oder einen Gangsterboss beschützt, sich waghalsige Straßenrennen liefert, sich dabei gegenseitig von der Straße rammt - der Ablauf ist meist unvorhersehbar und daher so motivierend.

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Team Deathmatch in Liberty City: GTA 4 MP rockt!
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Dabei könnt ihr außerdem noch verschiedene Parameter selbst bestimmen. So beispielsweise, ob sich auch Passanten auf den Straßen Liberty Citys tummeln sollen, außerdem deaktiviert ihr auf Wunsch die automatische Zielhilfe oder passt die Größe der Map euren Vorstellungen an. Rockstar hat mit diesem Multiplayer-Paket wahrlich ins Schwarze getroffen und ergänzt den ohnehin schon hervorragenden Einzelspieler-Teil um etliche chaotisch-spaßige Spielstunden mehr.