Einen halbwegs aufmerksamen Eindruck erwecken, vielleicht nicht gerade permanent aufs Handy schielen, sich am abschließenden Höflichkeitsapplaus beteiligen – viel mehr gibt es bei Präsentationen auf Presseveranstaltungen üblicherweise nicht zu beachten. Wohlfeile Floskeln als letztes Hindernis vor dem ungleich vielsagenderen Griff zum Controller; PowerPoint statt Unreal Engine, Präsentator statt Synchronsprecher: Als Redakteur sitzt man diese vorangestellten Erläuterungen zähneknirschend ab, um endlich spielen zu können. Bei Gran Turismo Sport war es genau andersherum.

Gran Turismo Sport - Trailer #2Ein weiteres Video

Das Problem an elaborierten Visionen ist, dass sie sich nur schwer vermitteln lassen – kaum einer weiß das derzeit besser als Kazunori Yamauchi. Seit nunmehr 19 Jahren destilliert der Polyphony-Digital-Chef und Autoenthusiast seine vierrädrige Leidenschaft in Form Sonys erfolgreichster Rennspielserie überhaupt. Doch sollte Gran Turismo nie nur ein möglichst authentisches Abbild des Rennsports sein: Es war immer schon der Versuch, seine Passion zu kanalisieren, sie anderen begreiflich zu machen, ihnen die Tür zum Motorsport einen Spalt breit aufzustoßen – Gran Turismo war immer schon Yamauchis ganz persönliche Liebeserklärung ans Automobil.

Doch so hehr diese Intention auch sein mag: Sie führt zu einem beeindruckenden Auto-Programm, nichts zwangsläufig zu einem perfekten Rennspiel.

Als professioneller Rennfahrer hat der Japaner mehr als eine Handvoll Kontakte innerhalb der Szene, arbeitet nicht nur über mehrere Ecken mit ihr zusammen, sondern ist selbst ein integraler Bestandteil derselbigen. Und diese Aura durchzieht auch seine Serie, die mehr als jede andere tatsächlich in der Motorenwelt verwurzelt ist, statt sie lediglich abzubilden. Für Gran Turismo Sport arbeitet sein Team etwa mit dem deutschen Rennstall Walkenhorst zusammen – demselben Team, für das sich Yamauchi Ende Mai selbst hinter das Lenkrad klemmt, um am 24-Stunden-Rennen am Nürburgring teilzunehmen: eine der, wenn nicht die anspruchsvollste Strecke der Welt, die „grüne Hölle“. Genau dort, zwischen Motorengeheul und Boxengasse, präsentierte der mittlerweile 48-Jährige die aktuellste Interpretation seiner Vision.

Gran Turismo Sport - Freude am Fahren?

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Bei der Veröffentlichung des ersten Gameplay-Trailers schrien viele noch reflexartig, dass es sich ohnehin nur um vorgerenderte Szenen handeln würde. Tatsächlich sollen aber alle Aufnahmen direkt aus dem Spiel stammen.
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„Wir sind keine Hardcore-Rennsimulation“

„Seit Gran Turismo 1 tritt das Rennspielgenre weitestgehend auf der Stelle“, beginnt er seine umfangreichen Ausführungen etwas unglücklich und lässt damit, gewollt oder nicht, tief blicken. Nicht erst seit dem letzten Teil, dem in jeder Hinsicht schwächsten Spiel der Reihe, haftet der Serie nämlich ein brandgefährlicher Ruf an: jener, nicht auf Kritiker oder, schlimmer noch, Fans zu hören. Unisono verlangt dieses riesige Lager seit Jahren überfällige Standards, die sich bei der Konkurrenz längst etabliert haben. Ein Schadensmodell, das diese Bezeichnung verdient, Wetterwechsel während eines Rennens, Qualifikationsphasen, keine nach Staubsauger klingenden Motorengeräusche mehr – Kleinigkeiten, ja Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen. Nicht hier, weder gestern noch morgen. Denn obwohl die zahlreichen PS4-Pferdchen unter der Haube die perfekte Gelegenheit wären, sich endlich wieder im Windschatten an die Rivalen heranzusaugen, lässt Polyphony diese Möglichkeit liegen.

Ja, es wird ein Schadensmodell geben. Nein, wir können noch nicht sagen, wie es konkret aussehen wird. Wechselnde Wetterbedingungen innerhalb eines Rennens sind technisch leider nicht umsetzbar, bessere Motorensounds theoretisch schon, aber auch hier bitten wir um Geduld.

Packshot zu Gran Turismo SportGran Turismo SportRelease: PS4: 2017 kaufen: Jetzt kaufen:

Nur: Wie lang sollen wir noch warten? Für ein Spiel, das in weniger als sechs Monaten in den Läden stehen soll, zeigt Gran Turismo Sport noch genau gar nichts von diesen Versprechungen, klingt peinlich dumpf wie seit viel-zu-lange-schon und quittiert auch den krassesten Höchstgeschwindigkeitscrash mit einem gelangweilten Schmatzer. Ich sage nicht, dass sich bis November nichts ändern wird. Ich glaube lediglich, dass es nicht allzu viel sein wird.

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Spiele werden oft vor möglichst spektakulären Kulissen vorgestellt. Gran Turismo Sport gehört allerdings wirklich auf die Rennstrecke – genau wie Kazunori Yamauchi, der vor Ort mit seinem Fahrerkollegen posierte.
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Dabei wäre es unfair, Yamauchi und seinem Team zu unterstellen, diese Baustellen nicht wahrzunehmen oder gar geflissentlich zu übersehen: Sie legen schlicht einen völlig anderen Fokus – und zwar seit Jahren. Gran Turismo ist über die Jahre kein schlechteres, es ist weniger Spiel geworden. Auf den ersten Blick hat es dadurch sogar ein Stück weit seine Existenzberechtigung verloren, denn warum sollte man den Japanern heute noch die Treue halten? Die Pole-Position des Simulationsbereichs hatten sie – wenn überhaupt – vor Jahren inne, haben sie inzwischen dann doch sehr deutlich an iRacing und andere PC-Vertreter abgeben. Konsolenspieler hingegen finden mit Forza 6, Project Cars und demnächst womöglich auch Assetto Corsa die insgesamt runderen Erfahrungen.

„Wir sind keine Hardcore-Rennsimulation“, gesteht der graumelierte Yamauchi konsequenterweise ein – und wirft damit erst recht die Frage in den Raum, was sein Baby nun so einzigartig machen soll. Eine Frage, die sich gut 30 Präsentationsfolien und etwa doppelt so viele Minuten später am ehesten mit einem euch inzwischen vertrauten Wort beantworten lässt: Leidenschaft.

Gran Turismo Sport wird eine fantastische Spielwiese für Autonarren. Ob es auch das Zeug zum modernen Rennspielkönig hat, muss sich hingegen erst noch zeigen.Ausblick lesen

The Real Driving Car Simulator

Gran Turismo Sport feiert Autos – nicht unbedingt das, was man gemeinhin mit ihnen tut. Das ist per se erst einmal nichts Schlechtes, zumal fantastisch umgesetzt. Während sich andere Studios den Kopf über das Geschehen auf dem Asphalt zerbrechen (nicht, dass das hier nicht der Fall wäre), entwickeln die Japaner mal eben den umfangreichsten, vielseitigsten und überhaupt absolut beeindruckendsten Fotomodus, den es bislang in einem Spiel gegeben hat. Über 1000 reale Hintergründe, vor die ihr die 127 virtuellen Fahrzeuge platzieren könnt. Ein komplizierter Algorithmus berechnet anschließend automatisch die Spiegelung der echten Umgebung auf dem binären Lack und sorgt gemeinsam mit dieser Grafik dafür, dass die Ergebnisse bisweilen fotorealistisch sind. Sollte Polyphony es darauf anlegen, könnte man diese Software (ein paar Anpassungen vorausgesetzt) womöglich gar an Autohersteller verkaufen, deren Werbemittelerstellung dadurch ein mächtiges Instrument dazugewönne. Das alles ist spielerisch völlig unbedeutend, auf einer ästhetischen Ebene jedoch viel weiter, als es die Konkurrenz vielleicht je sein wird – und damit prototypisch für GTS als Ganzes.

Gran Turismo Sport - Der Fotomodus lässt seine Muskeln spielen

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Ein Spiel, das voll von Features wie diesem ist, sie längst nicht nur als nette Dreingabe versteht. Warum sonst bekommt ihr Ende des Jahres auch ein üppig bestücktes Museum, das ausführlich die Geschichte des Automobils skizziert, sie überdies sogar in einen übergeordneten kulturellen Kontext einbettet, um Zusammenhänge aufzuzeigen. Jedes Mal, wenn ihr die PS4 im Hintergrund laufen lasst, startet dieser virtuelle Spaziergang durch die Vergangenheit ganz automatisch, quasi ein historischer Screensaver, wenn ihr so wollt. Eine völlig unbedeutende Kleinigkeit, eigentlich nicht mal die anderthalb Zeilen der Erwähnung wert – wäre sie nicht ein weiterer Beleg für das, was Yamauchi hier erschaffen will: kein Spiel, sondern ein Erlebnis.

Er inszeniert dieses subtiler, filigraner als etwa ein Forza mit dem vergleichsweise offensiveren Autoporno und spiegelt damit auf eine Art auch die Mentalitäten der jeweiligen Herkunftsländer wider. Und, wie gesagt, er weiß, wovon er spricht. Seine Nähe zum Rennsport beraubt ihn bisweilen der Möglichkeit, ein paar Schritte zurückzugehen, das „große Ganze“ einmal mit dem nötigen Abstand zu betrachten. Gleichzeitig kulminierte diese Verbundenheit aber bereits vor einigen Jahren in der GT Academy: einem Förderprogramm zur Nachwuchsgewinnung im Rennsport.

Vom virtuellen zum echten Rennfahrer?

Diesmal geht er noch einen Schritt weiter. In Zusammenarbeit mit der FIA, dem internationalen Automobil-Dachverband, wird GT Sport – bestimmte Bedingungen vorausgesetzt – virtuelle Rennlizenzen ausstellen, die „denselben Wert wie eine echte Lizenz“ innehaben sollen. Bereits 22 Länder haben sich für dieses Programm angemeldet (Deutschland ist noch nicht dabei), ohne dass bislang jedoch klar wäre, was all das konkret heißen wird. Allein die grobe Idee klingt aber bereits ungeheuer verheißungsvoll. Die FIA-Kooperation soll zudem in einem jährlichen Turnierevent münden, inklusive verschachtelter Rennpläne und von Kommentatoren begleiteter Live-Übertragungen – ein weiteres Teil im komplexen Mosaik, die Faszination Rennsport einer breiteren Masse zugänglich zu machen.

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Auch Rallye-Rennen wird es wieder geben.
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„Das Interesse am Motorsport geht weltweit seit Jahren zurück“, konstatiert Yamauchi und lässt dieser Feststellung zugleich Lösungsansätze folgen. Der zentralste davon: mehr Gewinner. Eine Lektion, die er genau hier gelernt hätte, sagt der Mann mit Benzin im Blut und macht eine ausladende Handbewegung Richtung Nürburgring. Normalerweise kann es immer nur einen Gewinner geben, es ist sozusagen das erste, dem Motorsport zwingend inhärente Gesetz. Beim 24-Stunden-Rennen auf der grünen Hölle hingegen gebe es Preise für fast alles; es sei schwerer, die Strecke ohne Pokal zu verlassen als mit. Die daraus resultierende Motivation wollte Yamauchi ins Spiel übertragen – und hat dafür den Nation und Manufacturer Fan Cup ersonnen. Beiden gemein ist die Aufteilung der Online-Turnierteilnehmer in verschiedene Klassen, sodass letztlich Teams statt einsamen Wölfen auf dem Treppchen stehen, es ergo mehr Gewinner gibt.

Der Gemeinschaftsaspekt, das soziale Miteinander ist ein Nebenprodukt dieser Idee, aber kein zufälliges. Vielmehr fokussiert Polyphony diese kollektive Leidenschaft regelrecht, auch und gerade mit üppigen Social Features: einem eigenen Profil, Freundeslisten, absetzbaren Postings und übersichtlichen Timelines – all das also, was Milliarden Menschen regelmäßig auf ihre Smartphones schauen lässt. Und wenn alles nach Plan läuft, tun einige von ihnen das in einem halben Jahr unter anderem deshalb, um das Soziale GT-Netzwerk auch unterwegs mit der Gran-Turismo-Companion-App zu nutzen.

Ein ungewöhnliches, aber ehrgeiziges Ziel. Wie überhaupt alles an Gran Turismo Sport.