3601,7 Meter Streckenlänge, Höhenunterschied 55 Meter. Für manch einen sind das nur statistische Daten. Für andere bedeuten sie Angst oder puren Respekt vor einer Rennpiste namens Laguna Seca. Doch diese Zahlen stehen nicht nur für schweißgebadete und verkrampfte Hände, sondern versinnbildlichen zugleich die absolute Detailverliebtheit und das Streben nach absoluter Präzision von Polyphony Digital - den Machern der Gran Turismo-Reihe.

Während die Rennspiel-Gemeinschaft gespannt auf die Veröffentlichung von Gran Turismo 5 wartet, hat das japanische Entwicklerteam einen weiteren Ableger der Serie fertig gestellt: Gran Turismo PSP. Eine Renn-Simulation auf einem Handheld? Kann das funktionieren?

Gran Turismo PSP - EntwicklerinterviewEin weiteres Video

Zweischneidiges Schwert

Die Beantwortung dieser Frage ist nicht so leicht, wie es zunächst den Anschein hat. Gran Turismo PSP ist ein äußerst zweischneidiges Schwert, das zwar viele Elemente seiner berühmten großen Brüder mitbringt - aber auch einige wichtige Inhalte vermissen lässt. Vieles wirkt auf den ersten Blick sehr vertraut. Das rasante Startvideo, das prägnante GT-Logo, die Musik. Sogar das völlig untermotorisierte erste Fahrzeug erfüllt voll und ganz meine Erwartungen an ein ambitioniertes Racing-Game, bei dem ich meine Karriere mit einer "Schrottkarre" beginne und am Ende mit den heißesten Boliden des Planeten über den Asphalt donnere.

Gran Turismo PSP - Großes Rennspiel für die kleine PSP

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Die Optik bei Wagenmodellen und Streckendesign ist für PSP-Verhältnisse klasse!
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Auch der Umfang lässt zunächst keinen Zweifel an Polyphony Digitals Bekenntnis zu Gran Turismo aufkommen: unglaubliche 800 verschiedene Karossen, 35 Renn-Kurse in 60 Variationen, eine für PSP-Verhältnisse hervorragende Optik bei Fahrzeugen und Strecken sowie eine sehr gute Präsentation. Und das alles in sagenhaften 60 FPS. Wahnsinn! Gran Turismo PSP ist eigentlich nichts anderes, als ein auf den Handheld angepasstes Gran Turismo 4. Allerdings fehlt ein kleines, aber wichtiges Detail in dieser Beschreibung. Ein Anhängsel, das sich mit "light" gut umschreiben lässt.

Gran Turismo PSP bietet zwar inhaltlich eine Menge, verzichtet jedoch unverständlicherweise auf einen zentralen Karriere-Modus. Stattdessen werden die als Lizenzprüfungen bekannten Geschicklichkeitsprüfungen zu "Fahrherausforderungen" und einem eigenständigen Spielmodus aufgeblasen, der einen beträchtlichen Teil des Umfangs ausmacht.

Packshot zu Gran Turismo PSPGran Turismo PSPErschienen für PSP kaufen: Jetzt kaufen:

Kein Karrieremodus!

Im Gegensatz zu GT 4 oder anderen Vorgängern schaltet ihr hiermit jedoch keine Strecken frei bzw. qualifiziert euch für gewisse Rennen. Die Parcours dienen lediglich dem Zweck, eure Schatulle mit Cash zu füllen. Die Kohle benötigt ihr selbstverständlich für die teilweise sündhaft teuren Luxus-Vehikel oder ordinäre Straßen-Fahrzeuge. Selbst wer alle Fahrprüfungen meistert, erhält keine motivierenden Auszeichnungen oder spezielle Fahrzeuge als Belohnung.

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Das ist nur einer von 800 Boliden des Spiels. Der Umfang ist atemberaubend.
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Die Motivation hält sich dementsprechend in engen Grenzen. Auch abseits der Fahrprüfungen wird das Herz der Gran-Turismo-Anhänger eher enttäuscht. Es gibt weder Rennserien noch anderweitige Wettbewerbe. Das Erlebnis des "Durchkämpfens", des sich "vom Tellerwäscher zum Millionär" fahrenden Nobodys fehlt vollständig.

Das Rennangebot besteht ausschließlich aus aneinander gereihten Einzelrennen, die in loser Folge und frei nach Wahl absolviert werden. Wann ihr welches Rennen angeht, ist ganz euch überlassen. Gewiss, dieses Spieldesign ist zu großen Teilen der Plattform geschuldet und kommt ihr sicherlich auch entgegen. Schnelle Rennen für zwischendurch, daran gibt es grundsätzlich nichts auszusetzen.

Gran Turismo "light" wird Hardcore-Fans enttäuschen und ist eher auf Gelegenheitsspieler ausgerichtet.Fazit lesen

Ihr könnt euch zwischen normalen Einzelrennen oder Drift-Events entscheiden und tretet dabei gegen höchstens drei Widersacher an - eine weitere kleine Enttäuschung. Immerhin motiviert Gran Turismo PSP zumindest dahin gehend, dass euer fahrerisches Können in diesen "Quickraces" in den Stufen D bis S gereizt wird und somit durchaus Entwicklungspotenzial und Motivation besitzt. Allzu viel Bargeld springt am Ende der Rennen jedoch selbst im Erfolgsfall nicht heraus.

Glaubhafte Fahrphysik

Wem das Fehlen eines Karrieremodus schnurz ist, der wird erfreut sein zu lesen, dass Gran Turismo PSP von seinen großen Brüdern die hervorragende Fahrphysik geerbt hat. Jedes der von uns getesteten Vehikel verhält sich anders. Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob ihr euch für einen Wagen mit Front- oder Heckantrieb entscheidet. Kein Wagen verhält sich gleich und auf diese Weise wird jedes Fahrzeug zu einer neuen fahrerischen Herausforderung - erst recht, wenn Pisten wie der komplette Nürburgring oder die eingangs erwähnte Laguna Seca mit teuflischen Unebenheiten oder fast fühlbaren Bodenwellen eine hohe Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern.

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Die KI-Fahrer beharren leider immer noch auf der Ideallinie und verursachen dadurch ungewollte Karambolagen.
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Das Fahrgefühl ist von vielen äußeren (Streckengestaltung) und auch inneren (z.B. Motorisierung) Faktoren abhängig und motiviert auf diese Weise dazu, sich an die neuen Gegebenheiten und Karossen anzupassen. Hier verströmt das Rennspiel reinstes GT-Feeling.

Doch auch hier kann der Ableger nicht vollständig an die großen Verwandten heranreichen, was vor allem am nicht vorhandenen Analogtrigger liegt. Das feinfühlige Beschleunigen eines PS-Monsters gelingt eben mit einem Digital-Button nicht ganz so gut, selbst wenn es so gut umgesetzt wurde wie bei GT PSP. Obendrein sind die kaum vorhandenen Tuningmöglichkeiten ein kleiner Affront für Bastel-Freaks. Bis auf eine Auto-Tuning-Funktion gibt es keine Möglichkeit, die Fahrzeuge etwas aufzupeppen. An dieser Stelle sind die Entwickler deutlich zu kurz gesprungen - und zwar auf den Casual-Zug.

Es schmerzt auch, dass sich die störrische KI im Vergleich zu 2004 praktisch nicht weiter entwickelt hat. Noch immer beharrt sie sturköpfig auf der Ideallinie und fährt euch ins Heck oder in die Flanke, obwohl ihr eigentlich in der viel besseren Position seid. Das kratzt zwar den Lack eurer Boliden aufgrund eines fehlenden Schadensmodells nicht im Geringsten. Im sprichwörtlichen Graben landet ihr dafür trotzdem, womit euch das Rennerlebnis zu oft auf unsportliche Weise vermiest wird.

Ladenöffnungszeiten á la Entenhausen

Was bleibt, ist die Sammelwut. Kohle scheffeln, heiße Boliden einkaufen. Hört sich immerhin nicht schlecht an. Aber auch dieses Feature wurde zu umständlich umgesetzt. An jedem Spieltag stehen euch im Autohaus jeweils nur vier Automarken zur Verfügung. Während ihr am Dienstag also beispielsweise bei Ferrari, Toyota, Honda und Jaguar shoppen dürft, stehen euch am nächsten Tag etwa die Türen von RUF, Lamborghini, Peugeot und Mazda offen.

Gran Turismo PSP - Großes Rennspiel für die kleine PSP

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Leider fahren lediglich maximal drei Konkurrenten mit euch um die Wette.
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Allerdings immer nur mit einem eingeschränkten Angebot. Ihr könnt euch nie sicher sein, wann welche Anbieter mit welchen Wagen erhältlich sind. Die virtuelle Einkaufstour wird noch zusätzlich erschwert, weil nicht ersichtlich ist, welche Fahrzeuge ihr bereits besitzt. Umständliche und zeitraubende manuelle Vergleiche kosten hierbei den letzten Nerv.

Bei all diesen Enttäuschungen muss kaum erwähnt werden, dass leider auch im Multiplayer-Modus gespart wurde. Online-Modi wurden nicht integriert, lediglich ein Ad-hoc-Modus gibt euch die Möglichkeit, mit bis zu drei Freunden in Einzelrennen anzutreten oder Wagen zu tauschen. That´s it. Naja, immerhin soll es bei Erscheinen von Gran Turismo 5 möglich sein, den Inhalt seiner GT PSP-Garage zu übertragen. Hoffentlich ist das kein Fingerzeig auf ein weiter "vercasualtes" GT 5.