Generationswechsel? Pah! Wer auf heiße Schlitten und anspruchsvolle Rennstrecken steht, kommt mit der PlayStation 3 noch eine ganze Weile gut aus. Gran Turismo 6 enttäuscht zwar beim Sound und macht technisch nicht mehr die beste Figur, aber in Sachen Inhalt fährt Polyphonys Benzinschluckerfestival selbst der PC-Fraktion davon.

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Immer die gleiche Leier. Kommt ein neues Gran Turismo oder Forza Motorsport auf den Markt, schwirren PC-Gamer wie Fliegen um jedes noch so harmlose Youtube-Video und müssen jedem Zuschauer verklickern, wie viel authentischer die Rennsimulationen ihrer Plattform doch sind. Und sie haben recht.

Zumindest bei Gran Turismo wird man das Gefühl nicht los, die Simulation eines Rennwagens beginne bei den Reifen und ende auf Höhe der Aufhängung. Selbst der erheblich jüngere Konkurrent Forza Motorsport ist beim Simulationsanteil spürbar weiter, wie der neulich getestete fünfte Teil eindrucksvoll unter Beweis stellt. Und am Horizont warten weitere Gegenspieler, etwa „Project Cars“, die den bisherigen Topsellern den Rang ablaufen wollen.

Große Fahrt und große Abwechslung

Mag ja sein, dass iRacing, rFactor, Assetto Corsa und wie sie nicht alle heißen ganz tolle Simulatoren sind (oder mal sein werden). Aber ehrlich: Sie wirken trocken wie ein Wüstenfurz, weil wenig für das Auge drinsteckt. Selbst die grafisch moderneren Vertreter setzen fast ausschließlich auf Profikurse, denen es an interessanter Randgestaltung fehlt. Stadtstrecken mit engen Gassen? Nicht existent. Bergkurse, schmalspurige Geschicklichkeitstests und andere Events, die den Rennalltag auflockern? Nicht eingeplant. Aber Mikrotransaktionen und DLC – die aktuellen Schimpfworte der Gaming-Community –, die gehören zum Standard.

Gran Turismo 6 - Motorsport in allen Facetten

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Auf den ersten Blick hat sich bei Gran Turismo wenig geändert. Viele Strecken und noch mehr Autos bereichern das Fahrvergnügen.
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Gran Turismo 6 dagegen, das schnappt euch beim Schlafittchen und lässt nach dem einmaligen Einsatz von 69 Euro nicht mehr los. Man wird einfach nicht satt, kann Stunde um Stunde vor dem Programm verbringen, ohne Langeweile zu verspüren.

Liegt es an den 1200 implementierten Autos? Nö. Wie üblich hat Polyphony nicht einen einzelnen Nissan Skyline implementiert, sondern gleich vierzig, deren Unterschiede derart marginal sind, dass man auf der Strecke keinerlei nennenswerten Unterschied bemerkt. Entfernte man alle Mehrfacheinträge aus dem Fuhrpark, kämen wahrscheinlich kaum mehr 400 Fahrzeuge zusammen. Noch immer mehr als genug, auch wenn auffällig viele Boliden dabei sind, die 20 Jahre oder mehr auf dem Buckel haben. Zudem entsprechen die wenigsten Schlitten dem aktuellen Grafikstandard. Wie schon beim Vorgänger verwendet Polyphony viele veraltete Modelle aus der PlayStation-2-Ära, da sie selbst aus der Ferne grob erscheinen. Bei solchen Modellen fehlt dann auch das Cockpit. Wer aus Sicht der Fahrgastzellenkamera fährt, entdeckt an dessen Stelle eine schwarze Schablone.

Nein, der große Fuhrpark gibt nicht den Ausschlag für das hohe Rennvergnügen. Es sind die mannigfaltigen und extrem abwechslungsreichen Kurse, eingebettet in viele spannende Wettbewerbe. Veranstaltungen auf berühmten Kursen wie Spa, Silverstone oder dem Hockenheimring gehören zum Standardrepertoire. Stadtkurse in Madrid, Rom und London verwöhnen das Auge.

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Indoor- und Outdoor-Kart-Rennen machen unheimlich viel Spaß.
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Keine Lust mehr auf ewig gleiche Rundkurse? Wie wäre es dann mit den berühmten Führerscheinprüfungen? Oder Kart-Rennen, sei es in der Halle oder im Freien? Alternativ gäbe es noch Sonderwettbewerbe wie das Good-Wood-Festival, dessen enger Kurs den Schweiß auf die Stirn treibt, weil man den Asphalt unter keinen Umständen verlassen darf.

Reicht noch immer nicht? Auf dem Mond war noch keiner von uns. Umso witziger wirkt das Zeitrennen mit dem Apollo-15-Mondfahrzeug, bei dem jeder kleine Stein ein gigantisches Hindernis darstellt. Mit der verminderten Schwerkraft ist nicht zu spaßen. Warnkegel-Umstoßen? Slalom? Driften in Schnee und Matsch? Nichts wurde ausgelassen.

Bei Wind und Wetter

Obwohl GT6 eine straff gestaffelte Karriere vorgibt und nicht einmal Online-Rennen zulässt, bevor man Rennklasse A erreicht hat, bleiben immer genug Ausweichmöglichkeiten zur Erheiterung des Rennalltags. Steigerungen inklusive, denn in höheren Klassen stockt das Programm das anfänglich kleine Fahrerfeld von sechs Teilnehmern kontinuierlich auf. Bis zu sechzehn werden es – auch im Online-Modus. Kein Vergleich mit den dynamischen Umweltveränderungen, die mit der Karriere immer mehr fahrerisches Können verlangen.

GT6 ist die systemweit abwechslungsreichste Beinahe-Simulation. Technische Schwächen und viele offene Baustellen verhindern leider das Besteigen des Rennspielthrons.Fazit lesen

Angefangen bei Nachtrennen, die auf einem Stadtkurs wie der „Special-Stage“ noch hell erleuchtete Straßen zeigen, außerhalb der Zivilisation jedoch alles abseits der Fahrzeugleuchtkegel pechschwarz malen. Fallen Regentropfen, geht die Haftung flöten. Abhängig von Strecke und Spielmodus wechselt das Wetter sogar dynamisch mit der Tageszeit. Lobenswert und ambitioniert, nur leider technisch nicht einwandfrei.

Wie schon erwähnt, gehört die Simulation in GT6 nicht mehr zur genauesten Sorte. Das Fahrgefühl ist toll und jeder Wagentyp bringt ein distinktives, realitätsnahes Handling mit. Dies wird allein aufgrund der neuen Reifensimulation garantiert. Das Gefühl für Unebenheiten im Asphalt könnte jedoch intensiver sein. So richtig spürbar sind nur die Bodenwellen auf dem Nürburgring. Im Vergleich mit Forza 5 schwebt man geradezu über viele Kurse.

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So was habt ihr noch nicht erlebt: Die Fahrten auf dem Mond sind zwar träge, sorgen aber für Abwechslung im Rennalltag.
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Ein Schadensmodell fehlt ebenfalls. Selbst ein Frontalzusammenstoß bei 200 Stundenkilometern hinterlässt nicht mehr als ein paar optische Beulen und Kratzer im Lack, was dazu einlädt, Kontrahenten als Bremshilfe zu missbrauchen. Ein Knutscher mit der Seitenbande resultiert in unverhältnismäßig geringem Geschwindigkeitsverlust ohne spürbare Einbußen. Und obendrein darf man nach Herzenslust auf vielen Kursen querfeldein abkürzen, da Zeitstrafen ausfallen und der Wagen nicht künstlich abgebremst wird. Praktisch ein Freischein zum Ignorieren jeglicher Racing-Etikette.

Somit bleibt die Frage offen, ob man Gran Turismo überhaupt noch als Simulation einschätzen darf. Selbst mit zwei zugedrückten Hühneraugen bleiben Zweifel. Hohe Ambitionen hin oder her, wenn der Spieler wichtige Regeln des Rennalltags schlichtweg ignorieren darf, ist all das für die Katz.

Apropos Ambitionen: Angepeilt sind durchweg 60 Bilder pro Sekunde in einer 1080p-Auflösung. Sie werden leider nicht konstant erreicht. Selbst ohne Wettereinfluss plagen immer wieder Frame-Drops und unschöne Tearing-Effekte das Bild, weil die Grafikeinheit der PS3 aus der Puste kommt. Dabei blendet Polyphony bereits einige Objekte zeitweise aus und animiert Schatten so grob, dass sie buchstäblich vor sich hin stottern. Flüchtigkeitsfehler wie ein linker Außenspiegel, der die rechte Hälfte der Strecke reflektiert, setzen dem leicht enttäuschenden Eindruck die Krone auf. Kommen Tageszeiten und Wetter dazu, wird es sogar noch schlimmer. Stichwort: flackernde Beleuchtung. Schön zu sehen auf der Lärmschutzwand einer verregneten Autobahn.

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Au weia, hier wird es ganz schön eng. Wer von der Strecke fliegt, verliert.
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Klingt nicht besonders ausgereift, nicht wahr? Ist aber noch harmlos im Vergleich mit den furchtbar altbackenen Klangeffekten. Noch immer klingen viele Karren wie eine Mischung aus Rasierapparat und Rasenmäher. Derselbe alte Crash-Sound wie in den Jahren zuvor erinnert an das Zuschlagen einer Mülltonne. Eine traurige Angelegenheit.

Keine Frage, Polyphony konnte einige Kritikpunkte, die bei Gran Turismo 5 ins Auge fielen, ausmerzen. Darunter die nun deutlich übersichtlicheren Menüs, kürzere Ladezeiten und eine im Hintergrund ablaufende Installationsroutine, die den Inhalt der Blu-ray-Disc völlig unbemerkt auf die Festplatte schaufelt. Inhaltlich macht das neueste Werk aber eher den Eindruck eines GT 5.5 – trotz neuer Grafik-Engine und Profidaten für die Simulation der Reifenhaftung.

Reißbrettschlitten

An Gran Turismos technische Schwächen mag man sich mit der Zeit gewöhnen, denn letztendlich reicht keine so tief, dass sie den Spielspaß allzu sehr mindert. Ignorieren kann man sie trotzdem nicht, zumal sie selbst die ambitioniertesten Bereiche des Spiels einholen.

So zeichneten die Designer aller großen Marken im Rahmen der „Vision Gran Turismo“ Konzeptschlitten, die einzig und allein in Gran Turismo 6 zu finden sind. Sie werden nach und nach als kostenlose Downloads veröffentlicht. Den Anfang macht Mercedes mit einem überaus futuristisch aussehenden Carbon-Geschoss namens Mercedes Benz AMG Gran Turismo.

Höllisch exotisch, das Ding, nur für Cockpit-Piloten ein Graus, weil die inneren Armaturen fehlen. Dieses Symptom zieht sich durch das ganze Spiel. Mastermind Kazunori Yamauchi sprudelt offensichtlich über vor lauter Enthusiasmus, aber er und sein Team scheinen kein einziges Teil dieses Spiels bis zur Perfektion ausgearbeitet zu haben. Irgendwo ist immer ein Schnitzer, eine Auffälligkeit, ein Ärgernis. Und sei es nur die künstliche Intelligenz der gegnerischen Fahrer.

Gegner schleichen zwar nicht auf der Ideallinie, aber überzeugendes Fahrverhalten ist etwas anderes. Viel zu oft scheint die KI zu tun, was sie will. Etwa unnötig riskante Überholmanöver mit Crash-Tendenz, weil die Position des Spielers schlichtweg ignoriert wird. Auf langen Geraden wahrlich eine Qual.

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Bei Nacht und Regen ist höchste Konzentration angesagt.
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Bringt der eigene Wagen nicht genug Pferdestärken mit, kann es passieren, dass aufdringliche KI-Piloten euren Spritschlucker rücklings anschubsen oder sich schräg ins Heck bohren, was nicht selten in einem Schleudermanöver endet. Vor allem kurz vor der Ziellinie ziemlich ärgerlich. Für einen selbsternannten „Real Driving Simulator“ eine peinliche Angelegenheit.

Immerhin: Bei den allseits gefürchteten Mikrotransaktionen hält man sich vornehm zurück. Es gibt sie, und der Erwerb eines Nobelschlittens per Echtgeld stellt wahrlich kein Schnäppchen dar. Bis zu 140 Euro können für ein besonderes Modell draufgehen. Löblicherweise drängt euch Polyphony jedoch nie zu solchen Maßnahmen. Das Menü für Extra-Credits schlummert unauffällig in einer Ecke des Hauptmenüs. Ständige Hinweise auf den Credit-Shop fallen flach, selbst wenn man beim Autohändler versucht, einen Wagen zu kaufen, obwohl das Geld nicht ausreicht.

Der Grinding-Faktor ist trotzdem nicht zu verachten. Schließlich will man meist nicht nur Autos kaufen, sondern sie auch bis zum Backenzahn hochtunen. Ein paar Sonderrunden solltet ihr also einrechnen, wenn ihr Kohle für besonders schicke Wagen zurücklegt.