Jowood, Piranha Bytes, Gothic 3, Bugs, Desaster. Kennt man alles – mittlerweile könnte man mit Auseinandersetzungen zu diesem Thema ganze Brockhausbände füllen. Auch die Liste an Besserungsgelöbnissen und „Ab jetzt geht’s bergauf“-Versprechungen seitens Publisher Jowood dürfte beinahe die Ausmaße der Gelben Seiten einer beliebigen Großstadt annehmen.

„Götterdämmerung“, das erste und letzte Addon zum technischen Totalausfall „Gothic 3“, sollte jedenfalls so richtig toll und überhaupt und anders werden. Nach unserer wütenden Bestandsaufnahme vergangene Woche entschied man sich im fernen Österreich nun doch, eine Testversion in die gamona-Redaktion zu schicken. Und wer hätt’s gedacht: Götterdämmerung ist tatsächlich so richtig schön… äh anders.

Die schönsten Bugs in Bild und Ton: Nach dem Lesen des Artikels unbedingt unser gamona Video-Review zu Gothic 3: Götterdämmerung anschauen!

Gothic 3: Götterdämmerung - Von Fans geflickt: So sieht die Enhanced Edition aus2 weitere Videos

Handbuch für Analphabeten

Der leidgeplagte Gothic 3-Fan fragt sich natürlich zunächst: Wozu eigentlich ein Erweiterungspaket für ein Spiel, das bis heute nicht funktioniert? „Wir wollen einen perfekten Übergang zum geplanten vierten Teil Arcania: A Gothic Tale schaffen“, ließ Jowood Anfang des Jahres per Pressemeldung verlauten. Wenn so allerdings ein „perfekter Übergang“ aussehen soll, wollen wir „Gothic 4“ lieber gar nicht erst sehen.

Gothic 3: Götterdämmerung - Ab in die Tonne damit... Plus Video-Review: die schönsten Bugs

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Alles bleibt anders: Myrtana hat sich seit eurem letzten Besuch leicht verändert - allerdings nicht in technischer Hinsicht.
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Denn natürlich ist auch „Götterdämmerung“ ein heilloses Desaster geworden, bis unter den Rand gefüllt mit Fehlern, Glitches, Bugs und technischen Problemen. Aus Kostengründen hat man die Entwicklung des Addons an das unbekannte, indische Studio Trine vergeben, die mit dem desolaten Source-Code des Originals sichtlich überfordert sind. Also hinein in die wundersame Welt des Blödsinns von „Gothic 3: Götterdämmerung“.

Erste Zweifel ob der angepriesenen Qualität dieser Erweiterung befallen ehrliche Käufer bereits bei der Studie des Handbuchs: Hier wird der freundliche Gott des Lichts „Innos“ bereits im Vorwort als „Innops“ verschandelt, ein paar Zeilen darunter will uns jemand erzählen, dass sich die arme „Zvilbevölkerung“ Myrtanas nicht einmal genügend „i“ leisten kann und „Gotjic“ schreibt man scheinbar neuerdings auch nicht mehr mit „h“.

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Der namenlose Held in seinem Element: Dialoge führen, Aufträge annehmen, Monster verhauen - alles beim Alten. Wirklich alles.
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Allerdings haben wir den Grund für derartige Missstände schnell aufgedeckt – schließlich informiert uns das Handbuch ebenfalls darüber, dass dieses Spiel „bei manchen Menschen auch zu Bewusstseinsstörungen, Ohnmacht oder Krämpfen führen kann“. Was eigentlich die Epilepsie-Warnung darstellen soll, könnte so ohne weiteres auch in der Featureliste der Packungsrückseite stehen oder den Gemütszustand des zuständigen Übersetzers beschreiben.

Grafik für Supercomputer

Macht aber alles nix – umso schöner ist schließlich das Spiel. Vor Freude ob der drei Jahre alten Grafikengine zuckelt, wackelt und wabert die gesamte Landschaft Myrtanas so herzallerliebst vor sich hin, als hätte jemand eine Ladung Amphetamine in den angrenzenden Fluss geschüttet - die Kanten flimmern, Bäume ploppen willkürlich auf und ab, Texturen schimmern vor sich hin. Ein wahres Bild für die Götter… äh -dämmerung.

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Sollte dies nicht längst aus dem Spiel gepatcht sein? Pflanzen wachsen hier wieder fröhlich durch Häuserböden.
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Komischerweise sieht das Spektakel trotz aufpolierter Texturen gar nicht mal so zeitgemäß aus, lediglich die Charaktere wirken etwas plastischer. Den Gothic-Hardwareanforderungen ist dieser Umstand allerdings ähnlich egal wie Jowood die Wünsche der Fans: Unser Testsystem (immerhin ein topaktueller QuadCore Xtreme) kam selbst auf niedrigsten Details und Minimalauflösung gehörig ins Stocken.

Eine Schande: Technisch desaströse Frechheit von einem Addon, die einem die Lust am Gothic-Universum vollends vergällt.Fazit lesen

Macht aber alles nix – umso spannender ist schließlich das Spiel. Wenn das Bild etwa mal wieder für geschlagene sechs bis zehn Sekunden einfriert, nehmen die folgenden Augenblicke nämlich beinahe die kriminalistische Schlagkraft einer mittelprächtigen „Derrick“-Folge an – entweder es geht nach einem kompletten Reload der Umgebungsgrafik für etwa 30 Sekunden (vorerst!) weiter oder ihr dürft euch an dem Hintergrundbild eures Desktops (Absturz!) erfreuen.

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In dieser Höhle ist es taghell - obwohl eine Lichtquelle fehlt.
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Daraus lässt sich übrigens ein prima Ratespiel für den nächsten Familienabend basteln: Einfach während der fragwürdigen Endlos-Ruckler Wetten auf den Ausgang abschließen und schon hat man die 40 Euro, die man zuvor in diese Katastrophe von einem Spiel gesteckt hat möglicherweise wieder raus - da hält selbst die Dramatik eines Windhundrennens nur schwerlich mit…

Bedienung für Nostalgiker

Macht aber alles nix – umso spaßiger ist schließlich das Spiel. Oder so ähnlich zumindest. Man muss seine Ansprüche eben nur ein klein wenig nach unten korrigieren: Dass die Bedienung in „Götterdämmerung“ zum Beispiel immer noch weit an den üblichen Rollenspiel-Standards vorbeischießt und von Trine in keiner Weise angepasst wurde, kann man schließlich auch als nett gemeinte Retro-Hommage werten.

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Umständlich wie eh und je: Das Handelsmenü nervt nach kurzer Zeit.
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So muss man gefundene Gegenstände z.B. immer noch per Drag & Drop durch die unansehnlichen Menüs ziehen und zum Verkauf gleich zwei Tasten bestätigen, wer sich verläuft, muss weiterhin extra per Shortcut die Karte öffnen und das Inventar wirkt fummelig wie eh und je. Der Knüller ist und bleibt aber das Kampfsystem: Trotz großer Versprechungen spielen sich die Balgereien so idiotisch wie zuvor.

Und der Rest? Muss wohl so sein! Dass die Sprachausgabe der NPCs zum Teil fehlt beispielsweise. Oder der Sound der Spielumgebung: Das Plätschern der Wasserfälle etwa oder das Knistern eines Kaminfeuers darf der geneigte Spieler vor dem Bildschirm einfach selbst intonieren – so fördern die Entwickler gleich noch die Interaktivität und regen zu kreativen Mitmach-Spielchen an.

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Kleines Ratespiel: Wie viele Bugs sind auf diesem Screenshot zu finden?
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Ihr wolltet der Gothic-Handlung schon immer euren eigenen Stempel aufdrücken? Kein Problem: Die Textboxen, in denen Dialoge mit NPCs schriftlich dargestellt werden, bleiben gerne auch mal leer oder – wenn der Text zu lang für die knapp bemessenen Boxen ist – bricht einfach an deren Ende ab. Wer sich also mal so richtig lyrisch austoben möchte – bitte, Götterdämmerung ist wie eine Spielwiese für Nachwuchs-Märchenerzähler.

Spiel für den Mülleimer

Ok, viele der zuvor genannten Bugs gab es so schon im Hauptspiel – ausmerzen wollte die aber wohl niemand. Im Gegenteil: Einige längst getilgte Fehlerquellen haben sogar erneut (!!) ins Spiel gefunden. Sehr fleißig. An anderer Stelle wurde dafür verschlimmbessert: Wir erinnern uns: Wer in „Gothic 3“ eine Höhle betrat, konnte trotz angelegter Fackel und sporadischer Lichtquellen kaum den eigenen Charakter erkennen.

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Hier gibt es zwar Lichtquellen, die Steine und Truhen sind jedoch trotzdem pechschwarz.
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„Götterdämmerung“ dreht den Spieß einfach um, leuchtet selbst tiefste Dungeons trotz nicht vorhandener Lichtquellen komplett aus, stellt dafür aber sämtliche Objekte wie Steine oder Truhen falsch dar – die sind nun nachtschwarz, egal ob man mit der Fackel direkt daneben steht oder nicht. Selbst die Straßen der Großstadt werden von flackernden Lichtern erhellt – jetzt muss nur noch jemand die dazugehörigen Kerzen nachpatchen.

Macht aber alles nix – umso atmosphärischer ist schließlich das Spiel. Trine hat sich nämlich wenigstens die Mühe gemacht, eine neue Geschichte zu erdenken und frische Quests zu implementieren. Was im Grunde auch gar nicht schlecht ist, da die Story sehr viel stringenter und besser erzählt wird als noch im Hauptprogramm. Ob man bis zum dramatischen Schluss durchhält, ist freilich eine andere Frage.

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Als Abenteurer kann man schon ein paar richtig... äh spezielle Gegenstände finden.
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Den hastig konstruierten Beginn des Addon-Abenteuers durften wir dafür gleich mehrmals erleben: Für den Stadthalter sollen wir fünf Empfehlungsschreiben von den Bürgern seines Dorfes besorgen. Also nehmen wir vier Aufträge an, um im Gegensatz die benötigten Papiere zu erhalten. Bürger Nummer fünf verlangt jedoch von uns, die Kuhherde eines konkurrienden Bauern nieder zu metzeln. Klingt unmoralisch – wir lehnen ab.

Erst später stellt sich heraus: Der fiese Neidhammel besitzt ebenfalls eines dieser Schreiben. Die ehemals abgelehnte Quest lässt sich nun aber nicht mehr annehmen. Im Prinzip war es das in Punkto Questfortschritt. Hier hilft nur Reload oder – bei Ermangelung eines Speicherstandes – ein Neustart. Macht aber alles nix – schließlich… Moment, das macht eigentlich schon etwas. Bauchschmerzen zum Beispiel. Verdammt große…