Yoko Ono und die Beatles. Blur und Oasis. Eminem und Moby. Jar Jar Binks und der Rest der Welt: Allesamt berühmte Streithähne deren Fehden ganze Klatschmagazine füllten. Vergangenes Jahr bekam endlich auch die Gaming-Welt ihr Skandalpärchen, deren öffentliche Schlammschlacht für allgemeines Kopfschütteln sorgte: Der österreichische Publisher JoWood und die Entwickler Pyranha Bytes.

Mittlerweile gibt man sich zwar versöhnlich, die Wurzel des Zwists, Gothic 3, liegt jedoch weiterhin nur in desolater Verfassung in den Händlerregalen. Und jetzt das: JoWood kündigt ein Addon zum meist diskutierten Rollenspiel 2006 an. Harter Tobak, wo das Hauptspiel doch noch nicht einmal fertig gestellt ist. Wir wollten mehr zu den Umständen wissen und haben bei JoWood nachgehakt.

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Die Wurzel allen Übels

Rückblende: Im Herbst 2006 stand nach langer Zeit des Wartens endlich die größte deutsche Rollenspiel-Hoffnung in den Läden. Zwei gefeierte Vorgänger hatten die Entwickler Pyranha Bytes schon vorgelegt, für Teil drei versprach man weitaus Größeres. Dementsprechend hoch war die Vorfreude bei Fans und Spiele-Redakteuren zugleich. Denn auch wenn die ersten Teile nicht fehlerfrei waren konnte wohl niemand ahnen, was folgen sollte.

Abseits spielerischer Macken wie dem undurchdachten Kampfsystem und den extremen Hardwareanforderungen, schockte die Vollpreis-Goldversion des Luxus-RPGs mit derart vielen Bugs, dass selbst die rosarote Fanboy-Brille der hartgesottensten Verehrer kaum Abhilfe schuf. Abstürze, Glitches und besonders fiese Plotstopper wechselten sich mit Speicherproblemen und fehlerhaften Quests ab. Das Urteil der Fans: Unspielbar.

Wenige Tage nach dem Release brach eine Welle der Entrüstung los, die in der Gaming-Welt derzeit ihres Gleichen sucht: Die JoWood-Foren quollen über mit Beschwerden, Spielemagazine verweigerten die Wertung. Pyranha Bytes legte zwar mehrere Patches nach, und entfernte in insgesamt fünf offiziellen Updates besonders kritische Fehler, wirklich fertig ist Gothic 3 aber bis zum heutigen Tage nicht.

Von allen Göttern verlassen

Dann die Schreckensnachricht für all jene, die noch an ein fehlerfreies Gothic geglaubt hatten: JoWood und Pyranha Bytes trennen sich im Mai 2007. Patches werden den Fans überlassen, ein weiterer Serienteil steht in den Sternen. Mittlerweile ist bekannt: Spellbound übernimmt die Arbeiten an Gothic 4, Pyranha Bytes sind nicht involviert. Zumindest hat man sich wieder lieb – hieß es zumindest kürzlich in einer Pressemeldung.

Am heutigen Montag dann die überraschende Nachricht: JoWood kündigt nach eineinhalb Jahren das erste Gothic 3-Addon an. „Forsaken Gods“ soll es heißen. Beinahe ironisch, wird „forsaken“ doch mit einsam, allein, verlassen ins Deutsche übersetzt. Die bisherigen Daten sind nicht mehr als ein kurzer Appetitmacher: Die Story der Erweiterung soll offene Fragen beantworten und einen nahtlosen Übergang zu Gothic 4 gewährleisten.

Ansonsten: Geheimhaltung. Was bringt das Addon und vor allem: Wer macht es? Spellbound? Die sind eigentlich beschäftigt mit Teil 4? Doch die Jungs von Pyranha Bytes? Unwahrscheinlich, trotz öffentlichem Friedensangebot. Wir wollten’s genau wissen und haben beim Publisher JoWood nachgehakt.

gamona.de: Ihr habt heute überraschend ein Gothic 3-Addon angekündigt. Welcher Entwickler steht eigentlich hinter dieser Erweiterung. Spellbound, Pyranha Bytes oder eine dritte - bisher unbekannte - Partei?

JoWood: Bisher möchten wir uns dazu nicht äußern. Wir haben daher ganz bewusst in der Pressemitteilung auf eine öffentliche Nennung verzichtet. In den nächsten Wochen werden wir aber Näheres dazu ankündigen.

gamona.de: Wie steht es denn um die Entwicklung. Wird das Addon parallel zu Gothic 4 entwickelt oder genießt die Erweiterung momentan die höhere Priorität?

JoWood: Gothic 4 und das Addon werden beide parallel entwickelt. So wollen wir unter Anderem gewährleisten, dass die Story des Addons nahtlos an die Gothic 4-Handlung anschließt.

gamona.de: In der Fanbase wird diese Entscheidung sicherlich zu heißen Diskussionen führen: Das Hauptspiel Gothic 3 ist immer noch nicht fehlerbereinigt, Patches müssen von der Community nachgereicht werden und dennoch ist die Zeit da, ein Addon zu entwickeln. Wie passt das zusammen?

JoWood: Nun das Addon basiert zum einen nicht komplett auf dem Hauptspiel, zum anderen sitzen ja neue Entwickler an der Entwicklung. Und man kann eben nicht einfach zu einem neuen Entwickler gehen und sagen „So, ihr macht jetzt das Spiel von Pyranha Bytes fertig“. Da wir jetzt an Gothic 4 arbeiten und den Fans in Zukunft eine möglichst angenehme Spielerfahrung bieten wollen, haben wir den Entschluss gefasst, mit dem Addon das Thema Gothic 3 auf bestmögliche Art und Weise abzuschließen und gleichzeitig den Weg für den kommenden Nachfolger zu ebnen.

gamona.de: Versucht ihr sicher zu stellen, dass sich ein derartiges Desaster nicht noch einmal wiederholt?

JoWood: Das ist unsere höchste Priorität – sowohl bei „Forsaken Gods“ als auch bei Gothic 4.

gamona.de: Wie seht ihr die generelle Ausrichtung des Addons: Wollt ihr auf diese Weise das Gothic 3 abliefern, wie es immer geplant war oder geht ihr einen völlig neuen Weg?

JoWood: Definitiv Letzteres. Das Addon wird sich sehr eigenständig anfühlen, wahrscheinlich veröffentlichen wir es sogar als Standalone-Erweiterung - sicher ist dies jedoch noch nicht. Klar ist, dass das Addon eher in Richtung Gothic 4 geht. Und natürlich versuchen wir die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden – von denen wir nicht wussten, dass sie vorhanden waren.

gamona.de: Vor einiger Zeit geisterten ja eine Reihe Artworks durchs Internet, die man schnell mit dem möglichen Gothic 4 in Verbindung brachte. Basieren diese Bilder auf einem eurer Titel, sei es Gothic 4 oder das neue Addon?

JoWood: Wir haben damals ja schnell reagiert und den Zusammenhang dieser Artworks zu Gothic 4 dementiert. Und auch zu unserem Addon „Forsaken Gods“ haben die Bilder keine Verbindung. Das waren Engine-Shots, die nicht von uns stammen.

gamona.de: Könnt ihr uns den schon verraten, auf welche Features wir uns im kommenden Addon freuen dürfen? Wie steht es um die Story?

JoWood: Das würden wir natürlich gerne tun, leider sind uns da aber noch die Hände gebunden. Zur Story können wir nur so viel sagen: Sie wird als perfekter Übergang zwischen Gothic 3 und Gothic 4 dienen. Auch spielerische Neuerungen sind geplant, zu denen wir aber erst in den kommenden Wochen Neues verraten möchten.

gamona.de: Danke für das Interview.

Was sagt uns das?

Verständlicherweise hält JoWood sich bedeckt, hält die Geheimhaltung des Entwicklers doch die Gerüchteküche und das allgemeine Interesse um Gothic 3 am Köcheln. Während unseres Interviews kristallisierte sich jedoch heraus: Pyranha Bytes macht es nicht, auch Spellbound scheidet als potentieller Kandidat wohl aus – auch wenn durch deren Mitwirken ein nahtloser Übergang der Story wohl am Besten gewährleistet werden dürfte.

Generell erscheint es, als wolle man das Addon in erster Linie dazu nutzen, mit dem unliebsamen Kapitel Gothic 3 endlich abzuschließen. Noch immer sitzt die Schmach tief, noch immer distanziert man sich von Anschuldigungen, man hätte ein unfertiges Spiel durch Druck auf die Entwickler erwirkt. Da kommt ein Abschluss ganz gelegen: Gothic 3 wird beendet, Gothic 4 führt das angeknackste Franchise – hoffentlich – wieder auf den Pfad der Tugend.

Für den gemeinen Gothic 3-Käufer wohl nur ein schwacher Trost: Noch immer hält er ein unfertiges Spiel in den Händen, Patches von offizieller Seite werden sich durch die Entwicklung zweier Titel noch mehr verzögern. Zwar dürfte die Erweiterung alle bisher erschienenen Updates gleich mitbringen, mit weiteren Bugfixes ist aber nicht zu rechnen – nicht umsonst könnte das Addon möglicherweise als Standalone (also eigenständig lauffähige) Erweiterung veröffentlichen. Nichtsdestotrotz freuen wir uns auf das Gothic-Addon und hoffen auf (weitgehend) ungetrübtes Spielvergüngen.