Vermisst ihr etwas? Eigentlich sollte an dieser Stelle längst unser ausführlicher Test zum Gothic 3-Addon "Götterdämmerung" zu finden sein, schließlich ist das erste Erweiterungspaket zum deutschen Skandal-Rollenspiel bereits vergangenen Freitag in den Handel gekommen. Nun, ihr seid nicht allein - auch wir vermissen den Test. Normalerweise bekommen wir ein Testmuster schon weit vor dem eigentlichen Release des Spiels, in manchen Fällen aber spätestens zum Erscheinungstag.

Nicht so in diesem Fall: Jowood hat scheinbar in weiser Voraussicht generell keine Testmuster an die deutsche Spielepresse verschickt - womöglich um etwaige Kritik frühzeitig zu unterbinden. Denn wie sich jetzt herausstellt, ist trotz vollmundiger Versprechen auch die Erweiterung zum Debakel geraten. Jowood zeigt zumindest Einsicht – und beschuldigt die Community.

Gothic 3: Götterdämmerung - Von Fans geflickt: So sieht die Enhanced Edition aus2 weitere Videos

Die Wurzel allen Übels

Wir erinnern uns: Im Jahr 2006 erschien nach jahrelanger Produktionszeit endlich eines der meisterwarteten Rollenspiele aus deutschen Landen. "Gothic 3" hätte das Genre gehörig auf den Kopf stellen können, das Resultat jedoch sorgte eher für ausgiebiges Kopfschütteln. Dank unzähliger Bugs geriet die „fertige“ Goldversion zur unspielbaren Fehlertortur, die Fans liefen Sturm in den offiziellen Foren.

Gothic 3: Götterdämmerung - Das Addon-Debakel: Jowood gesteht Fehler ein - und nennt Fans als Mitschuldige

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Mauer des Schweigens: Jowood und Pyranha Bytes sind sich seit dem Gothic- Release Spinnefeind.
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Die folgende Schlammschlacht zwischen Publisher Jowood und den Entwicklern Piranha Bytes würde mittlerweile ganze Bücher füllen – mehr verrät unter anderem unser Report . Mittlerweile geht man getrennte Wege: Jowood behält die Rechte an der Marke Gothic und produziert mit den Entwicklern Spellbound einen vierten Teil, Piranha Bytes kündigten auf der Games Convention ihr neues Projekt „Risen“ an.

So weit, so hoffnungsvoll. Als im April jedoch ein Addon zum Bugdesaster „Gothic 3“ angekündigt wurde, mehrten sich skeptische Fragen. „Wozu ein Addon, wenn nicht einmal das Hauptspiel fertig ist?“, hieß es damals aus dem Fanlager. Jowood konterte mit Beschwichtigungen: Man werde mit Sicherheit die alten Fehler nicht wiederholen und einen perfekten Übergang zu „Gothic 4“ schaffen, verriet man uns im Interview.

Flop of the Year

Jetzt, ein halbes Jahr später, wird die graue Theorie mit erschreckenden Fakten demontiert: „Gothic 3: Götterdämmerung“ ist erschienen – und löst erneut einen Sturm der Entrüstung aus. In den Kundenrezensionen des Internet-Versandes „Amazon“ beschweren sich gutgläubige Käufer und machen ihrem Ärger Luft. Bezeichnend: Bei über 50 Benutzerkritiken beläuft sich der Wertungsschnitt auf gerade einmal zwei Sterne.

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Sturm der Entrüstung: Bei Amazon lassen geprellte Käufer ihrer Wut freien Lauf.
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„Ich bin stinksauer, so ein Spiel heraus zu bringen, ist eine Sauerei“, heißt es in den Kommentaren, andere Reden vom „Flop of the Year“ oder „schlimmer Kundenabzocke“. Viele Käufer kündigen bereits Konsequenzen an, die Jowood angesichts des vierten Teils sicherlich nicht recht sein können: „Die Gothic-Reihe ist für mich hiermit abgeschrieben – ich warte lieber auf das neue Projekt von Piranha Bytes“.

Um nur ein Beispiel für den desolaten Zustand des Addons aus den unzähligen Beiträgen zu nennen: Wie lieblos Jowood und das unbekannte Entwicklerstudio „Trine“ ans Werk gegangen sind, zeigt sich bereits im Handbuch – dort wird selbst der Spielname falsch geschrieben. Es sei denn, Jowood hat den Namen des einstigen Kult-RPGs klammheimlich in „Gotjic“ umbenannt.

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Der Support-Thread im Jowood-Forum quillt über vor Fehlermeldungen.
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Angesichts derlei Kommentare, dürfte sich die Frage, warum der deutschen Presse keine Testmuster zur Verfügung gestellt wurden, von selbst beantworten. Wie eine Reaktion der Fachmagazine aussehen könnte, zeigt nämlich ein brisantes Beispiel: Bei unseren Kollegen 4players.de findet sich seit Wochenbeginn ein Test, der das Rollenspiel-Debakel mit sagenhaft schlechten 20 Prozentpunkten abstraft. Per Post dürften die Kollegen das Erweiterungspaket allerdings nicht erhalten haben.

„Zu hoher Druck der Community“

Wie sich heute zeigt, ist sich Jowood der aktuellen Lage durchaus bewusst. Per Pressemeldung richtete man sich heute an die Öffentlichkeit, rang nach beschwichtigenden Worten und gelobte erneut Besserung. „Am Beginn steht der Dank an unsere Community, die dem Spiel Gothic 3: Götterdämmerung ihr bedingungsloses Vertrauen geschenkt haben. Leider war es uns nicht möglich diesen Vertrauensvorschuss zur Gänze zu befriedigen.“

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„Wir bekommen nun, wie auch zu erwarten war, von der Community die Rechnung präsentiert“
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„Wir bekommen nun, wie auch zu erwarten war, von der Community die Rechnung präsentiert“, gesteht Michael Kairat, Executive Producer bei Jowood, und führt weiter aus: „JowooD Productions möchte sich hiermit bei allen Fans der Gothic Serie offen und ehrlich entschuldigen, da die Qualität des Produktes tatsächlich nicht zufriedenstellend ist. JoWooD gesteht gemachte Fehler ein und wird vermeiden, dass sich diese wiederholen.“

Allein möchte Jowood wie schon in der Vergangenheit die Schuld am erneuten Scheitern jedoch nicht tragen: „Als Gründe dafür können wir nur die Erwartungshaltung der Community für das Addon und unseren eigenen hochgesteckten Ziele anführen. Die Community und wir wollten das Spiel noch in diesem Jahr fertig gestellt sehen.“ Heißt im Klartext also: Die Fans haben sich die technischen Mängel aufgrund ihrer Vorfreude selbst zu verdanken.

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"Die Community und wir wollten das Spiel noch in diesem Jahr fertig gestellt sehen.“
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Michael Kairat erklärt weiter: „Derzeit wird an Gothic 3 - Götterdämmerung mit Priorität eins gearbeitet, dass innerhalb der nächsten Tage ein Patch zu den bereits zwei Veröffentlichten zur Verfügung gestellt werden kann, der den Qualitätsstandards der Community entspricht.“ Bleibt zu hoffen, dass die Community auch diese Patches nicht mit ihrer unverfrorenen Erwartungshaltung zunichte machen.

Was kommt als Nächstes?

Entschuldigung hin oder her: Der Schaden, den Jowood durch diese Aktion davon trägt, lässt sich kaum mehr in Zahlen bemessen. Die Marke „Gothic“ dürfte damit unwiederbringlich zu Grunde gerichtet worden sein, das Vertrauen in den geplanten vierten Teil ist auf einem neuen Tiefststand. Und den Fans in einer öffentlichen Entschuldigung eine Mitschuld am Scheitern des Addons zu unterstellen, wird von diesen im besten Fall als voreilige Frechheit interpretiert.

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Bugs wird es in kommenden Gothic-Teilen natürlich nicht mehr geben.
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Wohlwissentlich benannte man Teil vier vor kurzem in „Arcania: A Gothic Tale“ um – der Name Gothic wird also selbst bei Jowood nicht mehr allzu verkaufsfördernd eingeschätzt. Der lachende Sieger könnte am Ende ein ehemaliges Opferlamm sein: Piranha Bytes hat mit „Risen“ eine völlig neue Marke unter ihrem Banner und scheint seit der Trennung von Jowood von jeglichen Altlasten befreit zu sein.

„Aus diesen Fehlern lernend werden bei Arcania in Verbindung mit Spellbound verstärkt Betatester bereits früh in den Prozess eingebunden, um projektbegleitend deren Anregungen umsetzen zu können“, fabuliert Jowood in der heutigen Pressemeldung. Ob derlei Versprechungen die nunmehr zweifach gehörnten Fans zum Release von „Gothic 4“ überhaupt noch tangieren, darf allerdings stark bezweifelt werden.