Gothic 2 - Die Nacht des Raben
(PC-Test)
(von Volker Schütz)

Erst den Schläfer per magischer Klospülung in die Kerkerdimen-sionen entsorgt, dann mächtige Skelettdrachen zerbröselt und schon wird ein namenloser Weltenretter aus deutschen Landen aufs Altenteil geschickt.

Wer sich nach den beiden »Gothic«-Titeln mit dieser Frühpensionierung nicht abfinden mag, kann nun mit dem Add-On »Die Nacht des Raben« das eigene Renteneintrittsalter ein wenig erhöhen. »Die Nacht des Raben« stellt einen Zusatz zu »Gothic 2« dar, welcher über das Grundprogramm installiert wird. Zum Spielen braucht es später nur die CD des Add-Ons.

Gothic 2 - Teaser

Ihr Held beginnt die darauf enthaltenen Abenteuer, wie aus dem Hauptprogramm gewohnt, nach steinschlaginduzierter Zwangspause schwach und mittellos (alte, erfahrene Charaktere können Sie nicht verwenden).

Dunkelmagier Xardas hilft ihm auf die Beine und verkündet, dass wieder einmal ein Übel das Land befallen hat. Während Ihr Bildschirm-Ego noch verärgert »Erzähl mir was Neues« murmelt, tut Xardas ebendies: Nicht nur die gewohnten Monsterhorden lümmeln in der Region von Khorinis herum, in letzter Zeit verschwinden zudem brave Bürger der mehr oder minder idyllischen Hafenstadt.

Außerdem lagern Banditen an den Wegen und illegale Waffenliefer-ungen behindern die ohnehin schwie-rige Verteidigung der Heimatfront. Untersuchen Sie nun diese Vorkommnisse, entwickelt sich ein Plot um Geheimbünde, fremde Kulturen, goldschürfende Banditen und verblüffend hilfsbereite Piraten.

Land in Sicht
Als Kulisse dient die völlig neue Umgebung eines bisher unzugänglichen Teils der Spielewelt. Neben staubigen Canyons und halb erschlossenen Sumpfgebieten finden Sie dort tropische Landschaften mit steilen Schluchten sowie mehr Maya-Ruinen als Pedro de Alvarado hinterlassen hat.

In diesen tummeln sich neben alten Bekannten wie Skeletten, Minecrawlern oder Zombies Kreationen wie explodierende Sumpfgasdrohnen, antike Steinwächter sowie Gottesanbeterinnen der Größenordnung XXL. Außerdem haben inmitten von brackigem Moorwasser Banditen ihr weitläufiges Lager errichtet. Ob Sie diesen feindlich entgegentreten oder doch eher als Galgenvogel getarnt ihre Reihen unsicher machen, bleibt Ihnen überlassen.

Dabei sollten Sie sich in »Die Nacht des Raben« zweimal überlegen, mit wem Sie Händel anfangen.
Denn Entwickler Piranha Bytes hat neben all den schönen Neuerungen auch die Balance des gesamten Spiels verändert. Dies hat einen teilweise drastischen Einfluss auf den Schwierigkeitsgrad, den man am einfachsten mit einem kleinen Rätsel umschreibt:

Was trägt rot und sitzt weinend auf einem Ast? Antwort: Ein vor einem Ork flüchtender Magier der fünfunddreißigsten Stufe.

Es ist kein Bug, es sind nur Viecher
Wie bereits angedeutet, lehren nun auch die schwächsten Monster dem Held das Fürchten. Wer daran gewöhnt ist, mit seinem Bogen aus sicherer Distanz Blutfliegen nachzustellen, sollte sich in Zukunft nicht darüber wundern, wenn die flatternde Bagage jetzt ihrerseits die Jagdsaison für eröffnet erklärt.

Zwar beginnt das Spiel mit einigen Shortcuts für neugierige Zocker, welche ohne Zwischengeplänkel in die Ländereien das Add-Ons vordringen wollen, doch die Vorteilevon hilfreichen NPCs und aufgepeppter Start-Ausrüstung ebbt im Laufe des Geschehens immer stärker ab. Schlimmer noch: Der anfängliche Vorteil verkehrt sich ins Gegenteil. Nachdem ein neues Kapitel beginnt, bevölkern plötzlich neue Wesen die Gegend, deren Gefährlichkeit dem Spieler erst nach dem unwiderruflichen Wechsel in den neuen Abschnitt klar wird. Wenn etwa die »Suchenden« auf den Plan treten, ist der Pixel-Recke in aller Regel noch derart grün hinter den Ohren, dass er die Botengänge um Khorinis nur noch mit den Füßen unter den Armen (oder wahlweise seinen Zähnen in einer Tüte) zurücklegt. Für Magier gilt dies noch stärker als für Nahkämpfer, die mit einer Mischung aus geschicktem Attributs-Tuning und etwas Feingefühl im Waffengang durchaus die Oberhand behalten können.

Aber nicht nur, dass die Monster einen Machtzuwachs der besonderen Art durchlebt haben, auch die Kampf-Utensilien sowie Zauber wurden zum Nachteil des Helden frisiert.Schwerter zu Pflugscharen
So sind für manche Waffen und Zauber nun Stärke- respektive Mana-Werte nötig, die nur derjenige erreichen kann, der das Fähigkeitensystem von »Gothic« ideal ausreizt. Zur Erläuterung eine kleine Beispielsrechnung: Der Kampfzauber »Beliars Zorn« benötigt 200 Mana-Punkte. Der Held startet mit einem Wert von zehn. Jede Steigerung kostet einen Lernpunkt (von denen man bei jedem Stufenaufstieg zehn erhält).

Es werden also scheinbar 19 Stufen benötigt, um den Spruch verwenden zu können, was zunächst noch realistisch wirkt. Nur wird seit dem Add-On leider die Erhöhung des Mana-Wertes schrittweise verteuert (je höher die erreichten Attribute werden, desto weniger Fortschritte erzielt man mit Lernpunkten).

Somit muss der Held also rein rechnerisch ungefähr Stufe 60 erreichen, um den besagten Zauber einsetzen zu können. Ein Unterfangen, das mangels Monsterpopulation faktisch ohne Trickserei unmöglich ist.

Zu allem Übel findet sich auch kein Lehrer im Spiel, der dem tapferen Recken dabei behilfliche wäre, seine Fähigkeiten überhaupt in solch lichte Höhen zu steigern, selbst wenn er über die astronomische Summe an Lernpunkten verfügen würde.

Aus diesem Grund können also alle Attribute über einem Wert von 100 nur mit Hilfe von magischen Mitteln wie Tränken oder Geldgeschenken an die Götter erhöht werden.

Die Steine platt halten
Zwar finden sich im Add-On als Neuerung die Steintafeln einer längst verschollenen Kultur, um die Werte des Charakters aufzupeppen, doch sind diese nicht eben in rauen Mengen vorhanden. Außerdem muss der Spieler wertvolle Lernpunkte ausgeben, um von besagten Schriften überhaupt profitieren zu können.

Weiterhin dürfte allen »Erstspielern« nicht bewusst sein, dass man die entsprechenden magischen Hilfen so lange aufsparen muss, bis der Bildschirmrecke sein natürliches Attributmaximum erreicht hat.

Gothic 2 : Die Nacht des Raben - Hält das Gothic2 Add-On was es verspricht?

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Ansonsten verbaut man sich nämlich leicht die Chance, Zauber der höheren Grade oder entsprechende Waffen überhaupt in Funktion zu erleben. Demjenigen, der »Die Nacht des Raben« also nicht mehrfach durchspielen möchte, bis er alle Details des Charaktersystems auswendig kennt, bleibt somit ein großer Teil von Ausrüstungsgegen-ständen aller Couleur von vorne-herein verwehrt. Einzige Ausnahme: Die Verwendung von Schriftrollen wurde billiger und steht damit auch Nicht-Zauberern zur freien Verfügung.

Packshot zu Gothic 2 : Die Nacht des RabenGothic 2 : Die Nacht des RabenRelease: PC: 3. Quartal 2003 kaufen: ab 34,99€

Daher ist allerdings auch der letzte Anreiz dahin, die ohnehin schwache Magierklasse zu spielen. Insofern stellt das neue Gamebalancing eindeutig eine Verschlimmbesserung dar. Auch in Sachen Stabilität und Performance handelt es sich bei diesem Add-On um einen merkwürdigen Rückschritt.

Sisyphos und virtuelles Ungeziefer
In einer Auflösung von 1280 mal 1024 ruckelt selbst ein schneller Pentiummit einer Radeon 9800 Pro derart vor sich hin, dass man von digitalem Parkinson sprechen möchte. Und in Sachen Abstürze wird »Gothic« nur von afrikanischen Airlines getoppt. Was besonders ärgerlich ist, weil jeder Neustart nach einem Crash »Gothic« dazu bewegt, das virtuelle Dateisystem neu anzulegen.

Die dadurch geschaffenen Zwangspausen sind nicht »lang« im Sinne von »einen Kaffe holen gehen« ... vielmehr reicht die Wartezeit, um selbigen frisch aus Nicaragua zu importieren. Zwar kann dieses Manko von Hand mit einer ini-Datei deaktiviert werden, damit dürfte man aber die weitere Stabilität nicht unbedingt positiv beeinflussen. Unglücklich ist vor allem, dass diese (reproduzierbaren) Bugs fast immer in Zusammenhang mit den neuen Zaubern auftreten. Das praktische »Unwetter« etwa, angewendet auf eine Horde von zirka zwanzig Orks, die sich am Hintereingang der Burg im Minental gesammelt haben, schickt sehr zuverlässig nicht die grunzenden Schwarzpelze, sondern den Rechner ins Nirwana. Besagter Genozid

funktioniert dagegen regelmäßig fehlerfrei, wenn der Held sich beim Beschwören des Gewitters von der tobende Meute abwendet und dem Spiel so die Darstellung des Massensterbens erspart bleibt - kein gutes Zeichen für die Grafik-Engine. Wer »Die Nacht des Raben« als Kämpfer angeht, wird von diesem Leiden zwar weitgehend verschont bleiben - ein deutliches Zeichen dafür, dass in Betatest-Phasen magiebasierte Cha-raktere oft stiefmütterlich behandelt werden. Eine Möglichkeit, den PC zur Salzsäule erstarren zu lassen, gibt es aber auch für Vertreter der Muskelschmalzfraktion: eine gelungene, niederwerfende Attacke bei geöffnetem Inventar.

Treffer durch die Gegner führen zudem bei korrektem Timing dazu, dass sich schon konsumierte Heil- und Mana-Tränke auf wundersame Weise wieder im Inventar material-isieren. Die Sprungtaste, legt man diese auf Space, lässt den Charakter an bestimmten Ecken in den Kampf-Modus wechseln. Die Liste der kleinen und großen Unstimmigkeiten ließe sich noch beliebig fortsetzen ...