Autor: Volker Schütz

"The internet is a series of tubes", erklärt uns US-Senator Ted Stevens. Wie diese verstopfe es schnell, versuche man allzu dicke Brocken hindurchzuspülen. Ein solcher könnte bald Google in der Luftröhre stecken. Hat es doch für 1,65 Milliarden schwere Aktienoptionen die Video-Clip-Sammelstelle youtube.com geschluckt. Wir meinen ein leises Röcheln vernommen zu haben. Aber ist es wirklich das von Google?

Drei Angestellte des Online-Bezahlsystems PayPal gründeten 2005 youtube.com. Das Prinzip dahinter wirkt so unoriginell, wie es effektiv ist: Video-Uploads von Usern, für User. Fast beschleicht einen das Gefühl, als ginge es den knapp 70 Mitarbeitern der in Kalifornien niedergelassenen Firma einzig darum, Andy Warhols Vorhersage fürs neue Jahrtausend mit aller Macht zu bestätigen: nämlich 15 Minuten weltweiten Ruhm für jedermann.

Tausende Numa Numa-, bzw. The internet is for porn-Ableger, aber auch das Sonnenlischd-Machwerk von Group Tekkan (die Protagonisten des Milli-Vanilli-Skandals für geistig Arme) zementieren den Durchbruch des Konzeptes. Die Mehrheit liebt Trash, und Big Business liebt alles, was die Mehrheit liebt.

Auch wenn Moralwächter wieder einmal das herbei salbadern, was weder der Islam noch McDonald's trotz aller Bemühungen erreicht haben (den Untergang des Abendlandes), ist das Unternehmen ein voller Erfolg. Die Begeisterung an der Debilität der Mitmenschen kennt keine Grenzen. Darüber hinaus finden sich aber auch Videoblogs, selbst produzierte Clips hoher Qualität, wie auch professionell erzeugtes - wenn auch nicht immer als solches erkennbares - Material. Userinteresse ist also garantiert.

Allerdings beschränkt sich der Begriff des Erfolgs derzeit vollständig auf eben jenes. Denn finanziell rentiert sich youtube.com noch so wenig wie ein Bierpilz auf dem Bundestreffen der anonymen Alkoholiker. Es wirkt umso verblüffender, wenn Google bereitwillig Milliardenwerte an Aktien über den Tresen wandern lässt. Selbst Bill Gates machte sich in einem Interview gegenüber dem Wallstreet Journal öffentlich Gedanken über mangelnde Gewinne des Unternehmens.

Deutlicher bekundete seine Zweifel Mark Cuban, in den Neunzigern Mitgründer von Broadcast.com, Branchenpionier und heutiger Besitzer der Dallas Mavericks, der diesbezüglich bei einer Konferenz verlauten ließ, nur ein "Idiot" würde youtube.com kaufen. Er bekräftigte seine Auffassung bereitwillig selbst nach dem Deal - in seinem Blog.

Zyniker könnten nun sagen: Ist doch egal, da der nächste Börsencrash hinsichtlich überbewerteter Technologieaktien ohnehin bevorsteht. Wenn dann die Web 2.0-Blase platzt, hat Google rückblickend 1,65 Milliarden Dollar einer fiktiven Währung an ein fiktives Unternehmen gezahlt. Es stellt sich allerdings schon die Frage, ob der wirtschaftliche Aspekt der "New New Economy" wirklich vergleichbaren Anlass zur Sorge gibt wie anno 2000.

Denn die Verflechtung der Internet-Diensteanbieter mit den klassischen Medienkonzernen ist viel dichter als "damals". Insbesondere Google zeigt das deutlich. Hat es doch für die Zukunft eine enge Zusammenarbeit mit allen zu Fox Interactive Media gehörenden Webauftritten vereinbart. Hierzu zählen etwa myspace.com, ign.com, rottentomatos.com, gamespy.com oder 3dgamers.com. Fox Interactive Media selbst ist Teil der News Corporation des globalen Medienmoguls Rupert Murdoch.

Google stellt zukünftig also exklusiv über AdSense automatisierte, kontextbezogene Werbung zur Verfügung. Faktisch heißt das: Google füllt bald die Werbeplätze (nahezu) aller großen Seiten der News Corporation. Darüber hinaus erhalten die flinken Webschnüffler ein Einspruchsrecht hinsichtlich Werbung von dritter Seite.

Insoweit passt wiederum youtube.com hervorragend ins Bild. Stellt dieses doch - anders als immer wieder zu hören ist - nicht ausschließlich eine Gefahr für die Urheberrechte dar. Mit 46 Prozent der amerikanischen Videoseitenbesucher ist es vielmehr auch ein extremer Multiplikator für Videoinhalte. Hier lässt sich alles pushen, was in Filmformat über den Monitor flackert. Das Ganze gestaltet sich insofern noch interessanter, als sich die Grenze zwischen Werbung, Selbstproduziertem, Nachrichtenbeiträgen oder von Lobbyisten gesponserten Informationssendungen heutzutage nicht mehr trennscharf darstellt.

Entsprechend lässt sich über die bewusst aufgesuchten Inhalte viel besser Werbung an den Mann und die Frau bringen, als es im vorgekauten Fernsehprogramm jemals der Fall wäre. Die Spuren der uns interessierenden Themen und Produkte erlauben Verknüpfungen, von denen MTV und Co. nur träumen können. Sony BMG Music weiß schlicht und einfach, dass sie meiner Freundin bei Shakiras schwingenden Hüften das Urlaubsziel Karibik, mir aber eher eine Vorratspackung V1hAGRa anbieten sollten.

Angst vor der KlagewelleEs wurde immer wieder berichtet, Google müsse sich auf massive Klagen einstellen, jetzt wo hinter youtube.com ein Unternehmen mit "tiefen Taschen" steht. 30.000 jüngst entfernte Videoclips schienen das zu bestätigen.

Google fürchtet die urheberrechtlichen Konsequenzen offensichtlich nicht. Grund dafür: In Amerika ist unter dem Digital Millennium Copyright Act, vergleichbar mit unserem Teledienstgesetz, ein Diensteanbieter für fremde Inhalte nur in engen Grenzen verantwortlich. Zwar müssen sie diese bei Beanstandung durch den Rechteinhaber entfernen. Vor Schadensersatzansprüchen können sie sich jedoch weitgehend sicher wähnen.

Zudem entschärfen Vereinbarungen mit Sony BMG Music, Warner Music und Universal Music das Problem. Denn die besagten Labels gewähren den Usern legal Zugang zu ihren Musikvideos. Dafür partizipieren sie an den Werbeeinnahmen. Weitergehend arbeitet youtube.com an einer technologischen Lösung, um geschützte Inhalte automatisch zu identifizieren.

Dass mir Fox News oder New York Post online nur noch die Schlagzeilen präsentiert, die meinen bevorzugten Interessen und vor allem meinem Blutdruck angemessen sind, ist der nächste Schritt. Denn Unterhaltung wird zu Werbung, Werbung zu Unterhaltung, (Video-)Tagebücher zu Massenveranstaltungen, private Daten zu öffentlichen Suchinhalten, diese wiederum zu Werbung und die zu… Vorbei ist die Zeit, wo eine Rose eine Rose und die wiederum nur eine Rose war.

Letztendlich stellt sich heraus: Das Röcheln, das wir anfangs zu vernehmen meinten, ist sicherlich nicht das von youtube.com und Google. Es handelt sich vielmehr um bedenkliche Geräusche der freien Medienlandschaft. Die Erstickungssymptome entstehen nicht trotz besagter "15 Minuten", sondern gerade wegen dieser. Denn jeder von uns bekommt die Gelegenheit, seine private, belanglose Welt darzustellen und eben jene tausendfach zu erleben - im Glauben, es handele sich um die Realität. Und die Großkopferten verdienen sich daran eine goldene Nase. Dabei wollten wir ursprünglich nur lustige Videos gucken.