Kommt ein Gast an die Rezeption: „Ich hätte gerne frische Handtücher.“ - „Dann sind Sie im falschen Hotel. So was hat es hier schon seit Jahren nicht mehr gegeben.“ - „Und was soll ich dann als Andenken mitgehen lassen?“ - „Wie wär's mit einer ansteckenden Infektionskrankheit?“ Ja genau, wir sind wieder zurück im absurden Kosmos von Jan Müller-Michaelis, wir sind ein letztes Mal zurück auf Deponia...

Goodbye Deponia - Art of Deponia2 weitere Videos

Aller guten Dinge sind drei

Nach dem oben zitierten Muster funktioniert ein Großteil des Humors in den Deponia-Spielen: Etwas auf absurde Weise in den Schmutz zu ziehen. Und dann als Konter noch einen draufzusetzen, indem man es mit Schlamm bewirft. Angesichts mittlerweile dreier Teile und dem erstaunlichen Umfang eines jeden davon scheint es verblüffend, dass den Daedalics immer noch Variationen der Gags zum Thema Schrott, Chaosstiften und Selbstüberschätzung einfallen.

Goodbye Deponia - Wenn das Chaos die Ordnung flutet, steigt das Genie aufs Surfbrett

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 68/721/72
Apocalypse Night Fever: Ob Rufus und Goal diesmal den Planeten retten können?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Noch verblüffender allerdings ist der Punkt mit dem „draufsetzen“. Den Niveaupegel zu halten und dann noch eine Schippe nachzulegen, lautet intern das Motto des Hamburger Entwicklers, und was in Anbetracht der Traumwertungen für jedes Spiel ein Ding der Unmöglichkeit scheint, gelingt ihnen auf wundersame Weise ein ums andere Mal. Und das, obwohl der Output von anfänglich einem Spiel pro Jahr mittlerweile in Dimensionen des Verdachts kreativitätsfeindlicher Fließbandarbeit gerückt ist.

Dabei sah es zu Beginn von Rufus‘ Reise noch so aus, als sei die Dreiteilung des ursprünglich als ein einziges Spiel geplanten Abenteuers weniger ein notwendiger chirurgischer Eingriff als vielmehr die Kettensägen-Amputation für Kassenpatienten, um den Gewinn beim Publisher zu maximieren. Im Rückblick hätte dem Spiel kaum etwas Besseres passieren können.

Denn nur in seiner epischen Breite lässt das Spiel genügend Raum für eine ganze Entdeckungsreise über den Schrottplaneten und nicht nur einen Wochenendausflug, gewährt es dem Spieler die Zeit, die Charaktere nicht nur kennenzulernen, sondern sich am Ende mit ihnen verbunden zu fühlen wie mit einem guten Freund, kann es sich leisten, auch mal stillzuhalten und ein Intermezzo wie das mit dem Hotel zu Anfang einzuwerfen, hat es die Möglichkeit für spielerische Kabinettstückchen wie die Episode mit der dreigespaltenen Goal aus dem zweiten Teil – die irgendwie auch sinnbildlich für die verschiedenen Seelen in der Brust dieser Spiele steht. Manchmal sind aller guten Dinge eben doch drei.

Packshot zu Goodbye DeponiaGoodbye DeponiaErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Und in „Goodbye Deponia“ ganz wörtlich: Denn um Deponia gleichzeitig vor der Zerstörungswut des Organons bewahren, Goal retten und die Rebellen anführen zu können, macht Rufus das, wovon manch einer im stressigen Alltag träumt: Er teilt sich buchstäblich in drei Hälften – sprich: klont sich – und kann so als hitzköpfige Troika unisono gleich dreimal so viel Chaos stiften wie allein.

Abschied mit Wehmut: Goodbye Deponia ist der würdige Abschluss einer meisterlichen Trilogie.Fazit lesen

Der Vergleich mit Day of the Tentacle, der sich in diesem Zusammenhang aufdrängt, hinkt allerdings. Denn im Gegensatz zu diesem zieht Goodbye Deponia vor allem erzählerischen Nutzen aus der Dreierkonstellation, kaum spielerischen. Nur wenige Rätsel machen sich die Aufteilung zunutze; das meiste hätte man auch mit einem einzigen Rufus hinbekommen.

Bevor hier also alles wieder in maßlose Lobhudelei ausartet, fangen wir mit etwas an, das ungewohnt für Daedalic sein dürfte: Gemecker. Möchte man den Deponia-Spielen etwas ankreiden, dann sicherlich als Erstes die Geschichte, die speziell durch die Streckung auf drei Teile an den Rand gedrängt scheint, zwischen all den schillernden Orten, illustren Personen und Schnabeltieren lediglich hie und da aufflackert, statt ständig präsent zu sein. Ehrlich gesagt, so hundertprozentig verstanden, worum es geht, habe ich nie so wirklich.

Goodbye Deponia - Wenn das Chaos die Ordnung flutet, steigt das Genie aufs Surfbrett

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Drei Mal Rufus bedeutet Chaos hoch Drei.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ist aber auch egal, weil die Geschichte sowieso in etwa ihrer Protagonistin Goal entspricht: Die meiste Zeit über liegt sie im Koma. Und genau wie diese erfüllt sie eher einen Sinn, denn wirklich einen Zweck. „Goal“, der Name sagt es schon, dieser Mensch ist weniger Person, als vielmehr Metapher: nicht Objekt der Begierde, sondern Ziel der Mühen. Nicht Mitstreiter, sondern Auslöser.

Und genau wie jene ist die Geschichte von Deponia 1-3 vor allem metaphorisch zu begreifen, weniger als Handlung denn als Parabel, als hintersinniges Lehrstück auf den Reifungsprozess vom selbstsüchtigen Nichtsnutz zum verantwortungsbewussten Helden. Was auf den ersten Blick wie ein ausgedehnter Schildbürgerstreich voller Slapstick und absurder Komik wirkt, ist zwischen den Zeilen eine Katharsis aristotelischen Ausmaßes, ein… Moment, eigentlich wollte ich doch meckern. Mist, das war wohl nichts. Na gut, ich probier‘ es auf der zweiten Seite nochmal…

“Kann ich sonst noch etwas gegen Sie tun?“

Kommt ein Mann an die Rezeption: „Ich bin wegen der Speisekarte da.“ – „Das ist ungewöhnlich. Die meisten sind wegen der Speisekarte gegangen. Und unser Koch sitzt wegen ihr sogar im Gefängnis.“ Apropos Speisekarte: Das Rätsel mit dem Pelikan in den Speiseabfällen! WTF, Daedalic?! Und das mit dem „Streichelzoo“ erst! Da gingen mit euch aber echt die Pferde durch, oder? Abwegig ist ja per se nicht schlecht, aber dann bitte auch genug Wegweißer durch‘s Dickicht der verknoteten Hirnwindungen mitliefern!

Goodbye Deponia - Wenn das Chaos die Ordnung flutet, steigt das Genie aufs Surfbrett

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 68/721/72
Auf ihrer Flucht von Deponia stranden Rufus und seine Freunde in diesem Hotel im Nirgendwo.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Von zwei/drei Ausreißern abgesehen, ist der Schwierigkeitsgrad der Rätsel aber in einem meisterlich getroffenen Schwebefeld zwischen knackig, aber nie hart, lösbar, aber nie löslich, immer so weit wie möglich entfernt von Realität und Konvention, aber doch stets naheliegend genug, um nicht außer Reichweite zu sein – auch wenn man viele Dinge einfach nur macht, weil man sie machen kann, und nicht, weil man einen klar auszumachenden Sinn und vor allem Zweck hinter all den Fischschuppen in Kapuzen, Mottenkugeln in der Klimaanlage oder dem Teigtaschenquatsch mit Bratensoße erkennen könnte.

In den meisten Fällen lässt sich gar nicht hoch genug wertschätzen, mit wie viel Einfallsreichtum Daedalic ihr Rätseldesign stets an die Grenze des noch mit dem gesunden Menschenverstand Fassbaren buchsieren, auch wenn die Büchse dabei hin und wieder über das Ziel hinausschießt. Herrlich, diese Hinterfotzigkeit, mit der ihr Rufus‘ Ex-Freundin Toni in den Wahnsinn treiben müsst. Bitterböse (und eigentlich für eine Freigabe ab 6 Jahren höchst gewagt) jene verborgene schwarze Seele, die immer mal wieder unverhofft aufblitzt, wie in der Szene mit dem Pädophilen.

Und dann diese Screwball-Szene in Cletus‘ Büro, bei der es drunter und drüber geht: Da werden nicht nur Gegenstände kombiniert, da werden Dinge vollbracht, indem sie in einen logischen Kontext eingebettet sind, der überall hin verweist und nicht bloß von A nach B.

Selbst die Minispiele: Der Organon-Chor! Das Eingeweide-Puzzle! Und im Fegefeuer (ja, richtig gelesen, aber spielt selbst!) muss Rufus verhindern, dass er verbrannt, gevierteilt, vereist und verprügelt wird, indem er die Reihenfolge seiner Höllenqualen so wählt, dass er ungeschoren davonkommt. Kniefall!

Goodbye Deponia - Wenn das Chaos die Ordnung flutet, steigt das Genie aufs Surfbrett

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Jumpman: Na, erkennt ihr, worauf diese Szene anspielt?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dass Goodbye Deponia zu keiner Sekunde langweilt, liegt vor allem auch an dem unnachahmlichen Humor, der nach dem Vorbild von „Edna bricht aus“ selbst dann zuschlägt, wenn man es am wenigsten erwartet. Benutzt mal das Babyfon mit der Antenne und lasst die Zombieapokalypse frei!

Und weil… Ach, Mist, jetzt hab‘ ich schon wieder nicht gemeckert... Na gut, dann sag ich halt noch was zur Grafik. Die ist nämlich diesmal nicht so schön geworden wie früher. Pah, jetzt hab‘ ich’s euch aber gegeben! So!