Wenn ich in die Rolle einer Videospiel-Figur schlüpfe, erhalte ich nicht nur seinen Körper und seine Fähigkeiten, sondern werde auch eins mit seinem emotionalen und geistigen Kosmos. Ich bin mir dieses Bündnis nicht immer bewusst, bis ich merke, dass ich in einem Moment des Verlust seine Tränen vergieße. Und in Momenten des Sieges für ihn lache.

Die mythische Geschichte von einem Vater und seinem Sohn:

God of War (2018) - Narrative-Trailer PS445 weitere Videos

“Die Mutter ist Gott in den Augen eines Kindes” - Silent Hill, der Film.

Wie ich in einem Artikel über Apokalypsen formulierte, stellen Familien für mich die kleinsten Nenner der Gesellschaft dar. Die Eltern geben den Kindern das Versprechen, sie zu lieben und auf das Leben vorzubereiten, während die Kinder versprechen, sie zu lieben und ihre Lehren zu beherzigen. Das zeichnet Zivilisation aus und sichert ihren Fortbestand.

God of War: Kratos & sein Sohn

Wie ich bereits in meinem Test hervorhob, lebt God of War nicht von seinen epischen Kämpfen und göttlichen Fehden, sondern von etwas so Natürlichem wie der Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn. Doch wie schafft es ein Videospiel, durch Polygone Gefühle zu erschaffen, die ich dann ebenfalls teilen kann?

Innere Mächte in God of War (Spoiler!)

Die Darstellung von Emotionen in God of War lebt von seiner Subtilität. Sie werden nicht in Sturzbächen verschüttet, sondern gezielt und portioniert eingesetzt. Kratos und Atreus kennen sich nicht, haben aber eine gemeinsame Aufgabe, die sie um jeden Preis erfüllen müssen. Ihre Beziehung ist kritisch und voller Missverständnisse. Der Vater will seine dunkle Vorgeschichte verbergen, was der Junge nicht weiß und ihn deshalb für kalt und lieblos hält. Der Vater fürchtet derart hingegen so sehr um seinen Sohn, dass er ihn für schwach hält und seine Talente unterschätzt. Der Kern der Familie ist Faye, die verstorbene Frau und Mutter. Selbst wenn sie tot ist, bleibt sie eine Brücke zwischen den beiden und tritt auch immer wieder als unsichtbare Kraft auf. Im Spiel werden für mich diese komplexen Emotionen auf drei zentrale Weisen dargestellt.

Allein die Körperhaltung und der Ausdruck in ihren Gesichtern spricht Bände

Durch Schweigen: Während ihres Abenteuers laufen Vater und Sohn längere Zeit still hintereinander her. Die Stille ist kein Zeichen für Leere, sondern für Isoliertheit und Nachdenklichkeit. Die beiden verarbeiten jeder für sich den Verlust ihres geliebten Menschen und denken gleichzeitig über denjenigen nach, der ihnen erhalten geblieben ist. Und an das Abenteuer. Wenn sie auf ihrer Reise etwas sehen oder ein Ereignis erleben und es kommentieren, ist das nie der Anfang eines Gedankens, sondern lediglich ein Auszug. In diesen Momenten tritt der Gefühlssturm nur für einen kurzen Moment an die Oberfläche und wird anschließend – meist auf Befehl von Kratos – wieder nach innen verlagert. Wir als Spieler spüren, dass es nicht so ist, dass sie sich nichts zu sagen hätten, sondern dass sie nicht wissen, wie und ob sie es überhaupt sagen sollen.

Durch Gespräche: Wenn Kratos und Atreus miteinander sprechen, kann in den ersten Stunden immer dasselbe Schema beobachtet werden. Atreus redet, fragt und kommentiert. Kratos befiehlt, verbietet und blockt ab. Eine Zeit lang will der Vater den Austausch nur pragmatisch halten, nur über den Kampf und die Aufgabe sprechen, woran sich Atreus die meiste Zeit auch hält. Er will stattdessen das Interesse des Vaters gewinnen, indem er ihm beweist, dass er ein guter Krieger ist und auch geschickt darin ist, Rätsel zu lösen.

Atreus hat das Runenlesen von seiner Mutter gelernt

Bezogen auf das Kommunikationsproblem der beiden haben diese Rätsel ironischerweise immer mit der Übersetzung von Runen zu tun. Die Lösungsbegriffe – einer ist tatsächlich “Familie” – scheinen immer über die Rätsel hinauszugehen und den beiden als helfende Leitsätze für ihr Problem zu dienen. Die Reise soll ihnen somit auch die Sprache der Gefühle beibringen, passend hierzu gibt es eine Szene, in der Atreus seinem Vater das Runenlesen beibringen möchte, das er wiederum von seiner Mutter gelernt hat. Sie ist immer noch da und ihre Lehren sollen dieses Bund noch über ihren Tod hinaus zusammenschweißen.

In einer Sequenz im Jenseits taucht Kratos gewissermaßen in den gedanklichen Kosmos von Atreus ein. Hier offenbart sein Sohn im Monolog, dass er den Tod seines Vater lieber dem seiner Mutter vorgezogen hätte, aber ihn nichtsdestotrotz liebt. Ab diesem Punkt und nach seiner Rückkehr rebelliert Atreus gegen seinen Vater, kann das Schweigen nicht länger ertragen, will nicht mehr als reines Werkzeug benutzt werden und wirft Kratos vor, dass der Tod von Faye ihn vollkommen kalt gelassen hätte.

Atreus bei seiner Mutter Faye

Nach einem Streit und dem damit einhergehenden Bruch der Blockade sprechen die beiden häufiger miteinander, jetzt auch nicht mehr nur über das Abenteuer. Atreus redet frei von der Seele, während Kratos ebenfalls bemüht ist, sich zu öffnen, damit aber immer noch massive Probleme hat. Stellvertretend ist hierfür das Geschichtenerzählen, um das der Junge ihn bittet. Auf einer Bootsfahrt fasst Kratos die Fabel um den Hasen und den Ingel in weniger als zwei trockenen Sätzen zusammen. Der Junge ist sichtlich enttäuscht.

Nach vielen weiteren Kämpfen, Einsichten und Wendungen erreichen beide den Gipfel des Riesenberges. Hier zeigt sich der Abschluss der Entwicklung der Beziehung zwischen Vater und Sohn, indem Kratos ein weiteres Mal dazu ansetzt, eine Geschichte zu erzählen und damit auch eine bisher unberücksichtigte “Rune” zu übersetzen: Der Hintergrund von Atreus’ Namen. Dahinter befindet sich alles bisher Verborgene, Kratos’ Vergangenheit, seine Liebe und Wünsche für seinen Sohn.

Durch Symbolgesten: Wenn die beiden nicht schweigen oder reden, teilen sie sich ihre Gefühle füreinander über Gesten mit. Es mögen simple Animationen sein, aber es vermittelt eine subtile Innigkeit, dass Kratos bei jedem Klettern seinen Sohn auf den Rücken nimmt oder ihn beim Sprung von hohen Wänden auffängt. Ein häufiges Motiv stellt auch Kratos’ Handauflegen bei Atreus dar, dass er die meiste Zeit kurz vor Kontakt abbricht. Es gibt viele solcher Annäherungsszenen: Atreus entzündet die Kerzen entlang der Leiche seiner Mutter, erhält anschließend ihr Messer und lässt sich später den kaputten Pfeilköcher von seinem Vater reparieren und viele weitere kleinere Momente.

Erinnert ihr euch noch an diese Perlen eurer Kindheit?

Auf eine Szene möchte ich genauer eingehen. Nachdem sie die Schatzkammer eines Gottes erkundet haben, hat Kratos eine Amphore mit griechischem Wein mitgehen lassen, um sie sich mit seinem Sohn zu teilen. Diese Geste ist ein emotionales Entgegenkommen, ein Einblick in seine hinter sich gelassene Kultur und ein Anerkennen der kämpferischen Leistungen seines Sohnes. Es signalisiert eine Ebenbürtigkeit, auf die beide so lange hingearbeitet haben.

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