Redakteure sind latent überhebliche Geschöpfe — eine Eigenschaft, die im Laufe der Jahre eher zu- als abnimmt. Wie zum Beweis dieser Theorie habe ich mit einigen Gameswelt-Kollegen kurz vor Sonys E3-Pressekonferenz eine Wette über bevorstehende Neuankündigungen abgeschlossen und auf The Last of Us 2 getippt, wo sie God of War prophezeiten. Nun schulde ich den Münchener Kollegen eine Runde Burger — obwohl auch sie mit ihrem Tipp nicht ganz richtig lagen.

Noch während Sonys Weltpremiere hatte ich ein unbestimmtes Gefühl, etwas, das mich stark irritierte. Nicht die offensichtlichen Veränderungen einer Reihe, der ich so viel Mut kaum zugetraut hätte. Es ist nicht mehr derselbe Kratos, dem wir hier über die muskelgestählte Schulter schauen, ganz offensichtlich; hat schon seinen Grund, dass diesmal keine Vier im Titel steht. God of War ist zurück — und auch wieder nicht.

God of War - Son of Sparta

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Aufgescheuchte Vogelschwärme kündigen von bevorstehendem Unheil, kleine Änderungen der Mimik sind bedeutungsvoll und überhaupt soll God of War eine ganze Ecke subtiler werden als zuvor.
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„Camera is genre“, begann einen Tag später die E3-Pressepräsentation und endlich hatte ich einen Begriff für das, was mich zuvor störte. Viel tiefer, vor allem aber näher am Geschehen, näher an Kratos ist die Kamera, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war. Das ist, natürlich, kein Zufall, sondern eine ganz bewusste Entscheidung, „um auch im übertragenen Sinn näher an Kratos“ zu sein.

Der Grieche, Halbgott und chronisch hyperaggressive Säbelschwinger ist nicht mehr nur wortwörtlich blasser Protagonist, sondern endlich auch Hauptcharakter, kein eindimensionales „Fuck you“ mehr auf zwei Beine, sondern eine Person mit Vergangenheit, Gegenwart und vor allem Zukunft. Anders als in seinen wilden Jahren kann er sich keine unüberlegten Überschussreaktionen mehr erlauben, trägt er nun doch die Verantwortung zweier Leben.

Wie der Vater...

Für Sohn Charlie ist Kratos gleichermaßen Vater und Lehrmeister, ohne den er in dieser nach wie vor außerordentlich lebensfeindlichen Umgebung kaum einen Tag überstehen würde. Aus der griechischen wurde — aus bislang ungeklärten Gründen — die nordische Mythologie, doch auch vor verschneiter Kulisse sollte man seine Sinne schon beisammen haben. Wobei „Kulisse“ inzwischen keine adäquate Umschreibung mehr ist für die Welt, in der ihr euch bewegt. Aus den Schläuchen, deren Funktion sich zuvor noch in opulenter Kulisse und Verbindungsstück zwischen zwei Gegnerwellen erschöpfte, werden demnächst „breathing spaces“ („atmende Räume“), wenn es nach den Entwicklern geht. Erwartet nun keine Open World, zumindest aber mal zweieinhalb Abzweigungen, deren Erkundung sich gleich doppelt lohnen soll.

Ein gealterter, demütiger Kratos ist kein Anblick, den man erwartet hat — aber einer, an den man sich gewöhnen könnte.Ausblick lesen

Neben Geheimnissen findet ihr dort nämlich auch Ressourcen, aus denen sich der Halbgott allerlei Nützliches zimmert — was genau, wird bislang nicht ausgeplaudert. Das Craftingsystem soll jedoch neben Kämpfen und (voraussichtlich eher seichten) Rätseln eine der drei stützenden Säulen sein. Und auch die verbleibenden zwei haben sich seit Ascension entscheidend verändert.

Die Schultertasten erledigen jetzt euer blutiges Handwerk, das ihr früher noch mit den Action-Buttons verrichtet habt. Es gibt leichte Schläge und schwere Schläge und Konter und überhaupt vieles, an das man sich nach einem halben Dutzend weitestgehend gleichförmiger Spiele erst einmal gewöhnen muss. Das Reboot (nennen wir das Kind doch beim Namen) wirft nicht alles über den Haufen, was den Spartaner einst zur Ikone machte, hält an einigen Traditionen wie dicken Bossen und schmatzenden Finishern durchaus fest, will aber konsequent alte Zöpfe abschneiden.

Die Uhr ist nicht stehengeblieben, für nichts und niemanden — am wenigsten für Kratos und seinen geistigen Vater Cory Barlog. Der Creative Director von Santa Monica Studio war federführend bei God of War 1 und 2, saß außerdem die ersten acht Monate beim dritten Teil im Chefsessel, bis er seinem Team aus nach wie vor unbekannten Gründen den Rücken kehrte. Nun ist Barlog an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt, um einige Jahre und viele Erfahrungen reicher. Die Zeit ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen, ganz im Gegenteil, vielmehr spiegelt sich seine persönliche Entwicklung auch in Kratos Persona wieder.

God of War - Son of Sparta

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Wenn ihr Muße habt, nehmt ruhig mal den E3-Trailer genauer unter die Lupe. Laut den Entwicklern verstecken sich in den zehn Minuten noch so ein paar Geheimnisse.
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Barlogs Leben hat sich grundlegend verändert: Er ist Vater geworden, hat eine Familie gegründet und Verantwortung übernommen. Er hat sich weiterentwickelt und mit ihm Kratos, jeder auf seine Weise. Das verleiht God of War nicht gerade autobiographische Züge, färbt es aber doch mit einer persönlichen Note, die vorher nicht vorhanden war und ohne die ich der Serie auch keine rosige Zukunft vorausgesagt hätte, die Burger-Wette und so, ihr wisst schon.

Diese Entwicklung ist eine gefährliche, verstößt sie doch gegen so viele Regeln, die wir in mehr als einem Jahrzehnt verinnerlicht haben. Ihre größte Stärke liegt jedoch in ihrer Authentizität. Weniger, weil Barlog wie Kratos gemeinsam Väter wurden, sondern weil sich diese Tatsache — wie im echten Leben — auch innerhalb God of Wars in jedem Aspekt widerspiegelt. Es gibt keine Teilzeit-Vaterschaft; die Berufung als Elternteil ist kein Nine-to-five-Job. In der Konsequenz ist Kratos nicht etappenweise, sondern über das gesamte Spiel hinweg mit seinem Sohnemann unterwegs.

Eine Non-stop-Beschützermission, wenn ihr so wollt — und wieder nicht. Charlie handelt autark, kann ähnlich wie Ellie in The Last of Us nicht sterben, dafür wie sie unterstützend in Kämpfe eingreifen, ebenfalls selbstständig oder auf Zuruf, je nachdem. An der Seite seines Vaters soll sich der Wadenbeißer zu einem fähigen Krieger entwickeln; gesammelte Erfahrung und Verbesserungen kommen in erster Linie ihm, nicht seinem Erzeuger zugute. Dieser hingegen kann sich nicht länger der Tatsache verweigern, dass alte Hunde eben doch ab und zu neue Tricks lernen müssen. Kratos kann seinen Nach-mir-die-Sintflut-Kampfstil nicht länger guten Gewissens durchziehen, wortwörtlich: Die Wutleiste früherer Teile ist zwar noch vorhanden, doch muss der Halbgott nun lernen, diese im Zaun zu halten. Blinde Raserei führt ins Verderben — und zwar nicht nur seine Feinde. Als Vater ist er gleichzeitig Vorbild und mit dem Preis als Papa des Jahres wird es knifflig, wenn er seine Feinde wie Piñatas zerplatzen lässt.

Es ist nicht mehr derselbe Kratos, den wir hier vor uns haben. Gott sei Dank.