Es gab einst eine Zeit, die von vielen als eine „bessere“ bezeichnet wird. Die wenigsten Spiele hatten einen wirklichen Handlungsstrang, sie waren fast alle bockschwer und man spielte sie in der Regel nicht, um das Ende zu erreichen, sondern um weiterzukommen als bei den Versuchen zuvor. Man stürzte in Schluchten, wurde von allerlei Dingen zerquetscht, von Ungeheuern getötet, der Stoppuhr gejagt, verbrannt, aufgespießt und ist öfter mal zerplatzt... Ja, es war eine gute Zeit.

Die gute alte Zeit

Eines dieser legendären Spiele, das zu größeren Wutanfällen führte, als jeder Shooter das im Kopf von manchen Rechtsverdrehern könnte, war „The Great Giana Sisters“. Ich durfte diesen Klassiker als kleiner Steppke auf einem Brotkasten spielen und hatte damals noch keine Ahnung von gewissen Klempnern, die bei gewissen japanischen Unternehmen unter Vertrag standen und möglicherweise die eine oder andere Ähnlichkeit zu ihrem eigenen Spiel entdeckten.

Doch dann, eines Tages, verschwand dieser Sukkubus meiner noch recht jungen Lebensjahre einfach aus dem Daseinsspektrum und jeder Versuch, diese glorreiche Zeit wieder aufleben zu lassen, schlug fehl. Via Emulator auf dem PC war es einfach nicht dasselbe, mit einem Commodore 64 auf einem Flachbildschirm will es sich nicht richtig anfühlen und von diesen Handy-Remakes bekomme ich Augenschmerzen.

Nein, man muss sich damit abfinden, dass gewisse Zeiten einfach vorbei sind. Doch nur, weil man ein über 20 Jahre altes Gefühl nicht zurückbekommt, heißt das noch lange nicht, dass man nicht wieder Spiele wie früher machen kann. Das dachten sich wohl auch die Entwickler bei Black Forest Games und belebten die quirligen Schwestern wieder zum Leben...

Giana Sisters: Twisted Dreams - Aus einer Zeit, als "Casual" noch der Name einer Krankheit war

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Vernünftige Sidescroller sind selten geworden. Die Rückkehr der Klassiker war also längst überfällig.
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Vorneweg sei gesagt: nein! „Giana Sisters: Twisted Dreams“ ist nicht wirklich, wie sein Großvater damals war. Und das ist auch ziemlich gut so, sonst wäre der Titel nämlich wieder sehr schnell weg vom Fenster. Der Humor in Sachen Plagiatsvorwürfe ist in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich lustiger geworden und es wäre schade, erneut einem Jump-&-Run-Hit entrissen zu werden und nur noch mit Trauer auf Vergangenes zurückblicken zu können.

Nein, die Parallelen, die man zwischen dem Original und dieser Neu-Interpretation ziehen kann, lassen sich an einer Hand abzählen. Daumen: Es geht erneut um die Schwestern Giana und einen fiesen Albtraum, dem sie entrinnen müssen. Zeigefinger: Es ist erneut ein Jump-&-Run. Mittelfinger: Weder Geschichte noch Einleitung halten sich lange mit irgendetwas auf. Ringfinger: Es gilt wieder einmal, jede Menge Kristalle einzusammeln. Kleiner Finger: Es ist natürlich alles andere als leicht und unerfahrene Genre-Neulinge landen schnell im Gefängnis, weil sie ahnungslosen Passanten einen Controller an den Kopf geworfen haben. Oder auch zwei. Oder drei.

Packshot zu Giana Sisters: Twisted DreamsGiana Sisters: Twisted DreamsErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Die Änderungen, die Giana Sisters nun zu einem ganz eigenen Titel machen, sind jedoch alles andere als schlecht. Es beweist, dass sich ein Spiel auch in einem neuen Gewand präsentieren kann, ohne Attraktivität und Spielspaß einzubüßen. Fans des Klassikers müssen sich nur darüber im Klaren sein, dass sie diesmal keinen Mario-Klon bekommen, sondern ein ganz eigenes Spiel mit einem ganz eigenen Spielprinzip.

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Alles neu und trotzdem wie früher.
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In stimmungsvollen Traumwelten springt und rennt ihr von A nach B, weicht gruseligen und knuddeligen Gegnern aus und sammelt Kristalle, als würde euer Sieg davon abhängen. Das ist natürlich Quatsch, niemand muss diese Relikte in seinem Rucksack haben, um das Spiel durchzuspielen. Das war damals nicht nötig und ist es heute immer noch nicht. Man merkt dabei jedoch, dass „Giana Sisters: Twisted Dreams“ zwar um einiges leichter ist als früher, aber die Atmosphäre des Urgesteins doch erheiternd zielsicher einfängt. Und was „leichter“ bedeutet, bleibt wohl Ansichtssache.

Doch gerade die Idee, dass die beiden Schwestern ihre Rollen tauschen müssen, um durch die 23 Level zu gelangen, ist grandios. Und gleichermaßen schwer. Versucht euch mal daran zu gewöhnen, ständig zwischen zwei völlig verschiedenen Welten hin und her zu springen und dabei die Kräfte der beiden Mädchen zu kombinieren.

Die Enkel der Giana Sisters leben, sehen großartig aus und treten dem "Casual" gehörig in den Allerwertesten.Fazit lesen

Während die kleine blonde Giana in einem echten Horrorreich gefangen ist und mit schnellen Drehungen in der Luft ein Stück weit gleiten kann, muss ihre rockige Schwester eine kunterbunte Strahlemannwelt ertragen, die sie mit fetzigen Spin-Attacken durchstreift. Nur, dass nicht jede der beiden für sich alleine unterwegs ist, sondern ein ständiger, fliegender Wechsel vonstattengeht, der die Fähigkeiten der Mädels und die Beschaffenheiten der Welten kombiniert und verdreht. Wahrlich, das ist genauso schwer, wie es spaßig ist.

Giana Sisters: Twisted Dreams - Bunte Screenshots zum Release

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Etwas für Augen und Ohren

Erinnert ihr euch noch an die Controller, von denen ich prophezeit habe, dass gewisse Käufer von "Giana Sisters: Twisted Dreams" sie benutzen würden, um die Hinterköpfe von unschuldigen Zivilisten weichzuklopfen? Bleibt unbedingt bei diesen Eingabegeräten, denn Tastaturen eignen sich viel zu gut für einen gezielten Schlag und ihr Zerbrechen erschwert das Arbeiten am PC ungemein. Vertraut mir in der Hinsicht einfach, ich weiß, wovon ich spreche.

Nein, dieses Jump-&-Run auf einer Tastatur zu spielen, ist eine Beleidigung aller Spiele dieses Genres, ihrer Entwickler, der Plattform und eurer selbst. Außerdem mindert ihr nur den Spielspaß, wenn ihr auf einen Controller verzichtet oder verzichten müsst. Zwar ist es nicht sonderlich schwer, drei Fähigkeitentasten zu drücken und dabei via Pfeiltasten zu springen und zu rennen, doch die Genauigkeit lässt ganz schön zu wünschen übrig. Im Gegensatz zum Spielen mit einem Controller.

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Schöne Welten, liebevolle Level.
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Die Möglichkeiten, durch die Welten von Giana Sisters zu stürmen, sind so schön vielfältig und gleichzeitig überschaubar, dass mein altes C64-Herz vor Freude jubiliert. Man fühlt sich wahrlich in eine bessere Zeit versetzt und freut sich über jeden neuen Weg, den man entdeckt hat, und jeden Kristall mehr, den man sein Eigen nennt.

Doch um die vielen Sprungeinlagen bewältigen zu können, braucht man oft Timing, Konzentration und Fingerspitzengefühl. Wer diese drei Dinge nicht besitzt, dem werden sie ganz schnell eingeprügelt, denn dieser Titel hält sich nicht lange damit auf, euch die Grundsteuerung beizubringen. Ihr werdet ins kalte Nass geschleudert und wer nicht sofort das Schwimmen lernt, wird eine böse Überraschung in Form von meterhohen Wellen erleben. Will sagen: Bereits nach sehr kurzer Zeit zieht Giana Sisters den Schwierigkeitsgrad enorm an und lässt euch mit diesem Umstand alleine.

Was alles einfacher macht als früher, sind die äußerst fair gesetzten Speicherpunkte und der Umstand, dass ihr nicht eure Leben aufbrauchen könnt und dann wieder ganz von vorne starten müsst. Dadurch wird der Frust beim hundertsten Tod in ein und demselben Säureteich zwar nicht geringer, doch wenigstens hat euch eure Unfähigkeit nicht mehrere Stunden eures Lebens gekostet und ihr müsst erneut im ersten Level beginnen... Verdammter Teich.

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Im Hardcore-Modus lernt ihr, was "schwer" ist.
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Doch wer das alte Feeling einfach nicht gegen eine Diätversion des Klassikers eintauschen möchte, der hat noch ein paar andere Modi, die er ausprobieren kann. Denn neben drei echt kniffeligen Endbossen warten auch noch der Time-Attack-Modus auf euch und zwei Hardcore-Varianten.

Die eine versetzt euch nach jedem Tod an den Anfang des Levels und weckt längst vergangene Gefühle, die euch flüsternd einreden, dass die „Gute alte Zeit“ gar nicht so toll war, wie unsere Erinnerung behauptet. Und die andere gibt euch ein Leben... Für das ganze! Verdammte! Spiel! Das fühlt sich ab Level 15 ungefähr so an, als würdet ihr in einer abgedrehten Version von SAW stecken und schreckliche Konsequenzen erleiden, falls ihr versagt. Und in gewisser Weise tut ihr das ja auch.

Eine wahre Ablenkung von diesem schweißtreibenden Horror bietet da nicht nur die wunderschöne Grafik. Sie versprüht auf ihre eigene Art und Weise den Charme des Originals, liefert gleichzeitig jedoch eine Menge fürs Auge. Trotz fehlender Bewegungsanimationsvielfalt von Gegnern und Schwestern kann die Grafik punkten. Vor allem die Hintergründe der Welten sind so liebevoll in Szene gesetzt, dass man stets ein freudiges Grinsen im Gesicht trägt. Manchmal aber auch ein eher abfälliges Lächeln, weil hier und da eine Welt völlig übertreibt und euch mit „Bunt“ regelrecht zukotzt.

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Ja, manchmal ist es auch einfach zu bunt.
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Doch der wahre Höhepunkt des Spiels ist die musikalische Untermalung von Chris Hülsbecks Kompositionen, in Harmonie mit rockigen Riffs der Metalband „Machinae Supremacy“. Der fließende Wechsel der Musik, wenn ihr zwischen den beiden Welten hin und her wechselt, ist so angenehm in Ohr und Seele, dass man sich schon mal dabei erwischt, wie man ohne Grund die Charaktere tauscht. Einfach nur so, weil man es kann und weil man es mag.

Gerade die unglaublich guten Remixe des bereits legendären Themes von 1987 runden das Spiel ab und zaubern euch ein besonderes Erlebnis auf den heimischen PC.

Man kann nur hoffen, dass eine Portierung für die gängigen Konsolen geplant ist, denn genau wie das Freeware-Action-Adventure „Cave Story“ von Daisuke „Pixel“ Amaya ist „Giana Sisters: Twisted Dreams“ kein Titel, den man sehr oft oder kurz hintereinander spielt. Jedoch ein Spiel, das euch in Erinnerung und im Herzen bleiben kann, sofern dort schon früher Platz für gute Jump-&-Runs war. Wer das nicht von sich behaupten kann, macht bei dem geringen Kaufpreis trotzdem nicht viel falsch.

Giana Sisters: Twisted Dreams - Zauberhafte Screenshots zum neuen Giana Sisters

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