Ghost Trick von Capcom ist im tiefsten Inneren ein Adventure. Eines, das euch mitten in eine abgedrehte Geschichte hineinwirft und diese Stück für Stück entwirren lässt. Und das ist überraschend anders und spaßig - wer hätte gedacht, dass im vermeintlich so eingefahrenen Adventure-Genre noch so viel angenehme Frische schlummert?

„Hallo, mein Name ist Ray. Wundere dich nicht, dass ich eine Schreibtischlampe bin, das wirst du gleich verstehen. Wer du bist? Und wo? Natürlich, du kannst dich nicht erinnern. Das ist auch kein Wunder, denn du bist tot und nun ein Geist. Und Geister haben keine Erinnerung. Dein Körper liegt da, der Typ mit der Sonnenbrille und der krassen Frisur. Du bist gerade erschossen worden. Wer dir das Blei in den Körper gejagt hat, willst du wissen? Kein Problem - du hast eine Chance, es herauszufinden und den Mord zu rächen. Dafür bleibt dir bis zum Morgengrauen Zeit.

Ghost Trick - Phantom-Detektiv - Geistreicher Genuss mit (Rätsel-)Nuss

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Ein Faible für japanisches Design wäre nicht schlecht.
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Und nicht nur das - du bist ein ganz besonderer Geist und hast ein paar einzigartige Fähigkeiten. Du kannst mit deiner Seele in Gegenstände schlüpfen und sie sogar manipulieren. Hier, den Hebel etwa kannst du umlegen, dieses T-Shirt zerknüllen oder der Gitarre ein paar Töne entlocken. Zwischen den Gegenständen kannst du auch umherspringen, sofern sie nicht zu weit entfernt sind. Am allertollsten klappt das mit Telefonen: Mit ihnen kannst du sogar an ganz weit entfernte Orte springen, vorausgesetzt, du kennst die Nummer.

Das Umherspringen ist aber noch nicht alles. Du kannst noch viel mehr. Wenn du eine Leiche von jemandem findest, der gerade gestorben ist, kannst du mit seinem Geist schwatzen. Und du kannst versuchen, seinen Tod zu verhindern, indem du die Zeit zurückdrehst, bis vier Minuten vor seinem Ableben. Und nun weißte auch schon alles - los geht’s!“

Losgerätselt

Wenn ihr euch über diese Textpassage eben wundert, geht es euch wie beim Spielen von Ghost Trick. Genauso werdet ihr erzählerisch mitten ins kalte Wasser geschubst und müsst euch von da an durchbeißen. Das ist aber kein Problem, denn dank der guten Erklärung von Tischlampe Ray - na klar - gelingt das spielend einfach und ihr könnt sofort losrätseln. Ihr folgt einer linearen Geschichte, in der ihr langsam den merkwürdigen Geschehnissen der Nacht und eurem Ableben auf die Spur kommt.

Ghost Trick - Phantom-Detektiv - Geistreicher Genuss mit (Rätsel-)Nuss

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Als Geist zuzuschlagen macht Spaß.
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Unterwegs begegnen euch die unterschiedlichsten, verrückten Gestalten, die alle ein Teil der Geschichte sind. So könnt ihr euch mental schon einmal auf einen tanzenden Kommissar im weißen Anzug, einen Schrottplatzvorsteher mit einer Taube auf dem Kopf oder einen kleinen Zwergspitz namens Rakete vorbereiten.

Ein geistreiches Adventure mit viel Seele.Fazit lesen

Die überdrehten Typen lassen es erahnen: Das ganze Spiel schwingt mit seinem abgefahrenen Humor, der vor allem über die skurrilen Gestalten transportiert wird, in einem angenehmen Takt. Hier ist die japanische Handschrift der Ace-Attorney-Macher zu erkennen, mit total überzogenen Figuren und für westliches Verhältnis manchmal etwas schwer nachzuvollziehenden Handlungsweisen und Dialogen. Wenn ihr damit ein Problem habt, wird euch Ghost Trick vielleicht nicht so sehr packen wie mich. Wenn nicht, umso besser, dann wartet hier eine echte kleine Perle auf euch.

Dass das Spiel so erfrischend anders wirkt, liegt an den pfiffigen Spielmechaniken, die dem Spiel - eigentlich ein Adventure - einen ganz besonderen Dreh geben. Die Rätsel gestalten sich bei Ghost Trick anders als bei den meisten Point-&-Click-Kollegen: Ihr habt beispielsweise kein Inventar und jegliche Aufgaben ergeben sich nur aus dem korrekten Einsatz eurer Geistesfähigkeiten, mit denen ihr von Gegenständen Besitz ergreift.

Ghost Trick - Phantom-Detektiv - Geistreicher Genuss mit (Rätsel-)Nuss

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Reichlich viele Objekte stehen zum "Bemannen" bereit.
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Ihr könnt (fast) jederzeit die Ansicht wechseln und den „Ghost“-Modus aktivieren. Dann steht die Zeit still und es werden alle Objekte angezeigt, in die eure Seele hüpfen kann. Da die Reichweite für einen solchen Sprung aber begrenzt ist, ist oft gutes Timing gefragt: Ihr müsst im passenden Moment in den Ghost-Modus wechseln, um beispielsweise in die kugelsichere Weste eines vorbeimarschierenden Wachmannes zu wechseln, der euch dann an die andere Seite eines (ansonsten unerreichbaren) Raumes trägt.

Wenn ihr den „Ghost“-Modus verlasst, laufen die Geschehnisse der Handlung wieder ganz normal ab. Die Leute unterhalten sich, machen ihre Dinge, und ihr könnt nur interagieren und (eventuell) den Ablauf der Ereignisse verändern, indem ihr im rechten Moment einen kleinen „Trick“ mit dem Gegenstand ausführt, dem ihr gerade innewohnt - beispielsweise das Aufklappen eines Mülleimers oder das Betätigen eines Schalters.

Der Trick mit dem Trick

Langweilig wird es dabei nie. Die Handlung und die gestellten Aufgaben bleiben immer schön abwechslungsreich und motivierend. Beispielsweise helft ihr einmal jemandem bei einem Ausbruch, dann wieder verhindert ihr, dass ein Riesenhuhn jemanden unter sich begräbt, oder ihr sabotiert eine tückische Selbstschussmaschine. Wenn ihr gerade dabei seid, einen Todesfall zu verhindern (indem ihr die Zeit vier Minuten vor den Tod zurückdreht), steht ihr währenddessen allerdings unter Zeitdruck. Gelingt es euch nicht rechtzeitig, ist das kein Problem, ihr könnt die Zeit einfach wieder zurückspulen.

Apropos „Spulen“ - das ist dann auch so etwas wie der einzige kleine Schönheitsfehler des Geisterdetektivs. Dadurch, dass man an vielen Rätselnüssen ganz schön zu knabbern hat und sich nicht jede Problemlösung sofort aufdrängt, müsst ihr in den Todesszenen die Zeit wieder und wieder zurückdrehen. Da wäre es schön gewesen, bestimmte Ereignisse überspringen oder einfach nur etwas vor- und zurückspulen zu können.

Ghost Trick - Phantom-Detektiv - Geistreiches Gameplay

So müsst ihr halt manchmal einfach warten oder etwa die erste Hälfte eures Lösungsweges wiederholen - kann auf Dauer nerven. Immerhin gibt es auch innerhalb der Todesszenen „Speicherpunkte“, wenn euch ein Teilerfolg gelingt, indem ihr das „Schicksal verändert“. Kann man dem Spiel sonst noch etwas vorwerfen? Höchstens die lineare Geschichte, die wenig Freiheiten lässt und immer nur genau einen Lösungsweg vorsieht. Aber das ist nun mal eine typische, traditionelle Adventure-Altlast.

Abgesehen davon macht Ghost Trick wirklich alles richtig - es fesselt mit vielen neuen, spannenden Ideen, hat eine motivierende Geschichte mit schrullig-entrückten Charakteren und eine erfrischende Spielmechanik. Zur musikalischen Untermalung gibt es stimmige Synthi-Musik, die ein wenig Retro-Gefühle aufkommen lässt. Richtig gut gelungen ist die optische Präsentation: Das Spiel ist in einem kunterbunten Cartoon-Stil gehalten und wird komplett in einer auf zwei Dimensionen reduzierten Seitensicht gezeigt. Die Animationen der Figuren sind hervorragend gelungen und ließen mich immer wieder schmunzeln - freut euch schon mal auf den Paniktanz des einen Wachmanns.