Es heißt, die Kinder würden heutzutage schneller erwachsen. Zahlreiche Studien lassen sich darüber aus, wie das » Erste Mal«, die erste Zigarette danach oder auch der erste Bildschirmmord auf immer frühere Lebensabschnitte fallen. »Na und?«, könnte man sich fragen. »Was soll daran schlimm sein?«

Die einfache Antwort: Wer früher erwachsen ist, wird früher Rentner. Der Blick auf die Generation C64 bestätigt, dass das Renteneintrittsalter mittlerweile bei 30 liegt. Das Leben im Vorruhestand hat aber auch seine schönen Seiten …

Nachdenken ist eine gefährliche Angewohnheit. Glücklicherweise leide ich – ebenso wie die Mehrzahl meiner Mitmenschen – im Regelfall nicht übermäßig häufig darunter. Doch neulich überkam sie mich. Aus dem Hinterhalt, bei der Lektüre eines Interviews mit Gameindustrie-Urgestein. Mit gebleckten Zähnen sprang eine als Überlegung getarnte Erkenntnis mich an: Du musst noch 40 Jahre arbeiten!

Generation C64 - Früher war ich ein Quakegott – Vom Altwerden und Besserwissen

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40 Jahre in der Zukunft überdeckt Tiberium die Erde.
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Was für eine Schreckensvision, wenn man sie im Kopf wendet und von allen Seiten betrachtet. 40 Jahre in der Geschichte zurück und wir stehen vor den Toren der 68er. Spielerische und gesellschaftliche Kreidezeit. Als Ehebruch, »Unzucht zwischen Männern« oder Kuppelei einen noch in den Knast brachten. 40 Jahre fastforward und wir schreiben das Jahr 2047, in dem voraussichtlich Tiberium die gesamte Erde überzogen und die Event Horizont sich am Rande des Universums verflogen haben wird.

Besagter Ein- und Albdruck entstand, weil ich in dem genannten Interview, wie auch in Tests, Specials und last not least Kolumnen jüngst zunehmend lese, wie wir Dreißigjährigen uns gegenseitig unseres Rentnertums versichern. Wir öden jüngere Zockergenerationen mit unseren ersten „Medal of Honor“-Erfahrungen an, wie uns noch Opa mit Stalingrad. Wir reminiszieren und melancholieren und hängen darüber hinaus allen anderen Tätigkeiten nach, die in der deutschen Sprache mit gutem Grund keine Verbform kennen. Ich selbst in vorderster Front, sozusagen Gewehr bei Fuß, den nächsten Absatz müsst ihr jetzt durchhalten:

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Selbst Mark Rein bekam in seinem eigenen Spiel die Ohren perforiert.
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Meine erste hauptberufliche Tätigkeit für ein Spielemagazin ist zehn Jahre her, damals mit langen Haaren und einer massiven 3D-Shooter-Abhängigkeit. Bei den allabendlichen Quake-Matches zwischen PC Player- und Power Play-Redaktion war ich regelmäßig the last man standing. Selbst Mark Rein (heute Vizepräsident von Epic Games) reagierte mit Verwunderung als er uns »Unreal« vorstellen wollte und dann in seinem eigenen Spiel die Ohren perforiert bekam.

Ich fand diese Dinge wichtig und hielt mich entsprechend für das Größte seit geschnitten Brot mit Tubenkäse. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass der Rest der Welt allein deswegen schlechter spielte, weil er Wichtigeres zu tun hatte. Die erfahrenen Kollegen reagierten hierauf entsprechend amüsiert. Was ich damals für gute Verliererqualitäten hielt, war rückblickend eine aus mehr Übersicht resultierende Gleichgültigkeit.

Denn schon Sondermann konstatierte, dass glücklicherweise im Alter der Geschlechtstrieb nachlasse, was die Konzentration aufs Wesentliche erleichtere. Dasselbe gilt für den Spieltrieb. Was uns wesentlich erscheint, hängt offenbar direkt mit dem gefühlten Alter zusammen – und andersherum.

Beispielsweise über Killerspieleverbote können wir »alten Säcke« uns nicht mehr recht erregen (ein Umstand, der sich nach dem eben Gesagten verallgemeinern lässt). Zum einen hat die Debatte einen Bart, mit dem man ein ZZ-Top-Tribute-Festival ausstaffieren könnte. Zum anderen spielen wir, wie gezeigt, seit Ewigkeiten irgendwelche Metzeltitel. Wir sind daher regelmäßig vom Töten tödlich gelangweilt (oder bereits Amok gelaufen).

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Die Debatte hat einen Bart, mit dem man ein ZZ-Top-Festival ausstaffieren könnte.
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Bestenfalls grübeln wir im Stillen, ob am Verbot doch etwas dran sein könnte. Immerhin haben selbst wir uns bisweilen hemmungslos unseren Gewaltphantasien hingegeben (in der Regel ging es um die Folter strahlender Ritter, die unter dem Banner des Populismus gegen Freiheitsrechte in die Schlacht gezogen waren). Zudem wirkt manches Argument der jüngeren Generation nicht mehr so überzeugend wie am Ersten Tag. Etwa die Empörung, es würden durch die geplante strafrechtliche Verfolgung Kinderschänder und Computerspieler auf eine Stufe gestellt. Lautet hierzu doch die Gegenfrage: Spräche denn tatsächlich etwas dagegen, virtuelle Kinderschänder und virtuelle Mörder gleichzustellen?

Aber ernsthaft führen wollen wir diese Diskussion gar nicht mehr. Spielerentner quälen ganz andere Sorgen. Woher bekomme ich heutzutage einen Controller für meinen Atari 2600? Was hilft gegen lichter werdendes Haar? Wie steht es um die pädagogischen Elemente des neuesten »Doom«? Warum fällt immer mindestens ein Teebeutelschildchen in die Kanne? Oder im Falle meines guten Freundes Professor Heise: Hätte »300« in den Kinos mehr oder weniger Erfolg gehabt, wenn man die Spartaner durch Nazis ersetzt hätte (mittlerweile nimmt er seine Medikamente wieder).

Selbst der achtlose Umgang mit der deutschen Sprache enerviert uns eher als verschärfte Kopierschutzmechanismen. Denn einerseits bezahlt man in unserem Alter für Spiele, andererseits hat sich die Internetforenorthographie der Restgesellschaft bemächtigt. Für manche Formulierung hätte früher die Genitivgestapo an der Haustür geklingelt (ja Premiere, dein »Das Mädchen und sein Elefant« meine ich).

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Ob "300" mit Nazis besser geworden wäre?
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Sogar Diskussionen des Kalibers »Xbox 360 vs. Playstation 3« lassen uns kalt, ebenso »Blu-ray gegen HD-DVD«. Denn zum altersbedingten Tunnelblick gesellt sich das Tunnelhirn. Weil wir aus Erfahrung wissen oder zu wissen glauben, dass der ganze Elan der Welt nicht zur Veränderung führt - weder in Realität noch in der Spielebranche. Die Empörungsfähigkeit gegenüber dem Generellen weicht folglich der gegenüber dem Konkreten. Etwa der Ärger über »Die da oben« dem über »Die da unten« (und deren laute Musik). Sobald ihr das erste Mal die Polizei anruft, um euch über Partylärm zu beschweren, dürft ihr euch offiziell alt nennen - unabhängig vom Datum in eurem Personalausweis.

Ich für meinen Teil blicke mit einem gewissen Maß an Vorfreude auf den Tag, an dem ich meine Webcam aus dem Fenster richte, um mit selbst gebasteltem Script automatisiert Falschparker anzeigen zu lassen. Oder mich im Chat mit meinem Nachbarn darüber auslasse, dass die Jugend immer verdorbener wird und früher »alles anders« war. Womit ich dann selbstverständlich »besser« meine. Auf dem richtigen Weg bin ich schon. Wenn ich mich umschaue, mit mir der Großteil meiner Generation.

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Früher, als alles noch besser war.
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Und an all die Jüngeren, die das Gewäsch von der glorreichen Vergangenheit und das Schwelgen in Nostalgie nicht mehr ertragen können: Noch ein wenig Geduld, bald seid ihr dran. Dann dürft ihr 2021 gelangweilten Knirpsen vorschwärmen, wie schön damals das Spielen mit Controllern war – ganz ohne direkte Schnittstelle zum Gehirn! Und vielleicht werdet ihr für uns Verständnis haben, so wie wir anfangen, unsere Eltern und Großeltern zu verstehen.