Cyberpunk trifft Pixelnostalgie: Ursprünglich ein Hobbyprojekt des jungen Designers Joshua Nuernberger mit dem Adventure Game Studio, einem Editor zur Erstellung von Abenteuerspielen, ist der Sci-Fi-Thriller Gemini Rue jetzt vom Studio Wadjet Eye Games unter die Fittiche genommen und kommerziell vertrieben worden, hierzulande von den Adventure-Spezis Daedalic Entertainment.

Gemini Rue - Verschwörung auf Barracus - Trailer

Der Zeitpunkt ist gut, denn der Clash zwischen Technologie und dem Verfall menschlicher Werte steht dank Deus Ex: Human Revolution, Hard Reset oder dem just angekündigten Reboot von Syndicate wieder hoch im Kurs. Genau wie diese eher actionlastigen Zukunftsvisionen bleibt Gemini Rue ebenfalls strikt ernst und düster, orientiert sich daher also eher an Adventures wie Beneath a Steel Sky oder auch I Have No Mouth and I Must Scream als an den LucasArts-Klassikern oder den postmodernen Abenteuern des Schnüfflers Tex Murphy.

Mit Trenchcoat und Raumschiff ins Abenteuer

Gemini Rue erzählt die Geschichte zweier Männer, die wir abwechselnd durch das Jahr 2228 steuern. Azriel Odin (Warum der verwurstet mythologische Name? Fragt mich nicht.) ist ein Bulle und ehemaliger Killer, der auf dem regnerischen Ghetto-Planeten Barracus nach Hinweisen sucht, wo sich sein verschollener Bruder aufhält. Dabei gerät er mit den Boryokudan aneinander, einer ruchlosen Verbrecherorganisation, die vor allem mit der äußerst destruktiven Droge „Juice“ handelt.

Gemini Rue - Verschwörung auf Barracus - Die Zukunft ist Retro

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Retro-Charme: Gemini Rue erinnert an Klassiker wie Beneath a Steel Sky.
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Delta-Six hingegen ist Insasse einer Institution, in der Kriminellen das Gedächtnis gelöscht wird, um sie hinterher auszubilden, ihnen eine neue Persönlichkeit mitsamt Erinnerungen aufzuspielen und sie somit zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Offenbar wollte Six kürzlich ausbrechen, weswegen ihm abermals die Festplatte formatiert wurde, so dass er nun nicht mehr weiß, wer in dem Big-Brother-Knast Freund oder Feind ist.

Natürlich ist nichts wie es scheint, und zwangsläufig überkreuzen sich irgendwann die Wege der beiden einsamen Wölfe, doch bis dahin gilt es, viele Genre-Zitate zu genießen und sich einmal mehr auf die gesamte Palette an Noir- und Cyberpunk-Stilmitteln einzulassen. Wadjet Eye und Nuernberger ist egal, dass es bereits zahlreiche Liebeserklärungen an Sam Spade oder Rick Deckard gibt, jetzt ist es eben noch eine mehr und gelungen ist sie zudem.

Packshot zu Gemini Rue - Verschwörung auf BarracusGemini Rue - Verschwörung auf BarracusErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Neonbeleuchtete Slums bei Nacht im Dauerregen und futuristische Computer mit 80er-Jahre-Interface treffen auf Trenchcoats und raue Typen, die mit Fäusten und Kanonen umzugehen wissen – und wenn eine Dame in dein Leben tritt, dann bedeutet das zwangsläufig Ärger, ganz wundervollen Ärger. Selbst die Story, zumindest die obligatorische Schere zwischen technologischem Fortschritt und sozialem Elend, ist ein quasi unverändert entlehnter Nebenfluss der Replikantenproblematik von Philip K. Dick.

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Mensch oder Maschine? Gemini Rue greift Genre-typische existentialistische Fragen auf.
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Die genreüblichen Implikationen, die sich dabei aufdrängen, lässt Nuernberger erstmal eine ganze Weile links liegen. Obwohl die Handlung von Delta-Six natürlich eine astreine Steilvorlage gibt für Fragen wie „Wie vertrauenswürdig ist die eigene Erinnerung?“ oder „Sind Bewusstsein und Identität unveränderlicher Teil unserer Existenz?“, liegen diese für das Szenario so wichtigen Themen bis zum Finale größtenteils brach und kommen dann mit der ganzen Gewalt eines Bumerangs aus Pappe zurück. Man fühlt sich etwas gegängelt, weil man sich seit der ersten Erwähnung des Begriffs „implantierte Erinnerungen“ natürlich den letztendlichen Plottwist zusammenreimen kann und lange Zeit aber nichts passiert.

Im vierten Akt dann versucht Gemini Rue einen Schock, der erwartungsgemäß zu dem Zeitpunkt nicht mehr so recht sitzen will, und gerät ins Grübeln und Schwadronieren. Deshalb bersten die letzten Textboxen des Spiels vor fehlgeleiteter Metaphysik einerseits und grundlegend versöhnlicher Abschlussphrasen andererseits. Was Blade Runner mit einer einzigen Zeile erledigte („It's too bad she won't live... but then again, who does?“) artet hier in dröhnende Stammtischphilosophie aus – nicht dumm gedacht, aber doch etwas zu plump präsentiert.

Die Zukunft, wie sie früher einmal war

Nicht nur, dass die offensichtliche Vorlage ein Film aus dem Jahr 1982 ist (sogar der Analyseapparat für Fotos hat einen Auftritt), Gemini Rue bemüht sich auch in jedweder anderer Hinsicht so „retro“ wie möglich zu sein, größtenteils mit Erfolg. Die Pixeloptik habe ich bereits erwähnt, sie tut dem Spiel außerordentlich gut und wärmt gerade einem alten Schlachtross wie mir das verfettete Herz.

Eine liebevolle Hommage an Adventure- und Cyberpunk-Klassiker, durchweg ordentlich gestaltet, jedoch ohne viel Fleisch auf den Rippen.Fazit lesen

Der Soundtrack ist vielleicht nicht von Vangelis komponiert, könnte es aber sein, mit seinen spacigen Synthie-Bläsern, die gemächlich durch die dunklen Gassen von Barracus gleiten. Die Steuerung erfolgt mit der Maus, ein Rechtsklick auf ein beliebiges interaktives Objekt öffnet sowohl das Befehlsmenü als auch das Inventar, wie man es im Laufe der Jahre unzählige Male gemacht hat.

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Düster: Wie das Vorbild Blade Runner eifert Gemini Rue dem Film noir nach.
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Von diesen interaktiven Objekten gibt es recht viele, die meisten davon unwichtig bzw. nur Dekoration. Das führt im Zusammenhang mit der Grafik zu einer lange nicht mehr gefühlten Empfindung: dem Grauen der Jagd nach einem einzelnen Objekt in einem Meer von Pixeln. Eine Hotspot-Anzeige wäre hier sehr entspannend gewesen, doch auch dafür ist Gemini Rue zu retro. Es war früher eben nicht alles besser, auch auf eine Befehlsverweigerung mit dem Kommentar „Ich muss näher heran.“ hätte ich gerne verzichtet, ebenso auf den Abbruch einer Aktion, weil ich mich verklickt habe. Nun ja.

An der eigentlichen Rätselsubstanz gibt es erst einmal nichts auszusetzen, sowohl schlichte als auch mehrstufige Kopfnüsse bleiben stets logisch und nachvollziehbar, sind allerdings für Veteranen etwas zu leicht geraten. Für selbige fällt die Reise ins Gemini-System dann auch recht kurz aus, selbst Gelegenheitsspieler dürften nicht länger als zwei bis drei Nachmittage brauchen, aber das ist angesichts des Budgetpreises von etwa 20 Euro sehr vertretbar.

Ein größeres Hindernis und eine eventuelle Abschreckung sind sporadisch auftretende Actionpassagen, in denen Azriel oder Delta-Six in eine Schießerei geraten und sich dann mittels plötzlicher Tastatur-Steuerung aus einer Deckung heraus ihrer Angreifer erwehren müssen. Diese Szenen sind trotz behäbigem Kampfsystem zwar leicht und schnell wieder vorbei, umso deutlicher wird aber, dass sie gar nicht da sein müssten bzw. sollten – sie geben Rätselfreunden nichts, für Actionjunkies sind sie einfach im falschen Spiel und die von ihnen bereitgestellte Abwechslung ist unnötig und kontraproduktiv.

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Heavy Rain: Pixel-Huntng ist hier an der Tagesordnung.
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Die letzte zu erwähnende Schwäche an diesem ansonsten so erfreulichen, wenn auch etwas zahnlosen Abenteuer, ist die Sprachausgabe bzw. die damit verbundene Lokalisierung. In der englischen Sprachausgabe merkt man bereits, dass nicht gerade die Royal Shakespeare Company angeheuert wurde; Überdramatisierung und vereinzelte Aussetzer bei der Intonation trüben den Gesamteindruck, gerade weil der Rest der Atmosphäre so stimmig ist.

Im Deutschen jedoch wurden diese Schwächen genommen und zum Gesamtkonzept erhoben, kaum eine Szene geht über die Bühne, die nicht von einer der Knallchargen durch eine lächerlich unpassende Betonung ruiniert wird.

Besonders schlimm ist der Sprecher von Azriel, der pikiert wirkt, wenn er deprimiert sein müsste und öfter als einmal genervt-aggressiv antwortet, obwohl man sich ganz normal mit ihm unterhält. Geschlagen wird er nur noch von einer Dame, die eines der Audio-Logs auf einem Computer eingesprochen hat, dabei aber nicht merkte, dass sie nicht den Computer selbst spricht. Ein Tagebuch, das mit Roboterstimme persönliche Einträge wiedergibt, das verblüfft, aber nicht auf gute Weise.

Als würde das nicht reichen, gibt es einige Fehler in den Untertiteln und an mindestens einer Stelle wurde versehentlich die englische Antwort drin gelassen. Beide Synchros sind auf der Disk enthalten, ich rate bei entsprechender Sprachkenntnis zur englischen Version.