Exklusivtitel und markante Systemseller sind auf Microsofts Territorium rar geworden. Abseits von Halo, Forza und ein paar weniger beachteten Ausnahmen sticht nur noch Gears of War heraus. Traurig, denn letzteres ist mit seinen zehn Jahren immer gleichen Spielablaufs alles andere als taufrisch, und Teil vier versucht gar nicht erst, neue Spielelemente einzuführen.

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Es hat schon etwas Groteskes an sich, wenn die Entwickler aus dem Hause The Coalition herausposaunen, ihr primäres Ziel sei, Gears of War 4 so nah wie möglich an die Ursprungstrilogie heranzubringen. Das Ziel ist zwar nachvollziehbar, weil sie das Werk aus der Feder von Epic Games weiterführen und den Fans jedwede Enttäuschung ersparen möchten, doch Gears of War war schon mit dem letzten Ableger auf der betagten Xbox 360 derart ausgelutscht, dass eine Frischzellenkur mehr als überfällig erscheint. Die Übergabe der Staffel wäre eine tolle Chance für das Abschneiden alter Zöpfe gewesen.

Aus diesen einleitenden Zeilen ist spielend leicht herauszulesen, dass dergleichen nichts passierte. Gears of War bleibt, was es schon immer war, nämlich ein bildgewaltiger, aber leicht träger Third-Person-Shooter mit schlauchförmig angelegten Umgebungen und schlichtem Handlungsrahmen. Deckung suchen, rennen und ballern in Endlosschleife, sofern man von ein paar Zwischensequenzen absieht, in denen man der Handlung folgt oder die Umgebung mit Kriegsgerät versieht, um gegen anstürmende Gegnerhorden gewappnet zu sein.

Gears of War 4 - Déjà-vu auf dem Schlachtfeld

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Gears lässt die Xbox-Muskeln spielen und ist inszenatorisch erwartungsgemäß ein Brett.
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Einstand der Milchbubis

Traurig, aber wahr: Mehr ist an diesem Spiel nicht dran. Was nicht heißen soll, es mache keinen Spaß oder sei nicht spektakulär. Eine solche Behauptung wäre glatt gelogen. Aber eine gewisse Eintönigkeit wenn nicht gar Einfältigkeit lässt sich nun mal nicht leugnen, und wer die vorherigen vier Ableger schon durchgekaut hat, wird mehr als einmal Déjà-vu-Gefühle auf dem Schlachtfeld durchleben.

Klar, im Detail findet man durchaus kleinere Änderungen. Etwa einen neuen Handlungsstrang, der 25 Jahre nach dem Krieg gegen die Locust einsetzt. In der Zwischenzeit regelte das Cog-Militäreregime den Wiederaufbau der zerstörten Zivilisation mit strenger Hand, hortete Rohstoffe und Energiereserven und baute eine Roboterarmee auf, die die Abkehr vieler Veteranen kompensierte. Kein Zuckerschlecken für die Überlebenden, die zum Teil in Camps Hausen und sich durch die strenge Kontrolle benachteiligt fühlen. Ein Widerstand bäumt sich auf.

Packshot zu Gears of War 4Gears of War 4Erschienen für PC und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

In dessen Fokus stehen die neuen Protagonisten, angefangen mit JD Fenix, dem Sohn des berühmten Cog-Helden Marcus Fenix, der nun den schießwütigen Heldentrupp anführt. Ihm zur Seite stehen Kait Diaz, Del Walker und eine stets wechselnde vierte Figur, die je nach Kapitel passend zur Handlung ausgetauscht wird. Ob die neuen Helden viel Sympathie ernten, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Im Vergleich mit Marcus, dem Cole-Train und allen anderen rabiaten Testosteronklötzen der Ursprungstrilogie wirkt die junge Mannschaft geradezu albern milchgesichtig. „Gears of Klassenfahrt“ möchte man unken, auch wenn bleihaltige Actionsequenzen und beklemmende Szenarien nicht lange auf sich warten lassen. Schließlich wächst mit dem „Schwarm“ ein neuer Feind heran, der den besiegten Locust in nichts nachsteht. Auch nicht an Hässlichkeit. Zugleich wehren sich die Protagonisten gegen die Verfolgung durch das Regime, was grob das erste Viertel des Spiels ausmacht. Leider zum Nachteil der Spannung, denn gesichtslosen Roboter-Knirpsen das Lichtlein auszublasen, hat was von Entenschießen auf dem Jahrmarkt.

Solide Baller-Action in pompöser Präsentation. Nicht mehr, nicht weniger, aber inzwischen leicht ermüdend.Fazit lesen

Die sonst so markanten Sprüche und Einzeiler mögen nun also nicht mehr ganz so männlich dahingerotzt wirken, anderweitig ändert sich aber kaum etwas. Steuerung und Haptik bleiben altbekannt und sofort adaptierbar. JD Fenix duckt sich und rennt per Knopfdruck, sucht kauernd Schutz hinter Mauern, wechselt zwischen vier tragbaren Waffen (von denen man die meiste Zeit nur zwei verwendet) und bedient gelegentlich Schalter, die Türen aufschließen oder Mechaniken in Gang bringen. Strategie bleibt weiterhin Trumpf, denn wildes Umherballern wird meist mit schnellem Ableben quittiert. Also schön Deckung suchen, abwarten, Munition horten, punktgenau nachladen... tia, was soll man sagen, es ist eben Gears of War.

Hervorragende PC-Umsetzung

War der Spielablauf jemals eine große Stärke der Serie? Nein. Jedenfalls nicht im Einzelspieler-Modus. „Grafikblender“ war eine angemessene Bezeichnung zu Zeiten der Xbox 360, als Microsoft noch beweisen wollte, wie gut deren Konsole mit der Konkurrenz von Sony mithalten konnte.

Gears of War 4 - Déjà-vu auf dem Schlachtfeld

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Stumpf ist Trumpf.
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Das wird in dieser Generation nicht mehr funktionieren, weil Sony schlicht zu viel Vorsprung auf dem Massenmarkt hat. Dennoch wird optisch einiges aufgefahren. Umgebungen und Effektvielfalt pendeln ständig zwischen den Attributen „ansehnlich“ und „Kinnlade ausleiernd“, was auf der Xbox One besonders gut zu Geltung kommt, weil die Kantenglättung phänomenal ausfällt. Auf der Xbox One S genießt man das Spektakel in hochskalierter 4K-Grafik und HDR-Farbkontrasten, die ihresgleichen suchen. Ein wahrer Erlebnis, das an der faktischen Überlegenheit der „normalen“ PS4 zweifeln lässt. Die ein oder andere Actionsequenz mit chaotischer Physik, beeindruckenden Stürmen (samt einschlagenden Blitzen) sowie zusammenstürzenden Bauten kann es durchaus mit der Eindruckskraft eines Uncharted aufnehmen, wenn auch sicherlich nicht auf Dauer. Dafür ist die Geometrie der Szenarien oft zu plump und nicht dynamisch genug. Gräser und Laub sehen in vielen anderen Spielern schlicht besser aus und bewegen sich obendrein bei äußerem Einfluss.

An Splattereffekten, schleimigen Oberflächen, ekelhaft zerplatzenden Kokonen und ähnlichem fehlt es sicherlich nicht und die Unreal Engine 4 generiert auch nicht mehr das verwaschene Grau-in-Grau früherer Tage. Aber Flora ist sicherlich nicht ihre Stärke.

Sei es drum, unterm Strich macht Gears of War 4 auf dem Xbox One eine sehr gute Figur und sieht auf dem PC unter Windows 10 bei entsprechender Hardware noch einen Zacken besser aus. Texturschärfe, Sichtweite, Detaildarstellung und andere Feinheiten können auf einem starken Rechner abermals hochgeschraubt werden, wobei alle Optionen Platz für die Leistung zukünftiger Grafikkarten lassen. Soll heißen: Es gibt in einigen Kategorien Grafikeinstellungen jenseits von „Ultra“, die selbst einer Geforce 1080 die Leviten lesen. Mit einer Geforce 1070 samt einem i7-Prozessor lief das Programm allerdings auf „Ultra“ tadellos mit 60 FPS, völlig gleich in welchem Spielmodus. Auf Xbox One muss man sich in der Kampagne und dem Horde-Modus mit der Hälfte zufriedengeben.

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Auf dem PC sieht die Action noch einen Zahn beeindruckender aus.
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Bildrateneinbrüche erkennt man auf beiden Plattformen äußerst selten, da The Coalition auf Microsofts dynamische Auflösungsroutine zurückgreift. Praktisch: Überfordert das Geschehen mal die Hardware, wird einfach die interne Auflösung ein wenig reduziert, damit die Bildrate stabil bleibt. Diese Option lässt sich auf dem PC deaktivieren. Sollte man aber nicht, wenn man in 4K-Auflösung spielen will, denn gerade in diesem Fall garantiert die adaptive Auflösung einen flüssigen Spielablauf.

Grund zur Beschwerde verschafft nach wie vor nur der Windows App-Store, der schon bei Forza Horizon 3 herumzickte und bei unserem Test darauf bestand, das Spiel auf die Windows-Partition zu installieren, warum auch immer. Download-Schwierigkeiten und Probleme mit dem Rechte-Management bleiben auch hier präsent. Microsoft sollte definitiv Hand anlegen, denn mit diesem fehlerhaften Store werden die Redmonder kein Land gewinnen, da können die angebotenen Spiele noch so gut sein. Vielleicht wäre es schlauer, auf Steam zurückzugreifen, statt weiter Kunden zu vergraulen. Nun ja, ist nicht so, als ob jeder Käufer Probleme hätte, aber negative Meldungen häufen sich.

Das Beste zum Schluss: Der Mehrspieler-Modus

Gerade jetzt, da Microsoft mit den hauseigenen Systemsellern ins Schwimmen kommt, können sich die Redmonder ein Vergraulen der PC-Partei nicht leisten. Wäre auch dem Spiel gegenüber ungerecht. Vor allem wenn es um den Mehrspieler-Modus geht, der erheblich länger zu unterhalten vermag als die Kampagne.

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Der Multiplayer-Modus ist nach wie vor das Herzstück des Spiels und wurde um einige Elemente erweitert, die den Shooter auch im E-Sport-Bereich interessant machen sollen.
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Bis zu zehn Spieler ballern sich im „Versus“-Modus buchstäblich die Gedärme aus dem Leib oder sägen sich gegenseitig in Scheiben. Mal im Team-Deathmatch, mal im Eroberungsmodus beziehungsweise „König des Hügels“. Dank hervorragender Balance in Waffenstärke und Verteilung auf den Maps bleiben die Begegnungen stets spannend, wenn auch Controller-Veteranen grundsätzlich im Nachteil sind. Maus und Tastatur verändern das Spielgefühl ziemlich heftig und offerieren deutlich mehr Zielgenauigkeit. Diese Steuerungsvariante fühlt sich in der Kampagne zwar etwas überambitioniert an, da man merkt, wie sehr das Spiel für das Xbox-Pad optimiert wurde, aber beim Ballern gegeneinander sollte man keinesfalls auf Maus und Tastatur verzichten.

Wer Cross-Plattform lieber Brücken zu Konsoleros schlagen will, statt eben jene zu verärgern, verbündet sich im kooperativen Horde-Modus, in dem stetig nachrückende Gegnerwellen mit Kriegsgerät und Taktik aufgehalten werden sollen. Unterm Strich die spaßigste Spielvariante, weil die gelegentlich deutlich spürbaren Lags im Kampf gegen die künstliche Intelligenz weit weniger ins Gewicht fallen als im Schlagabtausch gegeneinander.